Hirnforschung Befreiung aus der Stille

Seit einem Autounfall ist Erik Ramsey in einem reglosen Körper gefangen. Protokoll eines Rettungsversuchs

Für den 26-jährigen Erik Ramsey ist das Experiment mit dem Hirnimplantat die einzige Chance, eines Tages wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein Autounfall hat ihn vor zehn Jahren in eine lebende Statue verwandelt. Sein Kopf knallte gegen die Nackenstütze, eine Blutung im Hirnstamm kappte jene Nervenbahnen, die die Steuersignale des Großhirns in den Körper weiterleiten. »Es dauerte fünf Tage, bis die Ärzte merkten, dass er wieder wach war«, erinnert sich Eriks Vater. »Er konnte sich ja weder bewegen noch sprechen, nur seine Pupillen hatte er noch unter Kontrolle.« Die Ärzte diagnostizierten das Locked-in-Syndrom – »Heilung ausgeschlossen«.

Eddie Ramsey, ein Paketzusteller mit muskulösen Oberarmen aus Atlanta, wollte nicht mit ansehen, wie der Sohn lebenslang im Krankenbett »vor sich hin vegetiert«. Er kaufte einen weißen Lieferwagen, hievte Erik samt Rollstuhl hinein und fuhr ihn in die Highschool. Vier Jahre lang ließ er ihn dieselbe Klasse wiederholen, »Erik konnte sich ja nie melden, um eine Frage zu stellen«, erzählt er. Und er kutschierte ihn von einem Arzt zum nächsten, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein Mittel zu finden, um den Sohn aus dem Gefängnis seines Körpers zu befreien.

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Bis er 2004 Philip Kennedy traf. Der Neurologe hatte in den neunziger Jahren am Georgia Institute for Technology Affen Implantate eingesetzt, um ihre Hirnströme aufzuzeichnen. In seiner kleinen Firma Neural Signals wiederholte er den Versuch später mit gelähmten Patienten – einer von ihnen konnte schließlich nur mit der Kraft seiner Gedanken einen Computercursor steuern.

Nun war Kennedy auf der Suche nach einem geeigneten Patienten für einen aufsehenerregenden Versuch. Erstmals wollte er einem Menschen ein Implantat in das Hirnareal einpflanzen, das die Sprachmotorik steuert, die Lippen, den Kiefer, die Zunge. Eine riskante Operation, »aber wenn sie gelingt, kann ich Erik vielleicht eine neue künstliche Stimme geben«, versprach Kennedy damals. Wie lange das dauere, fragte Eddie Ramsey. »Vielleicht drei, fünf, vielleicht aber auch zehn Jahre.«

Vor fünf Jahren wurde Erik die Elektrode eingesetzt, ein Glaskolben mit drei Goldfäden und einem Tropfen Nährlösung, in die Nervenzellen hineinwuchern. Tatsächlich brachte Erik im vergangenen Frühjahr erstmals ein »aaaaa« und ein »uuuu« hervor. Kennedy und seine Kollegen schlossen dazu einen Synthesizer an das Implantat an, den der Bostoner Neuroinformatiker Frank Guenther entwickelt hatte. Die beiden Verbindungsdrähte klebten sie mit einer glibberigen Paste an Eriks Hinterkopf. Per Induktion wurden die Hirnsignale durch die Kopfhaut nach außen übertragen – nach demselben Prinzip, nach dem auch eine elektrische Zahnbürste aufgeladen wird.

Leser-Kommentare
  1. Silikon (Silicone) oder Silizium (Silicon) ?

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    Redaktion

    Guter Hinweis, vielen Dank - natürlich ist der Chip aus Silizium, nicht aus Silikon.

    Redaktion

    Guter Hinweis, vielen Dank - natürlich ist der Chip aus Silizium, nicht aus Silikon.

  2. Redaktion

    Guter Hinweis, vielen Dank - natürlich ist der Chip aus Silizium, nicht aus Silikon.

    Antwort auf "100 Silikonhärchen"

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