Sie sind nicht freiwillig hier. Das kann man ihnen ansehen, den vier Jungs, die sich nach hinten in die vorletzte Reihe verzogen haben. Demonstrativ hängen sie in ihren Sitzen, grinsen spöttisch, und als einer ihrer Mitschüler sagt, das Geschichtsbild in DDR-Schulbüchern sei doch recht einseitig gewesen, applaudieren sie johlend.

Ein Kinosaal in der Potsdamer Innenstadt: Draußen nähert sich ein Frühsommermorgen seinem Ende, drinnen sind gerade die Lichter wieder angegangen. 200 Brandenburger Oberstufenschüler, fast alle die Kinder ehemaliger DDR-Bürger, haben sich das preisgekrönte Politdrama Das Leben der Anderen angesehen, die Geschichte eines Stasihauptmanns, der über der Bespitzelung eines Künstlerpaares allmählich an den Grundfesten der Staatsideologie zu zweifeln beginnt. Der Film handelt von einem Land, das viele von ihnen bislang nur aus Anekdoten und Ulkstreifen wie Sonnenallee kannten. Ihre Lehrer haben sie hergeschleppt. Und das wiederum hat ziemlich viel mit dem bärtigen Mann zu tun, der nach der Vorstellung vor der leeren Filmleinwand Platz nimmt: Klaus Schroeder, 59, Professor an der Freien Universität Berlin.

Vergangenes Jahr hat der Politikwissenschaftler mit einer Studie zum Geschichtswissen Brandenburger Schüler für Aufsehen gesorgt. Nur noch 49 Prozent hielten die DDR für eine Diktatur, berichteten Schroeder und seine Forscherkollegen – und gerade einmal 36 Prozent verträten die Auffassung, die Bundesrepublik sei insgesamt besser als der kommunistische Staat, den sich viele als eine Art Sozialparadies vorstellten. 80 Prozent der Brandenburger Schüler gaben gar an, ohnehin wenig oder nichts von der DDR und ihrer Geschichte zu wissen. Die Reaktionen auf die Studie reichten von Bestürzung bis hin zu wütenden Protesten ehemaliger DDR-Bürger, die sich gegen die vermeintliche Geschichtsklitterung durch Westwissenschaftler wehrten.

Es waren Schroeders Zahlen, die die Fraktionsvorsitzende der Brandenburger CDU, Saskia Funck, keine Ruhe gelassen haben. Sie hat eine Veranstaltungsreihe organisiert, mit der sie – wenige Monate vor den Landtagswahlen natürlich nicht ganz uneigennützig – durch Brandenburgs Schulen tourt oder auch schon mal durch einen Kinosaal. Sie wolle aufklären, sagt sie. Und so sitzen sie sich nach dem Film gegenüber, die 200 Schüler auf der einen Seite des Saales, Funck und Schroeder auf der anderen, dazu drei Zeitzeugen, ehemalige Stasihäftlinge, die von unendlichen Stunden in Drahtkäfigen berichten und der schier ewigen Isolation – weil sie einen Fluchtversuch gen Westen gewagt oder regimekritische Flugblätter verfasst hatten.

Man dürfe nicht zu viel erwarten, hat Schroeder vor der Diskussion noch zu den Zeitzeugen gesagt. »Für einige Schüler steht fast alles, worüber wir heute reden, in direktem Gegensatz zu dem, was sie bislang über die DDR gehört haben.« Und tatsächlich, die Stimmung ist angespannt. Viele Jugendliche begeben sich unwillkürlich in Verteidigungshaltung, schließlich geht es bei der DDR-Geschichte immer auch um die Geschichte ihrer Eltern, die Rechtfertigung ihrer Biografien. All diese Kritik an der DDR diene nur dazu, von »den wahren Problemen in der BRD« abzulenken, sagt ein blondes Mädchen mit Trotz in der Stimme.

Doch Schroeder und seine Mitstreiter sind Profis. Sie wissen: Lange Abhandlungen über systematische Menschenrechtsverletzungen oder die Folgen der Unrechtsjustiz gehen über die Köpfe der Jugendlichen hinweg. »Wir erreichen sie nur, wenn wir ihre Lebenswelten berücksichtigen«, sagt Schroeder. Und so erzählt der 64 Jahre alte Gilbert Furian, wie es für ihn war, als er seinen Traum vom Studieren aufgeben musste, weil er den Anstecker der Jungen Gemeinde nicht vom Revers nehmen wollte und deshalb aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ), dem kommunistischen Jugendverband, flog. Der trotz seiner 43 jugendlich wirkende Matthias Melster beschreibt die Angst der DDR-Punks, von der Straße weggegriffen zu werden und in einem Volkspolizeirevier gewaltsam die Haare abgeschnitten zu bekommen. Und der 58 Jahre alte Dieter Dombrowski zeichnet seinen Weg nach vom Fluchtversuch über die Jahre im Gefängnis bis zum Neuanfang im Westen. Dombrowski ist heute Generalsekretär der Brandenburger CDU, Furian und Melster führen Besuchergruppen durch die Gedenkstätte der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen.

Ab und zu wirft der Professor eine Bemerkung ein. Die meiste Zeit aber hört auch Schroeder zu, lässt die Berichte der Zeitzeugen wirken – und beobachtet die jungen Gesichter. Es stimmt ja: Deren Einstellung können sie hier und heute nicht einfach so ändern. Aber sie neugierig machen, das könnte funktionieren. Und tatsächlich: Je länger Furian und Melster reden, desto zahlreicher werden die Fragen der Jugendlichen. Ein Mädchen will wissen, ob in der Stasihaft auch Gewalt angewandt wurde. Der Nächste fragt, warum es für Westdeutsche so wichtig ist, ob der Ohnesorg-Mörder Kurras Stasimitglied war, ein Dritter, wie genau die Hierarchie zwischen Staat und Partei in der DDR aussah.

Am Ende allerdings kann sich Saskia Funck, die selbst mit 21 aus der DDR geflohen ist, dann doch nicht zurückhalten, und so hält sie eine kleine Ansprache über demokratische Werte und das Engagement jedes Einzelnen, auf das es ankomme. Danach herrscht erst mal Stille, die erst wieder durchbrochen wird, als Funck verkündet, damit gehe die Veranstaltung zu Ende. »Yes!«, rufen die Jungs aus der vorletzten Reihe, und plötzlich setzt stürmischer Applaus ein, von dem man nicht so recht weiß, ob er den Zeitzeugen gilt oder doch eher der Tatsache, dass der Ausflug in die Vergangenheit vorbei ist.