Friedrich Becker ist begehrt. Der Chemotechniker sitzt in einer der hinteren Stuhlreihen im großen Saal der Berliner Jerusalemkirche und kann sich vor Anfragen kaum retten. In dem Kreuzberger Tagungszentrum findet die Abschlusskonferenz des Forschungsprojekts NanoCare statt. An diesem Mittwochvormittag wollen Vertreter des Konsortiums mit Bürgern über Nanotechnologie sprechen. »NanoCare im Dialog« heißt die Veranstaltung, und es gibt nur einen Schönheitsfehler: Becker ist der einzige Bürger.

Harald Krug kennt das schon. Fast drei Jahre lang hat der Toxikologe das Projekt geleitet, in dem ein Verbund aus Forschungseinrichtungen und Industrie Nanopartikel auf ein mögliches Gesundheitsrisiko für den Menschen hin überprüfen sollte. Drei Bürgerdialoge fanden in dieser Zeit statt, und fast immer saßen die Veranstalter vor einem leeren Saal. »Nicht mal mit Gratisessen und -getränken konnten wir die Leute locken«, sagt Krug verzweifelt.

Trotz des mangelnden Publikumsinteresses ist der Saal in der Jerusalemkirche voll geworden. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sind gut vertreten und weitgehend unter sich, dazu kommen vereinzelte Vertreter von Umweltverbänden und Versicherungskonzernen.

33 Milliarden Euro Umsatz hat Deutschland im Jahr 2007 mit der Nanotechnologie erwirtschaftet, mehr als 60.000 Arbeitsplätze hängen inzwischen davon ab. 290 Millionen Euro an Steuergeldern fließen jährlich in die Förderung der neuen Technologie.

Längst stehen in den Supermarktregalen die ersten Produkte, die Nanopartikel enthalten. Nano bedeutet sehr klein – der Durchmesser eines Menschenhaares ist fünfhundertmal größer – und es birgt neuartige Eigenschaften. Nanoteilchen sind in Fensterreinigern und Autolacken enthalten, in Lebensmitteln und Sonnencremes. Eine Kennzeichnungspflicht gibt es bisher nicht. Dabei weiß die Wissenschaft noch nicht, was mit den winzigen Partikeln aus Aluminiumoxid oder Silber passiert, wenn sie in den Körper gelangen: Kohlenstoffnanoröhren etwa, die in superleichten Tennisschlägern stecken, können in ungebundener Form in das Lungengewebe von Ratten eindringen und dort Entzündungen und Gewebeveränderungen hervorrufen. Die krebserregende Wirkung des ebenfalls faserförmigen Minerals Asbest wurde erst nach Jahrzehnten entdeckt – bisher lässt sich nicht sicher ausschließen, dass manche Nanopartikel ähnlich verheerende Spätfolgen haben.

Was ist los mit den Deutschen? Eine Technik, deren Folgen für Mensch und Gesellschaft noch nicht ansatzweise abzusehen sind, erobert den Alltag. Das führte bisher stets zu einem öffentlichen Aufschrei. In Großbritannien vollzog sich ein gesellschaftlicher Diskurs zumindest im Ansatz, nachdem Prinz Charles 2003 medienwirksam (und ohne große Sachkenntnis) vor den unberechenbaren Gefahren der Nanopartikel gewarnt hatte. Wissenschaftler ärgerten sich über »Panikmache«, nahmen Stellung, und schon war der schönste Streit im Gange. Anders in Deutschland: Hier bleibt die öffentliche Diskussion bis heute aus.

Möglicherweise liegt das daran, dass die Bürger sich unter Nanotechnologie einfach nichts vorstellen können. Diesen Schluss legt zumindest eine Umfrage nahe, die das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im vergangenen Jahr veröffentlichte: Die Hälfte der Befragten konnte mit dem Begriff nichts anfangen. Verwunderlich ist das nicht – das Etikett »Nano« wird inflationär vergeben, auch dort, wo die Einordnung kaum Sinn ergibt. Was eine wasserabweisende Oberflächenbeschichtung mit der Keramikmembran in einer Brennstoffzelle und mit neuen Krebstherapien zu tun hat, kann der Normalverbraucher unmöglich verstehen.

Einen einheitlicher Entwicklungsstand gibt es ebenfalls nicht: Während an vielen Instituten noch Grundlagenforschung betrieben wird, sind in manchen Industriezweigen schon fertige Nanoprodukte auf dem Markt. »Nano ist nicht gleich Nano«, bringt es Thomas Rachel auf den Punkt, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung und Bildung. Die einzige Gemeinsamkeit der vielen Anwendungen besteht darin, dass Partikel in Nanometergröße verwendet werden, und dieses System leuchtet den Bürgern nicht ein. »Stellen Sie sich mal vor, jemand sagt zu Ihnen: Wir wollen mit Ihnen über alle Gegenstände reden, die kleiner sind als ein Meter«, sagt Monika Büning vom Bundesverband der Verbraucherverbände. »Da würden Sie doch auch nicht kommen.«