Unternehmen»Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn«

Firmen wollen mit eigens komponierten Hymnen ihre Mitarbeiter enger an sich binden von Christine Böhringer

Firmenhymnen sollen die Mitarbeiter motivieren. Meist sind sie seichter Pop, massentauglich produziert

Firmenhymnen sollen die Mitarbeiter motivieren. Meist sind sie seichter Pop, massentauglich produziert  |  © photocase

Eigentlich sah alles nach einer normalen Unternehmensfeier aus: Der Nutzfahrzeughersteller Kögel hatte seine Mitarbeiter mit ihren Familien an einem Samstag an den Firmensitz im bayerischen Burtenbach geladen, für die Kinder gab es Spielstraßen, für die Männer Fußball und für die Frauen Kaffee und Kuchen. Doch spätabends verschwanden plötzlich einige Angestellte – und als sie wiederkamen, hatten sie ein Lied auf den Lippen: »Kögel – hat einfach mehr drauf, Kögel – nimmt’s mit jedem auf, Kögel – legt immer gern vor, Kögel – simply more, simply more.«

Schuld an der Einlage war der Chef. Er hatte heimlich bei der Bielefelder Audiomarketing-Agentur Ladage Media eine Firmenhymne in Auftrag gegeben, die bei der Feier von der Belegschaft spontan vorgetragen, aufgenommen und auf CD gepresst werden sollte. Das Unternehmen hatte schwierige Zeiten und eine Insolvenz hinter sich, nun lief das Geschäft wieder rund. Warum sich also nicht bei den Mitarbeitern dafür mit einem Song bedanken und sie gleichzeitig auf die Zukunft einstimmen?

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Mit diesen Gedanken steht der Nutzfahrzeughersteller nicht allein da: Seit einiger Zeit ist hierzulande ein neues musikalisches Genre entstanden – das der Firmenhymnen. »Als Mittel der internen Kommunikation sollen sie den Teamgeist der Mitarbeiter stärken, sie motivieren und enger an das Unternehmen binden«, sagt der Ludwigsburger Kulturwissenschaftler Rudi Maier, der das neue deutsche Liedgut untersucht hat. Wie viele Songs es umfasst, weiß Maier nicht: Die meisten Unternehmen achten darauf, dass ihre Hymnen nicht an die Öffentlichkeit gelangen, sondern nur auf internen Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern gespielt werden. Trotzdem kursieren insgesamt rund 140 deutsch- und englischsprachige Titel im Internet. Oft handelt es sich um seichten Pop, massenkompatibel produziert, garniert mit eingängigen Mitsing-Texten.

Diese haben es jedoch in sich. »Auch wenn sie flott daherkommen, da wird etwas von den Mitarbeitern gefordert«, sagt Maier. Bestimmte Werte wie etwa bei Kögel: »Auf Zuverlässigkeit kommt’s an. Das ist bei uns Brauch. Und was für uns’re Trailer gilt, gilt für uns natürlich auch.« Kundenfreundlichkeit wie bei Air Berlin: »Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin. Kein Sturm hält uns auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn. Und ein Lächeln stets mit drin.« Oder die Aufforderung, sich stetig zu verbessern, wie zum Beispiel bei Henkel: »In einer Welt, die ständig sich dreht, in der täglich Neues entsteht, sind wir die treibende Kraft, ein starkes Team mit Leidenschaft. Und gut allein ist uns nicht gut genug. Die Gedanken stehen nie still, wenn man Träume wahr machen will.«

Solch schön verpackte Arbeitsanweisungen kennen die Beschäftigten in den USA schon länger. Etwa bei IBM. Dort erschien 1927 das Liedbuch Songs of the IBM. 1935 enthielt es bereits 88 Titel. Die Lieder waren zunächst den Führungspersönlichkeiten des damaligen Tabelliermaschinenherstellers gewidmet, später wurden die einzelnen Abteilungen zu mehr Produktivität angespornt. Die Vertriebsleute sangen zum Beispiel auf die Melodie von Jingle Bells: »IBM, Happy men, smiling all the way. Oh, what fun it is to sell our products night and day.« Ende der 1940er Jahre wurden die Firmenhymnen dann in Japan populär. Als eine der ersten Deutschland können die Songs We do everything von Bosch aus dem Jahre 1999 und Are you Ready von der HypoVereinsbank aus dem Jahre 1998 gelten – Letztere wurde anlässlich der Fusion der HypoBank und der Vereinsbank komponiert und sollte Identität für das neue Unternehmen stiften.

Dass die Hymnen so spät nach Deutschland gelangt sind, wundert Rudi Maier nicht: In den vergangenen Jahren hätten sich die Arbeits- und deren gesellschaftliche Rahmenbedingungen stark gewandelt; in den Unternehmen herrsche große Fluktuation, es gebe mehr Entlassungen, die Mittelschicht drohe abzurutschen – und auch deshalb hätten immer mehr Mitarbeiter bereits innerlich gekündigt. Wie eine Umfrage des Marktforschungsinstitutes Gallup im vergangenen Jahr ergab, verspüren nur noch 13 Prozent aller Arbeitnehmer eine echte Verpflichtung gegenüber ihrem Unternehmen. Hinzu kommt die Wirtschaftskrise. »Gerade in Zeiten, in denen es schwer ist, muss man die Mannschaft zusammenhalten«, sagt Constantin Reineck von Ladage Media.

Bei der Audio-Marketingagentur ist seit ungefähr fünf Jahren die Nachfrage nach Firmenhymnen konstant hoch. Oft wünschen sich die Unternehmen, dass das Lied direkt vor Ort bei einer Feier mit den Mitarbeitern aufgenommen wird. Ladage Media fährt dann mit einem Produktionsstudio vor, pickt sich einige Angestellte heraus und übt mit ihnen, damit sie später den Rest der Belegschaft mitreißen können. »Wenn der Geschäftsführer dann mit dem Lieferanten gemeinsam auf der Bühne steht, setzt man Zeichen«, sagt Reinecke: »Egal, wer man ist, man kann das Unternehmen voranbringen.«

Leserkommentare
  1. Ist das dumm! Ich weiß nicht ob ich darüber noch lachen kann oder mich mit Grausen abwenden sollte.

  2. Es gibt doch nichts beknackteres als diese selbstbeweihräuchernden Firmenhymnen mit abgebrochenen Reime-Dich-oder-Verrecke Texten. In Zeiten, da die letzte ehrliche Lohnerhöhung 5-10 Jahre her ist und jeder um seinen Job zittern muss erzeugt dieser gequirlte Mist nichts als Brechreiz.

  3. ich schlage zu der Melodie M.Jacksons "We are the world" folgendes vor

    Wir sind kaputt..(chor: uhuuu)
    ja wir sind pleite (chor: sooo pleite)
    auf uns wartet nun nur noch HartzIV und andere machen Beute

    Wenn wir auf Lohnsteig´rungen verzichten - ja so wurde uns gesagt
    geht alles für uns nur noch Berg auf und der Job ist sicher (chor: na sicher)
    nun ist die Krise da - und wir räumen uns´ren Spind
    Uns´re Bosse sind fein raus - für uns wird immer widerlicher (chor: viel widerlicher)

    In der Transfergesellschaft - ja da ist nun unser Platz (chor: uhuuu)
    lass die Hoffnung fahren dass hier noch mal Jobs entstehen (chor: ja Jobs entstehen)
    Ein Jährchen noch, dann sind wir entwickelt für den Arbeitsmarkt
    und wir können endlich in die verdiente Arbeitslosigkeit gehen (chor: ja gehen)

    (..)

    ich könnt stundenlang weiter machen ;)

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    bitte weitermachen!

  4. sind der lächerliche Teil des gar nicht lächerlichen Anspruchs der Unternehmen an die Mitarbeiter. Sie sollen alles für die Firma "geben", ja sich mit ihr "identifizieren" (also "eins mit ihr werden").

    Ich nenne das totalitär, aber wir leben ja in einer freiheitlichen Demokratie, wo es so etwas ja unmöglich geben kann.

  5. Lächerlich das Ganze. Was passiert eigentlich mit denen, die nicht stramm mitsingen? Schließlich verweigern sie sich dem aufgepfropften Gemeinsinn, sind vielleicht gar nur zum Geldverdienen in der Firma und identifizieren sich nicht mit ihr?!?

    Genau wie Spruchbänder an den Wänden, Wandtafeln mit den Mitarbeitern des Monats, Briefkästen für Verbesserungsvorschläge usw. scheint mir das Ganze gar nicht so neu zu sein. Dazu braucht man auch weder nach Amerika noch nach Japan zu schielen.

    Ein paar Ideen könnte man sich z.B. da holen:

    http://www.ddr-losungen.d...

    Jaja, der Sozialsimus siegt...

  6. "Dass die Hymnen so spät nach Deutschland gelangt sind, wundert Rudi Maier nicht..." (...)

    Als eine der ersten (sic!) Deutschland können die Songs We do everything von Bosch aus dem Jahre 1999 und Are you Ready von der HypoVereinsbank aus dem Jahre 1998 gelten... "

    Zur Komplettierung dieser Aufstellung könnte ein weiteres repräsentatives Beispiel aus der Zeit von vor 1997 herangezogen werden:

    Der Titel des Werkes lautet: "Mit Mercedes Benz voran", komponiert von Herms Niel.

    http://www.youtube.com/wa...

    Die Verlinkung erfolgt ausschließlich im Sinne einer korrekten Geschichtsforschung und Volksaufklärung. Von den gezeigten Inhalten distanziere ich mich in jeder juristisch relevanten Hinsicht.

    • Zapp54
    • 03. Juli 2009 13:34 Uhr

    4 x Quelle-LP´s (Der Kata-Log; mit No Print-Maxi)
    2 x Hertie (Nur noch diesen Sommer)
    1 x Arcandor (HELP)
    3 x Lehman Brothers (Bad Bank Blues)

    Alles Vinyl - gut erhalten - meist nur von der Grossen-Koalition gehört.

    Viele SteuerZahler tanzten dazu schon mehrfach in 33/1/3 umdrehungen.

    Bei Disputen gewinnt immer der Optimist (Hermann Hesse) *gg*

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    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    O Lord Kumbaya

    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    O Lord Kumbaya

    For the sun that rises in the sky
    For the rythm of the falling rain
    For all life, great or small
    For all thats true, for all you do

    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    O Lord Kumbaya

    For one second on this world you made
    For the love that will never fade
    For a heart beating with joy
    For all thats real, for all we feel

    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    O Lord Kumbaya

    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    Kumbaya my lord, Kumbaya
    O Lord Kumbaya
    O Lord Kumbaya, Kumbaya

    höhö

  7. Was muss man sich als Arbeitnehmer alles bieten lassen!

    Erst kamen die verlogenen Firmenpostillen auf. In denen stand kein wahres Wort. Gegen die war die Prawda ein hoch seriöses Informationsblatt.

    Dann die unsäglichen Leitsprüche oder Leitbilder an jedem freien Stück Büro- oder Fabrikwand. Voll unsäglicher Verlogenheit und Dummheit. Das genaue Gegenteil dieser Leitbilder wurde natürlich praktiziert. Eine Plakataktion, die in der Form eher an die DDR, die andere Deutsche Diktatur darf ich ja nicht nennen, sonst wird der Beitrag wegen Unsachlichkeit gekürzt, erinnert, als eine Firmenkultur, die an Wahrheit, Sachlichkeit, Humanität und gesundem Menschenverstand orientiert ist.

    Jetzt kommen diese peinlichen Firmenhymnen. Jetzt wird die Lügenorgie ins Unerträgliche gesteigert. Wer nicht laut und inbrünstig mitsingt, der gilt wahrscheinlich als verdächtig und kann mit seiner Kündigung rechnen. Eine weitere Demütigung für die Arbeitnehmer. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur vollkommenen Selbstverleugnung. Ein weiterer Schritt in Richtung Entrechtlichung, Entmenschlichung und Militarisierung einer jetzt schon oftmals autoritär – faschistoiden Arbeitswelt.

    Psychologie soll über die wahren Sachverhalte hinwegtäuschen und ein gutes Betriebsklima, ein angemessenes Gehalt, fehlende Arbeitsplatzsicherheit und die abgebauten Sozialleistungen ersetzen. Psychologie ist eben deutlich billiger.

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