Unsere unmittelbaren Verwandten, die Menschenaffen, sind denkbar unmusikalische Gesellen. Schon anatomisch sind sie aufgrund ihres Stimmapparates nicht in der Lage, »saubere« Töne zu erzeugen. Schimpansen, Gorillas und Bonobos äußern sich nur mit hechelnden und knarzenden Lauten sowie spitzen Schreien.

Unsere musikalischen Fähigkeiten müssen also nach jener Zeit entstanden sein, in der sich aus dem gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse zwei separate Stammeslinien entwickelten – das war vor fünf Millionen Jahren. Die Urmenschen stiegen von den Bäumen, begannen aufrecht zu gehen, bekamen größere Gehirne. Und irgendwann begannen sie zu singen, später dann einfache Musikinstrumente zu schnitzen. Aber wann war das? Und vor allem – warum taten sie das? Welchen evolutionären Vorteil brachte ihnen die Musik?

Schon Charles Darwin grübelte darüber nach, warum sich die Musik entwickelt hat. Er glaubte, dass sie dem gleichen Zweck diente wie das Gezwitscher der Vögel. In seinem Buch Die Abstammung des Menschen schrieb er: »Musikalische Noten und Rhythmus eigneten sich die männlichen oder weiblichen Vorgänger der Menschheit zuerst an, um das andere Geschlecht zu bezaubern.«

Musik als Balzritual also. Wenn man sich einige Erscheinungen des Musikbetriebs ansieht, ist das durchaus plausibel. Geoffrey Miller, ein Evolutionspsychologe von der University of New Mexico, vertritt heute noch Darwins These. Musik (und Tanz, die beiden waren seiner Meinung nach früher untrennbar miteinander verbunden) sieht er als ein Ritual, das Kampf und Jagd symbolisierte. Ein junger Steinzeitmann, der lange, ausdauernd und schön sang und tanzte, stellte damit Kreativität, Intelligenz und körperliche Fitness zur Schau. Das zog die Damenwelt schon damals an.

Miller hat seine These auch statistisch zu untermauern versucht: Er untersuchte 6000 Plattenproduktionen aller Genres, und in 90 Prozent der Fälle waren sie von Männern produziert worden. Männliche Popmusiker sind meist um die 30 und damit im sexuell aktivsten Alter, die Geschichten von wilden Orgien mit Scharen von Groupies sind Legion. Besonders fasziniert hat Miller die Vita des Gitarristen Jimi Hendrix . Der hatte »Romanzen mit Hunderten von Groupies, unterhielt parallele langfristige Beziehungen mit mindestens zwei Frauen und zeugte mindestens drei Kinder in den USA , Deutschland und Schweden. Unter Urzeitbedingungen, vor der Geburtenkontrolle, hätte er noch viel mehr gezeugt.«

Keine Frage, Musik, insbesondere Popmusik, hat diese sexuelle Komponente. Doch ist das alles? Das wichtigste Argument gegen die Balz-Theorie kommt von dem Musikwissenschaftler David Huron von der Ohio State University: Überall im Tierreich, wo es Balzrituale gibt, haben die zu einer Differenzierung der Geschlechter geführt. Der männliche Pfau schlägt das Rad, nicht seine Frau. Das Vogelmännchen singt, nicht das Weibchen. Bei den meisten Tieren ist es der männliche Teil, der sich aufplustert, hübsch macht. Bei Arten, die ein solches Balzritual praktizieren, prägt sich also ein »Dimorphismus« aus, ein offensichtlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern. Und der ist beim Menschen nicht zu erkennen. »Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Männer besser darin sind, jemandem unter dem Balkon eine Serenade zu singen, als Frauen«, sagt David Huron.

Gegen die These, dass Musik ihren Ursprung im Sex hat, spricht auch die Tatsache, dass Musik eine Gemeinschaftsaktivität ist. In den meisten musikalischen Genres geht es darum, zusammen ein Klangerlebnis zu inszenieren, und nicht darum, den Mitmusiker auszustechen.