Im Jahre 1914, als das alte Europa verglühte und verdämmerte, schrieb Keyserling seine Novelle Am Südhang, die Teil des sehr schönen Manesse-Sammelbandes Schwüle Tage ist. Sie ist sein Meisterwerk, weil er seine verschiedenen Stilprinzipien hier in eine perfekte Balance gebracht hat. Also: Der Sommer ist sehr groß. Die Adeligen ironisieren in ihren Dialogen den Zeitgeist wie erste Brüche im Geschlechterverhältnis, wenn etwa Daniela von Bardow zu ihrem Verehrer, dem Leutnant Karl Erdmann, sagt: »Sie sollen nicht auch kompliziert sein wollen, alle wollen jetzt kompliziert und geheimnisvoll sein, sie glauben, dann gefallen sie uns.« Wenig später, nachdem er ihr einen Liebesbrief geschrieben hat, den er für gefühlvoll hält, nimmt sie ihn in einer Gartenlaube wie mit dem Seziermesser fein säuberlich auseinander und nennt ihn Kitsch. Am Südhang ist also auch ein literarisches Monument des Sprachskeptizismus der Jahrhundertwende.

Es ist das Verdienst der Germanistik, darüber hinaus die Ironie als grundsätzliche Erzählhaltung Keyserlings benannt zu haben. Dank Richard Brinkmanns Erkenntnis, dass alle in den Erzählungen geäußerten Gedanken und Meinungen an die Perspektive der Romanfiguren gebunden sind und nicht weiter kommentiert werden, es also eine »Objektivierung des Subjektiven« gibt, ist jeder biografischen Deutung der Schloßgeschichten Keyserlings der Boden entzogen. Darauf aufbauend, hat Hannelore Gutmann in ihrer Dissertation Die erzählte Welt Eduard von Keyserlings nachgewiesen, wie die indirekte Form der Ironie Keyserlings Erzählweise von der ersten bis zur letzten Seite prägt. Diese Form wird vom Autor als Mittel der Distanz zu seinen Figuren angelegt – wodurch die dargestellte Wirklichkeit immer als subjektiv gekennzeichnet ist. Der Leser wird zur hellwachen Skepsis aufgefordert. Beda Allemann hat in seiner Theorie der literarischen Ironie wiederum gezeigt, dass gerade das Fehlen direkter Ironiesignale einen ironischen Text kennzeichnen. Gutmann kann durch die Beschreibung des ironischen Erzählverhaltens die künstlerische Souveränität des Schriftstellers belegen, womit das traditionelle Keyserling-Bild mit dem unterstellten Erzählmotiv der verklärenden Erinnerung endgültig überholt ist.

Das alles sind keine germanistischen Arabesken, sondern es führt in den Kern eines neuen Verständnisses. Als Karl Lagerfeld, der »Keyserlings Sprache liebt«, vor Kurzem Wellen als Foto-Lovestory inszenierte (siehe unsere Abbildung auf der Doppelseite), da gelang es ihm, eine kongeniale bildliche Sprache für genau jene ironische Erzählhaltung des Autors zu finden, vor der alle Verfilmungen bisher versagt haben. Lagerfeld ahnt auch, dass es gerade »der falsche Ausdruck impressionistischer Roman war, der Keyserlings Werk Unrecht tat«.

Und Am Südhang ist dafür der beste Beleg. Wegen der Liebesbrief-Rezension Daniela von Bardows (und aus Langeweile) kommt es zum Duell zwischen Karl Erdmann und seinem Nebenbuhler. Keyserling baut die gesamte Novelle klassisch auf, lässt die Handlungsbögen sich langsam steigern und alles auf den Moment des Schusses zutreiben. Doch dann verhallt das lang erwartete Ereignis im Nichts. Das Duell ist eine Farce. Beide schießen vorbei. Packen ihre Sachen. Sind enttäuscht, schon wieder kein »Erlebnis« gehabt zu haben. Wenn man schon nicht mehr auf das »Leben« hoffen kann, dann doch wenigstens auf einen »schönen Heldentod«. Aber, so muss sich Karl Erdmann gestehen, es war noch nicht einmal gefährlich gewesen, er hatte »innerlich zu große Vorbereitungen getroffen«. Enttäuschung dann auch bei der Umworbenen. Daniela wendet sich gedanklich wieder jenem früheren Hauslehrer zu, der aus unglücklicher Liebe zu ihr wenigstens gestorben ist. Karl Erdmann, der Todesgefahr entronnen, wurde unwichtig für Daniela, er war, wie er spürte, »wieder alltäglich. Jetzt verstand er, aber das Verstehen war bitterer als das Nichtverstehen.«

Nie ist einer von Keyserlings Helden weiter als Karl Erdmann hier. Doch auch an diesem Punkt, an dem ein Ausbruch möglich wäre, entscheidet er sich letztlich für die resignative Akzeptanz, das Nichtverstehen. Er reist ab. Daniela reist ab. Und seine Mutter, auf deren Gut sich das ganze Drama um Liebe und Tod abgespielt hat, ist froh, dass die Aufregung und Sehnsucht nach dem großen »Erlebnis« wieder vorbei und die alte Lebensweise wiederhergestellt ist, und erklärt: »Nun sind wir wieder in unserer Ordnung.« Und: »Morgen, denke ich, lasse ich die Pflaumen abnehmen.«

Es sind dieser völlige Sinnverlust und eine große, hilflose Orientierungslosigkeit der in ihrer Subjektivität gefangenen Romangestalten, die sich auf den Leser übertragen. Keyserlings Empfindsamkeit geht, darin dem späten Benn vergleichbar, einher mit einer kaltblütigen Fähigkeit zur Beschreibung der emotionalen und gesellschaftlichen Sollbruchstellen. Die Welt, die in seinen Büchern beschrieben ist, ist keinesfalls eine, deren Fortbestand von der Moderne bedroht ist. Es ist vielmehr eine, von der der Autor weiß, dass sie nur der Kontakt mit Aufklärung, Selbsterkenntnis, Psychologie und Moderne am Leben erhalten könnte. Die Gesellschaft geht an sich selbst zugrunde. An den unerlösten Menschen der Jahrhundertwende, die Keyserling nicht nur mit Ironie, sondern auch mit Trauer beschreibt. Sie sind gefangen in ihren zum Korsett gewordenen traditionellen Strukturen, in nicht wirklich gefühlten »Gefühlen« und nicht wirklich erlebten »Erlebnissen«. Ohne es zu ahnen, ist es Keyserling selbst, der sie alle aus ihrer Zeit befreit hat – durch sein zeitloses Werk.