Irak Das Erwachen

Falludscha stand für das Grauen des Irakkrieges. Jetzt zieht sich die US-Armee aus der Stadt zurück. Es bleiben Chaos, Vetternwirtschaft – und Hoffnung

2004 wurde die Stadt im Irak-Krieg verwüstet, heute wird sie wieder aufgebaut: Falludschah am Euphrat

2004 wurde die Stadt im Irak-Krieg verwüstet, heute wird sie wieder aufgebaut: Falludschah am Euphrat

Wenn es eine Symbolstadt für die Abgründe des Irakkrieges gibt, dann ist es Falludscha. Aus dieser Stadt kamen die Bilder, die das Grauen dieses Krieges schonungslos darstellten. 2003 lynchte ein Mob vier Amerikaner und hängte sie an einer Eisenbrücke über den Euphrat auf. Im November 2004 verwandelte ein amerikanischer Sturmangriff die Stadt in ein Ruinenfeld und richtete Verwüstungen an, die an Guernica und Grosnyj denken lassen. Sie vermochten den Widerstand gegen die Besatzung nicht in die Knie zu zwingen.

Heute ragen die damals zerstörten Minarette wieder in den Himmel. Die grünen und blauen Kuppeln der Moscheen sind neu eingedeckt. Rechts der Stadteinfahrt liegt ein neues Krankenhaus. Vor den Pfeilern einer noch unfertigen Brücke steht das Bauschild einer türkischen Firma. Von der amerikanischen Armee ist keine Spur mehr zu entdecken, sie hat sich schon vor drei Monaten zurückgezogen und ein riesiges Militärlager vor der Stadt geräumt.

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Scheich Talib Hassnawi Aifan, beleibt und würdevoll, sitzt im Rathaus von Falludscha auf einem Sofa aus verschossenem Schottenmusterstoff, er bekleidet das Amt des Ratsvorsitzenden der 400.000-Einwohner-Stadt. Sein Amtssitz ist zwar immer noch ein wie zu Kriegszeiten hinter Schutzwällen und Betonmauern verborgener, durch Explosionen und Raketenangriffe zusammengestutzter Flachbau. Doch er erzählt lange, wie Falludscha sich von einer Zitadelle der Gewalt in eine der friedlichsten Städte des Iraks verwandelt habe.

Ließen sich die sunnitischen Scheichs von den Amerikanern kaufen?

Der Grund dafür sei al-Sahwa, »das Erwachen«. 2006 begann der Aufstand sunnitischer Scheiche gegen das Terrorregime von al-Qaida in der Stadt und der sie umgebenden Provinz Anbar. Al-Sahwa ist Teil des surge , der 2007 von General David Petraeus initiierten Umstellung der amerikanischen Strategie.

David Kilkullen, einer der engsten Berater des US-Generals, stimmt mit dem Scheich überein, dass die Sahwa ein zentrales Stück der surge war. Ohne sie kein Erfolg. Die Sahwa breitete sich von Falludscha und der Provinz Anbar wie eine Welle nach Bagdad und von dort immer weiter über das Land aus.

Man kann die Scheiche im europäischen Kontext am ehesten mit schottischen Clanchefs vor ihrer Niederwerfung durch die britische Krone im Jahr 1745 vergleichen. Der gleiche Name hält die Clans zusammen, familiäre Solidarität gibt ihnen ihre Autorität. Jeder Clan hat allerdings Scheiche in Hülle und Fülle, sie konkurrieren untereinander um Ansehen und Einfluss. Manche sind modern, andere haben sich seit den Zeiten von Lawrence von Arabien kaum gewandelt. Unter Saddam Hussein hatten sie außerhalb ihrer Clans nicht viel zu sagen. Nach dessen Niederlage schlossen sie sich mit al-Qaida zum Kampf gegen die Besatzer zusammen. 2005 verstritten sie sich mit den Gotteskriegern.

Kilkullen erklärt den Zwist damit, dass die Scheichs traditionsorientiert und einer Ära vor der Entstehung des modernen Nationalstaates verhaftet seien, die mit der postnationalen und revolutionär-religiösen Ideologie von al-Qaida wenig gemein habe. Befragt man sie selbst, zielen ihre Antworten darauf ab, dass al-Qaida eine unislamische Organisation sei, während sie für den wahren Islam einstünden, der sich auf Toleranz und Friedensliebe gründe.

Leser-Kommentare
  1. Der Text krankt am letzten Absatz.

    Noch eine Frage zur Sicherheit. Kann ich mich als Europäer heute überall in Falludscha frei umtun? »Kein Problem«, erwidert der Scheich. »Ich gebe Ihnen meine gepanzerte Limousine, einen Konvoi und meine Leibwächter. Damit kann Ihnen nichts passieren – so Gott will.«

    Wer den Ort und auch viele andere in der islamischen Welt kennt, hat gelernt, dass die Anwesenheit von Leibwächter, gepanzerter Limousine und Co schon das "freie Bewegen" sind. Das kann man nicht mit Frankfurt oder unseren Maßstäben vergleichen. Ist übrigens wohl in einigen Städten Süd- und Mittelamerikas auch nicht anders.

  2. Die Freude darüber, dass es den Amerikanern nicht gelungen ist, den Irak vollkommen auszulöschen, scheint den Blick dafür zu verstellen, dass sich der Westen endlich einer schonungslosen Aufarbeitung seiner Kriegspolitik stellen müsste. "Hinter dem weltanschaulichen Zwist stand ein knüppelharter Machtkampf" - das ist nicht nur in Ländern der Dritten Welt so, das ist allgemeine Psychologie. Deshalb ist letztendlich entscheidend, welche Mittel jemand einzusetzen bereit ist, um seine Weltanschauung durchzusetzen. Und da sind wir - schwuppdiwupp - gleich bei Merkel, Jung, Schröder, Fischer et al.

  3. Herr Luyken und sein Team schweben in Falludscha in Lebensgefahr.
    Das liegt nur oberflächlich an den Folgen des Irakkriegs. Der multiethnische, multireligiöse, dichochrome Irak lebt nach der Beseitigung des Unterdrückungsapparates Saddam Husseins so wie alle Länder des Nahen und Mittleren Ostens sowie Afrikas, die nicht durch Gewalt zu Frieden gezwungen werden : im Chaos.
    Vormittelalterliche Scheichs und Clanführer regieren wie Warlords, Islamisten töten Menschen anderer Religionen und sogar moderate Muslime, Politiker füllen sich die eigenen Taschen, selbst wenn es um sie herum an Nahrung und Medizin mangelt.

    Der Artikel zeigt eindeutig das Drama politischer Einflußnahme westlicher Länder auf diesen Teil der Erde : wir installieren einen "starken Mann", der das Land unter eine harte Knute zwingt und die zerfleischenden Religions- und Ethnienkriege beendet. Dieser wird größenwahnsinnig und kriegstreibend und muß beseitigt werden. Danach beginnt das Spiel von neuem...

    Das kennen wir aus Südamerika, Afrika und Asien genauso.

    Die Lösung ist doch offensichtlich : keine Globalisierung der Politik !
    Laßt diese Gesellschaften sich zerfleischen so wie wir es bei uns Zuhause auch gemacht haben. Nur durch Evolution oder hausgemachte Revolution kann dann ein demokratischer, rechtstaatlicher Phönix aus der mittelalterlichen Asche dieser Länder entstehen.

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    • Buker
    • 06.07.2009 um 14:54 Uhr

    Im Prinzip gebe ich Ihnen ja Recht! Schade nur, dass Pakistan die A-Bombe schon hat, an der der Iran noch bastelt...

    • Buker
    • 06.07.2009 um 14:54 Uhr

    Im Prinzip gebe ich Ihnen ja Recht! Schade nur, dass Pakistan die A-Bombe schon hat, an der der Iran noch bastelt...

    • wmebh
    • 06.07.2009 um 11:43 Uhr

    ich schliese mich der Meinung an.

    • Buker
    • 06.07.2009 um 14:54 Uhr

    Im Prinzip gebe ich Ihnen ja Recht! Schade nur, dass Pakistan die A-Bombe schon hat, an der der Iran noch bastelt...

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