Der Fall Demjanjuk Ivan, der Anpasser
Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden wirft die Staatsanwaltschaft Ivan alias John Demjanjuk vor. In diesen Tagen will sie Anklage erheben. Doch ist er wirklich schuldig?
Als die Telefonverbindung nach Deutschland endlich steht, auf die alle seit Wochen gewartet haben, ist die ganze Familie in Cleveland im amerikanischen Bundesstaat Ohio versammelt: die Frau, der Sohn, die Enkel. Am anderen Ende ein Mann, ein Vater, ein Großvater, den die Welt als Angeklagten kennt, als 89 Jahre alten Greis mit Namen John Demjanjuk. In der Leitung ist auch ein ukrainischer Übersetzer der Staatsanwaltschaft München. Er hört mit, was John Demjanjuk seiner Frau Vera an diesem Morgen aus dem Gefängnis München-Stadelheim erzählt. Dass er seine Zelle mit einem Türken teile. Dass die ukrainische Zeitung ihn erreiche. Und dass er Geld brauche. Er müsse sich unbedingt einen neuen Rasierapparat kaufen, sagt Demjanjuk. Der, den Vera ihm bei seiner Abschiebung eingepackt habe, passe nicht in deutsche Steckdosen.
Seltsam, dass die größte Sorge dieses alten Mannes in der Zelle eine Steckverbindung ist. Aber was im Leben John Demjanjuks hatte schon eine Ordnung? Geboren wurde er 1920 in der Ukraine. Dann wurde er Soldat der Roten Armee, Gefangener der Wehrmacht, wahrscheinlich Handlanger der SS und Kraftfahrer der U.S. Army, all das innerhalb von kaum fünf Jahren. Ein Hin und Her zwischen den Frontverläufen der Geschichte, die ihn immer wieder eingeholt hat, zuletzt im Februar 2008.
Da begann zum ersten Mal auch die deutsche Justiz gegen John Demjanjuk zu ermitteln, fast 63 Jahre nach Kriegsende. In diesen Tagen wird sie ihn wahrscheinlich wegen Beihilfe zum 29.000-fachen Mord im Vernichtungslager Sobibór anklagen. Deshalb sitzt er nun in München-Stadelheim, wo der Stecker seines amerikanischen Rasierers nicht in die Dose passt.
Diesen vielleicht letzten Akt in seinem Leben hat Demjanjuk Google zu verdanken, der Suchmaschine im Internet. Und dem Amtsrichter Thomas Walther, einem 66-jährigen Mann mit randloser Brille und langen, grauen Locken, die noch von seiner Zeit bei den Jungsozialisten künden.
Kurz vor seiner Pensionierung hatte sich Walther vom Amtsgericht Lindau nach Ludwigsburg versetzen lassen, in die Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen. Hinter den Mauern eines früheren Frauengefängnisses sitzt Walther Anfang 2008 an seinem Computer und spürt eigentlich Elfriede Rinkel nach, einer Hundeführerin im ehemaligen KZ Ravensbrück, als sein Suchprogramm plötzlich einen vertrauten Namen auswirft. Auf der Website des US-Bundesgerichts in Cincinnati findet Walther unter dem Aktenzeichen 08a0054p.06 vom 30. Januar 2008 ein Urteil gegen – John Demjanjuk.
Demjanjuk? Ein jüngerer Kollege hätte mit dem Namen vielleicht nichts mehr anfangen können, aber Walther ist Demjanjuk ein Begriff. Hinter ihm verbirgt sich die Geschichte eines Mannes, dem Israel in den Achtzigern den Prozess machte, weil man dachte, er sei »Ivan der Schreckliche«, der sogenannte Schlächter von Treblinka. Sieben Jahre lang saß Demjanjuk im Gefängnis bei Tel Aviv und wartete auf seine Hinrichtung. Dann stellte sich heraus, dass er verwechselt worden war. Israel ließ ihn frei, und Demjanjuk flog nach Amerika zurück, Businessclass.
Doch immer blieb da der Verdacht, dass Demjanjuk für die Nazis gemordet habe. »Ich war geplättet«, sagt der Ermittler Walther heute, »ich wollte unbedingt wissen, was die Amerikaner ihm vorwerfen, welche Beweise sie haben.«
Noch am Tag seines Zufallsfundes schickt Walther eine Mail in die USA, adressiert an Eli Rosenbaum, den Chef des Office of Special Investigation (OSI), jener amerikanischen Dienststelle, die mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher in Amerika aufspürt. Rosenbaum antwortet Walther, dass die amerikanische Justiz gerade dabei sei, Demjanjuk erneut die Staatsbürgerschaft abzuerkennen – weil man keine Nazi-Schergen im Land dulden wolle. Und Demjanjuk, so der langjährige Verdacht, habe zwar nicht in Treblinka gemordet, wohl aber in Sobibór, einem anderen Vernichtungslager, nur 200 Kilometer entfernt. Indizien gebe es genug.
Walther glaubt, Demjanjuk könnte noch einmal ein großer Fall sein. Sein Fall. Mit ihm könnte er eine Praxis durchbrechen, die ihn immer gestört hat: Die deutsche Justiz hatte es stets vermieden, über Nazi-Kollaborateure aus dem Baltikum, aus Ungarn, Rumänien oder der Ukraine zu richten – Menschen, die die Deutschen erst zu Opfern und dann zu Tätern gemacht hatten. Wie selbstgerecht könnte da ein Schuldspruch wirken? Wie verharmlosend ein Freispruch? Zu groß war die Gefahr einer juristischen Pleite: Die Verdächtigen waren keine Deutschen, und für ihre mutmaßlichen Taten wurden sie nicht einmal in ihren Heimatländern angeklagt.
Wer ist dieser Mann, ein liebevoller Familienvater oder ein Massenmörder?
Aber Walther wusste auch: Die Amerikaner selbst würden gegen John Demjanjuk nicht ermitteln, weil sie nur über Taten zu Gericht sitzen, die in ihrem Land begangen wurden. Sie würden ihn aber ausliefern an den Staat, der sich für seine mutmaßlichen Taten interessiert. Wenn das niemand täte – sollte er dann straffrei bleiben bis ans Ende seines Lebens?
Beim Mittagessen erzählte Walther seinem Vorgesetzten von seiner Entdeckung – und erwähnte wie beiläufig den 50. Gründungstag ihrer Dienststelle im Dezember 2008. »Stell dir vor, wir feiern hier mit dem Bundespräsidenten, und alle amerikanischen Journalisten fragen Köhler, wann Deutschland endlich Anklage erhebt gegen den Wachmann von Sobibór.« Ein politisches Argument, kein juristisches. Damit hatte er den Fall. »Alles habe ich stehen lassen«, sagt Walther, »das Haus daheim im Allgäu, meine vier Kinder, alles.« Walther vergleicht die Transportlisten der Züge, die in Sobibór ankamen, mit den Opferlisten der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Israel. Er sucht den Namen Demjanjuk, gräbt in Archiven in Koblenz, Jerusalem und Washington. Innerhalb weniger Monate füllt er 17 Aktenordner mit Unterlagen. Er sucht eine Antwort auf die Frage: Wer ist John Demjanjuk? Täter oder Opfer? Ein kaltblütiger Mörder oder ein liebevoller Familienvater? Oder beides?
Womöglich gar Opfer einer entfesselten, ideologisch aufgepeitschten Justiz?
Das Dorf Dubowi Macharynzi liegt tief in der Ukraine, umgeben von Weizenfeldern und Raps. Vor den Häusern kaum Autos, dafür Hunde, Hühner und Gärten, in denen Kartoffeln, Tomaten und Gurken wachsen. Wasser schöpfen die Bewohner von Dubowi Macharynzi noch immer aus Brunnen, Abwasserkanäle gibt es nicht.
Am 3. April 1920 brachte hier Olga Demjanjuk ihren Sohn Ivan Nikolajewitsch zur Welt. Über sein Leben wird er einmal sagen, dass er »drei oder vier sehr schwere Zeiten« durchzustehen hatte. Die erste durchlebt er, als er 13 Jahre alt ist und in die Wirren der Geschichte gerät. 1930 beginnt Stalin mit aller Gewalt, die Landwirtschaft zu kollektivieren. Besonders trifft es die Ukraine. Die Ernten der Bauern werden billig in andere Landesteile verkauft, ein Teil des Weizens wird exportiert. In den Jahren 1932 und 1933 verhungern Millionen Menschen. Ivan Demjanjuk sieht Nachbarn Gras und Zweige essen, er sieht, wie sie langsam sterben, mit spitzen Gesichtern und aufgeblähten Bäuchen. Ivan Demjanjuk isst Ratten und Mäuse. Er lernt den unbedingten Willen zu überleben.
Seine Familie ist arm, seine Mutter kann nur mit Mühen gehen, sein Vater Nikolaj wird im Dorf Naganyj gerufen, Gewehr, weil er alle Finger seiner rechten Hand verlor – nur den Daumen nicht, der starr geradeaus zeigt wie der Lauf einer Flinte. Einige wenige Greise leben noch, die sich an die Demjanjuks erinnern, die sich wieder erinnern, weil der Name vor mehr als 20 Jahren mit den Zeitungen in ihr Dorf zurückkam. Sie haben viel über ihn gesprochen. Wie er war und ob er zu dem, was man ihm vorwirft, fähig wäre. Nicht sehr intelligent sei er gewesen, sagen die Alten, aber zäh, gerissen und ein wenig stiller als die anderen. Ivan, schlecht in der Schule, sei Traktorist gewesen, weil niemand im Dorf so geschickt mit Maschinen umgehen konnte wie er. Ging eine kaputt, holten sie Ivan, damit er sie reparierte. Demjanjuk wird dies während seines Prozesses in Israel vehement bestreiten. Nie habe er sich vor 1945 mit Motoren beschäftigt. In Israel wirft man ihm vor, die Motoren für die Gaskammern von Treblinka betrieben zu haben.
1941 bricht die Geschichte ein zweites Mal mit Wucht in Demjanjuks Leben ein: Er ist 21, als er in die Rote Armee eingezogen und zum Kampf gegen die Deutschen abkommandiert wird. Bald wird er schwer am Rücken verwundet und kommt in ein Lazarett. Sein Heimatdorf wird von den Deutschen besetzt, die Frauen werden als Zwangsarbeiterinnen deportiert, über die Männer weiß niemand Genaues. Dann muss er wieder an die Front.
Auf der Krim gerät Demjanjuk im Mai 1942 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er wird in ein Kriegsgefangenenlager im polnischen Chelm gebracht. Es sind Jahre, in denen sich Menschen erst auf der einen, dann auf der anderen Seite wiederfinden. Niemals wieder wird Demjanjuk zurückkehren an den Ort seiner Kindheit, aus dem er nur hört, dass die Nazis seinen verkrüppelten Vater dort als Wachmann einsetzen. Nach dem Krieg wird Nikolaj Demjanjuk von den Sowjets nach Sibirien verbannt – wegen Kollaboration mit den Nazis.
Sein Sohn wird ihn nie wieder sehen. Und John Demjanjuk wird alles dafür tun, dass ihm nicht das Gleiche widerfährt.
Was in den Jahren der Kriegsgefangenschaft geschieht, bestimmt Demjanjuks Leben bis heute. Es gibt zwei Versionen davon, was in dieser Zeit passiert: In der Version, die Demjanjuk seit Jahrzehnten erzählt, ist er von 1942 bis 1944 im Kriegsgefangenenlager Chelm gewesen. Danach habe er mit anderen sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in Heuberg in Süddeutschland in der von den Deutschen zusammengestellten Wlassow-Armee gegen die Rote Armee gekämpft – seine ehemaligen Kameraden.
Alle Ankläger Demjanjuks dagegen, ob in den USA, in Israel oder jetzt in Deutschland, behaupten, kein Mensch hätte die unmenschlichen Zustände in Chelm so lange überleben können. Dort starben die Kriegsgefangenen vor Hunger und Entkräftung. Die Ankläger glauben daher, dass Demjanjuk von Chelm ins nahe gelegene SS-Ausbildungslager Trawniki verlegt worden ist. Dort bildeten die Deutschen die Gefangenen für Hilfsarbeiten aus, auch als Personal für die Vernichtungslager Sobibór und Treblinka. In Sobibór wurden 250.000 Juden ermordet, in Treblinka fast eine Million.
Die Kriegsgefangenen schienen in auswegloser Lage zu sein: Tod in Chelm oder Töten in Vernichtungslagern. Das war das Dilemma der Trawniki, darum wird es im Prozess von München wieder gehen. Für die Arbeit in den Vernichtungslagern wurden sie bezahlt, sogar Freiwillige meldeten sich zum Dienst. Viele von ihnen, das macht den Schrecken der Trawniki aus, sind in den Lagern durch extreme Grausamkeit aufgefallen.
Demjanjuk habe zu diesen Trawniki gehört, sagen seine Münchner Ankläger. Sechs Monate lang sei er Wachmann in Sobibór gewesen. Beweisen sollen das ein Trawniki-Ausweis, ausgestellt auf Ivan Demjanjuk, eine Liste von Versetzungen nach Sobibór mit Demjanjuks Namen und eine Aussage des ukrainischen Sobibór-Wachmanns Ignat Daniltschenko, die Demjanjuk belastet.
Es geht um sechs Monate seines Lebens, um sechs Monate des Jahres 1943. Sechs Monate, um die seit Jahrzehnten juristisch gekämpft wird. Sechs Monate, die Demjanjuk seit Jahrzehnten vergeblich abzustreifen versucht. Die ihn aber immer wieder einholen.
Als der Krieg 1945 zu Ende ist, hat es Demjanjuk nach Bayern verschlagen. Die Ermittler sagen, das Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz sei eine von Demjanjuks letzten Stationen im Krieg gewesen. Nach der Kapitulation der Deutschen meldet er sich bei der amerikanischen Militärverwaltung in Landshut als Displaced Person. Ein paar Jahre lässt er sich tatsächlich wie ein Entwurzelter durch Süddeutschland treiben. Mal heuert er bei der U.S. Army als Lastwagenfahrer an, mal arbeitet er für eine Baufirma namens Polensky und Zöllner, die noch kurz zuvor mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen Bunker und Rüstungsbetriebe errichtete.
Demjanjuks Sohn arbeitet nicht mehr, er will die Unschuld des Vaters beweisen
Einmal wird er im Würzburger Hauptbahnhof von der amerikanischen Militärpolizei verhaftet, weil er zwei Pistolen in einem Brotlaib zu schmuggeln versucht. 1947 kommt sein Leben in geordnete Bahnen: In Regensburg heiratet Demjanjuk Vera Kowalewa, auch sie aus der Ukraine. Die Deutschen haben sie als Zwangsarbeiterin nach Berlin gebracht. Demjanjuk lernt sie in der Warteschlange vor der Lebensmittelausgabe im Flüchtlingslager von Landshut kennen. Drei Jahre nach der Hochzeit kommt ihre Tochter zur Welt, Lydia. Und schließlich, der Krieg ist sieben Jahre vorbei, der große Aufbruch: Anfang 1952 schifft sich die Familie in Bremerhaven auf der General Haan ein. Ivan Demjanjuk wird sich fortan John nennen. Er hofft, dass auch für ihn die amerikanische Verheißung gelten wird: dass jeder Einwanderer in den Vereinigten Staaten ein neues Leben beginnen kann.
An einem kalten Februarmorgen des Jahres 1952 läuft das Schiff im Hafen von New York ein. John Demjanjuk ist 32 Jahre alt, mit seinem breiten Kreuz und seinen großen Händen ist er ein robuster Arbeiter. In den ersten Monaten hilft er auf einer Farm in Indiana aus, doch der Lohn reicht kaum, seine Familie zu ernähren. Erst ein neuer Krieg gibt seinem Leben wieder eine Wendung: Der Koreakrieg hat die amerikanischen Männer aus den Fabriken an die Front gefegt. Männer wie Demjanjuk werden plötzlich gebraucht. Mit der Hilfe eines ukrainischen Bekannten, den er in Regensburg kennenlernte, bekommt Demjanjuk einen Job bei Ford in Cleveland. Im August 1952 beginnt er, für 1,80 Dollar pro Stunde, in der Autofabrik zu arbeiten. 1958 werden Vera und John amerikanische Staatsbürger, 1960 wird die zweite Tochter Irene geboren, 1965 der Sohn John jr. 1970 ist der Amerikanische Traum Realität: Die Familie kauft ihr eigenes Haus. John Demjanjuk glaubt, die Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen zu haben.
Der flache gelbe Backsteinbau steht auf einer Anhöhe, umgeben von Rasen. Die Auffahrt ist sauber gefegt wie überall in Seven Hills, einem ordentlichen Vorort von Cleveland. Viele Menschen hier stammen aus der Ukraine. Neben der Haustür mit der Nummer 847 hängen Geranien in kleinen Töpfen. Hinter dem Haus liegt Demjanjuks Gemüsegarten. Wieder Kartoffeln und Tomaten.
»Mein Vater hat in seinem ganzen Leben keinen Menschen umgebracht.« John Demjanjuk jr. sagt das so ruhig und freundlich wie ein professioneller Pressesprecher. Er hat auch wenig anderes gemacht, seit er im zweiten Semester sein Studium aufgegeben hat, um hauptberuflich die Unschuld seines Vaters zu beweisen. Dessen Geschichte bestimmt auch das Leben des Sohnes.
John jr. sitzt gleich um die Ecke auf einer roten Plastikbank bei Simon’s, einem in die Jahre gekommenen Restaurant. Seit er aus Kostengründen sein Büro aufgeben musste, arbeitet er von hier aus. »Die ukrainische Gemeinde hat uns mit Millionen geholfen, aber das Geld ist aufgebraucht.« Das Gesicht des Sohnes ist sonnengebräunt, der Kinnbart scharf rasiert, er trägt ein weißes T-Shirt und darüber eine leuchtend blaue Trainingsjacke. So sehen Amerikaner aus.
Als John jr. elf war und sein Vater in Cleveland erstmals wegen der Vergangenheit vor Gericht stand, trat der Sohn mit der Familie in den Hungerstreik. Heute ist er 44 und bereitet sich mit seinem ehemaligen Schwager Ed Nishnic auf den nächsten Kampf vor. Nishnic war einst mit Demjanjuks Tochter Irene verheiratet – die Ehe ist seit fünf Jahren geschieden, doch Nishnic kämpft weiter für seinen ehemaligen Schwiegervater. »Bald werde ich mein halbes Leben mit dem Fall verbracht haben.« Im November hatte er einen Herzinfarkt, er trinkt zu viel. Nach der Hochzeit mit Irene hatte Nishnic Demjanjuk einmal nach Treblinka gefragt. »Wenn etwas davon wahr wäre«, habe Demjanjuk ihm geantwortet, »dann hätte ich lieber eine Flasche Pillen geschluckt, als meiner Familie das zuzumuten.«
Sein ganzes Leben in Cleveland bleibt John Demjanjuk unter Ukrainern. Sie alle kennen den Krieg und sind froh, überlebt zu haben – und keiner will sich dafür rechtfertigen müssen, wie er das geschafft hat. Eine verschwiegene Gemeinschaft. Im Sommer fahren die Familien zum Picknicken an die umliegenden Seen, sie essen ukrainisch, sprechen ukrainisch, und am liebsten haben sie es, wenn ihre Kinder Ukrainer heiraten. Als die Tochter Irene zum ersten Mal ihren Freund Ed nach Hause bringt, muss der unter seinen tschechischen Vorfahren erst eine ukrainische Urgroßmutter finden, bevor er Irene ins Kino ausführen darf.
John Demjanjuk ist der perfekte Nachbar. Er repariert die Autos aller Anwohner und die Fahrräder der Kinder. Nur wenn er etwas trinkt, zeigt Demjanjuk eine andere Seite. Wenn zum Bier noch Wodka kommt, fängt er an zu prahlen. Mit seinem Haus, seinem Auto, seinen Kindern. Er sei zwar »ein Angeber« gewesen, erinnert sich der Sohn einer Nachbarin, »aber auch im besoffensten Zustand hat er nie etwas aus dem Krieg erzählt«. Für Demjanjuks Freunde war das der Beweis seiner Unschuld.
Es ist ein Sonntagmorgen im Juni 2009, die Sonne lässt die Zwiebeltürme der ukrainisch-orthodoxen St. Vladimir Church von Cleveland erstrahlen. Vor dem Altar steht Pfarrer John Nakonachny, Anfang 50, Kind ukrainischer Einwanderer. In der vierten Reihe kniet Vera Demjanjuk, die Haare zu einem Dutt gesteckt. Eine kleine, schmale Frau mit müdem Gesicht, wie aus Pergamentpapier gefaltet. Pfarrer Nakonachny war bei Demjanjuk, als der im Mai aus seinem Haus geholt und nach München geflogen wurde. Und er war der seelische Beistand, der einmal pro Monat mit Demjanjuk telefonierte, als der in Israel einsaß. Auch an diesem Sonntag schließt Nakonachny John und Vera Demjanjuk in seine Fürbitten mit ein. Er ruft ins Kirchenschiff: »Wir halten John Demjanjuk für unschuldig!«
Die längste sorglose Phase im Leben des John Demjanjuk findet ihr abruptes Ende im Mai 1976. Damals klingelt in der jüdischen Organisation B’nai B’rith in Cleveland das Telefon, Harold Jacobs meldet sich, Jurist der amerikanischen Einwanderungsbehörde. Er bittet um Hilfe bei der Suche nach Zeugen eines mutmaßlichen Kriegsverbrechers mit Namen Demjanjuk, John. Jacobs geht einem Hinweis der New Yorker Exilanten-Zeitung Ukrainian News nach, der eine Liste mit 70 mutmaßlichen Nazi-Kollaborateuren vorliege, die in den USA lebten. Diese Liste sei inzwischen auch an einige US-Senatoren gelangt. Jacobs hatte zunächst gezögert, den Verdacht zu verfolgen. Es kam ihm seltsam vor, dass die Zeitung mitten im Kalten Krieg Zugang zu sowjetischen Archiven hatte, aus denen sich die Anschuldigungen offensichtlich speisten. War das sowjetische Propaganda? Doch Jacobs fand heraus, dass Demjanjuk auf seinen Einreisepapieren in die USA angegeben hatte, von 1937 bis 1943 in Sobibór gelebt zu haben, als Bauer. Hatte sich da einer aus Versehen verraten?
Der Einwanderungsbeamte Jacobs findet keinen Überlebenden aus dem Lager Sobibór, der sich an Demjanjuk erinnert. Nur der Wachmann Daniltschenko hat sich an ihn erinnert, vor einem sowjetischen Gericht. Sonst gibt es nichts Verdächtiges. Zwei Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens in den USA, das ist alles. Jacobs schickt Demjanjuks Bild nach Israel. Und tatsächlich: Sechs Männer glauben ihn zu erkennen. Allerdings bringen sie ihn nicht mit Sobibór in Verbindung, sondern mit Treblinka. Hinter dem harmlosen US-Bürger John Demjanjuk verberge sich »Ivan der Schreckliche«.
Wie passt das zusammen? Während Jacobs versucht, dem Fall auf den Grund zu gehen, bricht in der Hauptstadt Washington Empörung los. Wie kann es sein, dass Nazis sorglos in der Mitte Amerikas leben? Als Jacobs unter Druck seinen Abschlussbericht über die Untersuchung schreibt, hat er den Widerspruch zwar nicht aufgelöst, rät aber zur Abschiebung. Am 25. August 1977 wird in Cleveland Klage gegen John Demjanjuk eingereicht. Obwohl in den Dokumenten nur von Sobibór die Rede war, schenken die Ermittler dem kaum noch Beachtung. Sie verlassen sich ganz auf die Augenzeugen aus Treblinka.
Demjanjuk landet in dem Gefängnis, in dem schon Adolf Eichmann saß
Im Juni 1981 wird Demjanjuk die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt. Zweifel, ob er je in Treblinka gewesen sei, bleiben in der politischen Aufwallung ungehört. Amerika möchte sich nicht vorwerfen lassen, mutmaßliche Völkermörder nicht entschlossen zu verfolgen. Auch der Aktenvermerk, den der ehemalige Staatsanwalt George Parker vor dem Prozess an seine Vorgesetzten schickte, ist irgendwann vergessen. Darin hatte Parker gewarnt: »Wir haben wenige vor Gericht verwertbare Beweise, dass Demjanjuk in Sobibór war, und zudem echte Zweifel, ob er in Treblinka war.« Am 28. Februar 1986 wird Demjanjuk aus dem Bundesgefängnis in Missouri nach Israel überführt. Nach dem Prozess gegen Adolf Eichmann, den Schreibtischtäter, nun John Demjanjuk, einer, der mit seinen Händen getötet haben soll. Demjanjuk wird in dem Gefängnis untergebracht, in dem schon Eichmann saß. Demjanjuk versteht sich gut mit den Wächtern, er lernt Hebräisch. Nur eins verstört seine Bewacher: Er bittet darum, täglich zu einem Morgenappell antreten zu dürfen. So erzählt es später ein Mitarbeiter des Gefängnisses.
Als Ort für diesen zweiten historischen Prozess wählen die Israelis die Internationale Kongresshalle im Zentrum von Jerusalem. Eine Halle wird zum Gerichtssaal, auf den roten Sesseln haben 390 Zuschauer Platz, in der Galerie darüber schrauben Journalisten aus aller Welt ihre Kameras auf die Stative. Vorn, wie auf einer Bühne, sitzen drei Richter, rechts von ihnen sitzt die Staatsanwaltschaft, darunter ein junger Mann namens Michael Horowitz, und links, in einem Holzverschlag, John Demjanjuk, der in jenen Wochen wieder Ivan heißt.
Michael Horowitz arbeitet heute in einer Kanzlei in Jerusalem. Ein Mann, der viel arbeitet und wenig schläft. Wenn er von damals erzählt und von einem neuen Prozess, einer möglichen Wiederholung in München, überschlägt sich seine Stimme. »Demjanjuk? Ha!« Horowitz macht eine Pause. »Wahrscheinlich hat er es in München besser als hier. So gesehen, ein Aufstieg.« Horowitz war Mitte 30, als er diesen Fall bekam. Seine Mutter hat das KZ in Bergen-Belsen überlebt. Zum ersten Mal bot sich ihm nun die Gelegenheit, sich direkt mit den Verbrechen der Nazis auseinanderzusetzen. »Da sitzt man über ein Jahr lang im Gerichtssaal diesem Mann gegenüber und fragt sich: Wer bist du? Was geht in deinem Kopf vor?«
Demjanjuk gab Horowitz keine Antwort. Im ganzen Gerichtssaal sei ausgerechnet der Beschuldigte die »am wenigsten interessante Person« gewesen, ein Mann von schlichtem Charakter, sagt Horowitz – und er sagt es noch immer mit Groll. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, in Treblinka Juden in die Gaskammern getrieben zu haben. Auf dem Weg dorthin soll er Männern Ohren und Nasen, Frauen die Brüste abgeschnitten haben. Doch Demjanjuk saß nur gelangweilt da. Manchmal schlief er ein. Manchmal zog er Fratzen. Manchmal lächelte er. »Er wurde mehr von seinen Hämorrhoiden gequält als von seinem Gewissen.«
Jeden Morgen wird Demjanjuk mit einem Polizeibus ins Gericht gefahren. Oben auf der Galerie nimmt auch der Publizist Tom Segev Platz. Er kennt den Chefankläger, Michael Shaked, sie sind zusammen zur Schule gegangen. Segev bekommt Einblick in die Akten. Er wundert sich: Zwar haben einige Zeugen von Treblinka gesprochen, aber in den Dokumenten ist der Name des Vernichtungslagers nicht einmal zu finden. »Seid ihr euch sicher, dass ihr ihn wegen Treblinka kriegen könnt?«, fragt Segev. »Es ist in den Dokumenten doch nur von Sobibór die Rede. Seid ihr euch sicher, dass ihr ihn wegen des Richtigen anklagt?« Aber Shaked winkt ab. Mittlerweile zehn Treblinka-Überlebende haben Demjanjuk als »Ivan den Schrecklichen« identifiziert, fünf werden gegen ihn aussagen. Höchstens ein paar Tage werde es dauern, um die Identität von »Ivan dem Schrecklichen« zu klären. Reine Formsache.
Der wichtigste Beweis im Jerusalemer Prozess ist der Trawniki-Ausweis Nummer 1393, ausgestellt auf Ivan Demjanjuks Namen, versehen mit Unterschriften des Lagerleiters Karl Streibel und des Nachschuboffiziers Ernst Teufel. Monatelang wird über die Echtheit des Dokumentes gestritten. Die Verteidigung sagt, es handele sich um eine Fälschung, angefertigt vom sowjetischen Geheimdienst KGB. »Wenn wir mit diesem Ausweis fertig sind«, drohen Demjanjuks Verteidiger, werde von den Anschuldigungen »nichts mehr übrig bleiben«. Tatsächlich zeigt der Ausweis Auffälligkeiten: Das Foto ist offenbar neu eingeklebt, die SS-Runen sind mit der Hand eingetragen, Demjanjuks angegebene Körpergröße stimmt nicht. Doch an der Echtheit der Unterschriften von Streibel und Teufel hat das Gericht keinen Zweifel. Es erkennt das Dokument an.
Allerdings enthält auch der Trawniki-Ausweis keine Hinweise darauf, dass Demjanjuk in Treblinka gewesen ist. Abkommandiert nach Sobibór, steht dort.
Die Anklage konstruiert daraufhin eine waghalsige Theorie: Demjanjuk sei die 200 Kilometer zwischen Sobibór und Treblinka gependelt, täglich. Er habe in beiden Lagern Dienst getan.
Demjanjuks eigene Aussagen sind ungenau, oft verheddert er sich in Widersprüche. Einmal fällt ihm der Name Chelm nicht ein – ausgerechnet jenes Kriegsgefangenenlager, in dem er 18 Monate verbracht haben will. Sein Alibi. Wie kann das sein, fragt ihn der Staatsanwalt. »Haben Sie in Ihrem ganzen Leben noch nie etwas vergessen?«, fragt Demjanjuk zurück.
Demjanjuk streitet alles ab, hält still, verrät nichts. Er sagt nicht viel mehr als: »Ich denke, wenn jemand die Möglichkeit hatte, sich zu verweigern, dann sollte er bestraft werden. Wenn er sich nicht weigern konnte, sollte man ihn nicht belangen.«
Als die Richter die Todesstrafe verkünden, bekreuzigt sich Demjanjuk dreimal. »Ich bin unschuldig!«, ruft er, als er in Handschellen abgeführt wird. Die Zuschauer stehen auf, sie stellen sich auf die Sitze, applaudieren und rufen: »Am Yisroel Hai!« Israel lebt.
Sechs Jahre später, 1993, wird das Urteil aufgehoben, Demjanjuk vom israelischen Verfassungsgericht freigesprochen. Das Urteil ist beispiellos, für viele adelt es den Rechtsstaat Israel: Das Land der Opfer irrte sich in einem Täter. Es hat die Größe, einen Fehler zuzugeben. Demjanjuk ist nicht »Ivan der Schreckliche«. Eine Verwechslung.
In den Abfalltonnen eines Imbisses werden entscheidende Notizen entdeckt
Nach und nach war ans Licht gekommen, dass das amerikanische Office of Special Investigation entlastende Indizien zurückgehalten hatte.
Einen ersten Hinweis darauf, dass die amerikanischen Ermittler Aussagen, die nicht in ihre Anklage passten, entsorgt hatten, erhielt ausgerechnet Demjanjuks Schwiegersohn Ed Nishnic. Ein Journalist in Washington hatte gesehen, wie einige Männer mehrere durchsichtige Mülltüten mit OSI-Dokumenten in den Abfallcontainern eines McDonald’s-Imbisses entsorgten. In den Tüten fanden Nishnic und John Demjanjuk jr. zwischen Joghurtbechern und Apfelresten Notizen der Befragung eines der wichtigsten Belastungszeugen: eines SS-Mannes, der in Treblinka lange mit »Ivan dem Schrecklichen« zusammengearbeitet hatte. Vor Gericht schien es so, dass er Demjanjuk auf den Bildern, die man ihm vorlegte, sofort erkannt hatte. Die Notizen im Müll dagegen bewiesen, dass die Aussage manipuliert war.
Mit dem Kollaps der Sowjetunion 1990 war dann der Weg in bislang unzugängliche Archive frei. Staatsanwalt Shaked reiste nach Moskau. Er fand 21 Aussagen von Treblinka-Wächtern, die alle zu Protokoll gegeben hatten, dass »Ivan der Schreckliche« mit Nachnamen Marchenko hieß. Demjanjuk erhielt seine amerikanische Staatsbürgerschaft zurück. Er war jetzt ein Sieger. Er kehrte zurück in sein altes neues Leben in Cleveland, Ohio.
Seit dem 12. Mai 2009, um kurz nach neun Uhr am Morgen, ist John Demjanjuk nach Jahrzehnten wieder in Deutschland. 1942 haben ihn die Deutschen auf der Krim gefangen genommen, jetzt ist er wieder ein Gefangener der Deutschen. Ein Untersuchungshäftling in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim im Süden Münchens. Auf 24 Quadratmeter ist seine Welt geschrumpft, eine behindertengerechte Zwei-Mann-Zelle im Erdgeschoss.
Am Tag seiner Ankunft in München, um 14 Uhr, wird Demjanjuk der Haftbefehl vorgelesen, 21 Seiten lang. Eine Dolmetscherin übersetzt ihn ins Ukrainische, eine Stunde lang. Demjanjuk, im Rollstuhl sitzend, äußert sich nicht zur Sache, das hat ihm sein Anwalt geraten. Er bestätigt nur, er habe verstanden. Jetzt, Anfang Juli, soll Anklage erhoben und im September die Hauptverhandlung eröffnet werden. Ob dann der letzte große Kriegsverbrecherprozess in Deutschland folgt, ist unklar. Groß sind die Zweifel an Demjanjuks Gesundheitszustand. Lange liegen die Taten zurück, vertrackt sind die juristischen Probleme.
Die Verteidigung wird fordern, John Demjanjuk sofort freizulassen, weil er schon einmal in Israel verurteilt worden sei, auch wegen seiner Zeit in Sobibór. Er sei ja gependelt, stand im Urteil. Zweimal dürfe niemand für dieselbe Tat vor Gericht gestellt werden, das verbiete das Grundgesetz. Demjanjuks Wahlverteidiger Ulrich Busch hat deswegen Verfassungsbeschwerde eingereicht. Demjanjuks Anwälte werden fordern, das Gericht möge ihrem Mandanten einen einzigen Fall nachweisen, in dem er eigenhändig zur Ermordung eines Juden beigetragen habe. Die Staatsanwaltschaft wird dem entgegenhalten, Sobibór sei ein reines Vernichtungslager gewesen, ausgelegt für massenhaftes Töten. Jeder Wachmann dort sei zwangsläufig an Morden beteiligt gewesen, so habe das System Sobibór funktioniert.
Und John Demjanjuk wird wohl wieder gelangweilt dasitzen. Manchmal einschlafen. Und wahrscheinlich nichts sagen.
Am Ende wird sich alles in einer einzigen Frage bündeln: Wie richten über ein Opfer, das zum Täter wurde? Was hätte Demjanjuk, sollte er in Sobibór gewesen sein, tun können, um nicht schuldig zu werden – damals, im Sommer 1943, der sein Leben bestimmte? Hätte er, ein 23-jähriger Bauernsohn im besetzten Polen, allein unter Feinden, mitten im Krieg, aufbegehren sollen gegen seine Befehlshaber? Hätte er, eingespannt in das grauenvollste Verbrechen des 20. Jahrhunderts, seine Uniform ausziehen, seinen Dienstausweis wegwerfen und sich in die Wälder davonmachen können?
Die Staatsanwaltschaft sagt: Ja. Nie sei ein Trawniki, der desertiert sei, hingerichtet worden; alle seien mit Stockschlägen davongekommen.
Die Verteidigung sagt: Nein. Woher hätte Demjanjuk denn wissen sollen, dass die Nazis ihre Helfer bei Befehlsverweigerung nicht ermordeten? Juristen nennen das »Befehlsnotstand«. Auf den haben sich nach 1945 zahllose NS-Verbrecher berufen, viele sind vor deutschen Gerichten damit durchgekommen. Muss das nicht auch für Demjanjuk gelten? Aber darf das heute noch der Maßstab sein?
In seiner Gefängniszelle in München-Stadelheim spielt der Häftling John Demjanjuk oft Karten. In Jerusalem sagt der Anwalt Michael Horowitz, dass auch die Deutschen Demjanjuk nicht kriegen werden – und manchmal erwischt er sich bei dem Gedanken, dass Demjanjuks Leben schon Strafe genug war. In Ludwigsburg sagt Thomas Walther, der Ermittler: »Ich hoffe auf eine Aussage von Demjanjuk. Vielleicht will er am Ende seines Lebens noch einmal mit Vera die Füße in einen See hängen.« In Cleveland sagt John Demjanjuk junior: »Wir sind in Freiheit groß geworden. Wir können nicht urteilen über diese Zwangslage.« Das klingt, als habe sich der Sohn sehr wohl mit der Möglichkeit beschäftigt, dass sein Vater in Sobibór gewesen sein könnte.
- Datum 13.07.2009 - 12:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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der Herr Walther [...]
jedenfalls alles mit ganzer Kraft und voller Überzeugung.
Voin Skrupeln scheint er jedenfalls nicht geplagt zu sein.
[Gekürzt, bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. /Die Redaktion pt.]
Michael Horowitz war beteiligt an einem Gerichtsverfahren, dass mit einem krassen Fehlurteil endete und zu einem grandiosen Rohrkreppierer für die israelische Justiz wurde - fünf Belastungszeugen, die sich leider geirrt haben, ein Todesurteil, zum Glück noch nicht vollstreckt, und Manipulationen seitens der Amerikaner - man kann sich vorstellen, was vom Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg zu halten ist, welcher noch unter ganz anderen Bedingungen stattfand.
"Die Notizen im Müll dagegen bewiesen, dass die Aussage manipuliert war." Hatte das eigentlich Folgen für die Täter?
Immerhin hat sich die israelische Justiz noch rechtzeitig korrigiert und der Rechtsstaat - mit einiger Verzögerung - doch noch triumphiert. Aber Michael Horowitz hat aus dem juristischen Disaster, welches er mit angerichtet hat, nichts gelernt - Zynismus und Arroganz anstelle von Demut, die angesichts seines bzw. des Versagens des Systems durchaus angebracht gewesen wäre.
Aber Michael Horowitz ist nicht der einzige, der nichts gelernt hat: Frau Knobloch verlangte vorab ein "hartes Urteil" (http://www.welt.de/politi... ), ganz so, als wäre er auf frischer Tat ertappt worden und als wäre als zweifelsfrei belegt. Freuen wir uns, das Frau Knobloch nicht Bundeskanzler ist.
Am schäbigsten aber verhalten sich die USA! Jeder NS-Kriegsverbrecher war ihnen recht, sobald sie fanden, dass er ihnen nützlich sein könne, und auch die eigenen Kriegsverbrecher sowie die Kriegsverbrechen Verbündeter waren nie ein Thema für dieses Land. Als es aber darum geht, einen kleinen Fisch abzuschieben und auszuliefern, sieht es auf einmal anders aus, da werden dann auch mal Zeugenaussagen manipuliert weil man glaubt, so dem Bündnispartner einen Gefallen zu tun.
Ich finde Ihre Argumentation ehrenrührig. Die öffentlichen Organe in Israel haben die Stärke gehabt, zuzugeben, dass sie nicht sicher die Identität von Ivan dem Schrecklichen nachweisen konnten und haben - trotz der Zusammenbrüche und Beschimpfungen der Richter von ehemaligen Treblinka-Opfern - den Beschuldigten bzw. Verurteilten freigelassen. Dieser Akt war für mich ein Zeichen für die Stärke der Demokratie und Gerichtsbarkeit in diesem Staat! Ich weiß nicht, ob Ivan D. sogar eine Haftentschädigung bekommen hat. Warum in aller Welt sollte ein möglicher Mörder freikommen, der angeschuldigt wird statt in Treblinka eben in Sobibor gemordet zu haben? Die Bedingungen, unter der sich Ivan D. entscheiden musste, auch sein damaliges Alter, wurden berichtet und werden auch sicherlich vor Gericht benannt werden. Dennoch bleibt die Schuld! Und wie ist es zu bewerten, dass sechs Monate dazu reichten über 25 000 Juden in die Gaskammern zu jagen?
Nachdenken, Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn sind angesagt! Bemühen Sie sich darum, bevor sie solche Unsäglichkeiten schreiben!
Ich finde Ihre Argumentation ehrenrührig. Die öffentlichen Organe in Israel haben die Stärke gehabt, zuzugeben, dass sie nicht sicher die Identität von Ivan dem Schrecklichen nachweisen konnten und haben - trotz der Zusammenbrüche und Beschimpfungen der Richter von ehemaligen Treblinka-Opfern - den Beschuldigten bzw. Verurteilten freigelassen. Dieser Akt war für mich ein Zeichen für die Stärke der Demokratie und Gerichtsbarkeit in diesem Staat! Ich weiß nicht, ob Ivan D. sogar eine Haftentschädigung bekommen hat. Warum in aller Welt sollte ein möglicher Mörder freikommen, der angeschuldigt wird statt in Treblinka eben in Sobibor gemordet zu haben? Die Bedingungen, unter der sich Ivan D. entscheiden musste, auch sein damaliges Alter, wurden berichtet und werden auch sicherlich vor Gericht benannt werden. Dennoch bleibt die Schuld! Und wie ist es zu bewerten, dass sechs Monate dazu reichten über 25 000 Juden in die Gaskammern zu jagen?
Nachdenken, Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn sind angesagt! Bemühen Sie sich darum, bevor sie solche Unsäglichkeiten schreiben!
Anderen Schuldigen und Nichtschuldigen, die für die Nazis gearbeitet haben, haben BGH und BVerfG sogar noch fette Beamtenpensionen und Beihilfe hinterhergeschmissen. Sie mussten nur alle sagen, dass sie gegen ihren Willen auf ihre jeweiligen Posten gekommen waren. Ob sie die Arbeit dann auch so widerwillig erledigten oder aber mit Feuereifer ans Werk gingen, war dagegen zweitrangig.
Es würde mich nicht wundern, wenn Herr Demjanjuk nicht auch versuchen sollte, sich eine tolle 131er-Pension einzuklagen.
Ich finde Ihre Argumentation ehrenrührig. Die öffentlichen Organe in Israel haben die Stärke gehabt, zuzugeben, dass sie nicht sicher die Identität von Ivan dem Schrecklichen nachweisen konnten und haben - trotz der Zusammenbrüche und Beschimpfungen der Richter von ehemaligen Treblinka-Opfern - den Beschuldigten bzw. Verurteilten freigelassen. Dieser Akt war für mich ein Zeichen für die Stärke der Demokratie und Gerichtsbarkeit in diesem Staat! Ich weiß nicht, ob Ivan D. sogar eine Haftentschädigung bekommen hat. Warum in aller Welt sollte ein möglicher Mörder freikommen, der angeschuldigt wird statt in Treblinka eben in Sobibor gemordet zu haben? Die Bedingungen, unter der sich Ivan D. entscheiden musste, auch sein damaliges Alter, wurden berichtet und werden auch sicherlich vor Gericht benannt werden. Dennoch bleibt die Schuld! Und wie ist es zu bewerten, dass sechs Monate dazu reichten über 25 000 Juden in die Gaskammern zu jagen?
Nachdenken, Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn sind angesagt! Bemühen Sie sich darum, bevor sie solche Unsäglichkeiten schreiben!
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