Entstehung der Musik

Lets rock!

Warum hat der Mensch die Musik erfunden? Bot sie ihm evolutionäre Vorteile? Drei Theorien versuchen, ihren Ursprung zu erklären

Warum erfand der Mensch die Musik? Ist sie Balzritual, beruhigt sie unseren Nachwuchs oder ist sie der soziale Kitt, der uns zusammenschweißt?

Warum erfand der Mensch die Musik? Ist sie Balzritual, beruhigt sie unseren Nachwuchs oder ist sie der soziale Kitt, der uns zusammenschweißt?

Unsere unmittelbaren Verwandten, die Menschenaffen, sind denkbar unmusikalische Gesellen. Schon anatomisch sind sie aufgrund ihres Stimmapparates nicht in der Lage, »saubere« Töne zu erzeugen. Schimpansen, Gorillas und Bonobos äußern sich nur mit hechelnden und knarzenden Lauten sowie spitzen Schreien.

Unsere musikalischen Fähigkeiten müssen also nach jener Zeit entstanden sein, in der sich aus dem gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse zwei separate Stammeslinien entwickelten – das war vor fünf Millionen Jahren. Die Urmenschen stiegen von den Bäumen, begannen aufrecht zu gehen, bekamen größere Gehirne. Und irgendwann begannen sie zu singen, später dann einfache Musikinstrumente zu schnitzen. Aber wann war das? Und vor allem – warum taten sie das? Welchen evolutionären Vorteil brachte ihnen die Musik?

Schon Charles Darwin grübelte darüber nach, warum sich die Musik entwickelt hat. Er glaubte, dass sie dem gleichen Zweck diente wie das Gezwitscher der Vögel. In seinem Buch Die Abstammung des Menschen schrieb er: »Musikalische Noten und Rhythmus eigneten sich die männlichen oder weiblichen Vorgänger der Menschheit zuerst an, um das andere Geschlecht zu bezaubern.«

Musik als Balzritual also. Wenn man sich einige Erscheinungen des Musikbetriebs ansieht, ist das durchaus plausibel. Geoffrey Miller, ein Evolutionspsychologe von der University of New Mexico, vertritt heute noch Darwins These. Musik (und Tanz, die beiden waren seiner Meinung nach früher untrennbar miteinander verbunden) sieht er als ein Ritual, das Kampf und Jagd symbolisierte. Ein junger Steinzeitmann, der lange, ausdauernd und schön sang und tanzte, stellte damit Kreativität, Intelligenz und körperliche Fitness zur Schau. Das zog die Damenwelt schon damals an.

Miller hat seine These auch statistisch zu untermauern versucht: Er untersuchte 6000 Plattenproduktionen aller Genres, und in 90 Prozent der Fälle waren sie von Männern produziert worden. Männliche Popmusiker sind meist um die 30 und damit im sexuell aktivsten Alter, die Geschichten von wilden Orgien mit Scharen von Groupies sind Legion. Besonders fasziniert hat Miller die Vita des Gitarristen Jimi Hendrix. Der hatte »Romanzen mit Hunderten von Groupies, unterhielt parallele langfristige Beziehungen mit mindestens zwei Frauen und zeugte mindestens drei Kinder in den USA, Deutschland und Schweden. Unter Urzeitbedingungen, vor der Geburtenkontrolle, hätte er noch viel mehr gezeugt.«

Keine Frage, Musik, insbesondere Popmusik, hat diese sexuelle Komponente. Doch ist das alles? Das wichtigste Argument gegen die Balz-Theorie kommt von dem Musikwissenschaftler David Huron von der Ohio State University: Überall im Tierreich, wo es Balzrituale gibt, haben die zu einer Differenzierung der Geschlechter geführt. Der männliche Pfau schlägt das Rad, nicht seine Frau. Das Vogelmännchen singt, nicht das Weibchen. Bei den meisten Tieren ist es der männliche Teil, der sich aufplustert, hübsch macht. Bei Arten, die ein solches Balzritual praktizieren, prägt sich also ein »Dimorphismus« aus, ein offensichtlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern. Und der ist beim Menschen nicht zu erkennen. »Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Männer besser darin sind, jemandem unter dem Balkon eine Serenade zu singen, als Frauen«, sagt David Huron.

Gegen die These, dass Musik ihren Ursprung im Sex hat, spricht auch die Tatsache, dass Musik eine Gemeinschaftsaktivität ist. In den meisten musikalischen Genres geht es darum, zusammen ein Klangerlebnis zu inszenieren, und nicht darum, den Mitmusiker auszustechen.

Nicht die Männer haben die Musik erfunden, sondern die Frauen, sagt eine andere Hypothese. »Jede Kultur auf der Welt hat Schlaflieder«, erklärt Sandra Trehub von der University of Toronto, »und sie klingen quer durch die Kulturen sehr ähnlich.« Kinder sind von Geburt an sehr empfänglich für Musik. Trehub und ihre Mitarbeiter konnten zeigen, dass der Spiegel des Stresshormons Kortisol im Speichel von Babys sank, wenn die Mutter das Kind mit Sprache oder Gesang zu beruhigen versuchte. Und beim Singen hielt der Effekt viel länger an als beim Sprechen.

Umgekehrt scheint es bei Erwachsenen einen Reflex zu geben, Babys besonders »musikalisch« anzusprechen. Nicht nur Mütter verfallen beim Anblick eines Säuglings in »Babysprache«. Die Stimme wird höher, wir verwenden einen Singsang, artikulieren die Wörter langsamer und mit deutlicherer Betonung. Und das ist durchaus sinnvoll. Schließlich muss der kleine Mensch lernen, aus einem kontinuierlichen Sprachfluss die Grenzen von Wörtern und Sätzen herauszuhören und den Wörtern Bedeutungen zuzuordnen. Eine kognitive Meisterleistung.

Warum singen Menschenmütter für ihre Babys, Affenmütter jedoch nicht? Menschenbabys werden viel unreifer geboren als die Kinder unserer Verwandten im Tierreich. Affenkinder können sich zum Beispiel schon recht früh an ihrer Mutter festkrallen, die dann ihrem gewohnten Tagwerk nachgehen kann. Menschenbabys müssen viel herumgetragen werden, und sie mögen es überhaupt nicht, wenn man sie allein lässt. Eine Mutter, die ständig ein Baby im Arm hat, ist jedoch stark behindert bei der Nahrungssuche. Die These der Anthropologin Dean Falk von der Florida State University: Musik hatte den Zweck, das Baby auch einmal ablegen zu können. Solange die Mutter in Hörweite war, konnte sie mit ihren Lauten das Baby beruhigen. Also eine Art »Fernwartung« des hilflosen Nachwuchses.

Wenn ich mit jemandem musiziere, schlage ich ihm nicht den Schädel ein

Diese Form von »Fernbeziehung« liegt auch der dritten Erklärungshypothese für die Entstehung von Musik zugrunde. Ihr zufolge ist Musik eine Art »sozialer Kitt« zwischen den Menschen. Dass Musik ein Gruppenerlebnis ist, vergessen wir heute manchmal, wenn wir sie allein konsumieren, möglichst noch mit Stöpseln im Ohr. Bis vor ein paar Jahrzehnten war Musik grundsätzlich live, und auch heute noch ist das Zuhören in der Gruppe ein ganz anderes Erlebnis als in einer einsamen Situation. Wenn bei einem Rockkonzert der Funke von der Band aufs Publikum überspringt, dann wird aus Hunderten von Einzelpersonen eine wogende Masse, die im Rhythmus groovt, fast ein einziges vielköpfiges Wesen.

Doch Konzerte gibt es erst seit ein paar hundert Jahren. Davor war die Trennung zwischen Musikern und Publikum viel weniger strikt. Zusammen Musik zu machen aber ist das Gruppenerlebnis schlechthin. Mit wem ich musiziere, dem schlage ich nicht den Schädel ein. Gemeinsame Gesänge und Tänze, so lautet die Theorie, schweißten in der Vorzeit die Gruppe zusammen. Sie dienten als Vorbeugung gegen interne Rivalitäten, aber auch als sinnstiftendes Element, wenn man in den Kampf gegen andere Gruppen und Stämme zog. Eine Horde von Angreifern wirkt furchterregender, wenn sie mit Kriegsgeschrei oder koordinierten rhythmischen Gesängen auf den Feind losgeht. Dass man heute noch immer Soldaten im Gleichschritt marschieren und dabei zweifelhafte Lieder absingen lässt, hat wohl einen sehr alten stammesgeschichtlichen Hintergrund.

Musik stärkt den Zusammenhalt von Gruppen tatsächlich messbar. Das jedenfalls behauptet Robin Dunbar, ein Psychologe von der University of Liverpool. In einem Forschungsprojekt wollten er und seine Studenten herausfinden, ob bei Kirchenbesuchern der Pegel der Endorphine steigt – das sind körpereigene Opiate, die unsere Toleranz gegenüber Schmerz und Stress erhöhen. Direkt messen konnten sie diese Endorphine nicht (dazu hätten sie das Rückenmark der Kirchgänger punktieren müssen), deshalb legten sie ihnen nach dem Besuch der Kirche eine Blutdruckmanschette an und pumpten sie auf, bis es wehtat. Die Gemeindemitglieder, die gesungen hatten, hielten den Schmerz deutlich länger aus.

Just diese Endorphine werden bei Affen ausgeschüttet, wenn sie einander lausen. Übernahm also die Musik bei uns die Rolle des Körperkontakts als Auslöser für eine Endorphinausschüttung? Plausibel klingt das schon – aber wie weist man so etwas nach? Die gefundenen Knochenflöten zeugen ja von einer bereits sehr differenzierten musikalischen Kultur. Gibt es Zeugnisse, die noch älter sind und auf musikalische Gemeinschaftsrituale schließen lassen?

Im thüringischen Bilzingsleben hat man Knochen und kulturelle Artefakte des Homo heidelbergensis gefunden, eines gemeinsamen Vorfahren des heutigen Menschen und des Neandertalers. Die Stätte ist etwa 400.000 Jahre alt, und viele Zeugnisse lassen darauf schließen, dass sie ein beliebter Treffpunkt unserer Vorfahren war, Versammlungsort der frühen Gesellschaften. Und der Anthropologe Steven Mithen von der University of Reading fügt der Hypothese ein akustisches Element hinzu: Bilzingsleben sei ein Ort gewesen, an dem man sich zu rituellen Tänzen und Gesängen traf. Hier gab es die ersten primitiven Bühnen – hier traten Einzelne in den Mittelpunkt, sangen, tanzten, gestikulierten und »erzählten« so ihren Mithominiden Geschichten.

Für Mithen ist damit auch die Frage müßig, ob die Musik oder die Sprache zuerst da war: Sie waren eins, eine Art musikalischer Protosprache, die noch einige Hunderttausend Jahre älter ist als die Knochenflöte, die jetzt gefunden wurde.

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Christoph Drösser, das am 17. Juli erscheint: Hast Du Töne? Warum wir alle musikalisch sind, Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 320 S., 19,90 EUR www.hast-du-toene.com

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Leser-Kommentare

  1. Die Musik wurde dem Menschen geschenkt, damit er das unsägliche, wie an den Haaren herbeigezogene Gequatsche von Hobbyphilosophen, Allerweltsdarwinisten, Utilitariern und Dreiviertelköpfen nicht mehr zu hören hat. Einmal die Kakophonie der denkenden Rechenschieber durch herrliche Musik übertönt, fühlt er sich gleich freier, darf in ihr allen Selbstzweck genießen und dabei den schnöden Überlebensvorteil einmal ganz vergessen!

  2. Also, ich hab`da so meine eigene Theorie: mit 14 tauschte ich die Fußballschuhe gegen eine Gitarre ein, weil ich einem Mädchen imponieren wollte, in das ich verknallt war. Sie blieb nicht die einzige. Unvergessen die Erinnerung an einem Schwedenurlaub, wo ich für einen Sommer der Liebling der Mädels war.... . Gruß

    • 26.06.2009 um 4:50 Uhr
    • nik--

    @vondervogelwheyde: Schlecht nur, wenn man dazu erstmal die Musik erfinden muss.
    @mcfly: Das spricht mir aus der Seele, auch wenn das vielleicht gar nicht auf diesen Artikel bezogen war.
    Mal ehrlich - die Wissenschaft in allen Ehren - aber muss denn immer alles erklärt und verklärt werden? Sind wir Menschen denn wirklich so dumpfe, berechenbare Wesen, dass wir alles nur aus Kalkül, Trieb oder Vorteilsbewertung tun? Warum kann sich Kunst und Kultur nicht aus Selbstzweck entwickelt haben? Für mich ist es jedenfalls genauso logisch, dass alle genannten "Zwecke" (absurd für einen Musiker) aus dem Vorhandensein der Musik entstanden, wie dass sie Grund für deren Entstehung waren. Jede kulturelle Entwicklung als Zweckhandlung für bewerten find ich schlicht Unsinn. Und wer sich ernsthaft mit Musik als Genuss, als persönliches Ausdrucksmittel, als Verkörperung der eigenen Natur auseinandersetzt, wird merken, dass eine Erklärungsansatz zur Herkunft niemals das Wesen der Sache erkennen wird, sondern immer nur eines bleiben wird -- Theorie.

  3. >Warum kann sich Kunst und Kultur nicht aus Selbstzweck entwickelt haben?

    Wenn es irgendwo auf der Welt einen Stamm gäbe, der Musik macht, und alle anderen Völker täten es nicht, dann könnte es sich tatsächlich um eine mehr oder weniger beiläufige Entwicklung handeln. Musik ist aber ein universelles menschliches Phänomen, es gibt keine Kultur ohne Musik, ebenso wie es keine Kultur ohne Sprache gibt. Und das ist einfach interessant, zumindest für manche Leute.
    Die beiden Beiträge hier klingen so, als würde man der Musik etwas wegnehmen, wenn man sie auch mit wissenschaftlichen Mitteln untersucht (seziert sozusagen), aber das ist absurd. Die vergleichende Sprachwissenschaft zerstört auch nicht die Faszination, die von einem Gedicht ausgeht. Ich habe bei der Recherche zu meinem Buch (http:www.hast-du-toene.com) mit vielen Musikforschern gesprochen - und sie alle waren neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit meistens auch Musiker, zumindest aber glühende Musikfans.
    Der Widerspruch, den Sie konstruieren, existiert nicht!

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    Es ehrt ihre Wissenschaftler, wenn sie sich als große Musikfans erweisen, wiegleich es hier nicht um die Liebhaberei geht, sondern um ein Weltbild, eine Weltanschauung, die von ihren werten Wissenschaftlern propagiert und unsere ganze Gesellschaft längst überzogen hat.
    Es ist ein zutiefst geistesfeindliches, mechanistisches Weltbild, welches durch seine ständige darwnistische Unterfütterung und Wiederholung nicht richtiger wird. Mit dieser Ausschließlichkeit, mit der man dem Rätsel "Leben" auf die Spur zu kommen vermeint, habe ich mich ja schon längst abgefunden. Wenn jedes promovierte Schattengewächs aber weiterhin glaubt, überall und jederzeit seine ermüdenden "Weisheiten" kund tun zu müssen, er sich dann auch nicht untersteht, auf ein Terrain zu wagen, wo seine rumpelnde Maschine nun aber am wenigsten tauglich scheint, mit seinem immergleichen "Schraubenschlüssel" an der Kunst herumpfuschen zu müssen nicht absieht, dann seh ich leider rot.
    Schon die einfachste Überlegung, auf welchem Gebiet Kunst überall jemals ihre Früchte zeigen konnte, müßte doch auch noch den größten Quadratkopf auf h o r c h e n lassen. Kunst, wie die Musik, hat immer eine Sphäre nötig gehabt, wo der Kampf einmal aussetzte, worum es mancher völlig zu recht eine Dekadenzerscheinung nannte. Erst also wenn die natürlichen Triebe besänftigt, das tierische Verlangen einmal schweigt, kann sich sowas wie der Kunst t r i e b überhaupt erst beweisen.

    Die Verbreitung der Musik ist kein Beweis für seine Entstehung, sondern nur für ihre Tauglichkeit als Kommunikationsmittel im interkulturellen Austausch.

    Und ja, im Endeffekt nimmt man jeglicher Kulturschöpfung etwas weg, wenn man sie auf die technische Natur reduziert oder sie auf ein Mittel zum Zweck reduziert. Kunst aus Notwendigkeit reduziert die Kreativität des Menschen auf die Spiegelung seiner Umwelt.

    Vergleichende Sprachwissenschaft untersucht doch sicher auch die Endprodukte und stellt nicht die Intention des Autors in Frage, geschweige denn, die des Mediums.

  4. Dank an Christoph Drösser für den Artikel und das Buch (dessen erstes Kapitel auf seiner Webseite nachzulesen ist). In der Tat halten sich viel zuviele Menschen selbst für unmusikalisch. Und weil sie sich für unmusikalisch halten, musizieren sie auch nicht - oder nur dann, wenn es nicht auffällt. Und damit entgeht ihnen, wie gut es den eigenen Gefühlen tut, gemeinsam Musik zu machen.
    Dabei wäre das - wie ich bei dem kürzlich verstorbenen Obertonsänger Lutz Czech gelernt habe - ganz einfach: man trifft sich und tönt und singt und macht Geräusche und lallt oder labert mit erfundenen Worten - ohne das Vorbild eines fertigen Musikstücks. Harmonisch oder chaotisch, je nach Stimmung und Vereinbarung. Das Erstaunliche ist: nach anfänglichem Befremden ob der Töne, die da aus einem selbst und aus anderen herauskommen, entsteht ein unglaublicher Freiraum des Ausdrückens und des Staunens über den Ausdruck Anderer. Und noch eine Entdeckung kann JEDE(R) auf diese Weise machen: eigentlich können auch alle spontan harmonisch. Man braucht sich nur auf einen einzigen Ton als Ausgangspunkt zu einigen - und zu HÖREN, wie sich durch jede Abweichung von diesem Ton Harmonie entwickelt.
    Aber wir haben ja alle schon so viel fertige Musik im Kopf - selbst wenn wir grade keine Musik hören. Und dank Radio und Fernsehen und allgegenwärtiger Musikberieselung messen wir - grade weil wir alle musikalisch sind - jede eigene musikalische Äußerung an der allgegenwärtigen Professionalität und fangen an, uns zu schämen.
    Andere Kulturen habe es da leichter, wie ich in Sambia erlebte. Die Bewohner des Dorfes, wo ein deutscher Besucher eigentlich nur die für ihn gebauten Trommeln abholen wollte, fanden sich abends spontan zusammen, um zur Begleitung dieser Trommeln zu singen. Trommeln konnten nur einige Männer, singen konnten alle, aber beim Anstimmen der Lieder ergriffen die Frauen die Initiative. Vorschläge kamen von allen Seiten und sobald der richtige Rhythmus für das neue Lied gefunden war, stimmten alle ein, meistens mit unterschiedlichen Gesangsparts. Was nicht klappte, wurde mit Gelächter begrüßt und neu angestimmt oder durch ein anderes Lied ersetzt. Stundenlang ohne Pause und zum offensichtlichen Vergnügen aller. Einschließlich des mit dieser Musik nicht vertrauten deutschen Zuhörers. Obwohl die Gesamtstruktur komplex war, waren die einzelnen Parts so einfach, dass sie eigentlich jeder - sogar ein zufälliger Besucher - mitsingen konnte. Und so am Erlebnis gemeinsamer Musikproduktion teilhaben konnte.
    Deshalb leuchtet mir die Kernthese des Artikels ein: gemeinsames Musikmachen bringt Menschen zusammen. Würden wir alle weniger auf die perfekten Produkte der Musikindustrie hören, und mehr auf uns selbst - und unsere Nachbarn - könnten wir das auch bei uns erleben. Wie das all die tun, die in einem Chor singen.

    Reinald Döbel

  5. Es ehrt ihre Wissenschaftler, wenn sie sich als große Musikfans erweisen, wiegleich es hier nicht um die Liebhaberei geht, sondern um ein Weltbild, eine Weltanschauung, die von ihren werten Wissenschaftlern propagiert und unsere ganze Gesellschaft längst überzogen hat.
    Es ist ein zutiefst geistesfeindliches, mechanistisches Weltbild, welches durch seine ständige darwnistische Unterfütterung und Wiederholung nicht richtiger wird. Mit dieser Ausschließlichkeit, mit der man dem Rätsel "Leben" auf die Spur zu kommen vermeint, habe ich mich ja schon längst abgefunden. Wenn jedes promovierte Schattengewächs aber weiterhin glaubt, überall und jederzeit seine ermüdenden "Weisheiten" kund tun zu müssen, er sich dann auch nicht untersteht, auf ein Terrain zu wagen, wo seine rumpelnde Maschine nun aber am wenigsten tauglich scheint, mit seinem immergleichen "Schraubenschlüssel" an der Kunst herumpfuschen zu müssen nicht absieht, dann seh ich leider rot.
    Schon die einfachste Überlegung, auf welchem Gebiet Kunst überall jemals ihre Früchte zeigen konnte, müßte doch auch noch den größten Quadratkopf auf h o r c h e n lassen. Kunst, wie die Musik, hat immer eine Sphäre nötig gehabt, wo der Kampf einmal aussetzte, worum es mancher völlig zu recht eine Dekadenzerscheinung nannte. Erst also wenn die natürlichen Triebe besänftigt, das tierische Verlangen einmal schweigt, kann sich sowas wie der Kunst t r i e b überhaupt erst beweisen.

    Antwort auf "Musik und Wissenschaft"
  6. Im 8-dimensionalen vedischen Bewusstseinsuniversum strukturiert Musik die dritte Dimension (Akasha = Raum): Das selbst-interagierende Urbewusstsein "hört" sich selber.

    Und Musik erschafft die vierte Dimension, die Raumzeit, die Bewegung des Raums oder im Raum (Vayu = Luft- oder Windelement): Das Urbewusstsein fühlt sich selber.

    Alle 8 Dimensionen sind gekrümmt: "Kreise" oder "Mandalas". Alles im Universum unterliegt Rhythmen, die ineinanderpassen müssen. So wie bei Johann Sebastian Bach und seinen Fugen...

    • 26.06.2009 um 13:55 Uhr
    • nik--

    Die Verbreitung der Musik ist kein Beweis für seine Entstehung, sondern nur für ihre Tauglichkeit als Kommunikationsmittel im interkulturellen Austausch.

    Und ja, im Endeffekt nimmt man jeglicher Kulturschöpfung etwas weg, wenn man sie auf die technische Natur reduziert oder sie auf ein Mittel zum Zweck reduziert. Kunst aus Notwendigkeit reduziert die Kreativität des Menschen auf die Spiegelung seiner Umwelt.

    Vergleichende Sprachwissenschaft untersucht doch sicher auch die Endprodukte und stellt nicht die Intention des Autors in Frage, geschweige denn, die des Mediums.

    Antwort auf "Musik und Wissenschaft"
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    Reduktion   ChristophDroesser

    Niemand will Musik auf irgendetwas reduzieren. Dass man versucht, ihre Entstehung evolutionär zu erklären, bedeutet nicht, dass man von ihr nicht ergriffen sein kann. Und kein Forscher behauptet, im Detail zu verstehen, wie das Gehirn Musik "verarbeitet" (ich gebe zu, der Arbeitsbegriff hat hier eigentlich wenig zu suchen). So wie man die Entstehung der Sprache untersuchen kann, die ganz sicherlich einen evolutionären Vorteil bietet, und trotzdem ehrfürchtig von der Sprachkunst eines Dichters steht. Genauso wie man das Essen im Drei-Sterne-Restaurant nicht weniger genießt, wenn man um die Grundlagen der Ernährung weiß. Oder himmelhochjauchzend verliebt ist, obwohl einem bewusst ist, dass uns die Natur diese Triebe zwecks Fortpflanzung verpasst hat. Dass Musik eine biologische Grundlage hat, sieht man an jedem Säugling - und das Wissen darum schmälert den Genuss überhaupt nicht.

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  • Von Christoph Drösser
  • Datum 25.6.2009 - 12:31 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 25.06.2009 Nr. 27
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  • Schlagworte Musik | Evolution | Mensch
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