Finanzkrise Goodbye, Dubai
Der Aufstieg des Emirats war gigantisch. Sein Abstieg ist es auch: Die globale Geldelite flieht aus ihrer einstigen Traumstadt. Megalopolis am Golf macht Pause

© Ross Kinnaird/Getty Images
Bild vom Golfturnier "Dubai Desert Classic", das Anfang des Jahres stattfand
Alex Light, selbst ernannter Fitnesstrainer der Arbeitslosen von Dubai, applaudiert, als seine Schützlinge sich am Strand bei Liegestützen quälen, rote Gesichter, schweißüberströmt. Es ist der einzige Applaus, den sie momentan erhalten. »Bad Times Boot Camp«, Trainingslager für schlechte Zeiten, so nennt der stachelhaarige Engländer, selber arbeitslos, seine Idee. Dreimal pro Woche trifft sich am Jumeirah Beach, wer keinen Job hat und in Form bleiben will. In der Ferne verschwindet das segelförmige Burj Al Arab, lange höchstes Hotel der Welt und Wahrzeichen Dubais, wie eine Fata Morgana im Dunst.
»Los jetzt«, treibt Alex die sechs Frauen und Männer an, »ihr wollt doch gut aussehen beim nächsten Vorstellungsgespräch, oder etwa nicht?« Desmond aus Singapur war Marketingchef einer Luxusgüterkette (im April entlassen); Tamar aus der Schweiz rekrutierte Führungskräfte (im Februar entlassen); Wayne aus England war Finanzchef einer Abteilung beim staatlichen Generalunternehmer Nakheel (wegstrukturiert). Nakheel ist jene Firma, die Dubais wahnwitzigste Projekte verantwortet: die drei Palm Islands vor der Küste (Weiterbau verschoben); den geplanten, über einen Kilometer hohen Nakheel Tower (vorläufig abgesagt); die einer Weltkarte nachempfundene künstliche Inselgruppe The World (gestoppt). Ein irischer Investor, der mit seinen Partnern für knapp 40 Millionen Dollar die Insel Ireland aus The World gekauft hatte, hat sich im März das Leben genommen. Doch Alex ist Fitnesstrainer, Alex ist Optimist. »Das wird schon wieder«, sagt er.
Die Arbeit ruht im Übermorgenland. Der Wind treibt Sand über die frisch planierten Autobahnen, verdorrte Steppenläuferbüsche rollen bis an den Rand der Baustellen, als wolle die Wüste zurückfordern, was ihr genommen wurde. Einst war hier jeder dritte Kran der Welt am Werk, noch immer stehen sie zu Hunderten um unvollendete Wolkenkratzer herum, Herden gelangweilter Giraffen. Dubai, auf Pump gebaut, ist abhängig vom globalen Kapitalfluss, von immer neuen Krediten für immer neue Hotel-, Geschäfts- und Wohnkomplexe, von dem sich bis vor Kurzem in schwindelerregendem Tempo drehenden Kreislauf aus Investitionen, Renditen und Schulden. Gestern war Glaube, Gier und Hoffnung. Heute ist Krise. Dubai, Megalopolis am Golf, Hauptstadt der globalisierten Welt, macht Pause.
Diese Stadt hat im Boom wie keine zweite die globalen Nomaden angezogen, die Glücksritter, die Heimatlosen, nun zieht die Karawane weiter. Genaue Zahlen gibt es nicht, doch im Groben kann man sagen: Nur etwa zehn Prozent der geschätzten 1,4 Millionen Bewohner sind Einheimische, weitere zehn Prozent kommen aus umliegenden arabischen Staaten, sie werden bleiben. Die Krise trifft vor allem diejenigen ganz unten und ganz oben in der Gesellschaft, die 65 Prozent Wanderarbeiter vom indischen Subkontinent, humane Schubmasse, und die 15 Prozent Fachkräfte aus der Ersten Welt, Europäer, Amerikaner, Australier, weiße Südafrikaner, angelockt vom schnellen Geld und von einem Steuersatz von null Prozent. In den letzten sechs Monaten hat laut Schätzungen jeder dritte expat , wie sich die Westler auf Wüstenbesuch selber nennen, der Stadt den Rücken gekehrt. Bis Ende 2009, so erwarten die Analysten der Investmentbank EFG-Hermes, werde Dubais Bevölkerung um 17 Prozent schrumpfen.
»Ausgerechnet jetzt müssen wir weg«, sagt Cynthia. Jetzt, da ihr Leben dank der Krise angenehmer geworden ist. Vor Monaten stand sie noch pro Tag mit ihrem Offroader vier Stunden im Stau, um ihre zwei Töchter in die internationale Schule zu fahren und zurück. Dubai heißt leben im Auto, 75 Kilometer Retortenstadt entlang der schnurgeraden Sheikh Zayed Road, zwölf Spuren parallel zur Küste. Heute, da der Verkehrsstrom angenehm ausgedünnt wurde, weil die vielen Lastwagen wegfallen, die nicht mehr auf die Baustellen fahren, und weil weniger Taxis Geschäftsleute zu Terminen chauffieren, braucht Cynthia zwanzig Minuten für eine Strecke.
Cynthia Weller, Anfang 40, durchtrainiert, ist Kalifornierin, Mutter, Weltbürgerin und Ehefrau von Jeff, einem Architekten, der schon in Tokyo, Florenz und Indonesien arbeitete, die Familie immer dabei, und der seit Ende April keinen Job mehr hat in Dubai. Nicht gefeuert sei er, betont Cynthia, nur freigestellt. Er war verantwortlich für eine Luxussiedlung mit Golfplatz für 1,2 Milliarden Dollar, doch die Investoren wurden klamm, alles muss warten.
- Datum 30.06.2009 - 19:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.06.2009 Nr. 27
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Wer entlassen wird in dieser Stadt, verliert auch sein Visum, Arbeitslose sind im Geschäftsmodell Dubai nicht vorgesehen.
Das ist doch auch mal ne Idee!
Auch in Singapore herrschen vergleichbare Probleme, doch ist man hier bei der "Lösung" schon etwas weiter fortgeschritten und hat die riesigen Massen von "Gastarbeitern" zum großen Teil bereits wieder abgeschoben.
Singapur kann man nicht mit Dubai vergleichen! In Singapur denken und planen die Einheimischen, in Dubai jedoch kommt das gesamte Know-how von außen.
Singapur kann man nicht mit Dubai vergleichen! In Singapur denken und planen die Einheimischen, in Dubai jedoch kommt das gesamte Know-how von außen.
Der Bericht schildert absolut was gerade hier passiert. Was eventuell noch erwaehnt werden sollte ist, dass Dubai es verpasst hat sich eine industrielle oder produzierende Basis zu schaffen und auch der Aufbau einer Zivilgesellschaft von Buergern hat nicht stattgefunden, die hier sesshaft sind und auch in einer Krise das Rad am Laufen halten.
Nun ist es eben so: Wer hergekommen ist um Geld zu verdienen geht wieder wenn es nichts mehr zu verdienen gibt. Es gibt angenehmere Orte zum Leben. Die Investitionen in Gebaeude muessen jetzt erstmal wieder refinanziert werden. Gespannt warte ich mal darauf wie die lokalen Authoritaeten hier diese Probleme loesen werden.
Nachbaremirat Abu Dhabi macht man Deutschland den Sitz der neuen Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien streitig und blamiert mal eben so die selbsternannte "Klimakanzlerin" und ihren Umweltminister. Eigentlich ein Skandal, dass eine solche Agentur in die Wüste geht und das der Zeit bisher noch keine Nachricht wert war. Da könnte man auch gleich eine Agentur für Menschenrechte in den Iran verlegen.
Würde sagen, dass man hier sehen muss, dass bei uns die Lichter nicht ausgehen.
doch gleich die Sklaverei abgeschafft und wo und von wem?
Verehrte Lenker von Dubai, falls Sie von Ihrem Geld noch nicht satt geworden sind, nennen Sie doch Ihre Bankverbindung. Ich hätte da noch einige Papiere, für einen Menschen kaum verdaulich, aber wenn Sie Wert darauf legen....
Aus der Wüste grüßt ein Stoffele
Das war doch jedem der 1 und 1 zusammenzählen kann schon immer klar, Dubai war mehr Hype als sonstwas. Aber ich find' es trotzdem aufregend was dort für ein Wüstendisneyland gebaut wurde. Für Wolkenkratzerfans wie mich ein "muss", leben tät ich da aber nicht wollen. Wirkt alles recht septisch. Vielleicht weil einfach alles noch neu ist und die "Patina" fehlt, die Spuren des täglichen Lebens. Ich kann es nicht definieren.
Interessant finde ich den Artikel aber wegen einem bestimmten Absatz der, wenn ich drüber nachdenke, sehr richtig ist:
"Die meisten seien vor irgendetwas hierher geflohen, vor einer persönlichen Krise, einem drohenden Prozess, einer Scheidung – bei ihr selbst war es nicht anders. »Niemand schlägt Wurzeln, das Leben ist frei von privater Verantwortung. Das ist schlecht für den Charakter.«"
Mir ging es vor kurzem recht ähnlich, ich habe über "Auswanderung" nachgedacht bzw. eigentlich nur einen Umzug in meine zweite Heimat (ich bin halber Amerikaner mit entsprechender Staatsbürgerschaft). Da ich aber durchaus Bayern als meine Heimat empfinde, einfach gefühlsmäßig, würde ich es dennoch "auswandern" nennen.
Ich habe dann aber realisiert wie richtig der gerade zitierte Absatz aus dem Artikel ist. Und quasi über Nacht sehe ich mein Leben und auch Deutschland mit ziemlich anderen Augen. Kann Dinge in die ich mich viel zu sehr reingesteigert habe wieder mit Gelassenheit betrachten, habe wieder den Blick für andere Dinge die mir hier unheimlich gefallen. Manchmal sieht man einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht und ich glaube viele Leute müssen erst in die Ferne um das zu erkennen. Ist schon eine seltsame Zeit in der wir leben.
will go down. Irgendwann kommen alle, die ueber ihre Verhaeltnisse leben, wieder unten an. Dubai ist das Ergebnis dieser wahnsinnigen weltweiten Spekluation, dem Aufstieg Chinas, der Globalisierung, der Nachfrage nach Oel und Mineralien, dem Irak-Krieg und dem perfiden Protestantismus der USA, der Geldmachen zur Religion erklaert hat. Jetzt sind wir alle wieder da, wo wir hin gehoeren, naemlich 40% unter der Produktion und dem Konsum der letzten 5 Jahre. Und daran wird sich auch lange nichts aendern.
Ich fahre gern und oft nach Dubai. Zweimal im Jahr verbringe ich ein paar Tage damit mich der Dekadenz hinzugeben. Hierzu taugt Dubai - wenngleich man natürlich immer ein schlechtes Gewissen davon bekommt, wenn man sich im Spa von kontemporären Sklaven verwöhnen läßt, wenn man im Hotel jeden Wunsch von den Augen abgelesen bekommt und am meisten wenn man sich ausmalt wieviel Energie hier täglich dafür verbraten wird, damit man in der trockensten Wüste der Welt (dem Empty Quarter) nie wirklich ungewollt ins Schwitzen kommt.
Zu mehr hat und wird Dubai nie taugen, mehr durfte man von Dubai nicht erwarten.
Es ist keine Leistung Milliarden buchstäblich in den Sand zu setzen um abstruse Wolkenkratzer zu bauen. Es ist auch kein Hightech, wenn man künstliche Inseln aufschüttet und die Begrünung von Wüsten ist auch nur dann eine Leistung, wenn sie "umweltverträglich" von Statten geht. Es brauchte nur genügend Geld und alles war irgendwie möglich. Woher das Geld kam, interessierte in Dubai niemanden. Man lobt die Maktoums für ihre Weitsicht, Dubai eine Zukunft nach dem Öl zu bauen.
Dubai ist die betongewordene Weltfinanzkrise, denn hier trifft man kummuliert was diese Krise ausgelöst hat. Investitions-, Spekulations- und Immobilienblasen, global und lokal vernetzt, wie es sich in der globalisierten Welt schließlich gehört.
Man konnte alles kaufen. Alles? Nein, nicht ganz! Kulturelle Substanz muß erstritten werden, kann sogar veräußert werden - aber eben nicht gekauft. Niemals.
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