Eigentlich sah alles nach einer normalen Unternehmensfeier aus: Der Nutzfahrzeughersteller Kögel hatte seine Mitarbeiter mit ihren Familien an einem Samstag an den Firmensitz im bayerischen Burtenbach geladen, für die Kinder gab es Spielstraßen, für die Männer Fußball und für die Frauen Kaffee und Kuchen. Doch spätabends verschwanden plötzlich einige Angestellte – und als sie wiederkamen, hatten sie ein Lied auf den Lippen: »Kögel – hat einfach mehr drauf, Kögel – nimmt’s mit jedem auf, Kögel – legt immer gern vor, Kögel – simply more, simply more.«

Schuld an der Einlage war der Chef. Er hatte heimlich bei der Bielefelder Audiomarketing-Agentur Ladage Media eine Firmenhymne in Auftrag gegeben, die bei der Feier von der Belegschaft spontan vorgetragen, aufgenommen und auf CD gepresst werden sollte. Das Unternehmen hatte schwierige Zeiten und eine Insolvenz hinter sich, nun lief das Geschäft wieder rund. Warum sich also nicht bei den Mitarbeitern dafür mit einem Song bedanken und sie gleichzeitig auf die Zukunft einstimmen?

Mit diesen Gedanken steht der Nutzfahrzeughersteller nicht allein da: Seit einiger Zeit ist hierzulande ein neues musikalisches Genre entstanden – das der Firmenhymnen. »Als Mittel der internen Kommunikation sollen sie den Teamgeist der Mitarbeiter stärken, sie motivieren und enger an das Unternehmen binden«, sagt der Ludwigsburger Kulturwissenschaftler Rudi Maier, der das neue deutsche Liedgut untersucht hat. Wie viele Songs es umfasst, weiß Maier nicht: Die meisten Unternehmen achten darauf, dass ihre Hymnen nicht an die Öffentlichkeit gelangen, sondern nur auf internen Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern gespielt werden. Trotzdem kursieren insgesamt rund 140 deutsch- und englischsprachige Titel im Internet. Oft handelt es sich um seichten Pop, massenkompatibel produziert, garniert mit eingängigen Mitsing-Texten.

Diese haben es jedoch in sich. »Auch wenn sie flott daherkommen, da wird etwas von den Mitarbeitern gefordert«, sagt Maier. Bestimmte Werte wie etwa bei Kögel: »Auf Zuverlässigkeit kommt’s an. Das ist bei uns Brauch. Und was für uns’re Trailer gilt, gilt für uns natürlich auch.« Kundenfreundlichkeit wie bei Air Berlin: »Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin. Kein Sturm hält uns auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn. Und ein Lächeln stets mit drin.« Oder die Aufforderung, sich stetig zu verbessern, wie zum Beispiel bei Henkel: »In einer Welt, die ständig sich dreht, in der täglich Neues entsteht, sind wir die treibende Kraft, ein starkes Team mit Leidenschaft. Und gut allein ist uns nicht gut genug. Die Gedanken stehen nie still, wenn man Träume wahr machen will.«

Solch schön verpackte Arbeitsanweisungen kennen die Beschäftigten in den USA schon länger. Etwa bei IBM. Dort erschien 1927 das Liedbuch Songs of the IBM. 1935 enthielt es bereits 88 Titel. Die Lieder waren zunächst den Führungspersönlichkeiten des damaligen Tabelliermaschinenherstellers gewidmet, später wurden die einzelnen Abteilungen zu mehr Produktivität angespornt. Die Vertriebsleute sangen zum Beispiel auf die Melodie von Jingle Bells: »IBM, Happy men, smiling all the way. Oh, what fun it is to sell our products night and day.« Ende der 1940er Jahre wurden die Firmenhymnen dann in Japan populär. Als eine der ersten Deutschland können die Songs We do everything von Bosch aus dem Jahre 1999 und Are you Ready von der HypoVereinsbank aus dem Jahre 1998 gelten – Letztere wurde anlässlich der Fusion der HypoBank und der Vereinsbank komponiert und sollte Identität für das neue Unternehmen stiften.

Dass die Hymnen so spät nach Deutschland gelangt sind, wundert Rudi Maier nicht: In den vergangenen Jahren hätten sich die Arbeits- und deren gesellschaftliche Rahmenbedingungen stark gewandelt; in den Unternehmen herrsche große Fluktuation, es gebe mehr Entlassungen, die Mittelschicht drohe abzurutschen – und auch deshalb hätten immer mehr Mitarbeiter bereits innerlich gekündigt. Wie eine Umfrage des Marktforschungsinstitutes Gallup im vergangenen Jahr ergab, verspüren nur noch 13 Prozent aller Arbeitnehmer eine echte Verpflichtung gegenüber ihrem Unternehmen. Hinzu kommt die Wirtschaftskrise. »Gerade in Zeiten, in denen es schwer ist, muss man die Mannschaft zusammenhalten«, sagt Constantin Reineck von Ladage Media.

Bei der Audio-Marketingagentur ist seit ungefähr fünf Jahren die Nachfrage nach Firmenhymnen konstant hoch. Oft wünschen sich die Unternehmen, dass das Lied direkt vor Ort bei einer Feier mit den Mitarbeitern aufgenommen wird. Ladage Media fährt dann mit einem Produktionsstudio vor, pickt sich einige Angestellte heraus und übt mit ihnen, damit sie später den Rest der Belegschaft mitreißen können. »Wenn der Geschäftsführer dann mit dem Lieferanten gemeinsam auf der Bühne steht, setzt man Zeichen«, sagt Reinecke: »Egal, wer man ist, man kann das Unternehmen voranbringen.«