Martenstein Das E-Mail-Duell

Unser Kolumnist entdeckt eine neue literarische Form. Er und ein anderer berühmter Autor duellieren sich elektronisch.

Eine E-Mail traf ein, von einem anderen Autor. Er ist berühmt. Sein Name sei Gantenbein. Gantenbein also schrieb: »Ich habe Ihre Kolumne gelesen, lieber Kollege. Großartig. Meine Verehrung.«

Zufällig schätze ich Gantenbeins Texte, ein Gantenbeinsches Lob lässt mich keineswegs kalt. Er ist viel sensibler und genauer als ich. Ich schrieb zurück: »Verehrter Herr Gantenbein, Sie sind seit Langem einer meiner Lieblingsautoren, deshalb besonders herzlichen Dank.«

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Vielleicht war das ein wenig kurz, oder lapidar. Ich mache nicht gern unnötig viele Worte. Ich schreibe nicht Barock, ich schreibe Bauhaus. Gantenbein, mit seiner Sensibilität, würde es schon richtig auffassen.

Am nächsten Tag kam eine Antwort. Ich hatte nicht mit einer Antwort gerechnet. »Lieber M., es freut mich ungemein, dass Sie mein Werk ein wenig mögen. Das bedeutet mir viel. Ich bin überrascht und beglückt.« Und so weiter. Gantenbeins E-Mail hatte zwölf Zeilen. Sie klang warm, herzlich, uneitel, es war ein ausführlicher, freundlicher Dankesbrief. Ich fühlte mich beschämt, weil ich ihn auf sein Lob hin mit einem billigen Satz von eineinhalb Zeilen abgespeist hatte. Er dagegen hatte sich auf mein Lob hin richtig Mühe gegeben. Er hatte in seine Antwort immer wieder Lorbeerkränze für mich eingeflochten, Formulierungen wie »gerade Sie« oder »verehrter Meister«.

Solch eine Botschaft konnte ich nicht einfach im Raum stehen lassen. Schweigen wäre, in dieser Situation, passiv-aggressiv gewesen. Aber was, um Himmels willen, sollte ich ihm sagen? Ich hatte ihm doch schon alles gesagt, was ich sagen konnte. Ich entschied mich für folgende Lösung: »Lieber Herr Gantenbein, Ihre ausführliche Antwort hat mich beschämt, zumal ich selber Sie mit einem Satz von eineinhalb Zeilen abgespeist habe. Sie dagegen haben sich richtig Mühe gegeben, Sie sind eben einfach der Größte. Nochmals vielen Dank.«

Leser-Kommentare
  1. Nicht nur eine neue literarische Form haben Sie entdeckt, sondern auch ein neues Wort endgültig etabliert:
    Die Primanerblase.
    Bislang als "Sextanerblase" und in der DDR auch als "Pionierblase" bezeichnet, beschrieb dies den Umstand, daß diese Gruppen, Fünftklässler und junge Pioniere, angeblich schlechter das Wasser halten können.
    Primaner gehören möglicherweise auch dazu, besonders wenn sie im Übermaß dem Bier zusprechen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    So neu ist die Primanerblase denn doch nicht. Kannte schon mein Grossvater (der war Arzt).

    Und Jacques Brel hat vor 50 Jahren so wundervoll getextet: "Beim Bier ist es wenn der Abiturient den Tripper erkennt weil's vorne so brennt"

    Aber im Ernst: email ist eine tolle Kommunikationsform, aber viele Leute koennen damit noch nicht effektiv umgehen.

    So neu ist die Primanerblase denn doch nicht. Kannte schon mein Grossvater (der war Arzt).

    Und Jacques Brel hat vor 50 Jahren so wundervoll getextet: "Beim Bier ist es wenn der Abiturient den Tripper erkennt weil's vorne so brennt"

    Aber im Ernst: email ist eine tolle Kommunikationsform, aber viele Leute koennen damit noch nicht effektiv umgehen.

  2. kurze nette begegnung mit dem gantenbein-freund beim sommerfest der berliner festspiele -> http://nahportrait.blogsp...

    gerald angerer aka lokalreporter

  3. Wenn ich so alt werde wie Sie, möchte ich auch so gut sein in diesem Wahnsinn.

    Da ich allerdings oft völlig zu Recht, aber strategisch unklug, beleidigend werde, beschäftige ich mich mittlerweile auch ausgiebig mit Hypochondrie. Ist so was ähnliches wie Autogenes Training. Nur, dass man am Ende halt stirbt. Ich zumindest strebe eine Krankheit an, bei der das Herz ganz langsam wird, bevor alles ganz warm und rosa wird. Und als nächstes sind überall portugiesische Krankenschwestern, die mir Galao umsonst bringen.

    Ok, mehr als 6 Zeilen von dem Mist kann ich auch selbst nicht ertragen.

  4. So neu ist die Primanerblase denn doch nicht. Kannte schon mein Grossvater (der war Arzt).

    Und Jacques Brel hat vor 50 Jahren so wundervoll getextet: "Beim Bier ist es wenn der Abiturient den Tripper erkennt weil's vorne so brennt"

    Aber im Ernst: email ist eine tolle Kommunikationsform, aber viele Leute koennen damit noch nicht effektiv umgehen.

    Antwort auf "Das E-Mail-Duell"
  5. Sehr geehrter Herr Martenstein,

    Sie beschreiben hier sehr schön ein ganz neues Phänomen, dass im Zeitalter der elektronischen Kommunikation aufgekommen ist.

    Es gibt nämlich keinen "Ende-Schalter" sondern nur einen "AntwortenButton" im gemeinen email Programm. Sie haben mit dem "Löschen" (und das auch noch vor dem Lesen) einen sehr pragmatischen Lösungsweg gefunden. Gut gemacht.

    Unter manche meiner mails setze ich drunter: "Eine Antwort ist nicht erforderlich".
    Aber bei sensiblen Empfängern führt das sicher auch manches mal zu tagelangem Grübeln.

    Tja, schöne neue Welt. Schöne neue Kommunikation. Und alles geht so schnell. Man sieht es mal wieder deutlich.

    peter schneider

  6. Ich las Martenstein-Kolumen voller Genuß, bis an dem Tag, wo ich ihn sah, in einem Video. Jetzt nichts gegen sein Aussehen. Er entsprach bloß nicht meiner Phantasie. Wo es doch gerade die Phantasie ist, die beim Lesen die schönsten Ränke und Schwänke schmiedet. Aber ich lese ihn weiter gerne. Aber Videos von ihm brauche ich nicht.

  7. Im Mail-Programm die Schrift GROESSER einstellen, das ergibt automatisch mehr Zeilen, zack! Dieser Rat kostet nix.

    • Kometa
    • 29.10.2011 um 11:04 Uhr

    Alte Story. Max Frisch kann der abgeblitzte Schreiber nicht sein.
    Banale Frage (bitte, nicht antworten): Waurm? Äh: Warum?

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