In der Falle des Totalitarismus

Anfang der sechziger Jahre prangerte der polnische Philosoph Leszek Kolakowski die politische und geistige Quintessenz des Stalinismus als die »Erpressung mit der einzigen Alternative« an. Wer nicht für die jeweils offizielle kommunistische Losung eintrat, war gegen den Sozialismus. Etwas Drittes war nicht erlaubt.

Wer heute das Bekenntnis zum Satz »Die DDR war ein Unrechtsstaat« als Lackmustest für eine demokratische Gesinnung erzwingen will, steht in der Nachfolge der Erpressung mit der einzigen Alternative. Denn wer dagegen differenzierter argumentieren und die historische Wirklichkeit in den Blick nehmen will, steht sofort unter Verdacht, das DDR-Unrecht zu bagatellisieren.

Diese Erpressung ist mit den normativen Grundlagen unserer rechtsstaatlichen pluralistischen Demokratie unvereinbar. Diese muss um ihrer existenziellen Freiheit willen verteidigen, dass es zu politischen Fragen legitimerweise unterschiedliche Antworten geben kann. Dass man nachdenken und differenzieren darf, ohne des Verrats an Freiheit und Moral verdächtigt zu werden.

In der aktuellen Auseinandersetzung um den Begriff »Unrechtsstaat« zeigt sich erneut, dass reine Gegnerschaft als Grundlage für die Demokratie nicht ausreicht. Solche Gegnerschaft steht im Gegenteil in der Gefahr, von ihrem Objekt »dialektisch« geprägt zu sein und dessen wesentliche bekämpfte Eigenschaften – unbewusst – fortzusetzen. Viele 68er setzten im Kampf gegen ihre nationalsozialistischen Väter deren intolerante und inhumane Haltung fort. Die meisten haben später zwischen intoleranter Gegnerschaft und der Liberalität demokratischen Streits zu unterscheiden gelernt.

Deshalb wende ich mich gegen eine monopolistische Deutung der DDR als »Unrechtsstaat«. Dabei verstehe ich die Gründe, warum andere sie so bezeichnen, durchaus: fehlende Menschen- und Bürgerrechte, keine Gewaltenteilung, keine unabhängige Justiz, keine freien Wahlen. Ich habe das Regime der DDR selbst unzählige Male so oder ganz ähnlich kritisiert, die DDR als Diktatur bezeichnet und öffentlich hinzugefügt, dass deswegen zum Beispiel auch die »Errungenschaften« im Kindergarten- oder Schulsystem immer unter diesem fundamental einschränkenden Vorzeichen gesehen werden müssen.

Dabei folge ich der berühmten Analyse, die der Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel aus eigener Erfahrung über den NS-Staat vorgelegt hat. Er unterscheidet in seinem Buch über den Doppelstaat zwischen dem »Normenstaat« und dem »Maßnahmenstaat«, dessen Dualität das »Dritte Reich« geprägt hat. Während der »Normenstaat« um des möglichst reibungslosen Funktionierens von Wirtschaft und Gesellschaft willen in vielen Bereichen die rechtsstaatliche Tradition der Weimarer Republik fortsetzte, konnte die NSDAP im »Maßnahmenstaat« den »Normenstaat« jederzeit willkürlich außer Kraft setzen. Auch die SED konnte jederzeit die rechtsförmigen Verfahren aussetzen und hat das mit ihrer marxistisch-leninistisch »legitimierten« Avantgarderolle gerechtfertigt. Daher war und blieb die DDR nicht nur eine Diktatur, sondern auch ein Ort, an dem aus Mangel an Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung Willkür jederzeit praktiziert werden konnte und von der SED auch praktiziert wurde.

Wer nun über diese Qualifizierungen hinaus auf der totalisierenden Bezeichnung »Unrechtsstaat« besteht, muss mehr wollen und schließt de facto auch mehr ein. Denn das totalisierende Wort »Unrechtsstaat« verweist auf die Gestalt der gesamten ostdeutschen Lebenswirklichkeit. Während man sich der Mitgliedschaft in der herrschenden Einheitspartei SED, erst recht in der Stasi entziehen konnte, blieb der Staat der DDR das unvermeidbar umfassende politische Gehäuse aller Ostdeutschen. Der Staat ist keine separate Organisation innerhalb oder neben der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft in ihrer politischen Verfasstheit. Wird der Staat pauschal zum »Unrechtsstaat« gemacht, folgen daraus auch Wertungen für die Lebenswirklichkeit der Menschen. Das gilt in der Interpretation des »Unrechtsstaates« im Übrigen ohne historische Veränderung über die gesamten vierzig Jahre, Veränderungen in der Realität des Regimes werden so ausgeblendet. In dieser Sicht macht es auch keinen Unterschied, ob man FDJ-Funktionär, Naturwissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften der DDR war oder marxistisch-leninistischer Indoktrinierer. So konnte es kein »richtiges« Leben im »falschen« geben.

Es macht also einen Unterschied aus, ob man den Menschen in der DDR, die seit dem Mauerbau Gefangene dieses Staates waren, pauschal unterstellt, dass sie sich als Staatsbürger in ihrem beruflichen wie privaten Leben an diesem Unrecht beteiligt haben, weil sie unvermeidbar involviert waren, oder ob man ihnen innerhalb des Staates der DDR die Möglichkeit rechtlichen Handelns einräumt. Entweder der DDR-Staat hat als »Unrechtsstaat« 40 Jahre lang jede Schule, jeden Kindergarten, jedes Bauamt geprägt und die Menschen jederzeit in sein Unrecht gleichsam hineingezogen. Dann verliert die gegenwärtig gängige und »politisch korrekte« Unterscheidung zwischen den Menschen und dem politischen System, unter dem sie leben mussten, jeden Sinn. Denn dann mussten sich alle kompromittieren. Oder man konzediert, dass es analog zu Fraenkels »Normenstaat« Bereiche im Staat der DDR gab, in denen es trotz des Damoklesschwerts der SED-Willkür faktisch, wenn auch nie gesichert, auch rechtlich zuging. In denen die Menschen sich auch um Rechtlichkeit bemühten. Um diese Unterscheidung geht es mir in der Abwehr der totalisierenden Deutung des »Unrechtsstaats«.

Genau diese Unterscheidung spüren die meisten Menschen in Ostdeutschland genau. Wenn man sich im Alltag mit ihnen unterhält, hat der oft rhetorisch geforderte Dialog zwischen Ost- und Westdeutschen Konsequenzen. Wenn viele Ostdeutsche sich von den Westdeutschen moralisch als Menschen zweiter Klasse behandelt fühlen, dann vor allem deshalb, weil viele Westdeutsche sich vom »sicheren Hafen« des bundesrepublikanischen freiheitlichen Rechtsstaates aus berechtigt meinen, die Bürger des »Unrechtsstaats« DDR unter einen moralischen Generalverdacht zu stellen. Das am vergangenen Tag der deutschen Einheit vermutlich gut gemeinte offizielle Plädoyer gegenüber den Westdeutschen, die Ostdeutschen, wenn sie sich nicht schuldig gemacht haben (sic!), doch anzuerkennen, bekräftigt diese gedankenlose Anmaßung vieler Westdeutscher.

Es geht mithin überhaupt nicht darum, das Unrecht, das von der SED in der DDR praktiziert wurde, zu bagatellisieren. Die Rechtsbereiche im Staat der DDR hat sie nicht freiwillig oder aus rechtsstaatlichem Bewusstsein geschaffen, sondern infolge der Widerständigkeit der Gesellschaft gegen einen totalen politisierenden Willkür- und Unrechtsanspruch konzedieren müssen. Und je länger die DDR dauerte, desto mehr. Widerständigkeit konnte von aktivem lebens- oder freiheitsriskierendem Widerstand bis zu geschickten Praktiken gegen die SED-Herrschaft oder neben ihr reichen – aus einem alltäglichen Gerechtigkeitsgefühl heraus, das ja den Ostdeutschen nicht einfach abhandengekommen war.

Wird man den Opfern des SED-Unrechts mit einer solchen Unterscheidung gerecht? Jedenfalls eher als mit einem Pauschalverdacht des »Unrechtsstaats«, in dessen Folge alle Katzen grau sind. Viele Bürgerrechtler vermeiden deshalb ihrerseits diesen Begriff. Was sie zu Recht kränkt, ist die Entwertung ihres persönlichen Muts, ihrer Opferbereitschaft und ihres Leids.

Die Diktatur wurde den Ostdeutschen auferlegt. Der totalisierende »Unrechtsstaat« stellt sie flächendeckend moralisch unter Verdacht. In der rechtsstaatlichen Demokratie des vereinigten Deutschland gilt aber zunächst die Unschuldsvermutung für alle Bürger – nicht nur für die westdeutschen.

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Leser-Kommentare

  1. anhand des Staatsbegriffs: dass es nicht eine unpolitische und eine politische Sphäre gibt, ist ja klar. Aber trotzdem wird Staat idR mit politischer Organisation und Machtausübung assoziiert.

    Der ganze Fortgang der kleinkarierten parteipolitischen Auseinandersetzung mit "Unrechtsstaat" - vor allen seitens der "Linken" und der sich nach allen Seiten streckenden SPD- erinnert mich eher an die "Großvater-war-kein-Verbrecher-Debatten".

    Gesine Schwan bestätigt mich mit ihren Beiträgen zur Befriedigung der ostdeutschen Sonderbefindlichkeiten darin, dass es keine Alternative zu Köhler gab.

  2. Peter Brückner, ein geistiger und moralischer Mentor der 68er, ist im Dritten Reich freiwillig in die NSDAP eingetreten, wozu er sich in seiner Autobiographie auch bekennt. Er war wegen seines Individualismus und seiner halbjüdischen Abstammung besonders gefährdet und hat sich gedacht: Ich muss den Machthabern irgendwie Tribut zollen, zumindest den Eindruck erwecken, dass ich Tribut zolle - vielleicht haben sie mich dann weniger im Visier, und eine einfache Mitgliedschaft kostet mich nicht viel, ich muss dafür nicht viel opfern.

    Hat einer in der DDR der Stasi was verraten, warum? Oft sicher aus niederen Beweggründen: Um einem Feind eins auszuwischen. Um sich lieb Kind zu machen und seine Karriere abzusichern. Aber oft sicher auch aus Angst: Wenn ich denen Tribut zolle, haben sie mich weniger auf dem Kieker. Also verrate ich ihnen was.

    Man kann nicht alle IMs über einen Kamm scheren, was aber viele Westdeutsche tun: Es ist so ein erhebendes Gefühl, zu den Guten zu gehören und Sünder zu verdammen. Auch die 68er haben dieses Gefühl ausgiebig genossen!

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    Wo bitte schön werden alle IMs über einen Kamm geschoren ? Jedem halbwegs denkenden Menschen ist auch klar, dass nicht alle DDR-Bürger Unmenschen oder Kriminelle waren. Trotzdem war die DDR ein Unrechtsstaat. Das ist und bleibt Fakt. Der Begriff umfasst auch nicht, wie Frau Schwan behauptet, die gesamte ostdeutsche Lebenswirklichkeit. Dass absolut alles in der BRD rechtens ist und sich jeder Bürger rechtmäßig verhält, wird Frau Schwan nicht behaupten, aber ein Rechtsstaat ist sie trotzdem. Weil sie nämlich auf einem weltweit einzigartigen Fundament namens Grundgesetz gebaut ist, welches die Würde eines jeden Einzelnen ausdrücklich schützt und jedes staatliche Organ in den Dienst des Rechts stellt.
    Und ein solches Fundament hatte die DDR niemals. Natürlich kann einem auch in der BRD Unrecht geschehen, aber es ist nicht Programm, und da liegt der grosse Unterschied. Der Bürger der BRD ist nach dem Gesetz SUBJEKT und mündig, und nicht OBJEKT staatlichen Handelns.
    Der Begriff Unrechtsstaat ist in diesem Sinne absolut nicht kränkend, sondern passend und beinhaltet keine persönliche Wertung.

    Dass einem für diese Sichtweise unbewusste Intoleranz im Sinne der 68er unterstellt wird, halte ich für ziemlich uncharmant von Frau Schwan ;)

    Dass sich einige Ostdeutsche auf den Schlips getreten fühlen, liegt an den Ostdeutschen, nicht an den Westdeutschen. Wer die Entpersönlichung in der DDR miterleben durfte und sich dort halbwegs auskennt, dem ist klar, dass die Anerkennung, die den Menschen dort fehlt, Ihnen vom System genommen wurde, und nicht von den Westdeutschen. Deshalb zieht die Argumentation von Frau Schwan nicht. Mag ja sein, dass einige Intolerante im Westen den Finger auf die Wunde legen mit unqualifizierten Kommentaren über Lebenswege, in die sie sich nicht annähernd einfühlen können. Aber geschlagen wurde die Wunde von anderen.

  3. ...frau schwan argumentiert wie meine omma, die den bdm eigentlich ganz nett fand, wegen der gemeinschaft dort. von politischer indoktrinierung habe sie nix gemerkt.

    ich will die nazis nun weiß gott nicht mit der ddr gleichsetzen, aber wenn man den schwan'schen gedankenansatz konsequent zuendeführt, kommt man sehr schnell in die trüben gewässer des relativismus.

    die unrechtsstaats-debatte sollte vielmehr als das gesehen werden, was sie ist: ein kollektiver versuch eines konservativen rollbacks, der die umdeutung wesentlicher teile der deutschen nachkriegsgeschichte zum ziel hat.

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    Sich an seinen Omas zu orientieren, ist meistens keine schlechte Idee.
    Meine Oma, Jahrgang 1908, ist in ihrem Leben nur einmal umgezogen bzw. vertrieben worden. Dennoch hat sie 5 Staaten erlebt, die sich jeweils als unausweichlicher Ziel- und Höhepunkt der Entwicklung sahen und einen erheblichen Teil ihrer Legitimität aus der Abgrenzung von ihrem Vorgänger bezogen.

    Ihre ersten 10 Jahre hat sie das Hohelied auf die Monarchie Habsburg und das völkerverbindende K.u.K. gehört.
    Dann folgten 20 Jahre Tschechoslowakei, in denen sie lernte, was für Verbrecher in Wien saßen und welches Glück es sei, endlich als freier tschechoslowakischer Staatsbürger deutscher Nationalität leben zu dürfen.
    Als sie 30 Jahre alt war, holte sie der Gröfaz "heim ins Reich". Nun war allenthalben die Rede von den Gräueltaten der Tschechen und vom Glanz des 1000jährigen Reiches. Als sich dieses 7 Jahre später in Trümmern verabschiedete erfuhr sie, dass u.U. jeder Einzelne für staatliches Unrecht in Haftung genommen werden kann. In ihrem Fall sah das so aus, dass sie als vogelfreie Trägerin der weißen "N"- Armbinde (N wie Nemec, also deutsch) samt ihren 4 Kindern mit vielen anderen über das Sudetengebirge nach Sachsen geprügelt wurde.

    Während der DDR-Zeit waren die Medien voll von den Erinnerungen der Antifaschisten und der sich auf sie berufenden SED-Kader. Nach deren Lesart war die Nazizeit die unverholene terroristische Machtausübung des deutschen Großkapitals und die DDR-Diktatur die legitime Antwort darauf und gleichzeitig Höhepunkt der deutschen Geschichte.
    40 Jahre lang hatte sie das "Glück", im Paradies der Werktätigen zu leben und zu sehen, wie aus ihren ehemals bettelarmen Flüchtlingskindern gestandene Familien wurden. Durch Fleiß, staatliche Förderung und ja, auch durch Anpassung.

    Auf ihre alten Tage kam dann der Rechtsstaat des vereinigten Deutschlands über sie und erklärte ihr, dass der ganze Kram vorher samt und sonders Unrecht war und deshalb auf den Müll der Geschichte gehöre. Der jetzige Staat sei nunmehr der einzig legitime in ihrem Leben.
    Als sie 1999 starb, hatte sie für Politik nicht mal mehr ein Lächeln übrig...

  4. ist ein politischer Kampfbegriff, der lediglich plakativ zur Charakterisierung der DDR verwendet wird. Insoweit geht es etwas zu weit, dies so zu interpretieren, dass alle DDR Bürger in das "Unrecht" verstrickt waren. Der Begriff ist in letzter Zeit auch deshalb wieder aus der Mottenkiste geholt worden, weil vielfach eine nachträgliche Verklärung der DDR vorgenommen wird und die gewaltigen Schwächen dieses Staates einfach ausgeblendet werden. Die DDR hatte keine unabhängige Justiz, sie hat Gegner und andersdenkende gnadenlos verfolgt, ihre eigene Bevölkerung umfassend bespitzelt und an der Grenze skrupellos Menschen erschossen. Das macht nicht alle Menschen, die in der DDR gelebt gelbt haben zu Komplizen, allerdings chrakterisiert dies die DDR als ein totalitäre Diktatur, die ausserhalb der Ideologie keinerlei unabhängiges Recht anerkannte.

  5. Es gibt sehr wohl einen Unterschied zwischen:

    "Die DDR war kein Rechtsstaat."
    und
    "Die DDR war ein Unrechtsstaat."

    Letzteres suggeriert, wie Frau Schwan es sehr gut ausdrückt, dass sämtliche Lebensbereiche durch permanentes staatliches Unrecht bestimmt waren. Das widerspricht eben der persönlichen Erfahrung der meisten Ostdeutschen. Und hier geht es keineswegs darum, die DDR von irgendetwas reinwaschen zu wollen. Der Begriff ist einfach polemisch und für die Analyse egal welcher Diktatur komplett ungeeignet.

    Dazu ist er eigentlich auch nicht gedacht. Der Unrechtsstaat ist nur dazu gut, den "Rechtsstaat" Bundesrepublik in einem besonders hellen Licht erstrahlen zu lassen. Leider war der "Unrechtsstaat" nie in der Mottenkiste, in die er ganz ohne Zweifel gehört. Sonst hätte es nicht einen solchen Aufschrei gegeben, als Frau Schwan kurz vor der Bundespräsidentenwahl dieses Thema - leider etwas kamikazemäßig - schon einmal angesprochen hatte.

    Und wenn sich in den letzten Jahren die Nachrichten darüber häufen, dass die Ostdeutschen ein zu positives Bild von der DDR haben, so liegt das auch an dieser Art polemischer Fragestellungen. Es ist nicht möglich, differenziert etwas über die Geschichte der DDR zu sagen, ohne sofort der Ostalgie angeklagt zu werden. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob hier etwas nachgeholt wird, was in der Bundesrepublik der 1950er Jahre versäumt wurde.

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    "Der Unrechtsstaat ist nur dazu gut, den "Rechtsstaat" Bundesrepublik in einem besonders hellen Licht erstrahlen zu lassen."

    Möglicherweise drückt der Begriff Unrechtsstaat die graue Dunkelheit des politischen Systems in der DDR einfach treffender aus und kommt zum Punkt.

    "Letzteres suggeriert, wie Frau Schwan es sehr gut ausdrückt, dass sämtliche Lebensbereiche durch permanentes staatliches Unrecht bestimmt waren."

    Naja, man muss sich Frau Schwans Autosuggestion ja nicht zu eigen machen und darf auch selbst denken.

    • 30.06.2009 um 14:34 Uhr
    • colca

    Sich an seinen Omas zu orientieren, ist meistens keine schlechte Idee.
    Meine Oma, Jahrgang 1908, ist in ihrem Leben nur einmal umgezogen bzw. vertrieben worden. Dennoch hat sie 5 Staaten erlebt, die sich jeweils als unausweichlicher Ziel- und Höhepunkt der Entwicklung sahen und einen erheblichen Teil ihrer Legitimität aus der Abgrenzung von ihrem Vorgänger bezogen.

    Ihre ersten 10 Jahre hat sie das Hohelied auf die Monarchie Habsburg und das völkerverbindende K.u.K. gehört.
    Dann folgten 20 Jahre Tschechoslowakei, in denen sie lernte, was für Verbrecher in Wien saßen und welches Glück es sei, endlich als freier tschechoslowakischer Staatsbürger deutscher Nationalität leben zu dürfen.
    Als sie 30 Jahre alt war, holte sie der Gröfaz "heim ins Reich". Nun war allenthalben die Rede von den Gräueltaten der Tschechen und vom Glanz des 1000jährigen Reiches. Als sich dieses 7 Jahre später in Trümmern verabschiedete erfuhr sie, dass u.U. jeder Einzelne für staatliches Unrecht in Haftung genommen werden kann. In ihrem Fall sah das so aus, dass sie als vogelfreie Trägerin der weißen "N"- Armbinde (N wie Nemec, also deutsch) samt ihren 4 Kindern mit vielen anderen über das Sudetengebirge nach Sachsen geprügelt wurde.

    Während der DDR-Zeit waren die Medien voll von den Erinnerungen der Antifaschisten und der sich auf sie berufenden SED-Kader. Nach deren Lesart war die Nazizeit die unverholene terroristische Machtausübung des deutschen Großkapitals und die DDR-Diktatur die legitime Antwort darauf und gleichzeitig Höhepunkt der deutschen Geschichte.
    40 Jahre lang hatte sie das "Glück", im Paradies der Werktätigen zu leben und zu sehen, wie aus ihren ehemals bettelarmen Flüchtlingskindern gestandene Familien wurden. Durch Fleiß, staatliche Förderung und ja, auch durch Anpassung.

    Auf ihre alten Tage kam dann der Rechtsstaat des vereinigten Deutschlands über sie und erklärte ihr, dass der ganze Kram vorher samt und sonders Unrecht war und deshalb auf den Müll der Geschichte gehöre. Der jetzige Staat sei nunmehr der einzig legitime in ihrem Leben.
    Als sie 1999 starb, hatte sie für Politik nicht mal mehr ein Lächeln übrig...

    Antwort auf "weiha,..."
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    [entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion; svb]

    Ihre Oma würde heute stolz auf Sie sein. Am wunderbaren Beispiel ihrer eigenen Familiengeschichte haben Sie anschaulich und nachvollziebar die verlogene Unrechtsstaat-Kampagne als das entlarvt, was sie ist.

    Dieser Aufstand der Aufrechten ist vor allem deshalb ein Rohrkrepierer, weil er an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei ins Leere läuft. So haftet all diesen wohlfeilen Debatten der üble Geruch von Selbstzweck, kaltem Krieg und dumpfer Propaganda an. Im übrigen ein Grundton, mit dem gerade die Leute im Osten noch immer sehr vertraut sind. Wenn man nur genau hin hört, dann klingt das heute alles wieder viel zu sehr nach Schnitzler, Hager und Honecker – da wird dann Guido Knopp zum Politoffizier, Thierse zum onkelhaften Parteisekretär und Hubertus Knabe zum Kommandeur der Betriebskampfgruppe.

    Was Obrigkeitshörigkeit, Kriechertum, Angepasstheit, Mutlosigkeit und Selbstverleugnung wirklich bedeuten, dass durfte ich in vollem Umfang erst in den letzten zwanzig Jahren kennenlernen. Um so amüsanter finde ich es, wenn eben jene ihr trauriges Dasein selbst voll Stolz als Freiheit definieren. Die DDR zerbrach schließlich daran, dass eben dieser billige Zauber seine Wirkung verlor.

    Machen wir uns nichts vor, heute sind wir längst wieder im Osten angekommen. Und Ihre Oma? Die hätte einmal mit der Schulter gezuckt und gesagt: Ja, so ist das.

  6. Ersetzen sie den Begriff "DDR" im Text einfach mal mit dem Begriff "Drittes Reich"/ "Nord Korea"/ "Südafrika der Prä 90er" und ebenso die entsprechenden Bezeichnungen.

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    ... warum erweitern wir nicht einfach diese kleine Übung und ersetzen "DDR" durch "USA", "Bayern" oder "Disneyland".

  7. etwa ein Rechtsstaat, wenn sie doch kein Unrechtsstaat war?

    Die DDR war ein Unrechtsstaat und eine Diktatur. Das ist die nachweisbare historische Wahrheit, und indem sie ausgesprochen wird, erfolgt keine moralische Verurteilung eines einzelnen Bürgers dieses Staates. Es geht nicht um einen "moralischen Generalverdacht" (was ist das, bitte?), sondern um die historische Wahrheit, also die korrekte, nachvollziehbare und begründete Interpretation der Quellen nach der Fachkunde.

    rheinelbe

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  • Von Gesine Schwan
  • Datum 30.6.2009 - 12:03 Uhr
  • Serie opi
  • Quelle DIE ZEIT, 25.06.2009 Nr. 27
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  • Schlagworte DDR | Diktatur
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