Finis Der letzte Triumph
Wenn Bücher zu Nonbooks werden
»Ferien! Das klingt wie zwei Portionen gemischtes Eis mit Schlagsahne. Noch dazu Große Ferien!«, schreibt Erich Kästner in seinem Roman Emil und die drei Zwillinge und spricht eine große Wahrheit ganz gelassen aus. Aber wahr ist leider auch, dass Eis auf die Hose tropft, dass Salz und Sonnencreme dieses eklige Schmirgelgefühl auf der Haut erzeugen, dass einem der Wind die ZEIT aus der Hand reißt und man Kreuzschmerzen kriegt, wenn man bäuchlings Anna Karenina liest, endlich.
Strand, Sand und Lesen – das fügt sich nicht zusammen. Aber! »Den lieb ich, der Unmögliches begehrt«, sagt Goethe, und das Unmögliche macht der Lesespaten möglich, ein richtiger Spaten nämlich, wie geschaffen für den Sandburgenbaumeister, ein Spaten aber, den der wahre Strandleser neben sich in den Boden rammt, in passender Höhe einen Ausleger anschraubt, auf dem sich ein kleines Pult aus Acryl befindet. Dorthin legt er das Buch (sich selber in den Liegestuhl) und wartet darauf, dass der Wind die richtige Seite aufschlägt. Dieses Gerät, nebst anderen unnützen Nützlichkeiten für den Strandleser, gibt es beim LeseSpaten Verlag, der in seinem Katalog »Nonbookartikel für den Buchhandel« anbietet.
Nonbooks – das Wort zeigt uns einerseits die wunderbare Biegsamkeit des Englischen, andererseits den Trend der Zeit. Denn viele Verlage publizieren seit Langem schon Nonbooks, Bücher also, die nur von außen wie Bücher aussehen, die man aber gar nicht lesen muss, um zu wissen, was drinsteht, all diese Ratgeber zum Beispiel vom Schlage Dale Carnegies: »Schlafen Sie, bevor Sie müde werden!« Es gibt ja auch Nonpapers, Zeitungen und Magazine, die alles daransetzen, den Text zum Verschwinden zu bringen. Und müssen wir nicht in den gewaltigen Geländewagen, die unsere schmalen Wohnviertelstraßen durchkreuzen wie Wildhüter auf der Suche nach dem Tiger, Noncars erblicken, in denen das, was ein Auto ehemals war, nur noch zu erahnen ist? Und sind die meisten Handys nicht wahrhafte Nonphones, mit denen man alles machen, aber kaum mehr telefonieren kann? Es scheint, als begegneten wir hier einer Dialektik des modernen Konsums: Der Gegenstand triumphiert über seinen Verwendungszweck. Zugunsten des Lesespatens immerhin muss gesagt werden, dass er tatsächlich auch zum Sandburgenbauen taugt, und wer partout lesen will, bleibe am besten zu Hause.
- Datum 04.09.2009 - 10:59 Uhr
- Serie Finis
- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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