Iran Kein falsches WortSeite 2/2

Die Scharfmacher in Teheran verlieren ein Feindbild

Man hat Barack Obama einen Präsidenten der soft power, der »weichen Macht«, genannt. Harte Macht, das ist das Militär, das ist politischer oder ökonomischer Zwang. Weiche Macht, das ist Überzeugung, gutes Beispiel, kluge Rede. Alles das, wofür der jetzige US-Präsident steht. Die Regimekritiker in Iran fühlen sich von dem besonnenen und beharrlichen Obama gewiss mehr ermutigt als vom dreinschlagenden Bush.

Wer in Obamas Politik des Dialogs und der Einbindung nichts anderes erkennen kann als Schwäche, Naivität oder Appeasement, der hat wenig begriffen. Denn dort, wo Dialog nichts mehr vermag, setzt auch dieser Präsident auf die hard power der Supermacht. Die Truppenstärke in Afghanistan hat er um 21000 Soldaten erhöht. Mit den atomaren Provokationen Nordkoreas zeigt er weniger Nachsicht als alle seine Vorgänger seit Bush dem Älteren.

Das iranische Nuklearprogramm ist auch für ihn inakzeptabel. Aber er ist bereit, darüber mit Iran direkt zu verhandeln. Auch mit Ahmadineschad. Mit wem denn sonst, wenn der in Teheran die Macht hat? Kennedy und Nixon haben auch mit Chruschtschow und Breschnew verhandelt, obwohl die Zuchthäuser und Arbeitslager der Sowjetunion voller Dissidenten waren. Diplomatie ist für den friedlichen Umgang zwischen Feinden erfunden worden. Natürlich hat sie Grenzen. Deshalb sagt Obama zu Ahmadineschad: »Die Uhr tickt.«

Täusche sich niemand in seinem Willen zur Härte. Aber weil er zunächst die Hand ausgestreckt hat, ist er glaubwürdig. Als vor einigen Jahren Condoleezza Rice mehr Demokratie in Ägypten und in Saudi-Arabien verlangte, da hörte kaum jemand hin; die Außenministerin von George W. Bush war nicht glaubwürdig.

Bush ist im Mittleren Osten mit einem Schuhwurf verabschiedet worden, Obama wurde mit stehenden Ovationen begrüßt. Soft power kann die beste Realpolitik sein, eine subversive Kraft zum Wandel. Niemandem dürfte dies klarer sein als der iranischen Opposition – und natürlich den Scharfmachern in Teheran, die gerade ein Feindbild verlieren.

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Leser-Kommentare
  1. "Die Stille auf den Straßen Teherans ist ein einziger Klageruf."
    Das war schon der Punkt an dem man sicher sein konnte dass nun keine politische Analyse sondern Prosa folgt.
    Irgendwo hätte man sicher noch die Termini "Herrscharen der Finsternis", "Mächte der Wahrheit" und "Legionen des Guten" unterbringen können.
    Herr der Ringe reloaded. Und das for free! Danke :)

  2. Ach so, anderswo auf der Welt kann man auf den Hausdächern stehen und etwas rufen, was den Herrschenden im Lande nicht gefällt. In Deutschland geht man für zwei Vokabeln im Internet notiert in den Kahn. Es hat eine Wahl stattgefunden - und das Ergebnis hat Einigen, die auf Lenkung beherrschter Massen setzen und nicht auf Mitsprache der konkreten einheimischen Bevölkerung per Wahl, nicht gepasst. So bleibt einfach nur, dass der Souverän, das iranische Volk, gesprochen hat und die iranische Staatsgewalt hat diesen Willen der Bevölkerung durchgesetzt.

    • politz
    • 05.07.2009 um 14:36 Uhr

    Wir von der ZEIT sind schließlich Obama-Blatt. Im Ernst, klar ist Obamas Vorgehensweise der Soft Power die richtige – im Sinne der US-amerikanischen Hegemonie im Nahen Osten. Laue Rhetorik, aber im Hintergrund verdeckt an Regimeablösungen arbeiten war schon immer die beste Strategie. Falls das scheitert, wird aber über kurz oder lang zur "Hard Power" gegriffen. Mir ist unverständlich, warum Matthias Nass einerseits zwar das Nicht-Eingreifen Obamas in die Inneren Angelegenheiten des Iran lobt, andererseits aber auch seine Ausweitung des Afghanistankrieges und den neuen Pakistan-Krieg. Beides zusammen lässt sich schwerlich gutheißen.

    Übrigens ist Obama in der "AfPak"-Frage im Gegensatz zu McCain und selbst Bush ein echter Hardliner. Er ist der einzige, der Luftangriffe auf pakistanisches Staatsgebiet fordert, und zwar gegen den Willen der dortigen Regierung. Dass dies nicht öffentlich thematisiert wird, spricht Bände. Wie es Obama wohl finden würde, wenn Russland mal eben eine Bombe über den USA abwirft, um dort nach Verbrechern zu töten, der von Russland gesucht wird? Nein, die Vorwürfe der Neokonservativen an Obama sind völlig unberechtigt.

    Manchmal wäre es besser, wenn die führenden Staatsoberhäupter der Welt wenigstens sagen würden, was Sache ist – auch wenn das dann als undiplomatisch o.ä. gelten würde.

  3. Wie ich mich noch gut erinnern kann, sieht der Zeit-Redakteur Jens Joffe Barack Obamas Vorgehensweise deutlich kritischer.

    Ich will mich da nicht auf eine Seite schlagen, aber der Beweis, dass das (eventuell wenige), welches die soft policy erreicht, von der harten Politik ueberboten wird, steht noch aus.
    Ich sehe in dem Drang nach Einmischung oft die Gefahr der Ueberzeugung, in einem Land viel ausrichten zu koennen, wenn man nur das richtige taete oder zumindest sagte. Es faellt dem Menschen schwer, sich mit begenztem Einfluss abzufinden und stattdessen durch soft power das maximal Moegliche auszureizen.

    Ich will mir nicht anmassen, zu wissen, was die richtige Handlungsweise ist, aber der Griff nach hard power hat sich schon oft als wenig konstruktiv erwiesen. Kritik an soft pwer ist sehr leicht dahergesagt.

  4. Publizisten wie der allesbesserwissende & altersstrarrsinnige Henryk M. Broder fragen gebetsmühlenartig "Was hat uns die Appeasement-Diplomatie gebracht?", aber nach 8 Jahren Bush-Herrschaft ist es völlig legitim und richtig zu fragen "Was hat uns die militärische Konfrontation gebracht?" Fast alle Iraner, die ich kenne (und ich kenne aus familiären Gründen eine ganze Menge), sagen auch, dass eine offene Parteinahme Obamas für die inneriranische Opposition nur die Position Ahmadinedschads propagandistisch gestärkt hätte, ohne der Oppositionsbewegung wirklich zu nutzen.

  5. Die Wahl war ein typischer Fall von "overkill", ähnlich wie beim Mordprozess gegen O.J. Simpson. Ahmadinadsched hätte vermutlich sowieso gewonnen, doch seine übereifrigen Anhänger fälschten noch zusätzliche Stimmen, um ganz sicher zu gehen. Dadurch hat er das Vertrauen des Volks verloren und würde bei einer Wiederholung der Wahl vermutlich nicht gewinnen.

  6. Herzlichen Dank für den gelungenen Artikel, Herr Nass!

    "Die Welt blicke bei ihren Untaten auf sie, hat Barack Obama die iranischen Machthaber gewarnt."

    Das ist ein kleiner Schritt auf dem notwendigen Schritt,
    bei der Lösung der Weltprobleme die Weltgemeinschaft einzubeziehen.

    Dazu müsste die UNO-Ebene zunächst gestärkt und dann einbezogen werden:

    Keine "Alleingänge der Supermacht" mehr - auch nicht mit "Koalition der Willigen" !

    Wenn Afghanistan sich zu einem OBAMA-Krieg mit "Willigen" entwickelt, läuft dies verkehrt!

    Ban Ki Moons Fehlschlag in Mynmar, wo er noch nicht einmal die Friedensnobelpreisträgerin Auung San Suu Kyi sprechen durfte,
    ist ein weiteres Symptom der Schwäche der UNO.

    Kofi Annans Hoffnung "In larger freedom" zur Umgestaltung der UNO von 9/2005

    sollte endlich - für einen wahren CHANGE - in Angriff genommen werden !

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