Grossbritannien Cambridge, die Stadt
Alle reden nur von der Universität, vor allem jetzt, da sie 800 Jahre alt ist. Höchste Zeit, sich auch mal außerhalb ihrer Mauern umzuschauen

© Stefan Nink
Der Hof des Peterhouse College
Der Schaum schwappt über den Rand, kann passieren, die füllen die Gläser ja gerne randvoll in diesem Land. Wenn man da kurz nicht aufpasst mit dem Arm, ist es geschehen. Der Wirt sucht einen Lappen, aber die Pfütze auf dem Tresen hat sich schon auf ihren Weg gemacht. Der Mann auf dem Barhocker nebenan schreckt auf und steckt ganz schnell die Serviette in die Hemdtasche, auf die er die ganze Zeit gekritzelt hat, physikalische Formeln oder die Quadratur des Kreises oder was auch immer. Weiter hinten am Tresen sitzt übrigens noch einer und schreibt, und drüben am Tisch diskutieren zwei Leute heftig über südafrikanische Innenpolitik und darüber, dass dieser Zuma endlich damit aufhören solle, so zu tun, als ob, und dass sich das ganze Elend schon offenbaren werde, spätestens bei der WM 2010. Nun sind britische Pubs ja selten Orte der Stille: Der hier aber ist noch mal anders. Der hier ist in Cambridge, und Cambridge ist immerhin… – ja was denn eigentlich?
Fragen Sie mal zu Hause oder im Kollegenkreis! Na? Genau. Erstklassige Uni, werden Sie zu hören bekommen, auf Augenhöhe mit Oxford und Harvard. Dass Newton in Cambridge dem Geheimnis des Farbspektrums auf die Spur gekommen sei und auch sonst noch einigem, das sich später als ziemlich relevant für den technischen Fortschritt der Menschheit herausstellen sollte, auch das wird den Befragten möglicherweise einfallen. Dass Darwin dort war und Wittgenstein und Keynes und Hawking und wer sonst noch alles. Was? Ach so, die Stadt Cambridge ist gemeint. Soll es ja auch geben, stimmt. 120000 Einwohner immerhin. Trotzdem hört man nie was von ihr, immer bloß von der Universität. Und in diesem Jahr hört man besonders viel, weil Cambridge, die Universität, ihren achthundertsten Geburtstag feiert. Da wird es höchste Zeit für einen Besuch in Cambridge, der Stadt.
Wenn man mit dem Auto von London aus anreist und gefühlte 1017 Schnellstraßenwechsel und Verkehrskreisel hinter sich hat, wirken Cambridges Türme und Zinnen im Regengrau des Nachmittages wie Kulissen aus der Eröffnungssequenz von Die Tudors – die komplette erste Staffel. Es staut sich, bereits Kilometer vor der Stadt staut es sich, Radfahrer drängen sich wie ein Schwarm zorniger Hornissen an den Autos vorbei. Beim gemächlichen Rollen in Richtung Hotel entdeckt man mächtige Gebäude unter einem monochromen Himmel; ihre Pforten werden von Türstehern in historischen Kitteln bewacht. Der Concierge im Hotel trägt neuzeitliches Anthrazit, er hievt den Koffer mit jener beleidigten Exaltiertheit aus dem Auto, die Menschen an den Tag legen, die sich von der Welt missachtet fühlen. Am Fluss warten Bootsvermieter auf Passagiere, die eine Tour auf der Cam unternehmen wollen, dem Hausfluss der Stadt. Es regnet unaufhörlich.
Erster Erkundungsgang durch Cambridge, die Stadt. Schön ist es hier, das steht schon mal fest. Im Zentrum Mittelalter, Klassizismus und Fachwerk, überall Mauern, überall Türme. Und überall Uni, auch das. Die berühmte Lehranstalt ist nämlich nicht in einem einzelnen Gebäudekomplex untergebracht, sondern besteht aus 31 unabhängigen Colleges, die wie Fürstenhöfe aussehen und einen Großteil der Innenstadt in Beschlag genommen haben. Vor der ernsten Kulisse wimmelt es vor jungen Menschen, offensichtlich ist gerade Seminar- oder Vorlesungsende, der Altersdurchschnitt auf den Straßen jedenfalls liegt nur unwesentlich über dem von Mumbai oder Johannesburg. Sämtliche Restaurants und Cafés sind voll, selbst die Tische draußen im Regen sind besetzt. Zum Glück gibt es im Pub noch einen Platz an der Theke. Einen. Um kurz vor 17 Uhr.
The Eagle ist eines jener Wirtshäuser, denen das Prinzip der liebevollen Vernachlässigung mit der Zeit den Charme von unaufgeräumten Wohnzimmern verliehen hat. Staubüberzogene Funzeln leuchten gegen das Dunkel an, die Musik wummert dumpf in die Geräuschwolke über den diskutierenden Gästen. Wer nicht diskutiert, liest, und wer nicht liest, schreibt. Wie schaffen die das, sich in diesem Inferno zu konzentrieren? Der Wirt scheint Gedanken erraten zu können: In einer Universitätsstadt müsse man die Muse eben hineinlassen, wenn sie anklopfe, sagt er sibyllinisch und nickt in Richtung des Mannes auf dem Hocker nebenan, der leise brabbelt und eine Serviette nach der anderen beschreibt. Aha. Und ist es immer so voll im Eagle oder nur wegen des Jubiläums? Jetzt wird er etwas unwirsch, der Wirt. Eine lange Antwort später weiß man, dass man das 800-jährige Jubiläum der Alma Mater keinesfalls für den achthundertsten Geburtstag der Stadt halten sollte. Die sei nämlich viel älter. Erste Erwähnung der Stadt im Jahre 875, in der Angelsächsischen Chronik.
So eine Reaktion hat natürlich historische Gründe: town und gown, Stadt und Universitätstalar – die beiden konnten noch nie so richtig miteinander. Was damit zu tun hat, dass für den Bau der Colleges im 15. Jahrhundert auf königliches Geheiß komplette Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht wurden. Und damit, dass andere historische Gebäude außerhalb der Colleges ebenfalls in deren Besitz sind und gepachtet werden müssen: Ladenzeilen, Wohnungen, Pubs wie The Eagle. Und auch damit, dass die Universität noch bis vor ein paar Jahren über skurrile Monopole verfügte, wie zum Beispiel die Erteilung von Schanklizenzen für Wein. Man braucht nicht lange, um herauszufinden, dass die Stadt Cambridge nicht wirklich glücklich über die alles beherrschende Universität Cambridge ist, zugleich aber weiß, dass für die Stadt allein kein Tourist käme. Stimmt das so? Der Wirt nickt, ja, ja, so könne man es sagen. Der Mann auf dem Barhocker nebenan greift geistesabwesend nach neuen Servietten. Hinter den Fenstern des Pubs scheint der Himmel eine Nuance heller geworden zu sein.
Was muss man gesehen haben in Cambridge? Man ahnt es. Vor allem die Colleges. King’s College mit seiner gotischen Kapelle, die Hallen von Trinity College. Queens’ College mit der Mathematikbrücke über die Cam aus Dreiecken und Tangenten. Und die Gärten! Der Pförtner am Eingang des Pembroke College nickt gravitätisch, offensichtlich ist er Besucher gewöhnt. Trotzdem ist im Innenhof niemand zu sehen, und zu hören ist erst einmal auch nichts mehr; die Mauern schlucken den Lärm des Alltags. Auf den Grünflächen zwischen den barrikadenähnlichen Hecken fühlt man sich beschützt, wie unter einer Glocke. Und beginnt, doch etwas zu hören. Wilde Tauben gurren, das Brummen einer Hummel startet rechts im Gehörfeld und verschwindet nach links, in einem Teich quakt leise ein Frosch. Irgendwo im nächsten oder übernächsten Hof geht jemand mit Absätzen über das Kopfsteinpflaster. Die Schatten strecken sich. Der Wind hat einen Weg hinter die Mauern gefunden und lässt die Weiden flüstern. Dann regnet es schon wieder. Klar regnet es schon wieder.
Cambridge ist für solches Wetter wie geschaffen. Und für diese Tageszeit, den Dämmer, wenn das letzte Licht sich festklammert und partout nicht verschwinden will. Es sind diese Stunden, in denen die außerweltliche Atmosphäre der Colleges hinaus in die Stadt zu strömen scheint. In denen town und gown sich finden. In denen Cambridge sich verwandelt, langsam in der Zeit zurückrutscht. Dann werden Straßen wie die Trinity Lane zum Palimpsest, auf dem die Jahrhunderte übereinander geschichtet sind. Und man ahnt, dass in dieser Stadt nichts wirklich verloren geht, nicht, solange ihre Türme und Mauern darüber wachen.
Solche Abende sind die Hochzeit der Stadtführer. Natürlich erzählen sie haarsträubende Räuberpistolen, von Pest und Plünderung, von Kabale und Liebe und all den anderen Dauerbrennern vergangener Epochen. Am Ende einer solchen Tour hat man dann zwar vergessen, wer wann an welchem College welche Entdeckung gemacht hat. Aber man weiß, dass im Pachtvertrag unseres Lieblingspubs seit Jahrhunderten ein Passus steht, der das Schließen eines bestimmten Fensters untersagt: So kann der Geist eines kleinen Mädchens atmen, das hier oben einst bei einem Brand ums Leben kam, 1623 oder 1735 oder 1801. Tatsächlich steht das rechte der Dachfenster offen, wann immer man hierherkommt. Und der Mann mit den Servietten sitzt auch immer schon am Tresen. Heute hat er einen Kollegen mitgebracht, mit einer Brille, deren Gläser an die Böden von Milchflaschen erinnern. Die beiden diskutieren über Einstein, Zeitverschiebungen und schwarze Löcher. Der Wirt zieht die Augenbrauen nach oben. Möglicherweise zuckt er auch leicht mit den Schultern.
Ein wenig kommt einem diese Stadt wie ein Panoptikum schräger Charaktere vor. Manchmal eilen einem Menschen entgegen, die mit sich selbst reden oder wen auch immer belehren. Man sieht auch hin und wieder welche, die mit den Armen in der Luft herumfuchteln, als dirigierten sie einen Chor. In den Buchhandlungen, die mit ihren verschachtelten Ebenen, Treppen und Türen aussehen wie etwas, das M. C. Escher an einem schlechten Tag eingefallen ist, hocken lesende Kunden stundenlang zwischen den Regalen wie schweigende Buddhas. Und am Tresen wird eben auf Servietten gekritzelt. Wenn man so etwas sieht, denkt man darüber nach, ob diese Leute wohl gerade eine epochale Erkenntnis ausarbeiten. Watson und Crick sollen die Entschlüsselung der DNA-Struktur ja damals auch im Pub herausposaunt haben.
Cambridge hat die Welt verändert, und es spielt vielleicht überhaupt keine Rolle, ob damit nun die Stadt oder die Universität gemeint ist. Cambridge ist überall, und wenn man einmal dort war, begegnet man ihm immer wieder. Beim Tauziehen um Opel wird Keynes zitiert, der Hausarzt hat ein Modell von Watsons Doppelhelix auf dem Schreibtisch, und im Stapel der ungelesenen Bücher, zu Hause neben dem Bett, warten: Salman Rushdie, Zadie Smith, beide mal Studenten am King’s College gewesen. Und weil Cambridge überall ist, achtet man beim nächsten Kneipenbesuch am Tresen sehr genau darauf, kein Bier zu verschütten. Möglicherweise kritzelt der Mann nebenan gerade etwas ziemlich Epochales auf seine Serviette, man weiß ja nie.
INFORMATION
Anreise: Cambridge liegt etwa 80 Kilometer nördlich von London. Die Zugfahrt ab Bahnhof King’s Cross dauert eine Stunde (Rückfahrkarte ab 20 Pfund; www.thetrainline.com)
Unterkunft: Das hübsche Hotel du Vin liegt zentral, seine Flure ziehen sich über mehrere historische Gebäude. Die 41 Zimmer sind minimalistisch gestaltet; die größeren haben frei stehende Badewannen. Sehr feine Kellerbar, gutes Restaurant. Kleiner Nachteil: In vielen Räumen sind die Fenster winzig (15–9 Trumpington Street, Tel. 0044-1223/227330; www.hotelduvin.com/cambridge). DZ ab 180 Euro
Der Pub: Im The Eagle (8 Benet St., Tel. 0044-1223/505020) sitzen Professoren, Studenten, Handwerker und Touristen zusammen
Literatur: Peter Sager: »Cambridge – eine Kulturgeschichte«; Insel Verlag, Frankfurt am Main 2008; 331 S., 12 €
Auskunft: Der britische Südosten hat eine eigene Internetpräsenz auf www.visiteastofengland.com. Cambridge Visitor Information Centre, The Old Library, Wheeler Street, Cambridge CB2 3QB, Tel. 0044-871/2268006; www.visitcambridge.org
- Datum 02.07.2009 - 14:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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