Kunst Auf den Spuren Prousts
Der Kölner Sammler und Publizist Reiner Speck besitzt die größte private Sammlung von Briefen Marcel Prousts
Dem literarischen Sammler haftet etwas Verschrobenes, ja Manisches an. Wer Handschriften und Erstausgaben jagt – steht der nicht auf dem Zeitsprung zurück in die Gutenberg-Galaxie? Verwechselt der nicht die faule Magie des Objekts mit der wahren des Werks? Der Proust- und Petrarca-Sammler Reiner Speck ist einer, der mit dem Verdacht auf Idolatrie geradezu kokettiert. Specks Schnauzbart ähnelt dem Marcel Prousts, auf Specks Autonummernschild prangt »1304«, das Geburtsjahr Francesco Petrarcas, seine Tochter hat Speck Laura genannt; hätte er eine zweite, sie hieße wohl Albertine.
Wer Reiner Specks Kölner Wohnhaus betritt, könnte es für nicht komplett eingerichtet halten. Möbel gibt es kaum, leer wirken die Räume, nur die Wände sind bis unter die hohen Decken von vollen Bücherregalen verstellt. In diesem Zwitter aus Bibliothek und white cube schlagen zwei Herzkammern: die »Bibliotheca Proustiana Reiner Speck« und die »Bibliotheca Petrarchesca Reiner Speck« – man hat es mit einem Bibliophilen sui generis zu tun (der bislang mehr als Kunstsammler bekannt war. Als Dr. med. Speck noch praktizierte, durften Patienten im Wartezimmer auf Cy Twombly schauen, doch Specks Kunstsammlung, sie wäre ein Thema für sich).
Monomanisch ist Reiner Specks Bibliothek nicht, doch um seine beiden Fixsterne hat er neben aller Sekundärliteratur Einzigartiges versammelt: zu Petrarca illuminierte Handschriften, köstliche Drucke, Ausgaben berühmter Vorbesitzer. Von Proust, weit intimer, verwahrt Speck mit über 80 Briefen des Autors an Tout Paris die größte Autografen-Privatsammlung weltweit. Speck gibt sich freimütig als »missionarischer« Proustianer – 1982 gründete er die Marcel Proust Gesellschaft, der er bis heute vorsteht – und hat es zuweilen bedauert, seine Proust-Schätze nicht wie Bilder auf Museumstournee schicken zu können.
Damit hat es nun ein Ende. Das Münchner Literaturhaus hat aus den wichtigsten Briefen eine Ausstellung konzipiert, die an dieser Leidenschaft teilhaben lässt (Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz, in München bereits vorbei, ist vom 28. Juni bis 6. September im Kölner Museum für Angewandte Kunst zu sehen, dann in Wien). Eine Audio-guide-Übersetzung hilft beim Entziffern der teils gut leserlichen, teils schlampigen, jedenfalls auratischen Briefe, die, halb dunkel überwölbt, in Glasschreinen ruhen. Diese Architektur orientiert sich an einer Bemerkung Prousts, sein Werk sei unvollendbar wie eine Kathedrale – aber bestärkt sie nicht abermals den Eindruck des Reliquienkults? Nun, bei Reiner Speck täuscht er. Wer den Sammler kennenlernt, dem kommen seine Namens- und Nummernspiele bald wie eine ironische Schutzmaßnahme vor zu viel Ernst vor. Denn man findet innerhalb der Sammlung nichts, das blinder Verehrung oder Besitzlust geschuldet wäre, jedes Stück steht in wohlerwogenem Bezug zum Werk, selbst noch der Grenzfall: Die Proustsche Haarlocke in Specks Besitz ist ebenjene, die die treue Haushälterin Céleste Albaret am Totenbett schnitt. Dieser Lockenraub ist Teil der großen Proust-Erzählung, zudem hat den Mediziner Speck wohl auch der im Haar schlummernde Gencode gereizt.
Nie interessiert hat Speck dagegen der eigene psychopathologische Kern, der seiner Leidenschaft, die er fast ironielos eine Sucht nennt, verschuldete. Immerhin, eine Art Urszene lässt sich ausmachen: Es waren die Ähnlichkeiten zweier bürgerlicher Milieus, die der Arztsohn Speck im Roman des Arztsohnes Proust erkannte – die ihn aber schnell zur Erkenntnis führten, dass jeder Leser »eigentlich der Leser seiner selbst« sei (Proust, selbstredend). Und wo könnte so ein Selbstleser mehr über sich erfahren als im quasi unendlichen Riesenwerk der Recherche, das sich in jeder Lektüre neu und anders erschließt?
In der (Selbst-)Erkenntnis von Beziehungen und Kontexten liegt wohl das wahre Wesen dieser Sammeltätigkeit. Zwar hat Speck ein hedonistisches Vergnügen an Schönheit, Haptik und Sinnlichkeit von Prachtausgaben, die größere Freude bereiten ihm aber die sich zwischen Prousts Korrespondenz und Werk entspinnenden Bezüge, jene insbesondere, die er selbst entspinnen durfte. Wie bei dem Brief, in dem der allbekannte Romantitel steht. Weil der Händler aber kein Proustianer war, konnte Speck eine regelrechte Urkunde erwerben: À la recherche du temps perdu wird in dem Brief nämlich erstmals erwähnt. Von unzähligen solcher Entdeckungen kann der Sammler erzählen. Vom Vergnügen am medizinischen Diskurs bei Proust oder daran, »am Schöpfungsprozess des Werks teilzuhaben«, sich zuweilen auch augenzwinkernd »selbst als Adressat der Briefe« zu fühlen – ohne je der Werk-gleich-Leben-Kongruenz oder gar der Nostalgie zu verfallen. Specks Bibliothek steht Forschung und Philologie offen, viele Autografe hat er selbst editiert.
Sammler und Sammlung Speck, das ist also ein lebendiges Gewirk aus Büchern und Bedeutungen, Autografen und Sekundärwerken, in dem das Wissen zur Erkenntnislust, zum ästhetischen Selbstzweck geworden ist. Dies ist das komplette Gegenteil des ubiquitären Informations- und Faktenwissens.
- Datum 26.06.2009 - 19:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.06.2009 Nr. 27
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