Bauboom Aus Gras wird Beton

Die Schweizer ruinieren die Schönheit ihres Landes. Seit 50 Jahren sind sie dem Bauwahn verfallen. Mit Volksinitiativen wollen Naturschützer retten, was noch zu retten ist

BRÜNNENFELD, BERN: Am 3. Oktober 2002 (oben) und am 14. Oktober 2008, nach der Eröffnung von Westside

BRÜNNENFELD, BERN: Am 3. Oktober 2002 (oben) und am 14. Oktober 2008, nach der Eröffnung von Westside

Das Foto von 2002 zeigt keine unverbrauchte Natur, keine Wildnis, nichts Bilderbuchhaftes. Es zeigt akkurat gekämmte Äcker, viel Braun und etwas Grün, mittelländische Kulturlandschaft mit Baumgruppen. In der Ferne schälen sich die Waadtländer Alpen aus dem Dunst. Und am linken Bildrand sind Siedlungen zu erkennen: der damalige Anfang der Stadt Bern – Bümpliz und Bethlehem.

Wer heute, sieben Jahre später, mit dem Fotografen Roger Huber die Nottreppe an der Außenseite des Wohnblocks am Gäbelbach emporsteigt zu exakt demselben Ort, an dem er damals seine Kamera in Stellung gebracht und auf den Auslöser gedrückt hat, sieht ein völlig neues Bild. Der aktuelle Blick von der neunten Plattform der Betontreppe ist die Aussicht auf eine andere Welt. Westside heißt der riesige urbane Komplex, der hier, auf der größten privaten Baustelle der Schweiz, aus dem Ackerboden gestampft worden ist. In der Mitte das futuristische, mit Holz verkleidete Einkaufszentrum des Architekten Daniel Libeskind, in dessen Skelett mehr Stahl verschweißt worden ist als im Pariser Eiffelturm. Dazu gehört ein Holiday Inn, ein Erlebnisbad, ein Multiplex-Kino. Zu sehen sind die neue S-Bahnstation, Parkplätze, frische Tramschienen, Wohnblockreihen in Rot und Weiß und eine noch unbeseelte Piazza mit 53 parallel gereihten jungen Bäumen, Ahorn.

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Das gewaltige Immobilienarrangement am Westrand Berns ist die derzeit spektakulärste Umwandlungsaktion einer eidgenössischen Bauzone. Aber der Fotograf Huber hätte sein Arbeitsgerät fast überall aufstellen können, um an augenfälligen Beispielen zu demonstrieren, was in diesem Land mit der Ressource Boden passiert. 12.000 Häuser werden Jahr für Jahr auf Wiesen und Äcker gestellt. Der Kleinstaat, weltweit gepriesen für seine unvergleichlichen landschaftlichen Schönheiten, betoniert in jeder Sekunde einen Quadratmeter Kulturland zu, und das seit 50 Jahren.

Dreimal um die Erde würden die Schweizer Straßen reichen

Ein dichtes Netz von Verkehrswegen zerschneidet das Mittelland. Die befahrbaren Schweizer Straßen führten – würde man sie aneinanderhängen – dreimal um die Erde. An den Stadträndern machen sich Gewerbe- und Einkaufszonen breit. Und die dörflichen Gemeinden haben sich rund um den Kern riesige Speckgürtel aus Einfamilienhäusern angefressen. Das Mittelland ist zu einem der am dichtesten besiedelten Gebiete Europas geworden. Auch in Zukunft wird die Schweiz jedes Jahr Kulturland von der Fläche des Brienzersees verlieren. Ein Zwerg verhält sich so, als wäre er unermesslich groß.

Doch viele sind nicht mehr bereit, dem Bauwahn zuzusehen. 2007 reichte Helvetia Nostra, eine Stiftung des Umweltschützers Franz Weber, gleich zwei Volksbegehren ein. Die Initiativen »Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen« und »Gegen masslosen Bau umwelt- und landschaftsbelastender Anlagen« werden chancenlos sein. Nicht aber die im vergangenen August eingereichte Initiative »Raum für Mensch und Natur«. Hinter ihr steht eine breit abgestützte Trägerschaft mit Pro Natura, Greina-Stiftung und VCS, mit WWF und Greenpeace, Heimatschutz und SP. Wird deren »Landschaftsinitiative« angenommen, darf die Gesamtfläche der Bauzonen 20 Jahre lang nicht vergrößert werden.

Der ehemalige Chef des Bundesamtes für Raumplanung, Pierre-Alain Rumley, hält die Annahme dieses Moratoriums nicht nur für realistisch, sondern auch die Umsetzung für »durchaus machbar«. Kein Wunder, hat das Begehren doch, lange bevor die Stimmbürger darüber befinden, alle Instanzen in Aufruhr versetzt. Der Bundesrat signalisierte umgehend, dass auch er die Zerstörung des Landes nicht hinnehmen wolle und schlug – allerdings überhastet – ein neues Gesetz für Raumentwicklung vor. Diese Totalrevision wurde in der Vernehmlassung arg zerzaust und – laut dem Grünliberalen Nationalrat Martin Bäumle – zum »Total-Rohrkrepierer«.

BRÜNNENFELD, BERN: Am 3. Oktober 2002 (oben) und am 14. Oktober 2008, nach der Eröffnung von Westside

BRÜNNENFELD, BERN: Am 3. Oktober 2002 (oben) und am 14. Oktober 2008, nach der Eröffnung von Westside

Der Bundesrat hat noch bis Ende des Jahres Zeit, einen Gegenvorschlag zu präsentieren. Die Revision soll nun gestaffelt ablaufen. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Bund und Kantonen will sich vor den Sommerferien zusammensetzen. Erst wird sie einen indirekten Gegenvorschlag zur Landschaftsinitiative skizzieren, dann in einem zweiten Paket – längerfristig – erneut einen Versuch starten, das Raumentwicklungsgesetz grundlegend zu revidieren.

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