Tschechien Der böhmische Traum

Die Tschechen und Europa – das ist eine schwierige Geschichte. Wer sie verstehen will, sollte František Palacký kennen: Den Mann, den unsere Nachbarn als Vater der Nation verehren

Eigentlich wollen sie ausgelassen feiern. Die vergangenen Wochen sind stürmisch gewesen und politisch brisant. Der Mittagstisch im Bürgerlichen Kasino, nah am Prager Rossmarkt, ist reich gedeckt. Die Elite der tschechischen Intellektuellen hat sich an diesem 11. April 1848 hier versammelt, darunter der Dichter Karel Jaromír Erben und der liberale Verleger und Politiker Graf Vojtěch Deym. Der Gastgeber aber heißt František Palacký. Auf den Tag genau vor 25 Jahren ist er nach Prag gekommen, das will er feiern, und natürlich soll auch auf seine Geschichte von Böhmen angestoßen werden, deren erster Band nun endlich auf Tschechisch erschienen ist.

Doch als Palacký eintrifft, bleibt keine Zeit mehr zum Feiern. In der Hand hält er ein Schreiben, das er den Freunden gerne vorlesen möchte, bevor er es abschickt. Es sei von größter Wichtigkeit.

Bis dato hat kaum jemand in Europa Notiz vom Unabhängigkeitsstreben der Tschechen genommen. Das soll sich jetzt ändern, mit diesem Brief. Einige Seiten lang, binnen weniger Stunden verfasst, auf Deutsch, glänzend in Ausdruck und Stil. Der Adressat: Alexander von Soiron, Präsident des Fünfzigerausschusses der entstehenden Frankfurter Nationalversammlung.

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»Ich bin kein Deutscher«, schreibt Palacký. »Ich bin ein Böhme slawischen Stammes.« Bei aller Hochachtung für die »Vaterlandsfreunde« in Frankfurt am Main werde er dem Ruf in die Paulskirche, um dort als Abgeordneter an der Verfassung mitzuwirken, nicht nachkommen. Den »großdeutschen Herren« hält Palacký das Gesetz der Gleichheit aller Nationen entgegen. Böhmens Anschluss an Deutschland wäre das Ende einer tschechischen Nation, bevor sie jemals auf Europas Landkarte aufgetaucht ist. Politischer Selbstmord.

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Während in Frankfurt die radikalen Demokraten von der deutschen Republik träumen, fordert František Palacký einen österreichischen Staatenbund mit einem starken Kaiser an der Spitze. Nur der Herr in der Hofburg garantiere den »slawischen Völkern« ihre Autonomie und Schutz vor der »russischen Universalmonarchie«, schreibt er in seinem Brief. »Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müsste im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen.«

Austroslawismus heißt seine Verjüngungskur für das gebrechliche Donaureich. Anders als die Italiener und Ungarn setzt er auf eine Revolution ganz eigener Art: Kaisertreue gegen weitgehende Unabhängigkeit. Und eine Zeit lang sieht es so aus, als könnte Palacký tatsächlich Erfolg haben.

Böhmens großer Historiker und Politiker stammt – und das mag bezeichnend sein – aus dem Grenzland. Am 14. Juni 1798 wird František (Franz) Palacký als fünftes von zwölf Kindern in Hotzendorf (Hodslavice) geboren, nahe am Gebirge, das Mähren von der Slowakei und Schlesien trennt. Protestanten und Katholiken, Tschechen und Deutsche leben hier seit Jahrhunderten Hof an Hof. Er ist 14, als ihn sein Vater, der Dorfschullehrer, auf das evangelische Lyzeum nach Pressburg (Bratislava) schickt. Der Junge lernt schnell, liest die griechischen und lateinischen Klassiker, liest Klopstock, Goethe und Kant. Keiner behält so viele Namen wie Palacký, »Herr Alleswisser« nennen ihn die Kameraden. Am Ende der Studien beherrscht er elf Sprachen – und muss sich Kost und Logis als Privaterzieher von Söhnen ungarischer Adelsfamilien verdienen.

In Wien wird man misstrauisch und wittert Konspiration

Palacký will nach oben. Der berufliche Ehrgeiz verbindet sich mit politischen Ambitionen. Nach der Niederlage Napoleons breitet sich in Pressburgs Elite nationale Stimmung aus. Besonders das Schicksal des polnischen Helden Tadeusz Kościuszko, der sowohl im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg stritt als auch im Kampf um Polens Freiheit, versetzt den jungen Palacký in Begeisterung. »Mein Leben und mein Geist seien dem Vaterlande geweiht, und nur dem Vaterlande und meinem Volke gelte mein Atem«, notiert der 21-Jährige 1819 pathetisch in sein Tagebuch.

Im Frühjahr 1823 bricht er auf nach Prag. Ins deutschsprachige Prag. In den Amtsstuben, in den Offizierskasinos und Kaffeehäusern hört man kaum Tschechisch. Sogar der Prager Bürgermeister spricht Deutsch. »Ich zittere beinahe, wenn ich bedenke: ohne Amt und Beruf bist Du in einer fremden Welt«, schreibt der Vater dem Sohn. Doch der weiß: Sein Lebenswerk, die große Geschichte der Böhmen, kann er nur hier schreiben. In Prag.

Er besucht Dichter und Professoren. In den Salons des Adels glänzt er mit seinem Klavierspiel, er verschafft sich Konnexionen. Bald ist er, in bestem Sinne, stadtbekannt: ein Mann von mittlerer Statur, blonde, lockige Haare, buschige Koteletten. Brillant, klug, belesen.

Leser-Kommentare
  1. gegen die slawischen Völker, die dann in den Weltkriegen mit "Ober Ost" und "Generalplan Ost" ausgeführt werden: http://de.wikipedia.org/w...

    Hervorragende Untersuchung von Klaus Thörner,

    "Der ganze Südosten ist unser Hinterland."
    Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945

    online: http://oops.ibit.uni-olde...

    "die germanische Kultur [] als ständeorientiert und autoritär" - ja, dieses Regime ist besonders seit "der Wende" wieder auf dem Vormarsch!
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

    • spacko
    • 05.07.2009 um 23:09 Uhr

    Interessanter Artikel, aber ist es nicht alles viel einfacher? Die Tschechen haben seit 1990 im Grunde das erste Mal in ihrer Geschichte einen wirklich unabhängigen Nationalstaat. Nach 1918 musste die Macht mit Deutschen und Slowaken geteilt werden, nach 1945 war man ein Vasallenstaat der UdSSR.

    Da fällt es doch schwer, gleich wieder ein Vasallenstaat der EU zu werden,

    Palacký ist einfach zu lange her, das ist als wollte man Bismarck zur Erklärung deutscher Denkmuster heranziehen.

  2. 1848 waren die Deutschen bemüht, die über Jahrhunderte gewachsenen Interessen der einzelnen Länder zu einen. Erst Bismarck ist das von oben gelungen, mit "Blut und Eisen". Nach dem 1. Weltkrieg wurden den Deutschen in dem neuentstandenen Nationalstaat das Selbstbestimmungsrecht verwehrt. Nach dem 2. Weltkrieg wurden sie völkerrechtswidrig - nach etwa 800 Jahren Besiedlung - vertrieben. Dieses Wissen habe ich bei meinem Geschichtsstudium in München und England erworben. Die beiden vorherigen Beiträge sind wohl DDR "Erkenntnis"

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    • otto_B
    • 06.07.2009 um 3:54 Uhr

    Vor ein paar Jahren hat Peter Glotz ein ganz nettes Buch geschrieben, "Vertreibung". Er liefert darin eine ganz plausible Sicht der Dinge, und die Pauskirchen-Absage von Palacký nimmt auch dort einen zentralen Raum ein. Der "österreichische Patriotismus" Palackýs beeindruckt - liefert er doch doch ein Gegenkonzept zum Europa der Nationalstaaten. Die Donau-Monarchie als ein Vorläufer der EU? "......Gäbe es Österreich nicht, man müßte es erfinden........". Daß zu Habsburgischen Zeiten "alles besser war", diese Melankolie liest man auch hin und wieder zu den Zuständen in Ex-Jugoslawien, insbesondere Bosnien. An das Zitat der Einladung an die deutschen Länder, auch "Österreich beizutreten" erinnere ich mich aus dem Glotz-Buch nicht - es klingt aber konsequent. Also weder klein-, noch großdeutsch, sondern gleich (...europäisch...) förderal. Laut Sebastian Haffner haben wir die kleindeutsche Lösung bis zum heutigen Tage. Bismarcks Lösung zwar in Jalta und Potsdam zwar zunächst dreigeteilt, aber dann 1990 bei 2+4 doch wieder zusammengefügt, also der Teil diesseits von Oder und Neiße.

    Ihre Aussage: "...Nach dem 1. Weltkrieg wurden den Deutschen in dem neuentstandenen Nationalstaat das Selbstbestimmungsrecht verwehrt"?....... Der Preis wäre die Teilung Böhmens und Mährens gewesen - so wie es 1938 dann auch passierte. Mit Begriffen wie "... Appeasement..." mogelt man sich heute drum rum, daß die Friedensordnung der Pariser Vorortverträge (...Versailles...) doch gewisse Schönheitsfehler hatte, die dann den Diktaturen in die Hände arbeiteten, insbesonder der deutschen.
    Die Benennung des "Großdeutschen Reiches" von Hitler würde ich erstmal nach den Kategorien des 19. Jahrhunderts deuten - Bismarckes Kleindeutschland plus den Österreichischen Reststaat, plus Böhmen und Mähren.
    Die Bürger des "Protektorates" zwar nicht in der Wehrmacht gelitten, die Jugend aber doch in der HJ? Und die Maschinerie der Rüstungsproduktion lief ja auch gut geölt - so gut, daß es Benesch in London Angst und Bange wurde, - und er die Heydrich-Attentäter in Marsch setzte. So stellt es Glotz zumindest dar. Der weitere Verlauf bekannt.
    Mit der Positionsbestimmung für "die Tschechen", zwischen Pan-Germanismus, und Pan-Slawismus, hat Palacky mit der Befürwortung der förderalen Option prophetische Qualitäten bewiesen. Österreich (als förderales Gebilde) verbessern, und nicht abschaffen im Sinne der Nationalstaatenbildung. Betreffs des erschossenen Thronfolgers liest man da auch von interessanten Absichten - was aber, wie bekannt, nicht mehr werden sollte. Der tschech(oslowak)ische Nationalstaat, wie seit dem 19. Jhdt. herbeigesehnt, und 1918 gekommen, ist ja gescheitert. Zuerst 1938. Diktatur hin oder her, es gab zentrifugale Kräfte. 1945 von Benesch mit Hilfe Westmächte restauriert (....er nutzte seine Zeit, um mit dem "deutschen Problem" aufzuräumen....), aber 1948 schlug dann die Stunde der Wahrheit - mit der Machtübernahme der Kommunisten. Palacky sah -100 Jahre vorher- schwache Nationalstaaten, und das "Imperium des Panslawismus". Was dann real kam, war die Welt von Jalta, mit Stalins Ostblock. Hat er etwa nicht recht gehabt? Interressant dabei die Position der Westmächte. 1918 mag ungetrübte Zuversicht geherrscht haben. Aber dann Jalta?--Hat Benesch überhaupt eine Chance gehabt? Die Kommunisten mit Gottwald erscheinen als die logischen Erben, nicht Bensch. War das so ehrenhaft von den Briten, was sie da mit Stalin ausgehandelt haben? Das war dann eben der Preis für den Sieg über Hitler....... Der Weg der Tschechen zwischen 1918 und der samtenen Revolution sieht doch im Rückblick recht steinig aus.
    Mit der EU ist manches verwirklicht worden, was sich Palacky als Reform im Ineren Österreichs gewünscht hätte. Es kam erstmal anders, für rund 100 Jahre, mit leidvollen Erfahrungen für Tschechen und andere. Vor diesem Hintergrund ist in den letzten 20 Jahren viel erreicht worden.

    • otto_B
    • 06.07.2009 um 3:54 Uhr

    Vor ein paar Jahren hat Peter Glotz ein ganz nettes Buch geschrieben, "Vertreibung". Er liefert darin eine ganz plausible Sicht der Dinge, und die Pauskirchen-Absage von Palacký nimmt auch dort einen zentralen Raum ein. Der "österreichische Patriotismus" Palackýs beeindruckt - liefert er doch doch ein Gegenkonzept zum Europa der Nationalstaaten. Die Donau-Monarchie als ein Vorläufer der EU? "......Gäbe es Österreich nicht, man müßte es erfinden........". Daß zu Habsburgischen Zeiten "alles besser war", diese Melankolie liest man auch hin und wieder zu den Zuständen in Ex-Jugoslawien, insbesondere Bosnien. An das Zitat der Einladung an die deutschen Länder, auch "Österreich beizutreten" erinnere ich mich aus dem Glotz-Buch nicht - es klingt aber konsequent. Also weder klein-, noch großdeutsch, sondern gleich (...europäisch...) förderal. Laut Sebastian Haffner haben wir die kleindeutsche Lösung bis zum heutigen Tage. Bismarcks Lösung zwar in Jalta und Potsdam zwar zunächst dreigeteilt, aber dann 1990 bei 2+4 doch wieder zusammengefügt, also der Teil diesseits von Oder und Neiße.

    Ihre Aussage: "...Nach dem 1. Weltkrieg wurden den Deutschen in dem neuentstandenen Nationalstaat das Selbstbestimmungsrecht verwehrt"?....... Der Preis wäre die Teilung Böhmens und Mährens gewesen - so wie es 1938 dann auch passierte. Mit Begriffen wie "... Appeasement..." mogelt man sich heute drum rum, daß die Friedensordnung der Pariser Vorortverträge (...Versailles...) doch gewisse Schönheitsfehler hatte, die dann den Diktaturen in die Hände arbeiteten, insbesonder der deutschen.
    Die Benennung des "Großdeutschen Reiches" von Hitler würde ich erstmal nach den Kategorien des 19. Jahrhunderts deuten - Bismarckes Kleindeutschland plus den Österreichischen Reststaat, plus Böhmen und Mähren.
    Die Bürger des "Protektorates" zwar nicht in der Wehrmacht gelitten, die Jugend aber doch in der HJ? Und die Maschinerie der Rüstungsproduktion lief ja auch gut geölt - so gut, daß es Benesch in London Angst und Bange wurde, - und er die Heydrich-Attentäter in Marsch setzte. So stellt es Glotz zumindest dar. Der weitere Verlauf bekannt.
    Mit der Positionsbestimmung für "die Tschechen", zwischen Pan-Germanismus, und Pan-Slawismus, hat Palacky mit der Befürwortung der förderalen Option prophetische Qualitäten bewiesen. Österreich (als förderales Gebilde) verbessern, und nicht abschaffen im Sinne der Nationalstaatenbildung. Betreffs des erschossenen Thronfolgers liest man da auch von interessanten Absichten - was aber, wie bekannt, nicht mehr werden sollte. Der tschech(oslowak)ische Nationalstaat, wie seit dem 19. Jhdt. herbeigesehnt, und 1918 gekommen, ist ja gescheitert. Zuerst 1938. Diktatur hin oder her, es gab zentrifugale Kräfte. 1945 von Benesch mit Hilfe Westmächte restauriert (....er nutzte seine Zeit, um mit dem "deutschen Problem" aufzuräumen....), aber 1948 schlug dann die Stunde der Wahrheit - mit der Machtübernahme der Kommunisten. Palacky sah -100 Jahre vorher- schwache Nationalstaaten, und das "Imperium des Panslawismus". Was dann real kam, war die Welt von Jalta, mit Stalins Ostblock. Hat er etwa nicht recht gehabt? Interressant dabei die Position der Westmächte. 1918 mag ungetrübte Zuversicht geherrscht haben. Aber dann Jalta?--Hat Benesch überhaupt eine Chance gehabt? Die Kommunisten mit Gottwald erscheinen als die logischen Erben, nicht Bensch. War das so ehrenhaft von den Briten, was sie da mit Stalin ausgehandelt haben? Das war dann eben der Preis für den Sieg über Hitler....... Der Weg der Tschechen zwischen 1918 und der samtenen Revolution sieht doch im Rückblick recht steinig aus.
    Mit der EU ist manches verwirklicht worden, was sich Palacky als Reform im Ineren Österreichs gewünscht hätte. Es kam erstmal anders, für rund 100 Jahre, mit leidvollen Erfahrungen für Tschechen und andere. Vor diesem Hintergrund ist in den letzten 20 Jahren viel erreicht worden.

    • otto_B
    • 06.07.2009 um 3:54 Uhr

    Vor ein paar Jahren hat Peter Glotz ein ganz nettes Buch geschrieben, "Vertreibung". Er liefert darin eine ganz plausible Sicht der Dinge, und die Pauskirchen-Absage von Palacký nimmt auch dort einen zentralen Raum ein. Der "österreichische Patriotismus" Palackýs beeindruckt - liefert er doch doch ein Gegenkonzept zum Europa der Nationalstaaten. Die Donau-Monarchie als ein Vorläufer der EU? "......Gäbe es Österreich nicht, man müßte es erfinden........". Daß zu Habsburgischen Zeiten "alles besser war", diese Melankolie liest man auch hin und wieder zu den Zuständen in Ex-Jugoslawien, insbesondere Bosnien. An das Zitat der Einladung an die deutschen Länder, auch "Österreich beizutreten" erinnere ich mich aus dem Glotz-Buch nicht - es klingt aber konsequent. Also weder klein-, noch großdeutsch, sondern gleich (...europäisch...) förderal. Laut Sebastian Haffner haben wir die kleindeutsche Lösung bis zum heutigen Tage. Bismarcks Lösung zwar in Jalta und Potsdam zwar zunächst dreigeteilt, aber dann 1990 bei 2+4 doch wieder zusammengefügt, also der Teil diesseits von Oder und Neiße.

    Ihre Aussage: "...Nach dem 1. Weltkrieg wurden den Deutschen in dem neuentstandenen Nationalstaat das Selbstbestimmungsrecht verwehrt"?....... Der Preis wäre die Teilung Böhmens und Mährens gewesen - so wie es 1938 dann auch passierte. Mit Begriffen wie "... Appeasement..." mogelt man sich heute drum rum, daß die Friedensordnung der Pariser Vorortverträge (...Versailles...) doch gewisse Schönheitsfehler hatte, die dann den Diktaturen in die Hände arbeiteten, insbesonder der deutschen.
    Die Benennung des "Großdeutschen Reiches" von Hitler würde ich erstmal nach den Kategorien des 19. Jahrhunderts deuten - Bismarckes Kleindeutschland plus den Österreichischen Reststaat, plus Böhmen und Mähren.
    Die Bürger des "Protektorates" zwar nicht in der Wehrmacht gelitten, die Jugend aber doch in der HJ? Und die Maschinerie der Rüstungsproduktion lief ja auch gut geölt - so gut, daß es Benesch in London Angst und Bange wurde, - und er die Heydrich-Attentäter in Marsch setzte. So stellt es Glotz zumindest dar. Der weitere Verlauf bekannt.
    Mit der Positionsbestimmung für "die Tschechen", zwischen Pan-Germanismus, und Pan-Slawismus, hat Palacky mit der Befürwortung der förderalen Option prophetische Qualitäten bewiesen. Österreich (als förderales Gebilde) verbessern, und nicht abschaffen im Sinne der Nationalstaatenbildung. Betreffs des erschossenen Thronfolgers liest man da auch von interessanten Absichten - was aber, wie bekannt, nicht mehr werden sollte. Der tschech(oslowak)ische Nationalstaat, wie seit dem 19. Jhdt. herbeigesehnt, und 1918 gekommen, ist ja gescheitert. Zuerst 1938. Diktatur hin oder her, es gab zentrifugale Kräfte. 1945 von Benesch mit Hilfe Westmächte restauriert (....er nutzte seine Zeit, um mit dem "deutschen Problem" aufzuräumen....), aber 1948 schlug dann die Stunde der Wahrheit - mit der Machtübernahme der Kommunisten. Palacky sah -100 Jahre vorher- schwache Nationalstaaten, und das "Imperium des Panslawismus". Was dann real kam, war die Welt von Jalta, mit Stalins Ostblock. Hat er etwa nicht recht gehabt? Interressant dabei die Position der Westmächte. 1918 mag ungetrübte Zuversicht geherrscht haben. Aber dann Jalta?--Hat Benesch überhaupt eine Chance gehabt? Die Kommunisten mit Gottwald erscheinen als die logischen Erben, nicht Bensch. War das so ehrenhaft von den Briten, was sie da mit Stalin ausgehandelt haben? Das war dann eben der Preis für den Sieg über Hitler....... Der Weg der Tschechen zwischen 1918 und der samtenen Revolution sieht doch im Rückblick recht steinig aus.
    Mit der EU ist manches verwirklicht worden, was sich Palacky als Reform im Ineren Österreichs gewünscht hätte. Es kam erstmal anders, für rund 100 Jahre, mit leidvollen Erfahrungen für Tschechen und andere. Vor diesem Hintergrund ist in den letzten 20 Jahren viel erreicht worden.

  3. Guter Artikel.

    Erst beim Studium der osteuropäischen Geschichte, dann mit tschechischen Freunden, hatte ich oft Gelegenheit über das deutsch-tschechische Verhältnis oder besser: Verhängnis nachzudenken.

    Denn im Grunde war eine Katastrophe kaum zu vermeiden.
    Die Deutschen als verspätete Nation waren im 19./frühen 20. Jh. noch nicht so reif, noch verspätetere Nationen ernstzunehmen. Und als Beinahegroßmacht glaubten sie es auch nicht zu müssen. Die Tschechen wiederum, als altes Kulturvolk mit uralter staatlicher Tradition, waren nicht so bescheiden, sich mit irgendwas Halbstaatlichem oder noch weniger zufriedenzugeben (wie z.B. die Sorben).

    In den kritischen Momenten der Geschichte kamen dann auch noch Diktatur und Krieg dazu, und schufen erst den Rahmen für Gewaltmaßnahmen, die sonst sicher ausgeblieben wären (Annexionen, Vertreibung). Das ursprünglich ähnlich gelagerte irisch-englische Verhältnis zeigt im 20. Jh. eine historische Alternative, die auch für Tschechen und Deutsche offengestanden hätte. (Das Sudetenland wäre dann vielleicht das deutsche Nordirland...) Hätten die Deutschen (Deutschösterreicher) vor 1918 den Tschechen einen Staat gewährt, selbst unter Abtrennung der Sudetengebiete, und hätten sie nachfolgend von neuerlichen Annexionen abstand genommen, hätten sie allen nachfolgenden Zankereien die Schärfe genommen.

    Letztlich ist die allgemeine Erkenntnis schon richtig: Wenn die Deutschen vor 1945 nicht so verblendet gewesen wären, hätte es keinerlei Vertreibungen gegeben und Deutsch wäre Bildungssprache für halb Europa geblieben, wie es zuvor gewesen ist.

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    • otto_B
    • 07.07.2009 um 9:20 Uhr

    Interessantes Szenario.
    Die Republik Irland wäre dann die "Resttschechei"? Oder andersrum, die Iren könnten jetzt in ihrer Provinz Ulster jetzt auch einen Zustand haben, wo -ich benutze ein Benesch-Zitat- "es besser sei, die Disteln wachsen auf den deutschen Feldern, als daß sie von Deutschen weiter bebaut würden".
    So eine Ethno-Debatte hat ja neben der politischen Macht meist auch was mit Wirtschaft zu tun. Und in der Nachkriegstschechoslowakei hat man da durchaus hart bezahlt.
    Über dem Münchner Abkommen wird umstandslos der Daumen gesenkt. Gibt es dafür, außer der Tatsache daß es von einem Diktator betrieben wurde, noch weitere Begründungen? Daß ethnisch-demografische Vorgänge bestehende politische Einheiten zerreißen, ist ja hinterher auch wieder vorgekommen, siehe Kosovo. In diesem Fall sogar mit ausdrücklicher Billigung des Westens. Die Verknüpfung von Staatlichkeit mit Ethnizität ist ja immerhin mal ein anerkanntes Prinzip gewesen (...Wilson...). Oder mit welcher Begründung sonst ist die Sezession des Kosovo geduldet worden? (Selbst der Name des "Amselfeldes" kommt noch aus slawischer Sprache, nicht der albanischen.....).
    Oder es ist doch nur ein Zweckkonstrukt, einmal gegen den Kriegsgegner Habsburg, dann gegen Milischewitschs Jugoslawien....
    Noch mal zu Ihrem Vergleich Irland-Tschechien. Von dem Thema der "Disteln" abgesehen, ist es den Tschechen wesentlich besser ergangen als den Iren, ich meine im kulturellen Sinne. Was ist aus der keltischen Kultur geworden, der gälischen Sprache? Wo es bei den Tschechen im 19. Jahrhundert bergauf ging, da ging es in Irland bergab. Daß ein Volk seine Sprache verliert, das erscheint mir als ein erschütternder Vorgang. In Tschechien hat man das Ruder rumgerissen, bei den Iren ist der Verlust aber real, da hat die Unabhängigkeit auch nichts mehr dran geändert. Selbst die IRA (unseligen Angedenkens) bediente sich in ihren Pamphleten der Sprache der "Besatzer".......

    • otto_B
    • 07.07.2009 um 9:20 Uhr

    Interessantes Szenario.
    Die Republik Irland wäre dann die "Resttschechei"? Oder andersrum, die Iren könnten jetzt in ihrer Provinz Ulster jetzt auch einen Zustand haben, wo -ich benutze ein Benesch-Zitat- "es besser sei, die Disteln wachsen auf den deutschen Feldern, als daß sie von Deutschen weiter bebaut würden".
    So eine Ethno-Debatte hat ja neben der politischen Macht meist auch was mit Wirtschaft zu tun. Und in der Nachkriegstschechoslowakei hat man da durchaus hart bezahlt.
    Über dem Münchner Abkommen wird umstandslos der Daumen gesenkt. Gibt es dafür, außer der Tatsache daß es von einem Diktator betrieben wurde, noch weitere Begründungen? Daß ethnisch-demografische Vorgänge bestehende politische Einheiten zerreißen, ist ja hinterher auch wieder vorgekommen, siehe Kosovo. In diesem Fall sogar mit ausdrücklicher Billigung des Westens. Die Verknüpfung von Staatlichkeit mit Ethnizität ist ja immerhin mal ein anerkanntes Prinzip gewesen (...Wilson...). Oder mit welcher Begründung sonst ist die Sezession des Kosovo geduldet worden? (Selbst der Name des "Amselfeldes" kommt noch aus slawischer Sprache, nicht der albanischen.....).
    Oder es ist doch nur ein Zweckkonstrukt, einmal gegen den Kriegsgegner Habsburg, dann gegen Milischewitschs Jugoslawien....
    Noch mal zu Ihrem Vergleich Irland-Tschechien. Von dem Thema der "Disteln" abgesehen, ist es den Tschechen wesentlich besser ergangen als den Iren, ich meine im kulturellen Sinne. Was ist aus der keltischen Kultur geworden, der gälischen Sprache? Wo es bei den Tschechen im 19. Jahrhundert bergauf ging, da ging es in Irland bergab. Daß ein Volk seine Sprache verliert, das erscheint mir als ein erschütternder Vorgang. In Tschechien hat man das Ruder rumgerissen, bei den Iren ist der Verlust aber real, da hat die Unabhängigkeit auch nichts mehr dran geändert. Selbst die IRA (unseligen Angedenkens) bediente sich in ihren Pamphleten der Sprache der "Besatzer".......

    • otto_B
    • 07.07.2009 um 9:20 Uhr

    Interessantes Szenario.
    Die Republik Irland wäre dann die "Resttschechei"? Oder andersrum, die Iren könnten jetzt in ihrer Provinz Ulster jetzt auch einen Zustand haben, wo -ich benutze ein Benesch-Zitat- "es besser sei, die Disteln wachsen auf den deutschen Feldern, als daß sie von Deutschen weiter bebaut würden".
    So eine Ethno-Debatte hat ja neben der politischen Macht meist auch was mit Wirtschaft zu tun. Und in der Nachkriegstschechoslowakei hat man da durchaus hart bezahlt.
    Über dem Münchner Abkommen wird umstandslos der Daumen gesenkt. Gibt es dafür, außer der Tatsache daß es von einem Diktator betrieben wurde, noch weitere Begründungen? Daß ethnisch-demografische Vorgänge bestehende politische Einheiten zerreißen, ist ja hinterher auch wieder vorgekommen, siehe Kosovo. In diesem Fall sogar mit ausdrücklicher Billigung des Westens. Die Verknüpfung von Staatlichkeit mit Ethnizität ist ja immerhin mal ein anerkanntes Prinzip gewesen (...Wilson...). Oder mit welcher Begründung sonst ist die Sezession des Kosovo geduldet worden? (Selbst der Name des "Amselfeldes" kommt noch aus slawischer Sprache, nicht der albanischen.....).
    Oder es ist doch nur ein Zweckkonstrukt, einmal gegen den Kriegsgegner Habsburg, dann gegen Milischewitschs Jugoslawien....
    Noch mal zu Ihrem Vergleich Irland-Tschechien. Von dem Thema der "Disteln" abgesehen, ist es den Tschechen wesentlich besser ergangen als den Iren, ich meine im kulturellen Sinne. Was ist aus der keltischen Kultur geworden, der gälischen Sprache? Wo es bei den Tschechen im 19. Jahrhundert bergauf ging, da ging es in Irland bergab. Daß ein Volk seine Sprache verliert, das erscheint mir als ein erschütternder Vorgang. In Tschechien hat man das Ruder rumgerissen, bei den Iren ist der Verlust aber real, da hat die Unabhängigkeit auch nichts mehr dran geändert. Selbst die IRA (unseligen Angedenkens) bediente sich in ihren Pamphleten der Sprache der "Besatzer".......

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