Als Evelyn Finger vergangene Woche in dieser Zeitung (Hegel, hilf!) zur Fundamentalkritik der Studienreform ausholte, die unter dem Namen Bologna-Prozess bekannt ist, argumentierte sie ahistorisch und elitär. Ahistorisch, weil sie die deutsche Bildungsgeschichte ausblendet, elitär, weil das von ihr propagierte Universitätsideal großen Teilen des Volkes den Zugang zur höheren Bildung versperrt.

Die Studienreform – ein Werk ökonomistischer Dunkelmänner, denen es allein um Effizienz, Mobilität und Marktgängigkeit geht? Es gibt eine ganz andere Begründung. Der kürzlich verstorbene Soziologe Ralf Dahrendorf hat sie in dieser Zeitung schon in den sechziger Jahren verfochten. Demokratische Teilhabe war ihm wichtiger als die Ökonomie. Er setzte diese Sichtweise gegen die des Altphilologen Georg Picht, des Trommlers für die sogenannte Bildungsexpansion. Picht wollte den Mädchen, den Arbeiter- und Bauernkindern Zugang zur höheren Bildung verschaffen, um dem Mangel an qualifiziertem Nachwuchs für die Wirtschaft abzuhelfen. Dahrendorf konterte: »Bildungspolitik ist unendlich viel mehr als eine Magd der Wirtschaftspolitik. Sie kann nur in Anknüpfung an den Gedanken eines Bürgerrechts auf Bildung erfolgen.« Möglichst vielen jungen Menschen möglichst viel Bildung und Ausbildung angedeihen zu lassen, darin sah er die Aufgabe der Schulen und Hochschulen. Er forderte eine Gliederung der Hochschulen, um das Massenstudium zu bewältigen.

Die Einheit von Forschung und Lehre als Generalprinzip stellte er infrage, weil nur ein kleiner Teil der Studenten in die Forschung ginge. Die meisten Studenten brauchten eine wissenschaftsnahe Ausbildung, dafür müsse die Lehre gestärkt werden. Was heute Bachelor genannt wird, findet seine Wurzeln in dem, was Dahrendorf seinerzeit »Kurzstudiengänge« nannte.

Die Bologna-Reform steht also auch in dieser Tradition. Erstmals müssen sich Professoren Gedanken darum machen, was Studenten eigentlich lernen sollen.