Kulturpolitik Die Große Mauer des Schweigens
China, bald Gastland bei der Buchmesse, hat den Autor Liu Xiaobo eingesperrt. Seine Pekinger Kollegen sagen dazu – nichts
China ist in diesem Herbst der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Während in der vergangenen Woche eine Gruppe deutscher, britischer, amerikanischer und französischer Kulturjournalisten nach Peking reiste, um im Gespräch mit Autoren, Verlegern, Zensoren, Kritikern, Verbandsfunktionären und Internetmanagern die Labyrinthe und Gigantomanien des chinesischen Kulturlebens zu erforschen, wurde just in diesen Tagen gegen den Schriftsteller und Philosophiedozenten Liu Xiaobo Anklage erhoben. Seit Monaten wird er an einem unbekannten Ort festgehalten und darf seinen Anwalt nicht sprechen, nun wird er offiziell wegen »Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt« angeklagt; es drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft. Sein Vergehen: Er war der Präsident des inoffiziellen chinesischen PEN und gehört zu den Initiatoren der Charta 08, in der Demokratie, Redefreiheit, das Ende der Einparteiendiktatur und die Einhaltung der Menschenrechte in China gefordert werden. Wie soll man nun auf der Frankfurter Buchmesse die chinesischen Gäste empfangen, die zwar viele unbedarfte junge Damen mit Millionenauflagen mitbringen werden, ihre kritischen Autoren aber einsperren und anklagen?
Betretenes Schweigen beim chinesischen Schriftstellerverband. Dessen Präsidentin Tie Ning, mit der die Journalisten Tee tranken, hat weder vom chinesischen PEN noch von Liu Xiaobo je etwas gehört. Und so immer weiter. Man konnte in der vergangenen Woche im glühend heißen Peking fragen, wen man wollte. Es gab nur eine Antwort: nie gehört, nie gesehen, nie dabei gewesen. Kadergehorsam im chinesischen Turbokapitalismus.
Chun Shu, eine junge Popautorin in Turnschuhen und Blumenkleid, die sehr Charlotte-Roche-mäßig schulmädchenhafte Sanftmut und pornografische Keckheit verbindet, unter dem Freche-Mädchen-Label sensationell erfolgreich vermarktet und als einer der chinesischen Hauptexportschlager nach Frankfurt geschickt wird, erzählte den Journalisten, sie fände es schick, in den Schriftstellerverband aufgenommen zu werden. Die überalterte Vereinigung, die von dem Inhaftierten nichts weiß, und das junge Mädchen »mögen einander«, ließ sie die westlichen Journalisten wissen. Yan Lianke, einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartsautoren, der kritische Romane über die Kulturrevolution und die Lage der Intellektuellen geschrieben hat und deshalb weder verlegt noch mit nach Frankfurt genommen wird, hat den Namen Liu Xiaobo ebenfalls noch nie gehört. Li Er, von dem im Herbst ein großer kulturhistorischer Roman über einen traurigen, unverstandenen chinesischen Schriftsteller auf Deutsch zu erwarten ist, mochte sich über sein Verhältnis zur Partei nicht äußern. Liegt das vielleicht daran, dass alle Autoren, die nach Frankfurt kommen werden, zu ihr gehören?
Natürlich liege das daran, sagte Ai Weiwei, der international bekannte Dissident und Künstler, den die Journalistengruppe in seinem nach traditioneller Bauweise errichteten Atelier am Stadtrand besuchte. Alle chinesischen Autoren, die im Zensursystem überlebt hätten, seien von der Zensur erzogen worden. 99 Prozent aller chinesischen Gegenwartsautoren, sagte Ai Weiwei, gebe es nur wegen des Systems, sie seien nur gute Autoren innerhalb des Systems. Und die Jungen? Die verwechselten das bisschen Sex in ihren Büchern schon mit Freiheit. Ai Weiwei erhofft sich alles vom Internet. Denn das Internet sei das Wasser, das die Regierung nicht mehr kanalisieren und aufhalten kann. Am 1. Juli ruft er zu einem Internetstreik auf, aus Protest gegen die chinesische Internetzensur. Erst vor wenigen Tagen wurde sein Blog bei dem größten chinesischen Internetanbieter Sina.com (dessen Vizepräsident Du Hong von dem Blogger Ai Weiwei ebenfalls noch nie etwas gehört hat) wieder einmal gesperrt.
China will sich in Frankfurt als Kulturwirtschaftswunderland präsentieren. Die Auflagenzahlen der Autoren, in deren endlosen Nullen sich die westlichen Journalisten immer wieder verhedderten, sind schwindelerregend. Ob die Romane und Erzählungen der Hab-ich-noch-nie-gehört-Autoren und der Wir-mögen-uns-Autorinnen das sind, worauf die Buchwelt wartet, wird sich bald zeigen. Sicher ist: Liu Xiaobo ist der unbekannteste Mann in ganz China. Seinen Namen sollte man sich merken.
- Datum 08.07.2009 - 11:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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Mein Pizza-Bäcker - ein angehender Rapper - hat mich kürzlich auch mit seinen Ansichten über die Volksrepublik China vertraut gemacht.
[Rest entfernt, bitte argumentieren Sie sachlich und vermeiden Sie Beleidigungen/ Redaktion; svb]
das sie bei so einem Artikel solch einen Kommentar schreiben. Mir scheint sie haben von Literatur keine Ahnung. Waere es da nicht besser sie schreiben in der Bild und nicht in der Zeit?
das sie bei so einem Artikel solch einen Kommentar schreiben. Mir scheint sie haben von Literatur keine Ahnung. Waere es da nicht besser sie schreiben in der Bild und nicht in der Zeit?
das sie bei so einem Artikel solch einen Kommentar schreiben. Mir scheint sie haben von Literatur keine Ahnung. Waere es da nicht besser sie schreiben in der Bild und nicht in der Zeit?
Es ist immer dasselbe Misverstaendnis im Verhaeltnis deutscher Journalisten mit China. Eine deutsche Feulleton-Journalistin haelt ueblicherweise sehr viel auf ihre kritische Meinung ueber Politik und chinesische Politik im speziellen. Auch definiert sich Literatur hierzulande gerne als Gegenpol zu Mehrheitsgesellschaft und Politik.
In China hat sich dagegen in den letzten Jahren (Jahrzehnten) eine (staedtische) Mittelschicht herausgebildet, die aus den Hauptprofiteuren des Wirtschaftsbooms besteht. Es ist genau diese chinesische Mittelschicht, die sich auf der Buchmesse praesentieren will (gewisse "Wir-sind-wieder-wer"-Komplexe moegen durchaus zu beobachten sein). Die chinesische Mittelschicht haelt allerdings allgemein wenig auf eine besonders kritische Haltung zur chinesischen Politik. In dieser Hinsicht gibt es in China fast perfekte Meinungsfreiheit: die Mittelschicht kann in der Tat praktisch alles sagen, was sie will, weil sie sowieso nichts sagen will, was der KPCh misfaellt. Dabei brauchen die Leute nicht einmal besonders geschulte Politkader sein.
Aehnlich wie in Deutschland finden sich die Adressaten der chinesischen Literaturproduktion in der Mittelschicht. Hier wie dort beeinflussen die Adressaten den Inhalt der Literaturproduktion. Daher redet man einfach aneinander vorbei. Nachdem China zuvor eher verklemmt war, ist sexuelle Freiheit fuer junge Chinesen der Mittelschicht eben sehr wichtig geworden. Daher spiegelt sich das in der Literatur wieder. Wenn sich das nicht in femistischer System- und Kapitalismuskritik niedeschlaegt: so ist das halt.
Es mag zwar etwas verstoerend sein, aber sehr wahrscheinlich interesseren sich Iris Radischs chinesische Gespraechspartner wirklich nicht fuer Liu Xiaobo und seine Charta. Dass sie ihn nicht kennen, mag stimmen, oder auch der chinesischen Hoeflichkeit geschuldet sein und zur Gesichtswahrung vorgebracht werden. Es gibt aber eben in China keine nennenswerte demokratische Opposition und Liu Xiaobo (so tragisch sein Fall auch sein mag) ist eher kein Maertyrer der chinesischen Mittelschicht. Wenn es in China eine Opposition gibt, dann stamt sie mehr aus der baeuerlichen Landbevoelkerung und interessiert sich auch nicht so sehr fuer repraesentative Demokratie, sondern eher, wie man Behoerdenwillkuer und Korruption eindaemmen kann.
Es mag fuer deutsche Journalisten befremdend sein, dass ihre so selbstverstaendlich scheinende Meinung in China von so wenig (selbst von gebildeten) Menschen geteilt wird. Man findet natuerlich immer Gespraechspartner, die die kritische Haltung westlicher Journalisten teilen. Man kann dann Interviews machen und Artikel schreiben, die immer die selbe (westliche) Haltung bestaetigen. Das erzeugt dann ein gewisses Wohlgefuehl, fuehrt aber nicht wirklich irgendwo hin. Man kann dann auch den Rest der Bevoelkerung (1.3 Milliarden - ein paar 100 bis ein paar 1000) fuer gehirngewaschen halten. Man muss das allerdings auch nicht unbedingt tun.
Man koennte auch kuturelle Unterschiede zwischen China und Europa anfuehren und Kofuzianistische Traditionen und Erfahrungen aus der Kulturrevolution anfuehren. Auch sind bestimmte Verhaltensweisen westlicher Journalisten verquer mit gewissen Hoeflichkeitsregeln. Das hilft ein bisschen beim gegenseitegn Verstaendnis. Entscheidend fand ich das nie.
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