Stellen wir uns vor, ein CDU-Mitglied, bei dem kurz zuvor rassistische Schriften gefunden wurden, möchte zur SPD wechseln. Würden die Sozialdemokraten ihn als »aufrechten Demokraten« umgehend »herzlich willkommen« heißen? Und darauf hinweisen, dass die Partei »keinen Anlass habe, an seiner Unschuld und moralischen Integrität zu zweifeln, solange keine Verurteilung erfolgt«?

Mit diesen Worten hat die zumindest in Deutschland bisher nicht sonderlich erfolgreiche Piratenpartei jetzt gefeiert, dass Jörg Tauss von der SPD zu den »Piraten« überlief. Sie nahm den Bundestagsabgeordneten auf, obwohl die Staatsanwaltschaft Karlsruhe gegen ihn wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials ermittelt. Offensichtlich wurde einschlägiges Material bei dem Beschuldigten gefunden; umstritten ist allein, wofür Tauss es nutzte. Für die Piraten und ihre Sympathisanten sind die Ermittlungen kein Grund, Abstand zu Tauss zu wahren. Im Gegenteil.

Allein in den vergangenen Tagen erhielt der Neue-Medien-Pionier nach eigenen Angaben fast 3000 E-Mails, die meisten davon seien aufmunternd. Auch das Netz der Freunde seiner Twitter-Kurzmeldungen wächst rasch. Tauss twitterte am vergangenen Sonntag: »mit ueber 5000 followern aufgewacht. Danke!:-))«. Seit Monaten ruft eine eifrig gepflegte Website zu »Solidarität mit Jörg Tauss« auf. Warum wird ausgerechnet der umstrittene Abgeordnete von der Internetgemeinde wie ein Held gefeiert?

Da ist zum einen der Vorwurf der Vorverurteilung: Die Ermittler hätten den Verdacht (bewusst) publik werden lassen, heißt es. Tauss sprach von »sozialer Exekution«, das Netz stimmte ein. Wahlweise ist von »Justizmord«, »medialer Hinrichtung« oder »Verschwörung« die Rede.

Die gängigste Variante der kursierenden Verschwörungstheorien lautet: Ein unbequemer Geist sollte wohl mundtot gemacht werden, »indem man ihm genau die Sache öffentlich vorwirft, bei der der dumpfe deutsche Stammtisch das Geifern anfängt«. So schreibt es Holger Klein, Radiomoderator des Hessischen Rundfunks, in seinem Blog. Auf der Solidaritätsseite für den Abgeordneten wird argumentiert, der »so kompetente« Tauss sei schließlich immer einer gewesen, der für die Freiheit im Netz kämpfte – gegen das BKA-Gesetz wie gegen die Sperrung von Kinderporno-Seiten. Tauss sei »ein Mensch, der auch mal riskiert, anzuecken. Wir haben genug aalglatte, stromlinienförmige Karrieretypen«, heißt es in einem Kommentar auf der Seite der Piratenpartei.

Schließlich finden sich unter seinen Netz-Sympathisanten auch noch jene, die das Sammeln von Kinderpornografie für eine »Lappalie« halten – oder gleich für eine »sozial kompatible Art«, um »seine Triebe zu kanalisieren«. Jede Gemeinde sucht sich den Helden, den sie verdient.