Finanzkrise Goodbye, DubaiSeite 4/4
Kayla und Hendrick (Namen geändert) haben ihr Apartment vor einem Jahr für 2,8 Millionen Dollar gekauft, inzwischen ist es noch gut die Hälfte wert. Der Blick vom Balkon im zehnten Stock geht zwischen den Türmen des Marinaviertels hindurch bis zum Meer, im Hof ist ein Swimmingpool, Tochter Jewel guckt die Simpsons auf High-Definition-TV. Eines der Kinderzimmer vermieten sie seit Kurzem an einen Bekannten, um das Budget zu schonen. »Wir haben Schulden, unser Geld reicht noch bis Ende des Monats«, sagt Kayla. »Dann müssen wir fliehen.« Vor sechs Jahren kamen sie aus Pretoria, zwei von drei Kindern wurden hier geboren, sie wollten Dubai zu ihrer Heimat machen, doch jetzt hat das Emirat das Paar aus Südafrika zu Kriminellen gemacht. Beide haben sie kürzlich ihre Stellen verloren, sie war Head of Business Development, er Senior Consultant.
Sie können die Kosten für ihr Global-Class-Leben nicht mehr bezahlen. Wer in Dubai ein Auto auf Raten kauft oder ein Darlehen aufnimmt oder eine Kreditkarte beantragt, muss als Sicherheit einen Scheck hinterlegen. Kommt der Schuldner seinen Verpflichtungen nicht nach, löst der Gläubiger den Scheck ein. Wenn Kaylas und Hendricks Konto leer ist, müssen sie ins Gefängnis, denn ein ungedeckter Scheck ist ein Verbrechen in Dubai. Die Gefängnisse, melden Hilfsorganisationen, sind voll. Auch das Konzept eines Bankrotts kommt nicht vor in diesem Rechtssystem, finanzielles Scheitern ist ein Straftatbestand. Kayla wird mit den Kindern zuerst fliegen, das Datum steht, Hendrick soll ihnen später folgen, damit es nicht zu verdächtig aussieht. »Wir lassen alles zurück«, sagt Kayla, die Wohnung, die Möbel, das Auto, ihre Träume. Sie werden nie mehr zurückkommen können.
Hendrick wird am Schluss mit seinem Geländewagen, mit dem er wochenends gern in der Wüste zum »Dünenprügeln« herumraste, Hauptspaß der expats, zum Flughafen fahren und ihn dort stehen lassen, so wie das in den letzten Monaten Hunderte getan haben. Im März machten Meldungen über bis zu dreitausend ausgesetzte Automobile am Dubai International Airport Schlagzeilen, Mercedes, Audi, zahlreiche Offroader, auch Sportwagen, viele davon mit Schlüssel im Zündschloss und einer entschuldigenden Notiz des Besitzers hinter dem Scheibenwischer. Die Regierung hat die Zahlen als übertrieben bezeichnet, aber keine eigenen genannt.
Peter Harradine wird bleiben. »Bisschen Geduld jetzt, die Scheichs werden das Problem schon lösen«, sagt er mit Marlboro-Mann-Stimme und fährt mit dem Golfwägelchen einen der Hügel auf dem Jebel Ali Golf Course hinauf, den er entworfen hat. Das ist sein Metier, Golfplätze bauen, Wüste in Parks verwandeln. »Etwa 160 Stück« hat der 69-jährige Schweizer bisher designt, in aller Welt. In Dubai stammen auch fast alle öffentlichen Parks von ihm, seine Gartenbaufirma ist für deren Pflege zuständig. »Tausend Leute waren wir bis vor vier Monaten«, sagt Peter, »jetzt noch sechshundert.« Drei seiner Golfplatz-Projekte kommen nicht vom Fleck, zwei davon gehören zur Vergnügungsstadt Dubailand, die doppelt so groß werden soll wie Disneyland, von der aber noch fast nichts steht. Vertagt, alles vertagt.
Peter hat die Nase voll vom Krisengerede. Man müsse die Relationen sehen, sagt er. Was hier geschehen ist in den letzten 15 Jahren, sei nicht weniger als ein Wunder. Er weist über den Rand des Golfplatzes hinaus, wo nackte, öde Wüste liegt. So sah es hier damals überall aus. Dubai, sagt Peter, war nichts. Es hatte keine Geschichte, keine Kultur, kaum Öl und kein Geld, ein Beduinenkaff im Sand, »und sechs Monate pro Jahr ist das Klima ein Scheißdreck«. Und hier, ausgerechnet hier, bauten sie das Atlantis der Gegenwart.
Aber Atlantis, wenn es je existierte, war nicht von Dauer. Innerhalb eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht wurde es zerstört, sagt Platon. So schlimm wird es nicht kommen. Doch Dubai steht für ein Kapitel, das zu Ende geht. Es verkörpert alles, was künftig nicht mehr gelten soll: das Anything-goes-Prinzip, die unbegrenzten Renditen, das Primat des Kapitals, die radikale Kluft zwischen Arm und Reich, die Ignoranz gegenüber der Ökologie, die Abhängigkeit vom Öl, betonharten statt sanften Tourismus, eine Gesellschaft ohne Mitsprache des Bürgers. Dubai, die Stadt von morgen, ist eine Idee von gestern.
Peter schmeißt einen Golfball in einen Teich, er sinkt nicht, das Wasser ist salziger als jenes im Toten Meer. Er schüttelt den Kopf. Dubai werde nicht untergehen, sagt er. No way. Die arabische Welt brauche weiterhin einen Knotenpunkt, die Welt ein Drehkreuz zwischen Ost und West. Die Stadt werde sich so schnell an die neuen Zeiten anpassen, wie sie entstanden ist. »Die Welt will ein Öko-Dubai? Kann sie haben. Bauen wir halt um!« Das geht schnell hier. In seinem Heimatdorf im Tessin, erzählt Peter, brauchten die Behörden dreieinhalb Jahre, um einen Kreisel zu realisieren, »in dieser Zeit hat Dubai den höchsten Turm der Welt aufgestellt«. Für ihn bleibt dieser Ort der beste, um der Zukunft entgegenzugehen.
Vorerst wird Utopia gesundgeschrumpft. Peter erhielt kürzlich Besuch von Regierungsvertretern, wegen der bestellten Golfplätze, »und die sagten zu mir: ›Peter, wir haben kein Geld mehr, aber wir möchten bald weiterbauen, gehts auch für die Hälfte?‹« Der Mann, der die Wüste begrünt, lacht schallend. Zum Abschied gibt er flüsternd einen Ratschlag mit: Jetzt, sagt er, jetzt seien die Preise tief wie nie, jetzt müsse man hier investieren! Das, allerdings, klingt ganz nach dem alten Dubai.
- Datum 30.06.2009 - 19:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.06.2009 Nr. 27
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Wer entlassen wird in dieser Stadt, verliert auch sein Visum, Arbeitslose sind im Geschäftsmodell Dubai nicht vorgesehen.
Das ist doch auch mal ne Idee!
Auch in Singapore herrschen vergleichbare Probleme, doch ist man hier bei der "Lösung" schon etwas weiter fortgeschritten und hat die riesigen Massen von "Gastarbeitern" zum großen Teil bereits wieder abgeschoben.
Singapur kann man nicht mit Dubai vergleichen! In Singapur denken und planen die Einheimischen, in Dubai jedoch kommt das gesamte Know-how von außen.
Singapur kann man nicht mit Dubai vergleichen! In Singapur denken und planen die Einheimischen, in Dubai jedoch kommt das gesamte Know-how von außen.
Der Bericht schildert absolut was gerade hier passiert. Was eventuell noch erwaehnt werden sollte ist, dass Dubai es verpasst hat sich eine industrielle oder produzierende Basis zu schaffen und auch der Aufbau einer Zivilgesellschaft von Buergern hat nicht stattgefunden, die hier sesshaft sind und auch in einer Krise das Rad am Laufen halten.
Nun ist es eben so: Wer hergekommen ist um Geld zu verdienen geht wieder wenn es nichts mehr zu verdienen gibt. Es gibt angenehmere Orte zum Leben. Die Investitionen in Gebaeude muessen jetzt erstmal wieder refinanziert werden. Gespannt warte ich mal darauf wie die lokalen Authoritaeten hier diese Probleme loesen werden.
Nachbaremirat Abu Dhabi macht man Deutschland den Sitz der neuen Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien streitig und blamiert mal eben so die selbsternannte "Klimakanzlerin" und ihren Umweltminister. Eigentlich ein Skandal, dass eine solche Agentur in die Wüste geht und das der Zeit bisher noch keine Nachricht wert war. Da könnte man auch gleich eine Agentur für Menschenrechte in den Iran verlegen.
Würde sagen, dass man hier sehen muss, dass bei uns die Lichter nicht ausgehen.
doch gleich die Sklaverei abgeschafft und wo und von wem?
Verehrte Lenker von Dubai, falls Sie von Ihrem Geld noch nicht satt geworden sind, nennen Sie doch Ihre Bankverbindung. Ich hätte da noch einige Papiere, für einen Menschen kaum verdaulich, aber wenn Sie Wert darauf legen....
Aus der Wüste grüßt ein Stoffele
Das war doch jedem der 1 und 1 zusammenzählen kann schon immer klar, Dubai war mehr Hype als sonstwas. Aber ich find' es trotzdem aufregend was dort für ein Wüstendisneyland gebaut wurde. Für Wolkenkratzerfans wie mich ein "muss", leben tät ich da aber nicht wollen. Wirkt alles recht septisch. Vielleicht weil einfach alles noch neu ist und die "Patina" fehlt, die Spuren des täglichen Lebens. Ich kann es nicht definieren.
Interessant finde ich den Artikel aber wegen einem bestimmten Absatz der, wenn ich drüber nachdenke, sehr richtig ist:
"Die meisten seien vor irgendetwas hierher geflohen, vor einer persönlichen Krise, einem drohenden Prozess, einer Scheidung – bei ihr selbst war es nicht anders. »Niemand schlägt Wurzeln, das Leben ist frei von privater Verantwortung. Das ist schlecht für den Charakter.«"
Mir ging es vor kurzem recht ähnlich, ich habe über "Auswanderung" nachgedacht bzw. eigentlich nur einen Umzug in meine zweite Heimat (ich bin halber Amerikaner mit entsprechender Staatsbürgerschaft). Da ich aber durchaus Bayern als meine Heimat empfinde, einfach gefühlsmäßig, würde ich es dennoch "auswandern" nennen.
Ich habe dann aber realisiert wie richtig der gerade zitierte Absatz aus dem Artikel ist. Und quasi über Nacht sehe ich mein Leben und auch Deutschland mit ziemlich anderen Augen. Kann Dinge in die ich mich viel zu sehr reingesteigert habe wieder mit Gelassenheit betrachten, habe wieder den Blick für andere Dinge die mir hier unheimlich gefallen. Manchmal sieht man einfach den Wald vor lauter Bäumen nicht und ich glaube viele Leute müssen erst in die Ferne um das zu erkennen. Ist schon eine seltsame Zeit in der wir leben.
will go down. Irgendwann kommen alle, die ueber ihre Verhaeltnisse leben, wieder unten an. Dubai ist das Ergebnis dieser wahnsinnigen weltweiten Spekluation, dem Aufstieg Chinas, der Globalisierung, der Nachfrage nach Oel und Mineralien, dem Irak-Krieg und dem perfiden Protestantismus der USA, der Geldmachen zur Religion erklaert hat. Jetzt sind wir alle wieder da, wo wir hin gehoeren, naemlich 40% unter der Produktion und dem Konsum der letzten 5 Jahre. Und daran wird sich auch lange nichts aendern.
Ich fahre gern und oft nach Dubai. Zweimal im Jahr verbringe ich ein paar Tage damit mich der Dekadenz hinzugeben. Hierzu taugt Dubai - wenngleich man natürlich immer ein schlechtes Gewissen davon bekommt, wenn man sich im Spa von kontemporären Sklaven verwöhnen läßt, wenn man im Hotel jeden Wunsch von den Augen abgelesen bekommt und am meisten wenn man sich ausmalt wieviel Energie hier täglich dafür verbraten wird, damit man in der trockensten Wüste der Welt (dem Empty Quarter) nie wirklich ungewollt ins Schwitzen kommt.
Zu mehr hat und wird Dubai nie taugen, mehr durfte man von Dubai nicht erwarten.
Es ist keine Leistung Milliarden buchstäblich in den Sand zu setzen um abstruse Wolkenkratzer zu bauen. Es ist auch kein Hightech, wenn man künstliche Inseln aufschüttet und die Begrünung von Wüsten ist auch nur dann eine Leistung, wenn sie "umweltverträglich" von Statten geht. Es brauchte nur genügend Geld und alles war irgendwie möglich. Woher das Geld kam, interessierte in Dubai niemanden. Man lobt die Maktoums für ihre Weitsicht, Dubai eine Zukunft nach dem Öl zu bauen.
Dubai ist die betongewordene Weltfinanzkrise, denn hier trifft man kummuliert was diese Krise ausgelöst hat. Investitions-, Spekulations- und Immobilienblasen, global und lokal vernetzt, wie es sich in der globalisierten Welt schließlich gehört.
Man konnte alles kaufen. Alles? Nein, nicht ganz! Kulturelle Substanz muß erstritten werden, kann sogar veräußert werden - aber eben nicht gekauft. Niemals.
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