Als die Telefonverbindung nach Deutschland endlich steht, auf die alle seit Wochen gewartet haben, ist die ganze Familie in Cleveland im amerikanischen Bundesstaat Ohio versammelt: die Frau, der Sohn, die Enkel. Am anderen Ende ein Mann, ein Vater, ein Großvater, den die Welt als Angeklagten kennt, als 89 Jahre alten Greis mit Namen John Demjanjuk. In der Leitung ist auch ein ukrainischer Übersetzer der Staatsanwaltschaft München. Er hört mit, was John Demjanjuk seiner Frau Vera an diesem Morgen aus dem Gefängnis München-Stadelheim erzählt. Dass er seine Zelle mit einem Türken teile. Dass die ukrainische Zeitung ihn erreiche. Und dass er Geld brauche. Er müsse sich unbedingt einen neuen Rasierapparat kaufen, sagt Demjanjuk. Der, den Vera ihm bei seiner Abschiebung eingepackt habe, passe nicht in deutsche Steckdosen.

Seltsam, dass die größte Sorge dieses alten Mannes in der Zelle eine Steckverbindung ist. Aber was im Leben John Demjanjuks hatte schon eine Ordnung? Geboren wurde er 1920 in der Ukraine. Dann wurde er Soldat der Roten Armee, Gefangener der Wehrmacht, wahrscheinlich Handlanger der SS und Kraftfahrer der U.S. Army, all das innerhalb von kaum fünf Jahren. Ein Hin und Her zwischen den Frontverläufen der Geschichte, die ihn immer wieder eingeholt hat, zuletzt im Februar 2008.

Da begann zum ersten Mal auch die deutsche Justiz gegen John Demjanjuk zu ermitteln, fast 63 Jahre nach Kriegsende. In diesen Tagen wird sie ihn wahrscheinlich wegen Beihilfe zum 29.000-fachen Mord im Vernichtungslager Sobibór anklagen. Deshalb sitzt er nun in München-Stadelheim, wo der Stecker seines amerikanischen Rasierers nicht in die Dose passt.

Diesen vielleicht letzten Akt in seinem Leben hat Demjanjuk Google zu verdanken, der Suchmaschine im Internet. Und dem Amtsrichter Thomas Walther, einem 66-jährigen Mann mit randloser Brille und langen, grauen Locken, die noch von seiner Zeit bei den Jungsozialisten künden.

Kurz vor seiner Pensionierung hatte sich Walther vom Amtsgericht Lindau nach Ludwigsburg versetzen lassen, in die Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen. Hinter den Mauern eines früheren Frauengefängnisses sitzt Walther Anfang 2008 an seinem Computer und spürt eigentlich Elfriede Rinkel nach, einer Hundeführerin im ehemaligen KZ Ravensbrück, als sein Suchprogramm plötzlich einen vertrauten Namen auswirft. Auf der Website des US-Bundesgerichts in Cincinnati findet Walther unter dem Aktenzeichen 08a0054p.06 vom 30. Januar 2008 ein Urteil gegen – John Demjanjuk.

Demjanjuk? Ein jüngerer Kollege hätte mit dem Namen vielleicht nichts mehr anfangen können, aber Walther ist Demjanjuk ein Begriff. Hinter ihm verbirgt sich die Geschichte eines Mannes, dem Israel in den Achtzigern den Prozess machte, weil man dachte, er sei »Ivan der Schreckliche«, der sogenannte Schlächter von Treblinka. Sieben Jahre lang saß Demjanjuk im Gefängnis bei Tel Aviv und wartete auf seine Hinrichtung. Dann stellte sich heraus, dass er verwechselt worden war. Israel ließ ihn frei, und Demjanjuk flog nach Amerika zurück, Businessclass.

Doch immer blieb da der Verdacht, dass Demjanjuk für die Nazis gemordet habe. »Ich war geplättet«, sagt der Ermittler Walther heute, »ich wollte unbedingt wissen, was die Amerikaner ihm vorwerfen, welche Beweise sie haben.«

Noch am Tag seines Zufallsfundes schickt Walther eine Mail in die USA, adressiert an Eli Rosenbaum, den Chef des Office of Special Investigation (OSI), jener amerikanischen Dienststelle, die mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher in Amerika aufspürt. Rosenbaum antwortet Walther, dass die amerikanische Justiz gerade dabei sei, Demjanjuk erneut die Staatsbürgerschaft abzuerkennen – weil man keine Nazi-Schergen im Land dulden wolle. Und Demjanjuk, so der langjährige Verdacht, habe zwar nicht in Treblinka gemordet, wohl aber in Sobibór, einem anderen Vernichtungslager, nur 200 Kilometer entfernt. Indizien gebe es genug.

Walther glaubt, Demjanjuk könnte noch einmal ein großer Fall sein. Sein Fall. Mit ihm könnte er eine Praxis durchbrechen, die ihn immer gestört hat: Die deutsche Justiz hatte es stets vermieden, über Nazi-Kollaborateure aus dem Baltikum, aus Ungarn, Rumänien oder der Ukraine zu richten – Menschen, die die Deutschen erst zu Opfern und dann zu Tätern gemacht hatten. Wie selbstgerecht könnte da ein Schuldspruch wirken? Wie verharmlosend ein Freispruch? Zu groß war die Gefahr einer juristischen Pleite: Die Verdächtigen waren keine Deutschen, und für ihre mutmaßlichen Taten wurden sie nicht einmal in ihren Heimatländern angeklagt.

Wer ist dieser Mann, ein liebevoller Familienvater oder ein Massenmörder?

Aber Walther wusste auch: Die Amerikaner selbst würden gegen John Demjanjuk nicht ermitteln, weil sie nur über Taten zu Gericht sitzen, die in ihrem Land begangen wurden. Sie würden ihn aber ausliefern an den Staat, der sich für seine mutmaßlichen Taten interessiert. Wenn das niemand täte – sollte er dann straffrei bleiben bis ans Ende seines Lebens?

Beim Mittagessen erzählte Walther seinem Vorgesetzten von seiner Entdeckung – und erwähnte wie beiläufig den 50. Gründungstag ihrer Dienststelle im Dezember 2008. »Stell dir vor, wir feiern hier mit dem Bundespräsidenten, und alle amerikanischen Journalisten fragen Köhler, wann Deutschland endlich Anklage erhebt gegen den Wachmann von Sobibór.« Ein politisches Argument, kein juristisches. Damit hatte er den Fall. »Alles habe ich stehen lassen«, sagt Walther, »das Haus daheim im Allgäu, meine vier Kinder, alles.« Walther vergleicht die Transportlisten der Züge, die in Sobibór ankamen, mit den Opferlisten der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Israel. Er sucht den Namen Demjanjuk, gräbt in Archiven in Koblenz, Jerusalem und Washington. Innerhalb weniger Monate füllt er 17 Aktenordner mit Unterlagen. Er sucht eine Antwort auf die Frage: Wer ist John Demjanjuk? Täter oder Opfer? Ein kaltblütiger Mörder oder ein liebevoller Familienvater? Oder beides?

Womöglich gar Opfer einer entfesselten, ideologisch aufgepeitschten Justiz?