Donnerstalk Wertewandel
Alfred Dorfer versteht den Wunsch der Österreicher nach Diktatur und Despoten
Für eine breit angelegte Studie (Die ÖsterreicherInnen, Czernin Verlag) wurde jetzt die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Demokratie unter die Lupe genommen. Mit erstaunlichen Resultaten: Immerhin satte sechs Prozent wünschten sich demnach eine Militärdiktatur. Angesichts der Beschaffenheit des heimischen Heeres ein auf den ersten Blick etwas überraschendes Begehren. Wenn man jedoch den großartigen Einsatz der Soldaten im Tschad berücksichtigt, leuchtet dieser Wunsch durchaus ein. Eine Armee mit Wüstenerfahrung kann in der politischen und geistigen Wüstenei, welche die letzten Wahlkämpfe hinterlassen haben, von unschätzbarem Wert sein. Weiters wünscht sich jeder Fünfte einen »starken Führer«, der sich nicht mehr um Wahlen schert. Klingt beunruhigend, hinkt aber der Wirklichkeit hinterher. Schon seit geraumer Zeit besetzt hierzulande ein Zeitungsherausgeber politische Ämter mit seinen Günstlingen, ohne sich je um Wahlergebnisse gekümmert zu haben. Einen Kenner der österreichischen Seele verblüfft allerdings, dass die Studie nicht den Wunsch nach zwei starken Männern belegt, die, wie üblich, das Land untereinander aufteilen. Der zweite, ein Versuchs-Berlusconi quasi, verdankt seine Machtfülle der Verflechtung seines Imperiums mit dem Medien- und Bankensektor. Er ist zwar nicht ganz so fesch wie der Parade-Italiener, doch ebenfalls indolent den guten Sitten gegenüber. Außerdem ergab die Studie, das Interesse an Politik habe in den vergangenen zehn Jahren nachgelassen. Seltsam eigentlich.
- Datum 01.07.2009 - 16:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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