Seit sechs Wochen streiken in Deutschland Erzieherinnen und Erzieher. Sie machen selbst Lärm, ganz ohne Kinder, auf der Straße, mit Trillerpfeifen und lautstarken Forderungen, und das ganze Land weiß nun, dass sie auf zu kleinen Stühlen sitzen, davon Bandscheibenvorfälle bekommen und vom Geschrei der Kinder Hörstürze. Die sonst so stille Profession der Erzieher probt den Aufstand – sie hat es satt, schlecht bezahlt ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen und keine Wertschätzung zu erfahren.

Der Zeitpunkt ist gut gewählt, denn in den nächsten Wochen wollen die Politiker Wähler gewinnen – und müssen sich dabei an den vielen Versprechen der letzten Jahre messen lassen:

So versprach Bundesfamilienministerin von der Leyen ( CDU ), bis zum Jahr 2013 273.000 neue Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren zu schaffen, damit junge Eltern möglichst schnell zurück in den Beruf kommen.

Bildungsminister aller Parteien versprachen, Kindergärten von Spiel- und Aufbewahrungsstätten zu neuen vorschulischen Bildungsorten zu machen, in denen die Wissbegierde der Kinder nicht mehr verpufft.

Dafür sollten Erzieherinnen aus ihrem Kittelschürzen-Image erlöst und zu methodisch und didaktisch kompetenten Frühpädagogen umgeschult werden. Dem internationalen Standard gemäß, sollte die Erzieherin der Zukunft Akademikerin sein.

Doch beim genauen Hinsehen verwandelt sich die große Frühförderungs- und Kita-Offensive in heiße Luft: Nur die wenigsten Absolventen der ersten Frühpädagogikstudiengänge gehen als Erzieher in die Kindergärten und Krippen. Langfristig noch dramatischer: Weil es hierzulande nur wenige Experten für Frühpädagogik gibt, werden viele Lehrstühle mit Drittligaprofessoren besetzt. Wie minderqualifizierte Hochschullehrer Top-Frühpädagogen heranziehen sollen, bleibt ein Rätsel.

Der Wildwuchs an neuen Studiengängen ist kaum noch zu überblicken

Es waren große Ziele, mit denen Politiker und Bildungsexperten nicht zuletzt eine Antwort auf die Pisa-Misere im Jahr 2001 gesucht haben. Weil Neurowissenschaftler ihnen erklärten, dass sich die Zeitfenster für erste Wissensvermittlungen genau dann öffneten, wenn die Kindergartenkinder sinnlos im Sand buddelten, lag es nahe, auch die Erzieherinnen dafür verantwortlich zu machen, dass viele Neuntklässler kaum lesen und rechnen konnten.

Die Diagnose war schnell gestellt. Die Behandlungsmethode aber ist bis heute zweifelhaft. Denn acht Jahre später zeigen nicht zuletzt die Streiks der Erzieher, dass eine ganze Berufsgruppe unter dem Druck immer neuer Anforderungen zu zerbrechen droht. Der Umgang mit den Erziehern offenbart auch, wie wenig dem Land seine Kinder wert sind. Mit durchschnittlich 2100 Euro brutto verdienen Erzieherinnen nach einem Jahr im Beruf weniger als der angelernte Arbeiter, der jede Woche unseren Müll entsorgt. In keinem anderen Beruf klaffen professioneller Anspruch und Bezahlung so weit auseinander wie bei den Erziehern. Sowohl die gesellschaftliche Diskussion über all das, was Krippen und Kindergärten als die neu ausgerufenen Bildungsinstitutionen leisten müssen, als auch die politischen Forderungen an eine Berufsgruppe, die jahrzehntelang schlicht ignoriert wurde, weil »Fremdbetreuung« von Kindern reine Privatsache war, haben sich von der Realität in den Einrichtungen längst verabschiedet. Denn:

Noch immer lassen die Betreuungsschlüssel in vielen Kindergärten eine qualitative Bildungsarbeit gar nicht zu. Erzieherinnen arbeiten hauptsächlich Teilzeit, und gute Fachkräfte werden Mangelware.

Die als wegweisend umjubelten Bildungspläne für die frühe Kindheit landen in vielen Kindergärten in den Schubladen, weil Erzieher nicht dafür ausgebildet sind, sie umzusetzen. Es gibt keinerlei Übereinkunft der Bundesländer darüber, was Kinder in Krippe und Kita überhaupt lernen sollen.

Nicht minder chaotisch wirkt das föderale System bei der Gestaltung der neuen Studiengänge, die den Beruf nun wie gewünscht »akademisieren« sollen. Verbindliche Ausbildungsrichtlinien fehlen, jede Hochschule experimentiert für sich, hart konkurrierend um die wenigen fähigen Lehrkräfte, die es in Deutschland gibt.

»Wir brauchen eine komplette Neuerfindung des Systems der frühkindlichen Bildung«, sagt Ilse Wehrmann, die als unabhängige Beraterin für frühkindliche Bildung gerade acht betriebsnahe Kinderkrippen für Daimler aufgebaut hat. Wehrmann fordert einen »Staatsvertrag für frühkindliche Bildung«, damit die Startchancen deutscher Kinder nicht mehr länger dem Zuständigkeitschaos zwischen Kommunen, Ländern und Ministerien zum Opfer fallen. So kümmert sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan um die Ausbildung der Erzieher, Familienministerin Ursula von der Leyen um die Qualifikation der Tagesmütter. Immerhin sollen die ein Drittel der neu zu schaffenden Betreuungsplätze für die Kinder unter drei Jahren übernehmen. Dafür plant von der Leyen eine »flächendeckende Grundqualifizierung« von 160 Stunden. Wie Tagesmütter damit allerdings das Niveau einer Fachkraft mit dreijährigem Bachelorstudium erreichen sollen, wird lieber nicht diskutiert.

»Gerade für die unter Dreijährigen setzt man derzeit primär auf den quantitativen Ausbau. Um die Qualität der Bildung geht es nicht in gleicher Weise«, sagt der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis von der Universität Bozen in Südtirol. Das sei eine Zumutung für Kinder und Familien und staatspolitisch nicht verantwortungsvoll. Er sagt solche Sätze bei jeder Gelegenheit und seit vielen Jahren. Auch weil er sieht, dass in Deutschland die wirklich wichtigen Fragen nach wie vor nicht gestellt werden: Unter welchen Bedingungen werden in Zukunft kleine Kinder in Krippen und Kindergärten betreut? Was sollen sie lernen, und wer kann ihnen das beibringen?

Mit über 50 neuen Studiengängen, die meisten Aufbau- und Weiterbildungsangebote, haben Fachhochschulen und Universitäten in den vergangenen Jahren die zögernden Politiker überrollt. Der Wildwuchs ist kaum noch zu überblicken. Dabei wäre es höchste Zeit für einen »gesamtgesellschaftlichen Akteur, eine Art Taskforce Frühkindliche Bildung«, sagt Thomas Rauschenbach , Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI). »Wir brauchen eine normierende Kraft, die Inhalte und Ziele der neuen Ausbildungswege vereinheitlicht.« Nicht einmal ein einheitlicher Name existiert für die neuen Fächer, die je nach Standort Frühpädagogen, Elementarpädagogen oder Kindheitspädagogen ausbilden.

Die ersten Absolventen haben gerade ihr Studium abgeschlossen. Und schon lässt sich erkennen, dass die wenigsten von ihnen, vor allem aufgrund der miserablen Gehälter, in Krippen und Kindergärten gehen, um dort direkt mit den Kindern zu arbeiten. Nur ein Drittel der Absolventen des Studiengangs Pädagogik der frühen Kindheit an der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg entschied sich bisher für die Arbeit an der Basis. Die anderen studieren weiter, gehen als Fachberater zu Trägern und Verbänden oder werden von den Hochschulen sofort als Dozenten umworben. Jeder, der auch nur annähernd das Zeug dazu hat, ein Experte für Frühpädagogik zu sein oder zu werden, ist für das Renommee der neuen Studiengänge ein enormer Gewinn.

Die meisten Erzieherinnen werden weiterhin von den Fachschulen kommen

Oftmals besetzen Schulpädagogen und Psychologen die Lehrstühle. In ihrer Not berufen Fachhochschulen Professoren, die noch nicht einmal promoviert sind. Die Schwerpunkte ihrer Ausbildung richten sie nicht selten nach dem Angebot an Lehrkräften aus. Sind gute Pädagogen zu kriegen, nimmt man die. Steht ein Arbeits- und Organisationspsychologe vor der Tür, findet sich auch für ihn eine Nische. Die von der Politik entdeckte Krippe, die Ausbildung von Experten für Kinder unter drei Jahren spielen gerade mal an zwei Fachhochschulen eine Rolle. Ungeklärt bleibt bisher auch, wie stark sich die Studienangebote auf die neuen Aufgaben der Erzieher in den Ganztagsschulen und Horten konzentrieren sollen.

Allein in Westdeutschland werden für den Ausbau der Krippenplätze bis 2013 25.000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher benötigt. Die meisten von ihnen werden weiterhin mit den herkömmlichen Fachschulabschlüssen in den Beruf gehen. 14400 staatlich anerkannte Erzieherinnen entlassen die Fachschulen in jedem Jahr. Dass sich die Kultusministerkonferenz kaum bereit zeigt, an der gängigen Breitbandausbildung zu kratzen, offenbart, wie inkonsequent das Unterfangen ist, den Erzieherberuf nachhaltig zu verändern. Wenig hoffnungsvoll stimmt zudem, dass nicht die Besten in den Beruf strömen, sondern die Schüler mit den schlechtesten Realschulzeugnissen. »Wer nicht rechnen kann, bei dem reichts noch für die Erzieherausbildung«, sagt Ilse Wehrmann.

Kaum im Beruf angekommen, werden die jungen Erzieherinnen einen Marathon an Weiterbildungen absolvieren und damit Teil eines Reparaturbetriebs werden, dessen Wirksamkeit höchst umstritten ist. »Defizite in der Ausbildung können nicht allein über Fortbildungen kompensiert werden«, sagt Wassilios Fthenakis. Über das föderale Strukturchaos und die Hilflosigkeit, mit der man in Deutschland die Chance verspielt, die Strahlkraft eines ganzen Berufsfeldes zu steigern, schüttelt er den Kopf. Es gehe längst nicht mehr um Geld, sagt Fthenakis. »Es fehlt der Reformwille. Und es mangelt am Stellenwert der frühkindlichen Bildung in Deutschland.«

Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut hat ausgerechnet, dass es 150 Jahre dauern könnte, bis sämtliche Erzieher in den Einrichtungen einen akademischen Abschluss haben werden. Bis auf Weiteres bleibt der Kindergarten eine akademikerfreie Zone.