Schuld an der Unbekanntheit Eduard von Keyserlings (1855 bis 1918) sind jene, die ihn bekannt machen wollen.

Seit hundert Jahren wird der große Autor des deutschen Fin de Siècle zwar ständig »wiederentdeckt« – doch genauso schnell auch immer wieder vergessen. Er hat auch nach seinem Tod nicht die Einsamkeit durchbrochen, die ihn zeit seines Lebens umgab. Dabei ist die Liste der »Entdecker« und Lobredner illuster und lang: Sie reicht – um nur ein paar wenige zu nennen – von Hermann Hesse über Thomas Mann und Hermann Bang bis Arthur Schnitzler, von Benno von Wiese und Peter Härtling über Marcel Reich-Ranicki bis zu Martin Mosebach . Doch sie alle sahen bei Keyserling nur das, was sie sehen wollten: also sinnliche Naturbeschreibungen von duftenden Jahrhundertwendesommern. Und die melancholische Schilderung der untergehenden kurländischen Adelsgesellschaft. Feinstes, vergangenes Fin de Siècle. Die Wiederentdecker also glauben irrtümlich, dass es Eduard von Keyserling um dasselbe gegangen sei wie ihnen: also um Nostalgie.

Doch ist es das Wesen von Nostalgie, dass ihre Wirkung kurz nach dem Moment der Beschwörung wieder verpufft, weil ihren Objekten die Kraft zum eigenen Leben fehlt. Deswegen verhallten nicht nur immer wieder die Fanfarenstöße der verzückten Ausgräber, auch der Kostümrausch der Romanverfilmungen Schwüle Tage (1978), Am Südhang (1980), Beate und Mareile (1981) und Wellen im Jahre 2005 versendete sich in Minutenschnelle, indes: die Werke Eduard von Keyserlings blieben.

Denn ihm ging es, bei Lichte besehen, um das genaue Gegenteil: also um das Vorführen von Nostalgie als untaugliche Methode der Gegenwartsbewältigung.

Der Kern des Rezeptionsproblems lag von Anfang an in der Gleichsetzung von Keyserlings realer Biografie mit der Welt seiner Erzählungen und ihren Helden. Man las und liest ihn bis heute meist eins zu eins. Weil Keyserling selbst 1855 auf dem kurländischen Gut Paddern geboren wurde und die meisten seiner etwa dreißig Erzählungen und Romane auf kurländischen Gütern spielen, missverstand man sein Werk als durchaus ambitionierte Heimatliteratur. Es passte alles zu gut: Erst wurde Keyserling wegen einer kleinen Geldaffäre gesellschaftlich in der Standesgesellschaft seiner Heimat geächtet, dann wurde sein heimatliches Gut zerstört, und schließlich konnte er, der seit den 1880er Jahren im »Exil« der Schwabinger Boheme lebte, wohl aufgrund einer Syphilis nur noch auf Krücken gehen und verlor spätestens 1907 sein Augenlicht. Die Bücher seiner letzten elf Lebensjahre musste er seinen Schwestern Henriette und Elise diktieren, mit denen er in einer kargen Drei-Zimmer-Wohnung lebte. Deshalb, so die naheliegende Schlussfolgerung, schwelgt da ein hinfällig gewordener kurländischer Graf wehmütig und verklärend in seinen Jugenderinnerungen. »Der eigene körperliche Verfall ließ Keyserling die Menschen seiner Romane wie Pflanzen zeichnen, die nicht den Mut zur Blüte finden«, hieß es einmal in der FAZ. Und in der ZEIT war die Bilanz ähnlich: »Keyserling ist zu sehr Teil dieser moribunden Welt, um ihr Scheitern anders als mit melancholischer Sympathie zu beschreiben, sein Werk ist selbst Symptom der Dekadenz.« Diese, man muss es so deutlich sagen: Fehlinterpretation des Werkes als autobiografischer Bewältigungsversuch nahm ihren Ausgang im Nachruf Thomas Manns. Da sprach er mit andächtigen Worten bei Keyserling »von der Kunstwerdung seines feudalen Heimatmilieus«. Damit legte Mann auch den Grundstock für ein anderes Missverständnis: das von Keyserling als Heimatdichter. Als etwa 2005 Martin Mosebach die Neuauflage von Schwüle Tage im Manesse Verlag mit einem Nachwort versah, da sprach er vor allem über die Eigenschaft von Literatur, untergegangene Welten im Wort am Leben zu erhalten: »Für das Deutschtum im Baltikum kommt diese Rolle in besonderem Maße den Romanen und Erzählungen Eduard von Keyserlings zu.« Sic transit gloria kurlandi.

Doch es geht nicht nur um die falsche Identifikation des Werkes, der Schauplätze und der mitunter rührend-naiven Ansichten seiner Figuren mit denen des Autors. Es geht auch grundsätzlich um eine oberflächliche Deutung von Eduard von Keyserlings Sprache als duftiger »Impressionismus«. Hermann Bang etwa verglich ihn mit Turgenjew: »Beider Stil hat dieselbe Farbe, ihre Sprache hat denselben Rhythmus, das gleitende Singen eines Flusses, wenn es dämmert.« Und als Klaus Gräbner im Jahre 2008 im Steidl-Verlag neu entdeckte Zeitungsveröffentlichungen Keyserlings unter dem Titel Feiertagsgeschichten veröffentlichte, schrieb er: »Keyserling brachte Grazie in die deutsche Literatur. Die Tonart ist Champagner. Wir, die wir nach Schönheit dürsten, um die Lebenswirklichkeit ertragen zu können, brauchen Dichter wie den Grafen Keyserling.« Oder, wie Marcel Reich-Ranicki sagte, als es Keyserlings Wellen kurioserweise bis ins Literarische Quartett schafften: »Ein ganz und gar sinnliches Buch, eine schöne Liebesgeschichte.« Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Denn wenn das alles wäre, also untergehendes Baltikum, untergehende Aristokratie, beschrieben vom Westentaschen-Fontane, Liebesgeschichten zur Löschung des Schönheitsdurstes, Champagnerliteratur eben, dann würde Eduard von Keyserling zu Recht immer wieder vergessen.