Wieder öffnet sich im letzten Moment eine Tür, diesmal ein Rollgitter, um genau zu sein, das Rollgitter eines schmalen Sanitärgeschäfts an einer sechsspurigen Straße, auf der eine Einheit der Basidschis, der Freiwilligenmilizen, heranrückt, etwa hundert Mann mit Helmen, Schilden, Knüppeln und Schutzwesten über der Zivilkleidung. Der Ladenbesitzer, ein kleiner, leicht gebückter Mann mit grauen Haaren und weißem Schnurrbart, zieht das Gitter hinter uns herab. Wir: vier Menschen, die einander nicht kennen, außer mir zwei Männer und eine Frau, unterschiedlichen Alters.

Hektisch stellen wir uns einander vor, obwohl keine Eile ist, da wir für unbestimmte Zeit ein paar Quadratmeter teilen wie einen Aufzug, der stehen geblieben ist. Einer ist Ingenieur, der andere Student, sie Lehrerin. Wir müssen uns verstecken!, ruft der Ingenieur: Wenn die Basidschis uns entdecken, könnten sie den Laden anzünden. Aber sie erreichen den Laden nicht. Viele der Demonstranten haben sich umgedreht und bewerfen die Basidschis mit Steinen. Müllcontainer werden auf die Straße gerollt und angezündet. Auch aus anderen Richtungen fliegen Steine, keine zwei Meter von uns entfernt, beteiligt sich ein älterer Herr am Kampf, auf der anderen Straßenseite sind es Frauen. Manche der Basidschis wollen weiter vorrücken und werfen ihrerseits mit Steinen, andere weichen zurück. Wir sehen, dass sie untereinander diskutieren, wir sehen den Anführer schreien, als plötzlich die Demonstranten "Gott ist größer!" rufen und nach vorne stürmen.

Der Jubel, der ausbricht, weil die Basidschis davonrennen, währt keine fünf Minuten. Dann rücken schon die Zedde Schuresch an, das Anti-Krawall-Kommando der Polizei. Der Ladenbesitzer schließt die Glastür und nimmt uns mit in sein Lager. Von dort aus hören wir Schüsse, Schreie. Weitere fünf Minuten später ist es wie auf Knopfdruck still. Als der Ladenbesitzer das Rollgitter hochzieht, betreten wir ein verlassenes Schlachtfeld, Rauchschwaden, der Boden übersät mit Steinen und den Glassplittern der Autos, hier und da Feuer. Aus den benachbarten und gegenüberliegenden Häusern kommen zu viele Menschen zum Vorschein, als dass sie alle Anwohner sein könnten, und reiben sich die Augen. In der Luft liegt noch der Geruch des Tränengases. Es ist Samstag, der 20. Juni. Was zum Krieg geworden ist, war noch ein Schweigemarsch, als ich drei Tage zuvor in Teheran eintraf.

Mittwoch, 17. Juni

Selbst von der Hochstraße aus, die auf YouTube später dutzendfach zu sehen sein wird, überblicke ich weder Anfang noch Ende des Zuges. Die meisten halten ein DIN A4 großes Blatt mit einem Spruch oder dem Foto eines Erschlagenen in die Höhe, das sie selbst ausgedruckt haben. Favorit sind sarkastische Anspielungen auf die Behauptung des Präsidenten, dass in Teheran nur einige Hooligans auf die Straße gegangen seien wie nach einem verlorenen Fußballmatch. Noch nie hat eine Masse auf mich so individuell gewirkt, jeder formuliert den Protest auf eigene Weise. Nicht einmal Ordner sind ausgewiesen, nur hier und da steht jemand auf der Leitplanke und verkündet eine Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer ausbreitet. Morgen um zwei vor der Vertretung der Vereinten Nationen. Nein, morgen um vier auf dem Freiheitsplatz. Alle die Hände hochhalten! Vor Einbruch der Dunkelheit bitte auflösen.

Es ist nicht klar, ob die Ordner sich spontan auf die Leitplanke gestellt haben oder einem Komitee angehören, das unsichtbar bleibt. Nachdem die Wahlkampfzentralen zerstört wurden, sitzen die Oppositionsführer, die noch nicht verhaftet worden sind, zu Hause und telefonieren. Mir Hussein Mussawi taucht ohne Ankündigung, die zu gefährlich wäre, auf den Demonstrationen auf, hat aber nur ein Megafon, um sich verständlich zu machen. Das Mobilnetz funktioniert nur vormittags, Kurzmitteilungen sind überhaupt nicht möglich, das Internet ist so langsam geworden, dass es nur mit DSL zu gebrauchen ist. Fernsehsendungen und Feuilletondebatten im Westen ranken sich um den Mythos einer Protestbewegung, die mittels Facebook, Twitter, SMS und Google Groups kommuniziert; inzwischen ist sie auf Mundpropaganda zurückgeworfen.

Anders als am Montag, als sich nach Angaben des Bürgermeisters, der selbst ein Konservativer ist, drei Millionen Menschen aus allen Altersgruppen versammelt hatten, sind es vor allem junge Leute, die sich noch auf die Straßen trauen, viele Studenten, aber auch Angestellte, Stewardessen in Uniform, Mädchen im Tschador, überhaupt viele Frauen, mehr als die Hälfte, scheint mir. Das ist beileibe nicht nur die Jugend des wohlhabenden Teheraner Nordens, vielmehr ist die gesamte iranische Studentenschaft vertreten, höre ich aus den Gesprächen heraus, viele Leute aus der Provinz, die in Wohnheimen leben und nun Zeit zum Demonstrieren haben, weil das Ministerium die Prüfungen abgesagt hat.

Der Riss verläuft nicht zwischen den Bürgern und den Habenichtsen, zwischen Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Nord- und Südteheran, eher zwischen den Generationen. Viele der Studenten sind die Kinder der gleichen Leute, die für die Revolution gekämpft haben, im Krieg gefallen sind, den Kandidaten des Führers gewählt haben. Sie sind peinlich genau darauf bedacht, den Polizeikommandos der Zedde Schuresch, die hinter diesem oder jenem Häuserblock bereitstehen mögen, keinen Vorwand zum Einsatz zu liefern. An den großen Kreuzungen bleiben sie bei Rot stehen, damit die Autos passieren können. Wenn es grün wird, beeilen sie sich, um die entstandene Lücke zu schließen. Hundert Meter weiter fordert ein Ordner sie auf, wieder langsam zu gehen, damit die Hinteren aufholen können.

Da politische Parolen lebensgefährlich geworden sind, konzentriert sich die Opposition darauf, die Einhaltung des Gesetzes zu fordern, was die größte Provokation zu sein scheint. Überhaupt ist es kurios zu sehen, wie die Demonstranten dem Regime die Symbole geklaut haben. Während die Anhänger Ahmadineschads nationalistisch mit der Landesfahne wedeln, um ihr religiöses Image abzulegen, tragen die Reformanhänger, die nicht mehr in einer Theokratie leben wollen, das islamische Grün: als Schal, als Kopftuch, als Armband oder Schnur zwischen den Fingern. Die grünen Stirnbänder kannte man von den Freiwilligen, die im Krieg gegen den Irak auf die Minenfelder liefen, oder von der libanesischen Hisbollah.

Jeden Abend um zehn rufen Menschen in der ganzen Stadt "Gott ist größer" von den Dächern und Balkonen, selbst der Anhänger der nichtmuslimischen Zoroaster-Religion, der mich abends nach Hause fährt: So weit hat mich die Islamische Republik gebracht, schimpft er, dass ich vor Verzweiflung Allahu Akbar rufe. Dass Gott größer ist, übertrifft jede Parole an Gehalt: größer als ihr, die ihr euch als Götter aufführt.

Donnerstag, 18. Juni

Unter allen hässlichen Plätzen Teherans nimmt der Kanonenhausplatz einen besonderen Rang ein. Er wird überragt von einem zwölf Stockwerke hohen Rechteck aus schmutzigem Beton, in dem das Fernmeldeamt untergebracht ist, ringsum niedrigere Gebäude aus derselben Konsistenz, in der Mitte acht Spuren einer Einbahnstraße und eine ebenso große Asphaltfläche, die einmal ein Parkplatz gewesen sein könnte und heute die nicht weiter definierte Fläche vor dem Eingang der U-Bahn ist. Wer hier in der Gegend wohnt oder seinen Laden hat, einst das prächtige Zentrum Teherans, später Vergnügungsmeile und heute Arme-Leute-Gegend, mag daran glauben, dass Ahmadineschad bei den Präsidentschaftswahlen fast zwei Drittel der Stimmen erhalten haben soll. Der junge Händler, der mir eine iranische SIM-Karte verkauft, winkt spöttisch ab, als ich ihn frage, ob er gleich demonstrieren geht.