1. Juli 1989, ein Samstagnachmittag in West-Berlin: Ein feierlustiger Haufen von etwa hundert Personen zieht bei Nieselregen tanzend und Bonbons werfend über den Ku’damm, zwischen ihnen zwei gemächlich rollende Pritschenwagen, von denen elektronische Musik dröhnt. Touristen und Passanten schütteln den Kopf. Die Feiernden ahnen nicht, dass sie die Gründungsmitglieder einer Bewegung sind, die das folgende Jahrzehnt prägen wird. Wie es zu der Idee kam, weiß niemand mehr so genau. Irgendwann war sie einfach da. Der DJ Matthias Roeingh, Motte genannt, wollte einen Anlass schaffen, der Menschen zusammenführt, um gemeinsam zu feiern. Unter dem Titel »Loveparade« meldete schließlich Miriam Scheffler, eine Bekannte von Motte, eine Demonstration bei der Stadt an. Motte gab der Parade das Motto »Friede, Freude, Eierkuchen«. Es ging vor allem um Spaß. Ein Jahr später nahmen bereits 2000 Tänzerinnen und Tänzer an der Parade teil, 1997 mehr als eine Million. Nach dem Jahr 2000 sanken die Besucherzahlen, schließlich zog die Technoparty ins Ruhrgebiet um. Dieses Jahr wurde die in Bochum geplante Loveparade abgesagt. Die Stadt sah sich dem Party-Ansturm nicht gewachsen.

Wer war am 1. Juli 1989 dabei? Was ist aus den Teilnehmern geworden? Von etwa hundert konnten wir 72 Namen ausfindig machen:

Thomas Andrezak, »DJ Tanith«, 46, legte 1989 im Club UFO auf, in den neunziger Jahren führte ihn seine Arbeit als DJ um die ganze Welt. Er arbeitet heute noch immer als DJ und Musikproduzent

Frank Bankowsky, 48, machte damals sein Abitur nach. Er arbeitet heute als Stylist für Werbefilme in Hamburg

Fiona Bennett, 42, nutzte die erste Loveparade, um ihre Hüte vorzuführen, zusammen mit Elisabeth Prantner und Danielle de Picciotto. Sie arbeitet noch immer als Hutmacherin, zu ihren Kunden zählen Brad Pitt und Christina Aguilera

Helge Birkelbach, 47, gründete kurz nach der ersten Loveparade zusammen mit Marc Wohlrabe das Stadtmagazin »Flyer«, später war er Chefredakteur einer Fachzeitschrift für klassische Musik. Heute leitet er die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerthauses Berlin

Harald Blüchel, »DJ Cosmic Baby«, 46, war damals Tontechnikstudent. 1991 hatte er seinen ersten Auftritt als DJ. 1993 arbeitete er mit »Kid Paul« ( Paul Schmitz-Moormann) zusammen, später auch mit »Paul van Dyk«. Produziert heute Theatermusik

Natasha Borbein, 39, entwarf bis Mitte der neunziger Jahre Mode für ihre Marke borbeinberlin. Arbeitet heute als Eventmanagerin

John Borneman, 57, hatte gerade seine Dissertation in Harvard vollendet, als er die erste Loveparade zufällig auf dem Ku’damm entdeckte – und spontan mittanzte. Noch heute beschäftigt sich der Professor der Princeton University mit der Soziologie von Massenfeiern

Lena Braun, 48, leitete 1989 eine Galerie. Heute arbeitet sie als Kuratorin und Künstlerin. Seit 1993 ist sie auch unter dem Namen »Queen Barbie« bekannt

Jürgen Ellberg, »Hugo«, 56, war damals freier Mitarbeiter einer Fernseh- produktionsfirma. Heute arbeitet er bei Radio Ostfriesland, einem Bürgerradio

Sabine Fischer, genannt »Königin von Berlin«, 44, studierte 1989 an der TU Berlin. Inzwischen ist sie Medienberaterin und Dozentin. 2004 gewann sie den Grimmepreis für die Internetseiten zum ARD-Film »Stauffenberg«

Diedrich Franck, 49, war junger Rechtsanwalt, womöglich der einzige Jurist bei der ersten Parade. Heute betreut er Bauvorhaben in Prenzlauer Berg in Berlin

Michael Gall, »Mike G«, 44, arbeitete als Tonassistent beim Fernsehen. Später wurde er DJ. Und blieb es. Er arbeitet im Berliner Club Spindler & Klatt

Ulrich Glasneck, »Ulli«, 41, nahm auf Krücken an der ersten Loveparade teil, da er kurz zuvor einen Autounfall hatte – nach einer Acid-House-Party. Arbeitet heute in einer Brillenmanufaktur

Helmut Heimann, 52, moderierte die SFB-Sendung »SF beat«, heute präsentiert er die Sendung »Experience« beim Berliner Sender Radio Eins

Frank Hillesheim, 43, war 1989 Maler und Lackierer. Heute arbeitet er bei der Post in Erding bei München und legt gelegentlich bei Dorffesten selbst auf

Eric Hopf, 44, war 1989 Student der Philosophie und Türsteher im Club 90 Grad. Heute ist er Inhaber einer Marketingagentur

Inga Humpe, 53, war damals schon bekannt als Sängerin des Schwesternduos Humpe & Humpe. Heute ist sie sehr erfolgreich mit ihrer Band 2raumwohnung

Klaus Jankuhn, 44, produzierte fünf Jahre nach der ersten Loveparade Marushas Techno-Hit »Somewhere Over the Rainbow«. Er arbeitet noch heute als Musikproduzent

Clemens Kahlcke, »Clé«, 42, arbeitet seit 1989 als DJ und Musiker. Er hat zahlreiche Techno-Remixe deutscher Popsongs produziert

Krystian Kolbe, »Krypton«, 52, entwarf das erste Flugblatt der Loveparade. Heute arbeitet er als freier Layouter

Tilman Leitzbach, 50, war damals Tech- nischer Leiter am Jungen Theater Berlin. Nach ein paar Jahren in der Filmproduktion kehrte er als freischaffender Bühnen- techniker zum Theater zurück