Mein Deutschland (16) Welche Euphorie! Welche Häme!

Ein total verrücktes Jahr: 1984 tritt im Bonner Bundestag das »grüne Feminat« an. Das Parlament der Männer steht kopf

So viel zur Einstimmung: Das erste Jahr der jungen grünen Partei im Bundestag ist atemberaubend anstrengend gewesen. Niemand hatte mit uns gerechnet. Die ersten Fraktionssitzungen in Bonn fanden auf der Wiese vor dem Hochhaus Tulpenfeld statt, in wehenden Mänteln und mit schwerem Blitzlichtgewitter.

Die Grünen verstanden sich damals als Antiparteienpartei, misstrauten nichts und niemandem so sehr wie der politischen Macht und den politisch Mächtigen. Sie hatten für jeden ihrer Abgeordneten die Rotation nach zwei Jahren Parlamentsmitgliedschaft beschlossen und ein Einkommen, das den Facharbeiterlohn nicht übersteigen durfte. Sie forderten, fast leninistisch, die absolute Bindung des einzelnen Abgeordneten an die Beschlüsse der Partei. Hinter alledem stand die Angst, mit dem bloßen Schritt durch die Parlamentstür die Sphäre der Macht, der Bestechlichkeit, des Verrats der grünen Ideale zu betreten. Die große Utopie, die wir anstrebten, hatte viele Facetten: das Anderssein, die Nähe zur Basis, die direkte Demokratie, die Überzeugung von Joseph Beuys, jeder Einzelne sei ein politischer Künstler und das basisnahe Parlament die eigentliche soziale Skulptur.

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Im ersten Jahr hatten wir gelernt, Arbeitskreise und Kommissionen zu bilden, Anträge im Parlament zu stellen und in festen Zeitabschnitten zu reden. Wir hatten uns angewöhnt, die Medien für unsere Botschaften zu nutzen und trotzdem weiter bei Demonstrationen und Aktionen der grünen Basis präsent zu sein. Mit den Nachrückern, die uns nach zwei Jahren ersetzen sollten, teilten wir bereits ein Büro, um den Übergang reibungslos zu gestalten. Wir hatten eine Fraktionsführung gewählt mit gleich drei Vorsitzenden: Petra Kelly, die in den USA und in Brüssel angefangen hatte, ein weltweites Netz von Bürger- und Menschenrechtsbewegungen zu schaffen. Daneben Otto Schily, der seit seiner Zeit als RAF-Anwalt einer der profiliertesten, scharfzüngigsten, aber auch umstrittensten Rechtsanwälte der Bundesrepublik war. Schließlich Marieluise Beck, die von den dreien am ehesten die ökologische Tradition der Basisbewegungen vertrat.

Die Grünen standen in dieser Zeit für viele Ideale, vielleicht am wenigsten für den gesunden Menschenverstand. Die Zusammenarbeit in der Fraktionsführung gestaltete sich schwierig, ebenso bereitete der Umgang mit den Medien einige Mühe. Wir wollten von Fall zu Fall entscheiden, wer im Namen der Grünen auftreten und sprechen sollte, sei es im Parlament oder bei einer Fernsehdiskussion. Ähnliches galt bei öffentlichen Empfängen, bei Staatsbesuchen, selbst bei Gesprächen mit amerikanischen Präsidenten. Die Organisation des politischen Alltags war anstrengend, abgesehen davon war unser Spitzenpersonal jeweils nur für ein Jahr gewählt, das Rotationsgebot duldete keine Ausnahme.

Serie Mein Deutschland
Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik

In dieser Lage entstand die Idee des Feminats. Mittlerweile waren die drei Führungsfiguren an der Spitze der Partei so zerstritten, dass eine Neubesetzung dringend erforderlich war. Die Idee wurde geboren, ein Modell zu praktizieren, das zu den Grünen besonders zu passen schien: dieses Mal nur Frauen! Die Idee erwies sich als so ansteckend, dass selbst Petra Kelly und Marieluise Beck großzügig bereit waren, für dieses Experiment eine eigene Kandidatur zurückzustellen. Unter keinen Umständen sollte das Feminat als bloßer Vorwand gedeutet werden, um den verdienstvollen Otto Schily (Sprecher) und den ebenso verdienstvollen Joschka Fischer (Erster Parlamentarischer Geschäftsführer) abzuwählen!

Es war ohnehin die Zeit, in der die Grünen die Rechte der Frauen etwas genauer unter die Lupe nahmen. Waltraud Schoppe hatte in einer bis heute legendären Rede im Deutschen Bundestag einen Ausschuss für Frauenfragen und eine Frauenministerin gefordert. Dabei hatte sie erklärt, dass es noch immer so manche Fragen im Miteinander von Männern und Frauen gebe, von denen die CDU/CSU-Kollegen keine rechte Ahnung hätten. Die Bilder von den wild gestikulierenden, schenkelklopfenden Abgeordneten im konservativen Block sind vielen noch in bester Erinnerung.

Leser-Kommentare
  1. "Die Grünen standen in dieser Zeit für viele Ideale, vielleicht am wenigsten für den gesunden Menschenverstand."

    Wenn man allein das anachronistische Hochhalten der Multi-Kulti-Idee betrachtet, gilt das mit dem wenigen Menschenverstand auch heute noch...

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  2. Das Problem bei den Grünen war (und ist noch immer!), dass sie meinten das Problem der Geschlechterdiskriminierung in der Politik dadurch zu lösen, dass sie statt Frauen einfach Männer diskriminieren. Bei keiner anderen Partei ist die Geschlechterdiskriminierung so ausgeprägt wie bei den Grünen: Männer stellen bei den Grünen zwar über 60% der Parteimitglieder, jedoch nur ca. 40% der Bundestagsmandate.

    [b]Anders ausgedrückt: Als weibliches Parteimitglied hat man bei den Grünen eine mehr als doppelt so hohe Chance ein Bundestagsmandat zu erhalten wie ein männliches Parteimitglied.[/b]

    Und solcher Schwachsinn wie "ein Mann [sollte] erst sprechen dürfen, wenn zuvor eine Frau gesprochen hatte" - vertauscht man in diesem Satz die Geschlechter, so würde man ihn vermutlich im Kontext eines islamistischen Gottesstaates vermuten und irgendwelche Frauen mit Burka vor dem geistigen Auge sehen.

    Die Grünen sind eine der ganz wenigen guten Parteien. Aber ihre Männerdiskriminierung war schon immer zum Kotzen. Man bekämpft Geschlechterdiskriminierung nicht, indem man einfach das Vorzeichen ändert. "Positive Diskriminierung" ist und bleibt Diskriminierung.

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    • TDU
    • 06.07.2009 um 11:34 Uhr

    Innerparteiliches Quoteln ist mir eigentlich egal. Wer fähig ist, soll den Platz haben. Wichtig ist, was "draußen" ankommt. Und wenn ich Herrn Minister Laschet (NRW) höre, der stolz drauf ist, dass zwei Drittel unter ihm schon Frauen sind. Vermutlich wäre er als Hahn im Korb bei seinen Träumen angelangt.

    Was sonst draußen? In der Pädagogik sehe ich eher einen Rückfall in die 1950iger Jahre. Die Entmachtung der autoritäten Männer hat eben die autoritären Frauen an die Macht gebracht. Teilzeitkräfte sind es oft, die so erst recht den Aufgaben nicht gewachsen sind und man das Gefühl hat, die Arbeitsaufnahme an sich bedeutet schon Stress.

    Die Präsenz von Frauen an sich ist ja gut, aber einen Fortschritt bei den gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug auf die Möglichkeiten des Einzelnen, kann ich nicht feststellen.

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  3. Ich bin und war kein Freund der Grünen, doch ich zollte und zolle ihnen Respekt für ihr politisches Handeln was, von Ausnahmen abgesehen, eine
    klare Linie, nicht die konformistische Linie darstellt.

    Die Frauen bei den Grünen waren eine Notwendigkeit aus dem Selbstverständnis der Partei - was zu Beginn so nicht bei den Frauen dort angetroffen wurde, sich erst nach und nach zu entwickeln begann. Nach dem das Schrille abgelegt wurde haben sie sich in das "grüne Politikverständnis" reibungslos einsortiert, zuweilen auch in Teilbereichen dominiert.

    Als geburtshelfer für Bundeskanzlerin etc. sehe ich die Frauen bei den Grünen indes nicht, es war zwar ein Nachholen, doch nicht mit dem Ziel hier eine Bundeskanzlerin "zu erzeugen" - da waren andere Umstände zugange, welche dieses Ereignis ermöglicht, beflügelt haben.

    Grave ipsius conscientiae pondus

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