Warum sind Urlaubsfotos eigentlich immer so ermüdend schön? Dass die Anreise beschwerlich und die Unterkunft kostspielig war, erklärt noch nicht unsere Sehnsucht nach den ewig gleichen Motiven des Gelingens, nach lächelnden Menschen vor fernen Monumenten, nach blauem Himmel über fremdartiger Landschaft. Vielleicht verbirgt sich dahinter auch etwas Düsteres, das noch aus der Zeit der Entdeckungsreisen stammt, als europäische Weltumsegler sich das Exotische anzuverwandeln trachteten. Damals diente der Aufbruch ins Unbekannte weniger der Befriedigung einer Neugier als der Bestätigung eines Überlegenheitsgefühls – idealisierte Reisegemälde schmeichelten dem Eigendünkel der Europäer und stellten sie in den Vordergrund. Das Fremde war nur ein Spiegel, in dem man sich selbst als Kulturbringer sah. Denn man lebte in der Epoche der Kolonisation, und das koloniale Narrativ erlaubte kein Misslingen. Deshalb gibt es vom hässlichen Tod James Cooks, des berühmtesten Kapitäns der Neuzeit, nur geschönte Bilder.

Ein Schiffsmaler hat Cook am Tag seines Todes in der Pose des Friedensstifters verewigt. Mit dem Rücken zum Feind, eine Hand abwehrend ausgestreckt, das Gewehr gesenkt – so wollte die britische Admiralität ihren Herold sehen. Seine weiße Uniform, über jede maritime Kleiderordnung erhaben, lässt ihn wie eine Epiphanie des Humanismus in einer paradiesischen Hölle wirken. Es ist die Hölle des vermeintlich Unzivilisierten, das Paradies der sogenannten Wilden, der Strand von Hawaii, wo am 15. Februar 1779 der jähzornige Cook einen Tumult provoziert. Begonnen hat alles mit dem Diebstahl eines Beibootes der Briten. Ihr Vergeltungsplan, den haiwaiischen König als Geisel zu nehmen, scheitert im blutigen Handgemenge und endet mit der Übergabe der buchstäblichen Reste des Kapitäns: einzelner Armknochen, der Beine ohne Füße, des Schädels ohne Kiefer.

Wie präsentiert man der Nachwelt keine Leiche? Wie lügt man Krieg in Frieden um? Der junge Maler John Webber soll die Dolchstoßlegende liefern und einen schwarzen Meuchelmörder erfinden. Dabei hilft, dass alle direkten Augenzeugen erschlagen worden sind. Webber sah als Besatzungsmitglied der Resolution den Kampf nur undeutlich durchs Fernrohr, umso deutlicher dann das Massaker an den Eingeborenen, das die rachdurstige Mannschaft beging. Er hat begriffen: Wilde sind wir selbst, und unser Blutrausch ist logische Folge einer aus dem Ruder gelaufenen Expedition. Doch solche Bilder darf der Künstler nicht malen. Wie er am Verbot der Wahrheit durch die Apostel der Aufklärung zerbricht, davon handelt Lukas Hartmanns aufwühlender Roman Bis ans Ende der Meere .

Die Wahrheit ist ein Gemälde, das so lange korrigiert wird, bis Cooks Witwe ihren eigenen Mann nicht mehr erkennt. Die Wahrheit ist ein Taschenkalender, den der Maler nach vier zermürbenden Schiffsjahren von Bord schmuggelt. Die Wahrheit ist ein von der Royal Society gehütetes Geheimnis mit vielen hässlichen Namen (Brandschatzung, Vergewaltigung, Mord), das sich nun kraft der Literatur entbirgt. Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann hat tief im Archiv des 18. Jahrhunderts gegraben und Logbücher gewälzt, um einen unglücklichen Künstler zu porträtieren, dessen Entdeckergeist in den Dienst der Lüge geriet. Aus Sicht des feinsinnigen Webber wird Cooks letzte Reise, vor allem aber die Engstirnigkeit der Entdecker geschildert. »Menschen haben nicht nur eine äußere Wahrheit, sondern auch eine innere«, erklärt der Maler seinem Kapitän, denn zu diesem Innersten möchte er vordringen, doch Cook weist ihn zurecht: »Die äußere Wahrheit genügt für meine Zwecke. Auch bei äußeren Wahrheiten gibt es eine Hierarchie. Über dem, was Sie und andere sehen, steht die Staatsräson.«

Hartmann schildert den schwierigen Ausgleich zwischen Kunst und Wirklichkeit unter den Extrembedingungen der Zensur und der stürmischen See. Dem alten Genre des Seefahrerromans gewinnt er eine eigene empfindsame Variante ab: spannend wie Coopers Lotse, abgründig wie Poes Gordon Pym, metaphysisch wie Melvilles Moby Dick . Wenn die Wasserwüste sich bleiern von Horizont zu Horizont erstreckt und die Wolkenmassen sich mit Schwermut vollsaugen, erlebt der Leser etwas Vertrautes neu. Hartmann inszeniert in schlichtem, leicht altertümelndem Stil den Einbruch wechselnder Naturgewalten ins Gemüt seines Erzählers. Hochschießende Wogen und Sturzseen, die übers Deck donnern. Farbexplosion im Pazifik und Nebelblindheit in Alaska. Hitze und Kälte. Begehren und Heimweh.

Wie soll der Maler alles erfassen, zumal ihm innere und äußere Landschaft ständig verschwimmen? Webbers Künstlerbiografie zur See ist abenteuerliche Disputation, Briefroman, Liebesdrama und negative Bekehrungsgeschichte. Ihr Reiz liegt darin, dass sie grausam und schön zugleich ist. Bis ans Ende der Meere handelt von der Unendlichkeit der Ozeane, die der Unendlichkeit menschlicher Erfahrung entspricht. Eine heißt: dass wir das Licht der Erkenntnis selbst ausgelöscht haben. Eine andere: dass die nunmehrige existenzielle Finsternis unsere Heimkehr unmöglich macht.