Krise Ohne Bremse an die WandSeite 2/2
Mit einem Wort: Der Kapitalismus in seiner spätmodernen Phase lebt davon, dass die Verbraucher in wachsendem Maße den Kaufakt mit dem Konsumtionsakt verwechseln. Sie kaufen immer mehr Bücher, aber sie kommen nicht mehr dazu, sie zu lesen; sie kaufen Schuhe und Kleider, die sie kaum je tragen; sie kaufen Keyboards, Tennisschläger und Teleskope, die sie nie benutzen; sie kaufen technische Geräte, die so komplex sind, dass sie Monate oder Jahre brauchten, um ihre Funktionen wirklich auszuschöpfen. Wäre der Sonntag verkaufsoffen, würde er nicht dem Realkonsum geopfert, sondern dem Kaufakt: Anstatt das Gekaufte zu konsumieren, würden wir erneut shoppen, und wer shoppt, konsumiert nicht.
In den Hochzeiten des Finanzmarktkapitalismus wurden sogar die Geschwindigkeitsgrenzen des Kaufens erreicht. Nicht zuletzt deshalb, weil Kaufen den aus Zeitnot entgangenen Realkonsum kompensieren muss, wurde das Kauftempo vom Erwerbstempo entkoppelt. Man kann das Kaufen beschleunigen, ohne die Einnahmen zu steigern, indem man Schulden macht – was, insbesondere in den USA, nur allzu viele in schwindelerregender Geschwindigkeit taten. Der Schuldenkrise auf der einen Seite stand nun aber die sogenannte Asset Price Inflation, der rasante Anstieg der Preise für Vermögenstitel, auf der anderen gegenüber: Diejenigen, deren Einnahmen in den Zeiten des Turbokapitalismus gewaltig stiegen, investierten diese in Finanzmarktprodukte und Vermögenswerte. Auf diese Weise wuchsen Konsum und Produktion rein virtuell: Es wurde gekauft, ohne zu konsumieren, und verkauft, ohne zu produzieren; beides in einem atemberaubenden Tempo.
»Organisatorisches Kammerflimmern« war vielerorts der dabei erzielte Realeffekt. Statt zu produzieren, fusionierten und reorganisierten sich viele Firmen in Permanenz; Universitäten verbesserten nicht Forschung und Lehre, sondern legten in immer kürzerer Zeit neue Forschungsversprechungen und Lehrpläne auf; statt effektiv zu steuern und zu regulieren, schufen Regierungen derweil neue Institutionen und realitätsferne Gesetze. Weil die Trägheit des Irdischen und Materiellen der Realbeschleunigung Hindernisse und Grenzen entgegensetzt, hat sich das Tempo der Spätmoderne in virtuelle Sphären verlagert, deren hektisches Rotieren den Stillstand der Realsphären lange Zeit erfolgreich überlagerte.
Eine solche Entkoppelung konnte auf Dauer nicht gut gehen, denn die Finanzmärkte blieben in ihrer Operationslogik irreduzibel an die Realökonomie zurückgebunden. Reißt das Band, zerbricht die Illusion, dann droht dem buchstäblich »enthemmten« System – ähnlich einem Auto, das ohne Bremsen früher oder später gegen die Wand fahren muss – der Crash in Form eines gewaltigen, deformierenden Tempoverlustes. Den Aufprall erleben wir nun in Form der Weltwirtschaftskrise, im angelsächsischen Sprachgebrauch trefflich als economic slowdown bezeichnet. Kredit- und Bankenmisere verwandeln die fluiden High-Speed-Kapitalströme derzeit in eine zähflüssige, teilweise sogar stillstehende Masse; der Zusammenbruch gleicht einem totalen Kreislaufkollaps.
Manchmal liegt in der Krise ja tatsächlich eine Chance
Inzwischen sind Finanzmarkt und Realökonomie dabei, sich zu resynchronisieren – um den doppelten Preis einer gewaltigen Steigerung der Zahl von durch Arbeitslosigkeit und Armut »Zwangsentschleunigten« und einer gravierenden wechselseitigen Verlangsamung. Diese vollzieht sich ihrerseits so turbulent, dass die Regierungen nun mittels gigantischer Staatsinterventionen die Notbremse zu ziehen versuchen, und selbst die in ihrer Glaubwürdigkeit erschütterten sogenannten Wirtschaftsexperten vermögen mit den Ereignissen nicht Schritt zu halten. »Die Worte veralten einem im Mund«, befand ifo-Chef Hans-Werner Sinn angesichts der Schwierigkeit, noch Prognosen zu wagen. Man darf gespannt sein, ob die Verfechter der neoliberalen Beschleunigungspolitik daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen in der Lage sind. Zweifel sind berechtigt, und sie nähren ihrerseits Zweifel daran, ob Politiker gut beraten sind, in der Krise weiterhin auf den Rat der Ökonomen zu vertrauen. Ob es der spätmodernen Gesellschaft noch einmal gelingt, wirksame (demokratische) Bremsen einzuziehen, Politik und Wirtschaft zu resynchronisieren und auf diese Weise erneut in die (dann stabilisierte) realökonomische Beschleunigungsspirale zurückzukehren, ist die eine Frage. Ob wir das angesichts von beschleunigungsbedingten Öko- und Klimakrisen und angesichts einer wachsenden Zahl von Depressions- und Burn-out-Kranken, die als Extremformen des »erschöpften Selbst« dem atemberaubenden Tempo des spätmodernen Hamsterrades schon zum Opfer fielen, wollen sollen, lautet die andere. Manchmal liegt in der Krise ja tatsächlich auch die Chance.
Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Autor der bedeutenden Studie »Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne«
- Datum 29.06.2009 - 10:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.06.2009 Nr. 27
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Langsamkeit bedeutet im Sinne des westlichen Erfolgdenkens Mißerfolg. Der Soziologie Robert Levine hat das schon vor zig Jahren festgestellt, er hat das Gehtempo, die Zahl und Genauigkeit der öffentlichen Uhren, die Zahl der Arbanduhren und vieles mehr gemessen. Wer langsamer ist, wird von unserer Gesellschaft gnadenlos aufs Abstellgleis geschoben. Slow Time hat hierzulande keine Chance.
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"Aristoteles war kein Belgier. Die Hauptbotschaft des Buddhismus lautet nicht: 'Jeder kämpft für sich selbst'. Und die Londoner Untergrundbahn ist keine politische Bewegung."
A Fish called Wanda
... Weltwirtschaft und Welthandel mit demokratischer Kontrolle?
Die WTO blockt alle Versuche ab, dem Primus Kapital und Secundus Freihandel menschliche Kriterien oder Umweltbelange zur Seite zu stellen. Selbst in der EU spielen soziale Leitgedanken und Korrektive hinter wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit und Wachstum die dritte und vierte Geige.
Kapitalismus nährt sich aus einer Urgewalt, und alles was dagegen ankommen könnte, ist bei uns als Bürokratismus verschrien. Wir kennen die Rituale: die Bedenkenträger reklamieren Schieflagen, die Wirtschaftsliberalen huldigen ihrer darwinistischen Heldenverehrung in der Welt aus Siegern und Opfern.
Natürlich hindert das nicht, wie zur Zeit, auf die Kassen des Staats zurückzugreifen -- is' dann doch gut, dass es ihn gibt -- mehr Berechtigung als zum willfährigen Feuerwehrmann oder zum Wachmann, wenn es gilt bei nächster Gelegenheit die angehäuften Reichtümer wieder gegen neidige gesellschaftliche Begehren abzuschotten, hat er aber auch nicht.
Es ist nicht primär die Geschwindigkeit, es ist die Zügellosigkeit und der gigantische Umfang der maroden Billionenkredite, die der Weltfinanzwirtschaft die obstruktive Selbstvergiftung einbrachten. Die Parallelen zum Freihandel sind augenfällig. Es ist ein großer Unterschied, ob ein paar Koggen übers Meer schippern und die Pelze der russischen Jäger zu den eitlen Höflingen Westeuropas segeln, oder ob Megatonnenfrachter um die Welt schippern und mit kleinem Dollar und Euro billige Elendsarbeit in rauchgasgeschwängerten asiatischen Produktionsmetropolen einzukaufen.
Es ist gigantisch. Es ist undemokratisch. Es ist falsch.
Der Artikel ist aus meiner Sicht sehr gut und eidrucksvoll. Z. B. hatte ich mich schon seit längerem gefragt, wer eigentlich den ganzen ständig neu auf den Markt geworfenen Ramsch kauft, in den produzierten Mengen. Man kann ja nicht mit 3 Handys gleichzeitig telefonieren und auch nicht mit 2 Autos gleichzeitig fahren.
Um mit der Entwicklung auf den Finanzmärkten Schritt zu halten musste einerseits die Produktivität kontinuierlich gesteigert werden und gleichzeitig auch der Konsum, damit die produzierte Ware nicht auf Halde gelagert werden musste (was ja wieder einen Finanziellen Aufwand für das Unternehmen bedeutet und der Entwicklung der FInanzmärkte entgegenläuft, die Pleite wäre unverzüglich eingetreten).
Ich würde daher sagen, dass die Politiker unbedingt wieder ihrer wahren Aufgabe nachgehen müssen: Steuern. Damit Dinge entwickelt und produziert werden, die benötigt werden und nicht ständig mehr von dem Müll produziert wird, mit dem wir eh schon bis zum Hals vollgeladen sind. D. h. mittelständische Unternehmen fördern, die Technologie für nachhaltige Energieversorgung entwickeln und viel viel Geld in Bildung investieren.
Die Worte höre ich gerne, allein es fehlt mir der Glaube. Wenn ich mir die Entwicklungen in unserer Gesellschaft anschaue, erkenne ich, dass nach wie vor die Weichen in Richtung Beschleunigung gestellt werden - es gilt: time is money. So ist man gerade dabei bundesweit die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zu beschränken. Vielleicht gibt es ja hierfür nachvollziehbare Gründe, genannt wird zumeist nur der, dass unser akademischer Nachwuchs nur so international "konkurrenzfähig" sein könne. Die Einführung des schnellen Schmalspurstudiums zum "Bachelor" wird in ähnlicher Weise begründet. Zum Querdenken und zur akademischen Muse bleibt keine Zeit mehr. Wenn etwas lehrplantechnisch gestrichen wird, dann sind es zumeist die musischen Fächer, die nicht primär auf Verwertbarkeit abzielen. In der gleich Logik werden zunehmend auch die geisteswissenschaftlichen Fächer in Frage gestellt, deren Nutzen ebenfalls - zumindest aus ökonomischen Gesichtspunkten - fragwürdig erscheint. Auch in das persönliche Zeitmanagment der Menschen wird zunehmend eingegriffen. Nicht nur, dass die Arbeitsdichte, das heißt die Menge der geleisteten Arbeit in einer bestimmten Zeit, immer weiter erhöht wird (tw. bis zum psychischen und körperlichen Burn-out) auch die Arbeitszeiten werden immer weiter ausgedehnt und entfernen sich zunehmend von unseren Bedürfnissen. Ich denke an die wachsende Zahl von Verkäuferinnen, die mitunter bis um 23 Uhr abends im Laden stehen oder an die zunehmende Zahl von Arbeitnehmern, die nachts arbeiten müssen. Der Grund auch hier: Erhöhung des Konsums und effektiver - sprich ökonomischer - Einsatz des Produktionsmittels Mensch. Diese und viele weitere Beispiele zeigen, dass es sich bei der aktuellen Finanzkrise nicht nur um eine rein ökonmische, sondern vielmehr um eine Krise unsere Gesellschafts- und westlichen Lebensmodells handelt. Allerdings wurde den Menschen bereits solange in den Kopf gehämmert, dass wir ohne eine Erhöhung unserer Produktivität - und damit eine immer stärkere gesellschaftliche Beschleunigung - unseren Wohlstand nicht halten können, dass diese Lebensweise noch zu selten hinterfragt wird. Es herrscht ein Mangel an gesellschaftlichen Utopien und schlüssigen Gegenentwürfen, sodass ich befürchte, dass wir gezwungen werden der Wurst immer schneller hinterherzuhecheln, auch wenn immer mehr dabei auf der Strecke bleiben.
Wahrscheinlich ändert sich erst etwas, wenn die Politiker Stress mit dem Souverän haben!
... von Sten Nadolny, ist ein Roman den ich mir mal wieder vornehmen werde.
Michel 'Momo' Katzentisch
Ja, die Entdeckung der Langsamkeit war zumindest ein neugierig machender Titel zu einem lesenswerten Buch. Und dann das Buch Momo von Michael Ende.
Ich habe selten einen Artikel in den letzten Jahren gelesen, dem ich soviel abgewinnen kann, wie dem von diesem Autor, Hartmut Rosa.Und ich wünsche ihm viele aufmerksame Leser.
Erst neulich beschrieb ich die Situation unserer Arbeitswelt mit ihren Fusionen und Pleiten und dem zunehmenden Stress am Arbeitsplatz mit dem in Kindertagen auf einer Kirmes gesehenen "Teufelsrad:" In einem Zelt befindet sich eine große runde Scheibe aus glattem Holz, die sich immer schneller dreht und die an der Peripherie liegend oder hockend befindlichen Personen werden als erste von der Scheibe ins Aus geschleudert, bis auch der Letzte aus der Mitte der Scheibe hinauskatapultiert wird.Das ist dann der "Sieger."
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