Pop Wilco hat euch lieb
Erfahren, aber noch nicht alt: Mit seiner Band Wilco verfeinert Jeff Tweedy das amerikanische Lied ins Meisterliche

© Autumn de Wilde
Die Sehnsucht nach dem einen großen Song treibt Jeff Tweedy (Dritter von links) und seine Musiker immer noch um
Was du ererbt von deinen Vätern… Die Suche nach dem Einen Großen Song ist eine Sehnsucht, die Jeff Tweedy, den Kopf von Wilco, wohl von seinem Vater überkam. Tweedy senior war keineswegs Komponist, sondern ein Bahnarbeiter aus Missouri. Musik liebte er radikal, in einer Art serieller Monogamie. 2003 offenbarte Jeff Tweedy im Magazin Rolling Stone seine früheste musikalische Erinnerung: Daddy, wie er tausendmal hintereinander It’s Hard To Be Humble von Mac Davis spielte. Sodann verliebte sich Vater Tweedy einen Sommer lang exklusiv in Glen Campbells Southern Nights.
Aufgewachsen ist Tweedy junior mit den LP-Sammlungen seiner älteren Geschwister. Diese pophistorische Bewanderung hört man aus jedem Wilco-Song. Aber wir greifen vor. Zunächst müssen wir in der Plattenkiste des Jahres 1990 ein Album namens No Depression finden. Wir lauschen Uncle Tupelo, einer grobmotorischen Country-Punk-Combo, geführt von den gänzlich unbekannten Landrockern Jeff Tweedy und Jay Farrar. Nach drei gemütvoll rumpelnden Hauern erklingt, relativ zart, der Titelsong, ein Erlösungs-Choral der Carter Family, geschrieben 1936: I’m going where theres no depression / To a better land that’s free from care / I leave this world of toil and trouble / My home’s in heaven / I’m going there.
Dieser Song und Uncle Tupelos Platte betitelten in den neunziger Jahren eine bodenständige Musikbewegung. No Depression war ein Generationstrend. Jungwilde, antikommerzielle US-Amerikaner adaptierten das Erbe ihrer Volksmusik. Sie verschnitten Country und Punk, sie entdeckten Bluegrass, sie buddelten im Folk und nannten ihre Elaborate Alternative Country. Das Zentralorgan der Bewegung hieß No Depression . Das Magazin erschien zweimonatlich, schwarz-weiß auf rauem Papier, lieferte lebensweise Paraphrasen gegenmoderner Musik und feierte das Universum der Provinz. Starkult unterblieb. Die wahren Stars dieser Musik waren Das Weite Land und Die Unendliche Geschichte von Leben, Liebe, Arbeit, Schuld und Tod.
Fortschritt? Lüge, unbekannt. Und doch gab es ihn, als Mode. Alternative Country boomte. Uncle Tupelos Album Anodyne erschien 1993 bereits bei Warner Music. Danach entzweiten sich die Führungsonkel Jeff Tweedy und Jay Farrar. Letzterer blieb dem Genre treu, gründete Son Volt und baute ein paar grundanständige Alben auf solides Roots-Rock-Fundament. Tweedy warf seine Steine weit und schuf Wilco. Die ersten Platten, A.M. und Being There, passten noch ins Alt-Country-Idiom. Summer Teeth schockte 1999 mit Chören, Zuckersounds und Brian-Wilson-Schwulst. Yankee Hotel Foxtrot wurde 2002 von Warner als unverkäuflicher Selbstmord abgelehnt. Tweedy stellte das career-ending Album ins Internet, wo es fulminanten Zuspruch erhielt. Darauf veröffentlichte es Warner doch und verkaufte eine halbe Million Exemplare.
Der Rezensent bekennt, dass er nach Being There eigentlich mit Wilco abgeschlossen hatte. Popmusik enthält, in doppelter Weise, einen Zeitkern – entstehungsgeschichtlich wie in den Biografien der Musiker und Hörer. Wer älter wird, zügelt sein Interesse an nachwachsenden Autorenrockern und ihren Selbstfindungsexperimenten. Von denen hat der Grübler und Schmerzmittelverzehrer Jeff Tweedy etliche vertont, vornehmlich 2004 auf dem Album A Ghost Is Born, mit introspektivem Rückkopplungsgezwitscher, zehnminütigen Summtönen und ähnlich egomanem Ohren-Tötolin. Gewiss war da auch Schönes. Ebenso sicher sind trübe Lebenskorridore und die Dunkelkammern der Liebe, falls man sie überlebt, ideale Gewächshäuser der Kunst. Seit 2006, als Jeff Tweedy und Wilco mit dem jubilösen Sky Blue Sky wieder ans Licht fanden, lassen sich auch die zerquälten Schöpfungen würdigen: als Transit-Musik, als Kunst der Passage.
Und damit sind wir bei Tweedys neuestem Werk. Wilco (the album) heißt es, was in herzanrührender Bescheidenheit wohl bedeuten soll: die ultimative Platte. In jedem Fall enthält sie viel Gutes, im Eingangsstück Wilco (the song) gar karitativen Humor mit der Botschaft: Wilco hat euch lieb! Die Platte, in Neuseeland aufgenommen, wirkt arrangierter als die im Chicagoer Wilco-Loft live eingespielte Vorgängerin. Trotzdem spürt der Hörer eine analoge Band.
Man mag dieses reife Album rasch. Es ist nicht besonders lang, 43 Minuten und elf Lieder. Ja, Lieder: Versdichtung mit Melodie, gefasst in dienliche Sounds, Maßwerk mit Licht und Luft. Tweedy singt einfühlsam, ohne Manie, frei von Dämonen und Prätention. Selbst You And I, das Duett mit der lieblichen Leslie Feist, bewahrt ungesüßte Natürlichkeit. Ebenso natürlich tupft Tweedy, der Zitator, seinen Pinsel wieder leicht in die Palette alter Meister: Scarborough Fair klingt an, ein Tupfer Norwegian Wood im wunderbaren Deeper Down, ein paar Takte E-Street-Band im schwächeren You Never Know . Der vorletzte Song, Sonny Feeling , ist der dünnste. Der beste, Everlasting Everything, folgt, Tweedys Coda: Everything alive must die / Every building built to the sky / Will fall. Don’t try to tell me my / Everlasting love is a lie / Nothing could meet everything at all.
- Datum 27.06.2009 - 15:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.06.2009 Nr. 27
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Das Konzert gestern war ja auch nicht so schlecht, stimmts? :-)
Gruss!
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