Männermode Wunderkind MannSeite 2/2

Das Metzinger Unternehmen Hugo Boss ist inzwischen zum größten Herrenausstatter Europas aufgestiegen – und macht fast vier Fünftel des Umsatzes im Ausland. Der Großostheimer Anzughersteller Eduard Dressler verkauft immerhin mehr als ein Drittel seiner Anzüge nicht in Deutschland. "An unseren Anzügen wird geschätzt, dass sie modern sind, ohne modisch zu sein", sagt Heinz Dressler, Geschäftsführer und Sohn des Firmengründers. Besonders im Nahen Osten hätten deutsche Produkte einen fabelhaften Ruf: "Ich kenne einen Herrenausstatter in Syrien, der ausschließlich deutsche Anzüge verkauft."

Dass hierzulande trotzdem so viele mit dem Anzug fremdeln, erklärt Heinz Dressler damit, dass nicht genug Aufmerksamkeit auf den Kauf verwendet und außerdem schlecht beraten werde. "Es gibt den Muss-Anzug und den Will-Anzug", sagt er. Um einen "Will-Anzug" sein Eigen zu nennen, müsse man etwa darauf achten, wie der Kragen am Hals anliegt: "Ich sehe manchmal Nachrichtensprecher im Fernsehen, da kann man zwischen Hals und Kragen Blumentöpfe stellen. Das kann nur ein total unbequemer Anzug sein." Wolfgang Joop hingegen rät, besonders auf die Schulterpartie zu schauen. Sie müsse markant sein, ohne aufgepolstert zu wirken. Je mehr ein Anzug gepolstert sei, desto eher mauere er seinen Träger ein. Außerdem solle der Anzug genug Platz in den Ärmeln bieten.

Eigentlich ist der Anzug der beste Freund des Mannes – und hat sich deshalb in den vergangenen 150 Jahren nicht grundsätzlich geändert. Er ist der große Neutralisierer: Er macht Dicke schmaler und Dünne breiter. Er verbirgt einen schlaffen Hintern und einen schwellenden Bauch. Er lässt Junge älter erscheinen und Gebrechliche kompakter. Er schafft eine Übereinkunft, einen Code, über den alle miteinander kommunizieren können.

Das war nicht immer so. In vorbürgerlichen Zeiten kleideten sich Männer wie Pfauen. Schließlich galt es, wann immer möglich, zu repräsentieren. Für den Adel war es wichtig, Wohlstand und Prestige nach außen zu tragen. Damit war nach der bürgerlichen Revolution Schluss. Nun galt es, "sachlich" und "vernünftig" zu sein und sich von der aristokratischen Prunksucht abzusetzen, um den Geschäftspartnern Seriosität und Beherrschung zu demonstrieren. Während die Damenmode von Saison zu Saison ausgetauscht wurde, wandelte sich der Herrenanzug nur noch im Detail. Weder Weltkriege noch Boomzeiten änderten etwas Grundlegendes an ihm. Die Stoffe wurden leichter, die Schnitte schmaler, mal trug man den Anzug heller, mal mit mehr oder weniger Schulter. Revolutionen blieben aus.

Warum hat sich das nie geändert? "Der Mann von heute hat keinen Feind mehr", mutmaßt Wolfgang Joop. Falls er doch welche habe, seien sie unsichtbar. Der Mann im Anzug kämpft gegen Zahlen, gegen Kurse – und oft genug gegen sich selbst. Mancher wappnet sich wie ein Soldat des Kapitalismus. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Deutschlands größte Anzugschneiderei, Hugo Boss, aus einem Uniformhersteller hervorgegangen ist.

Deutschland brauche gar nicht so sehr neue Anzüge, sagt Wolfgang Joop – sondern eine neue Haltung, mit der man sie trägt: "Für mich ist ein schöner Anzug eine Rüstung gegen die Hässlichkeit, gegen die Missstimmung, die Krise."

Überhaupt sei es für den männlichen Körper eher schmeichelhaft, wenn möglichst viel von ihm bedeckt bleibe. Leider sei das verlorenes Wissen. Um das zu belegen, sagt Joop, müsse er nur einmal mit dem Boot über den See vor seiner Potsdamer Villa paddeln – an den Stränden finde er erschreckende Beispiele völliger Unbedecktheit. Joop schüttelt sich.

Dann sagt er, dass eigentlich auch der Badeanzug für den Herrn mal ein Comeback brauche.

 
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