Männermode Wunderkind Mann
Wolfgang Joop entwirft seit zehn Jahren das erste Mal wieder Herrenanzüge. Ein ungeliebtes Kleidungsstück erlebt einen Aufschwung
Neulich war Wolfgang Joop auf einer Hochzeit zu Gast. Er kam etwas zu spät, nahm auf der letzten freien Kirchenbank Platz, und erst als die Gäste an ihm vorbei aus der Kirche strömten, sah er die Herrenanzüge. Sie machten den Modedesigner fassungslos. "Auf diese Polster können Sie bauen" – dieser Satz fiel ihm ein. Für ihn sahen diese Männer aus, als steckten sie in überdimensionierten Kartons. "Warum kaufen sich die Leute einen Anzug auf Zuwachs – als müssten sie ihn das ganze Leben lang hüten wie kostbares Geschirr?"
Vor Joop, auf einem Esstisch in der Potsdamer Villa Rumpf, dem Firmensitz seiner Modemarke Wunderkind, liegen Skizzen auf riesigen Papierbögen. Sie zeigen Entwürfe für Herrenanzüge. Sie sind das, was Joop vielleicht am besten kann – auch wenn er seit mehr als zehn Jahren keine Herrenanzüge mehr entworfen hat.
Seit er Wunderkind 1999 gegründet hatte, schuf Joop nur Damenkleider, er huldigte der "Wunderkind-Frau": einer Kundin, die in einer Welt jenseits der Modetrends lebt und die in ihrer Kleidung mehr Kunst denn Putz sieht. Nun kommt eine Herrenkollektion hinzu, für den Wunderkind-Mann. Wie dieser Mann aussieht, hat Wolfgang Joop auch schon vor Augen: wie Wolfgang Joop.
Denn der brauchte vor einer Weile selbst dringend einen Anzug. "Ich fand nichts mehr anzuziehen", sagt er. Eigentlich habe er gern Comme des Garçons getragen, das Label der japanischen Designerin Rei Kawakubo. Aber irgendwo zwicke es meistens. Immer gebe es etwas, das unbequem sei und ihn störe. Das solle ja auch so sein, sagt Joop. Nur möchte er nun lieber selbst stören und provozieren.
Mit Anzügen ist er bekannt geworden, mit seiner ersten Marke Joop! wurde er zum Schneider des Achtziger-Jahre-Gefühls. Joop!-Anzüge waren jung, großspurig, aufgeregt. Nun möchte er einen ganz anderen deutschen Anzug schaffen: "relaxed" soll er sein, entspannt. Und ein bisschen unordentlich. Großer Komfort mit kleinen Frechheiten, sagt Joop. "Hier zum Beispiel. Großes Karo mit langem Schalkragen. Das würde ein Herrenschneider niemals tun, das gehört sich nicht." Aber genau darauf ist er aus. Er nennt es "ein bisschen Super-GAU im Idyll". Und nebenbei will er dem Mann etwas zurückgeben, was ihm seiner Meinung nach in der superschlanken Mode der vergangenen Jahre abgeschnürt worden ist – die "Sexiness".
Der Deutsche und sein Anzug, das ist eine komplizierte Beziehung. Der Herrenanzug ist das vielleicht deutscheste aller Kleidungsstücke. Doch pflegt der Bundesbürger zu ihm keine Liebesbeziehung. Manager werden gerne als "Nieten in Nadelstreifen" beschimpft. Und Gerhard Schröders Leidenschaft für teure Anzüge trug ihm seinerzeit den Spitznamen "Brioni-Kanzler" ein. In Italien würde niemand daran denken, Berlusconi Vorhaltungen dafür zu machen, dass er sich als mächtigster Mann seines Staates in gutes Tuch kleidet.
Ein grundsätzliches Problem sieht darin auch der griechisch-deutsche Designer Kostas Murkudis. "Neulich hat mir ein Modeberater gesagt: Ihr Deutschen macht wirklich tolle Autos. Aber von Anzügen versteht ihr nicht viel." Dem müsse er leider zustimmen. "Tatsächlich sehen die meisten deutschen Anzüge aus wie Autos", millimetergenau gearbeitet mit Schultern wie Kotflügel. "Der Deutsche hat den Anzug als Berufskleidung akzeptiert", sagt Murkudis, "aber er sieht ihn immer noch eher als Zwang." Seit Jahren arbeitet Murkudis daran, Abhilfe zu schaffen. Dem Business-Suit setzt er den individuellen Anzug entgegen. Leicht wie eine "zweite Haut" solle er sein, ein Kleidungsstück, das man zugleich spüre und nicht spüre.
Es ist nicht mehr so, dass es in Deutschland an modischen Ideen mangelte. Wenn in diesen Tagen die Berliner Fashion Week beginnt und am gleichen Ort die Modemesse Bread and Butter, wird sich das Potenzial der deutschen Designer zeigen. Junge Modeschöpfer arbeiten längst auf einem kreativen Niveau, das international beachtet wird. Und Deutschland ist auch in Sachen Anzug eine wichtige Exportnation.
Das Metzinger Unternehmen Hugo Boss ist inzwischen zum größten Herrenausstatter Europas aufgestiegen – und macht fast vier Fünftel des Umsatzes im Ausland. Der Großostheimer Anzughersteller Eduard Dressler verkauft immerhin mehr als ein Drittel seiner Anzüge nicht in Deutschland. "An unseren Anzügen wird geschätzt, dass sie modern sind, ohne modisch zu sein", sagt Heinz Dressler, Geschäftsführer und Sohn des Firmengründers. Besonders im Nahen Osten hätten deutsche Produkte einen fabelhaften Ruf: "Ich kenne einen Herrenausstatter in Syrien, der ausschließlich deutsche Anzüge verkauft."
Dass hierzulande trotzdem so viele mit dem Anzug fremdeln, erklärt Heinz Dressler damit, dass nicht genug Aufmerksamkeit auf den Kauf verwendet und außerdem schlecht beraten werde. "Es gibt den Muss-Anzug und den Will-Anzug", sagt er. Um einen "Will-Anzug" sein Eigen zu nennen, müsse man etwa darauf achten, wie der Kragen am Hals anliegt: "Ich sehe manchmal Nachrichtensprecher im Fernsehen, da kann man zwischen Hals und Kragen Blumentöpfe stellen. Das kann nur ein total unbequemer Anzug sein." Wolfgang Joop hingegen rät, besonders auf die Schulterpartie zu schauen. Sie müsse markant sein, ohne aufgepolstert zu wirken. Je mehr ein Anzug gepolstert sei, desto eher mauere er seinen Träger ein. Außerdem solle der Anzug genug Platz in den Ärmeln bieten.
Eigentlich ist der Anzug der beste Freund des Mannes – und hat sich deshalb in den vergangenen 150 Jahren nicht grundsätzlich geändert. Er ist der große Neutralisierer: Er macht Dicke schmaler und Dünne breiter. Er verbirgt einen schlaffen Hintern und einen schwellenden Bauch. Er lässt Junge älter erscheinen und Gebrechliche kompakter. Er schafft eine Übereinkunft, einen Code, über den alle miteinander kommunizieren können.
Das war nicht immer so. In vorbürgerlichen Zeiten kleideten sich Männer wie Pfauen. Schließlich galt es, wann immer möglich, zu repräsentieren. Für den Adel war es wichtig, Wohlstand und Prestige nach außen zu tragen. Damit war nach der bürgerlichen Revolution Schluss. Nun galt es, "sachlich" und "vernünftig" zu sein und sich von der aristokratischen Prunksucht abzusetzen, um den Geschäftspartnern Seriosität und Beherrschung zu demonstrieren. Während die Damenmode von Saison zu Saison ausgetauscht wurde, wandelte sich der Herrenanzug nur noch im Detail. Weder Weltkriege noch Boomzeiten änderten etwas Grundlegendes an ihm. Die Stoffe wurden leichter, die Schnitte schmaler, mal trug man den Anzug heller, mal mit mehr oder weniger Schulter. Revolutionen blieben aus.
Warum hat sich das nie geändert? "Der Mann von heute hat keinen Feind mehr", mutmaßt Wolfgang Joop. Falls er doch welche habe, seien sie unsichtbar. Der Mann im Anzug kämpft gegen Zahlen, gegen Kurse – und oft genug gegen sich selbst. Mancher wappnet sich wie ein Soldat des Kapitalismus. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Deutschlands größte Anzugschneiderei, Hugo Boss, aus einem Uniformhersteller hervorgegangen ist.
Deutschland brauche gar nicht so sehr neue Anzüge, sagt Wolfgang Joop – sondern eine neue Haltung, mit der man sie trägt: "Für mich ist ein schöner Anzug eine Rüstung gegen die Hässlichkeit, gegen die Missstimmung, die Krise."
Überhaupt sei es für den männlichen Körper eher schmeichelhaft, wenn möglichst viel von ihm bedeckt bleibe. Leider sei das verlorenes Wissen. Um das zu belegen, sagt Joop, müsse er nur einmal mit dem Boot über den See vor seiner Potsdamer Villa paddeln – an den Stränden finde er erschreckende Beispiele völliger Unbedecktheit. Joop schüttelt sich.
Dann sagt er, dass eigentlich auch der Badeanzug für den Herrn mal ein Comeback brauche.
- Datum 02.07.2009 - 10:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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