Weiterbildung Acht Wochen für einen Neubeginn
Mit Schulungskursen versucht der Sozialstaat die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Ein Erfahrungsbericht
Jeder Monatsbeginn kennt einen bangen Augenblick, der seit einem Jahr Regierungspolitikern und den Managern des Sozialsystems einiges Kopfzerbrechen bereitet: die Veröffentlichung der aktuellen Arbeitslosenstatistik. Die Zahlen, die in dieser Schrecksekunde bekannt werden, sind alarmierend. Und sie wären noch viel dramatischer, würden die Statistiker nicht einen kosmetischen Trick anwenden. Menschen ohne Job, die das Arbeitsmarktservice (AMS) in einer »Schulungsmaßnahme« zwischenparkt, belasten nicht die offiziellen Zahlen. Im Mai fielen exakt 64197 Jobsuchende in diese Kategorie, immerhin über ein Viertel all jener, die auch statistisch als arbeitslos gelten.
AMS-Funktionäre preisen die verpflichtenden Kurse, die alle, die längere Zeit keine Beschäftigung gefunden haben, besuchen müssen, um nicht aus dem Unterstützungssystem zu fallen, als Wunderwaffe gegen die Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. Mit einigem Glück können diese Kurse auch Fähigkeiten vermitteln, welche die Chancen, einen neuen Job zu ergattern, erhöhen. Wenn nicht, dient das Ganze vor allem der Beschäftigungstherapie. Die Schulungen verfolgen nämlich auch ein weniger offensichtliches Ziel: Sie sollen ermöglichen, dass Arbeitslose weiterhin innerhalb eines strukturierten Systems leben und nicht marginalisiert werden. Die Betroffenen sollen das Gefühl erhalten, die Gesellschaft zähle weiterhin auf sie.
Dafür wendet das AMS gewaltige Beträge auf. Im vergangenen Jahr waren es rund 400 Millionen Euros (knapp die Hälfte des gesamten AMS-Budgets), die für 186000 Schulungsteilnehmer ausgegeben wurden. Immerhin 20 Prozent der Betroffenen könnten ihren Kurs selbst auswählen, behauptet das AMS. Beim großen Rest entscheidet ein Betreuer, wo sich ein Arbeitsloser das Rüstzeug für künftige Aufgaben zu holen hat. Die AMS-Kartei kennt 3000 unterschiedliche Bildungsinstitutionen, denen »Kunden«, wie das im korrekten wording der Jobvermittler heißt, zugewiesen werden können. Den Löwenanteil übernehmen das WIFI, der Kursanbieter der Wirtschaftskammer, und dessen rotes Äquivalent, das Berufsförderungsinstitut. Wer über längere Zeit keine Beschäftigung gefunden hat, landet häufig in einem Programm, das sich entweder »Berufsorientierung« oder »Berufsaktivierung« nennt.
»Berufsorientierung« ist für alle jene gedacht, die ihrer professionellen Laufbahn eine neue Wende geben müssen, weil ihre erlernten Fähigkeiten entweder nicht mehr am Arbeitsmarkt benötigt werden oder ihre Gesundheit nach einem neuen Betätigungsfeld verlangt. »Berufsaktivierung« soll helfen, in einer angestammten Tätigkeit einen Job zu finden.
Jeder Kurs dauert acht Wochen mit jeweils 20 Pflichtstunden (14 Stunden Gruppenunterricht, vier Stunden Computertraining, zwei Stunden persönlicher Beratung). Dabei sollen die Kursteilnehmer etwa lernen, einen Lebenslauf und einen Bewerbungsbrief zu schreiben, sich bei Telefongesprächen mit potenziellen Arbeitgebern effizient zu verhalten, erfolgreich Bewerbungsgespräche zu überstehen oder Jobbörsen im Internet zu benutzen.
- Datum 07.07.2009 - 16:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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Zu unserem Bericht erhielten wir dieses interessante und vielsagende Lesermail aus Linz
Joachim Riedl
DIE ZEIT
Büro Wien
Auch ich bin so ein "Trainer" beim Oesterreichischen Arbeitsmarktservice, vor der Umfaerbung 2001 auch "Arbeitsamt" genannt.
Von den Faechern, die ich "unterrichte", hatte ich von keinem jemals eine Ausbildung oder Berufspraxis. Es reicht, wenn ich die Arbeitslosen in einem ehemaligen Fabriksgebaeude beaufsichtige bzw. melde, wenn diese den "Unterricht" schwaenzen. Dann ist die Stuetze weg, jawoll!
In einem frueheren Leben als Innenarchitekt 25 Jahre erfolgreich selbststaendig, dann erfolglos - musste ich meine Sozialhilfe als Strassenkehrer beim Magistrat der Kulturhauptstadt Linz ("Sozialstadt Linz") abarbeiten.
"Wir entziehIhnen die Sozialhilfe von € 630,- unter fadenenscheinigen Begruendungen, haben aber zufaellig einen Job fuer € 630,- fuer Sie..."
Dort fiel ich aber nach acht Monaten dem stalinistischen Terror zum Opfer : Magistratskritischer Leserbrief, fristlose Kuendigung.
Und damit endlich Anspruch auf Arbeitslosenstatus. Aber nicht lange, denn beim obligatorischen Lernen fuer den Staplerfuehrerschein fielen meine Lese- und Schreibkenntnisse gleich auf. Daher Schritt 3 : Ich, 57, der 25 Jahre eine Firma leitete, werde offiziell als Buerokaufmannlehrling (D = Azubi) ausgebildtet, damit ich lerne, einen Geschaeftsbrief zu formulieren bzw. zu lesen. Inoffiziell aber bin ich Trainer fuer Buchhaltung, CAD und den Lehrabschlusspruefungskurs "Tischler". Die Software muss ich selber mitbringen. Die AMS-nahe Umschulungsfirma kassiert von einer Stiftung fuenftausend Euro und fuer jeden Kursteilnehmer ("Sie machen einen Umschulungskurs oder verlieren die AMS -Unterstuetzung") nochmals € 1 800,- und ich bekomme ausser meinem Arbeitslosengeld von meiner Firma: nichts.
Mein Vorgesetzter war Verkaeufer im Supermarkt und ist nun Assistent der Geschaeftsleitung. Er rekrutiert Mitarbeiter aus den Kursteilnehmern und entlaesst welche und ist als Maedchen fuer alles durchschnittlich 80 Wochenstunden taetig. Seit Einkommen: 800 € Arbeitslosenunterstuetzung. Wir bekommen Urlaub wie richtige Menschen, aber kein Urlaubsgeld.
Der Druck auf mich, ebenfalls Wochenend- und Abendkurse zu uebernehmen, waechst. Die Gewerkschaft, welche mich nach mehrmaligen insistieren aufnahm, interessiert sich scheinbar nur fuer "regulaer" Beschaeftigte.
Um die Krise zu ueberwinden, muessten wir die Wirtschaft mit qualifizierten, aber billigen Arbeitskraeften versogen, meint ein Betreuer.
Karl Koczera
Linz, Oesterreich
P.S.: In Oesterreich werden scheinbar keine AMS - kritischen Leserbriefe
veroeffentlicht. Vielleicht wegen der als Artikel getarnten, bis zu ganzseitigen AMS-Kampagnen? Nun gab es ja wieder 964 Mio €uro von der Bundesregierung zusaetzlich fuer Schulungsmaßnahmen.Tolle Sache.
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