Hirnforschung Sind die Gedanken noch frei?
Hirnforscher erkennen unsere geheimen Absichten, Lügen und Vorlieben – und stellen die Privatsphäre im Kopf infrage

© Matthias Hiekel/dpa
Forscher suchen nach den Spuren unserer Gedanken
Die Hirnforschung ist John Blumes letzte Hoffnung. Mit ihrer Hilfe will der amerikanische Anwalt »ein für alle Mal« beweisen, dass sein Mandant Ben Gower (Name geändert) irrtümlich im Gefängnis sitzt. Ein Geschworenengericht in South Carolina hatte Gower 2002 schuldig befunden, 41 Jahre zuvor einen Taxifahrer in den Kopf geschossen zu haben. Das Urteil: lebenslänglich. »Lächerlich«, erregt sich Blume noch heute. »Ein einziger Ballistiker hat behauptet, die tödliche Kugel stamme aus der Waffe meines Mandanten. Dass zuvor ein halbes Dutzend andere Gutachter Zweifel daran hegten, interessierte die Geschworenen überhaupt nicht.«
Jetzt will Blume »mit einem Beweis, den man nicht ignorieren kann«, in Berufung gehen: mit dem Protokoll eines neuartigen Lügendetektortests. Hirnforscher der Firma Cephos aus Boston (Slogan: »Unser Geschäft ist die Wahrheit«) haben Gower in einem Kernspintomografen zu dem Mord befragt und aus den Hirnscans geschlossen, dass seine Unschuldsbeteuerungen stimmen. »Als ich las, dass die Forscher anhand der Aufnahmen mit mehr als 90-prozentiger Sicherheit zwischen wahr und falsch unterscheiden können, dachte ich: Das ist unsere Chance!«, sagt Blume. Schließlich akzeptierten Richter auch wesentlich ungenauere Methoden wie Handschriftenvergleiche oder ballistische Gutachten. »Warum sollte sie nicht auch ein Blick ins Gehirn des Angeklagten überzeugen?«
Der Fall Gower gegen den US-Bundesstaat South Carolina könnte Rechtsgeschichte schreiben. Sollte das Gericht das Testprotokoll tatsächlich als Beweis zulassen, ginge es nicht nur um Schuld und Schicksal eines Einzelnen. Dann stellten sich ganz grundsätzliche Fragen: Können Neurowissenschaftler unsere Gedanken wirklich entschlüsseln? Dürfen wir mutmaßlichen Straftätern in den Kopf schauen, müssen wir es vielleicht sogar, um andere zu schützen? Sind unsere Gedanken überhaupt noch frei? Können sie einst gar gezielt manipuliert werden?
Wenige Disziplinen wecken zugleich so utopische Hoffnungen und so tief sitzende Ängste wie die Neurowissenschaft. Die einen träumen von »Gedankenlesemaschinen« oder neuen, hirnbasierten Marketingmethoden, andere fürchten eine Gedankenpolizei, wie sie die Romanautoren Philip Dick (Minority Report) oder George Orwell (1984) vor Jahrzehnten vorhergesagt haben. Tatsächlich wird in den USA inzwischen laut darüber nachgedacht, ob man Terrorverdächtige nicht einfach anhand ihrer Hirnaktivität überführen könne – noch bevor sie straffällig werden. In Deutschland dagegen bestimmte in den vergangenen Jahren der Streit zwischen Philosophen und Hirnforschern die Debatte. Auf abstraktem Niveau diskutierten sie vor allem, ob der Mensch einen freien Willen habe, konkrete Anwendungen waren kaum ein Thema. Nun zeigen Beispiele wie jenes aus South Carolina, wie schnell die Erkenntnisse der Neurowissenschaft in den Alltag vordringen.
Zumal Cephos (von griech. képhalon: Kopf, Schädel) nicht das einzige Unternehmen ist, das mit diesen Erkenntnissen Geld verdienen will. Die Konkurrenzfirma No Lie MRI (MRI steht für Magnetresonanz- oder Kernspintomografie) aus San Diego will ihren Neuro-Lügendetektor demnächst sogar in Europa vermarkten. Auch die Werbeindustrie hofft auf die Hirnforschung. Statt schlichten Marketings propagiert sie nun das raffiniert klingende »Neuromarketing«. Das Schlagwort verheißt, man könne Konsumenten direkt ins Hirn blicken und ihre geheimsten Wünsche erahnen.
Gewaltige Hoffnungen weckt die Neuro-Technik ebenfalls in der Medizin. Rund um die Welt arbeiten Labore an Hirn-Computer-Schnittstellen, die es gelähmten Patienten ermöglichen sollen, mit der Kraft ihrer Gedanken Rollstühle, Armprothesen oder Schreibprogramme zu steuern.
Beflügelt wird die Begeisterung für all diese Visionen durch immer neue Erfolgsmeldungen:
Dem Hirnforscher John-Dylan Haynes in Berlin gelang es, die Absichten von Probanden zu erkennen. Sie mussten in einem Kernspintomografen entscheiden, ob sie zwei Zahlen addieren oder subtrahieren wollten. Aus ihrer Hirnaktivität konnte Haynes dann die Entscheidung für plus oder minus vorhersagen – sogar noch bevor diese den Versuchspersonen selbst bewusst wurde. Er erreichte dabei eine Trefferquote von bis zu 75 Prozent.
Ähnlich viel Aufsehen erregte ein Experiment von Yoichi Miyawaki von den ATR Computational Neuroscience Laboratories in Kyoto. Er zeigte seinen Testpersonen zunächst 400 Bilder, um die damit verbundenen Muster im Hirn zu kalibrieren. Als die Probanden danach verschiedene Buchstaben betrachteten, war Miyawaki in der Lage, allein aus dem neuronalen Muster zu rekonstruieren, welche Buchstaben sie gesehen hatten. Zwar standen nur die sechs Buchstaben des Wortes »Neuron« zur Auswahl. Doch eines Tages, spekulierte der Japaner, könne es auf diese Weise vielleicht gelingen, komplexere Wahrnehmungsprozesse, ja sogar Träume wie auf einer Filmleinwand sichtbar zu machen.

Forscher suchen nach den Spuren unserer Gedanken
Forscher der TU Berlin führten kürzlich vor, wie man allein mit Gedankenkraft Flipper spielen kann: Zunächst setzten sie dem Spieler eine Elektrodenhaube auf den Kopf; dann analysierten sie das EEG auf jene Hirnsignale, die der Gedanke an eine Bewegung der rechten oder linken Hand im motorischen Kortex auslöst; nun mussten sie diese Signale nur noch via Computer in einen entsprechenden Steuerimpuls umwandeln – und voilà, schon bewegten sich die beiden Flipperhebel wie von Geisterhand.
- Datum 03.07.2009 - 09:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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"In Deutschland dagegen bestimmte in den vergangenen Jahren der Streit zwischen Philosophen und Hirnforschern die Debatte. Auf abstraktem Niveau diskutierten sie vor allem, ob der Mensch einen freien Willen habe, konkrete Anwendungen waren kaum ein Thema. "
woher auch? haben doch die erbittersten verfechter des unfreien willens nie gewagt, daraus konsequenzen zu ziehen.
einerseits werden sie nicht müde, zu behaupten, dass kein freier wille existiert und folglich auch kriminelle nicht bestraft würden (oder auch kinder für fehlverhalten), andererseits hat einer der prominentesten deutschen verfechter auf die direkte frage, ob er sein kind wegen eines vorsätzlichen fehlverhaltens bestarfen würde, positiv geantwortet.
wenn noch nichtmal der propheten der modernen phrenologie ihre eigenen überzeugungen zur anwendung bringen wollen, wer denn?
Die Frage ob ein freier Wille existiert oder nicht, ist unabhängig von der Frage, ob Strafe sein soll. Aus Ihren Aussagen lässt sich schließen, dass für Sie der Zweck der Strafe darin besteht, eine Schuld zu sühnen. Das lässt sich selbstverständlich nicht aufrecht erhalten. Strafe kann man aber auch anders sehen. Strafe kann weitere Täter abschrecken, Opfer schützen, den Täter von weiteren Taten abhalten und den Täter möglicherweise sogar zum Besseren erziehen (Handlungsoptionen öffnen). Deterministen können also sehr wohl für Strafe sein. Allerdings würde sich höchstwahrscheinlich der Charakter der Strafe ändern. Und die Bewertung, wofür Strafe notwendig ist. Beispielsweise könnte man auf den Standpunkt stehen, dass bei einem Alkoholiker nicht wesentlich ist, ob er bei der Tat betrunken war (was sich nach Ihrem Konzept von Strafe und einem "freien Willen" strafmildernd auswirken würde), sondern wie groß die Gefahr einer Wiederholung der Tat ist etc. Außerdem müsste stärker darüber diskutiert werden, wann und welche Strafe sinnvolle Konsequenzen hat. In der Tat ist hier höchstwahrscheinlich einiges im Argen und das unnütze und irrationale Konzept des "freien Willens" ist wahrscheinlich nicht unschuldig daran.
Die Frage ob ein freier Wille existiert oder nicht, ist unabhängig von der Frage, ob Strafe sein soll. Aus Ihren Aussagen lässt sich schließen, dass für Sie der Zweck der Strafe darin besteht, eine Schuld zu sühnen. Das lässt sich selbstverständlich nicht aufrecht erhalten. Strafe kann man aber auch anders sehen. Strafe kann weitere Täter abschrecken, Opfer schützen, den Täter von weiteren Taten abhalten und den Täter möglicherweise sogar zum Besseren erziehen (Handlungsoptionen öffnen). Deterministen können also sehr wohl für Strafe sein. Allerdings würde sich höchstwahrscheinlich der Charakter der Strafe ändern. Und die Bewertung, wofür Strafe notwendig ist. Beispielsweise könnte man auf den Standpunkt stehen, dass bei einem Alkoholiker nicht wesentlich ist, ob er bei der Tat betrunken war (was sich nach Ihrem Konzept von Strafe und einem "freien Willen" strafmildernd auswirken würde), sondern wie groß die Gefahr einer Wiederholung der Tat ist etc. Außerdem müsste stärker darüber diskutiert werden, wann und welche Strafe sinnvolle Konsequenzen hat. In der Tat ist hier höchstwahrscheinlich einiges im Argen und das unnütze und irrationale Konzept des "freien Willens" ist wahrscheinlich nicht unschuldig daran.
...sondern höchstens der, der sie gegen mich nutzt.
Es ist genau wie mit der Privatsphäre bei mir zuhause, wenn klar ist das sie grundrechtlichen Schutz genießt, ist sie ausser Frage, auch wenn es seit langem Mittel gibt, sie komplett zu durchbrechen.
Damit kommen wir zu dem alten, etwas rustikalen englischen Spruch:
Why does dogs lick their balls ? Because they can !
Solange niemand in meinen Kopf sehen konnte (was die zitierten Hinrnforscher z.Z. auch noch nicht können), war die Privatsphäre dort nur durch Folter gefährdet, und auch das nur mit Unsicherheit für den Fragenden und mit erheblichem Aufwand.
Genauso ist es mit allen anderen Varianten der Privatsphäre. Solange es überdurchschnittlich aufwendig_und_sittenwidrig ist, eine der Varianten zu durchbrechen, geschieht es nicht.
Beispiel Vorratsdatenspeicherung: technisch ist sie so lächerlich einfach (wenn auch nicht billig) und ist ihre Reichweite (wir alle) so groß, das ihre Sittenwidrigkeit in Kauf genommen wurde.
Beispiel Post: noch vor 20 Jahren wäre eine Speicherung aller Zieladressen (und aller Absender, soweit vorhanden) von Briefen faktisch unmöglich gewesen.
Lustigerweise ist das heute anders, fast alle Adressen von Briefen werden automatisch gelesen und in Datenbanken gespeichert, selbst die unleserlichen werden von Menschen nachkontrolliert und die ergebnisse in die gleichen Datenbanken geschrieben.
Diese Daten für sechs Monate aufzubewahren ist technisch lächerlich einfach, nur offensichtlich z.Z. noch so sittenwidrig, das es keiner macht (hoffe ich...).
Was übrigens zeigt wie schändlich die völlig äquivalente Vorratsdatenspeicherung ist.
Quintessenz:
Es ist egal ob jemand heute oder morgen Gedankenlesen kann, solange wir in einem Rechtsstaat mit funktionierenden Grundrechten leben und dieser Rechtsstaat nicht durch Menschen wie Wolfgang Schäuble in einen Präventionsstaat pervertiert wird.
Man kann heute schon in meiner Wohnung Kameras und Mikros bis zum abwinken anbringen, ohen das ich es merke, doch es ist (noch...) in den meisten Fällen verboten.
Man kann mich heute schon solange mit dem Kopf unter Wasser drücken, bis ich in meiner Todesangst alles erzähle, es ist aber (in Deutschland...) verboten.
Man kann vielleicht morgen meine Gedanken und Intentionen aus meinen Kopf auslesen ohne das mir dies physisch weh tut, ich hoffe aber das es verboten sein wird.
Ich verfolge die Debatte seit langem in den Wissenschaftsseiten der Zeitungen (also nicht im Spiegel oder Focus) und im Scientific American, bis her hat mich die Argumentation nicht überzeugt.
"Zumal Cephos (von griech. képhalon: Kopf, Schädel) nicht das einzige Unternehmen ist, das mit diesen Erkenntnissen Geld verdienen will. "
Dieser Satz sagt mehr als der Rest des Artikels.
Ich glaube nicht, dass Hirnforscher überhaupt irgendwas mit Sicherheit vorhersagen können. Eine Trefferquote von 75%, die einer der Wissenschaftler erzielt hat, ist zwar hoch, aber sein Versuch war noch weit davon entfernt von dem, was unser Leben ausmacht, von unseren Träumen, unseren Erinnerungen und Gefühlen.
Die Gefahr steht ganz woanders und sie ist viel konkreter: Unlautere Hirnforscher könnten aus dem im ersten Satz hier genannten Grund ihre halbgaren Erkenntnisse instrumentalisieren und damit riesigen Schaden anrichten, nämlich dann, wenn es ihnen gelingt, Gerichte dazu zu überreden nicht mehr nach Fakten, indizien und Zaugenaussagen zu urteilen, sondern den bequemeren aber rechtlich unhaltbaren Weg zugehen: Nach den Meinungen der Hirnforscher Menschen zu beurteilen. Und dann ist der Rechtsstaat sofort tot. Dann leigt die Gerichtsbarkeit in den Händen von Hellsehern und Scharlatanen, von Wissenschaftlern, welche noch nie verstanden haben, dass wirkliche Wissenschaftler wissen, dass ihr Fach nicht unfehlbar ist.
Natürlich ist der Mensch eine (biologische) Maschine und seine Entscheidungen werden durch die physikalisch-chemischen Abläufe im Gehirn festgelegt. Es gibt keine Trennung zwischen Geist und Materie. Die Behauptung, deshalb gäbe es keinen "freien Willen" geht aber von genau dieser Trennung aus. Also von einer überkommenen philosophischen Sicht, die im 21. Jahrhundert ihrer Grundlagen beraubt ist.
Und natürlich beantwortet das Fehlen eines mystischen "freien Willens" nicht mal die Frage, ob Strafe und Belohnung überhaupt noch einen Platz in der Welt hat. Eine lernfähige Maschine kann mit Strafe und Belohnung trainiert werden, wenn sie Ziele hat wie "vermeide Strafe" und "suche Belohnung". Würde ich auf Strafe und Belohnung verzichten, wenn ich das Programm kenne, vielleicht sogar selbst geschrieben habe? Doch nur dann, wenn ich im Programm diese beiden Ziele nicht gefunden habe - denn wenn die Maschine weder Strafe vermeidet noch Belohnung sucht, dann sind die beiden sinnlos (viele Leute schimpfen und schlagen Maschinen dennoch, auch wenn ihnen klar ist, dass die Maschine darauf nicht reagieren wird).
Das Problem, das der Artikel aufzeigt, ist ein ganz anderes. Wenn ich bunte Bildchen vom Gehirn machen kann, und dann behaupte "Blau=Wahrheit, Rot=Lüge", dann glauben die Leute das offenbar unbesehen. Die Komplexität, die hinter dieser Farbgebung steht, verstehen sie nicht. Dort ist der Punkt, wo man ansetzen muss, wenn man behauptet, es gäbe keinen freien Willen. Offensichtlich kann man Entscheidungen sehr leicht manipulieren, sind die Antworten stark abhängig von der Fragestellung und führen einfache Tatsachenbehauptungen wie "Hirnscans haben ergeben" zu deterministisch anderen Antworten.
Das stellt die Bestrafung von Straftätern viel mehr in Frage, denn wenn man eine Jury beliebig in die eine oder andere Richtung um den Finger wickeln kann, dann ist es mit der Gerechtigkeit nicht weit her. Egal, ob die Tat frei entschieden wurde oder Zwangshandlung war.
Es gibt keine Trennung zwischen Geist und Materie.
Gestatten Sie mir die Frage: Was meinen Sie dann, wenn Sie von "Geist" sprechen?
Nur so viel: Ich bin mir nicht sicher, ob ein rigoroser Materialismus hilfreich ist, um den Menschen in seiner Menschlichkeit zu beschreiben. Denn - und das ist auch ein Aspekt der zeitgenössischen Naturwissenschaften! - selbst ein vollständig materialistisches Weltbild kommt doch gar nicht mehr darum herum, die irreduzible Komplexität, Temporalität, Relationalität und Dynamik der neuronalen Verschaltungen und Vernetzungen anzuerkennen, die sich nicht nur in Bezug auf das menschliche Gehirn registrieren lässt. Kausale Zusammenhänge, die einen Rückschluss von materiellen Prozessen auf Denkvorgänge, Willensbildung usw. erlauben, sind doch dieser Voraussetzung folgend gar nicht ohne weiteres zu leisten. Ja, natürlich ist das Denken nicht "frei", das ist bekanntlich nichts. Aber auch die Eingrenzung der Wahlmöglichkeiten bedeutet Unfreiheit. Im Lotto beispielsweise sind sie auch nicht frei, eine beliebige Zahlenfolge zu tippen, sondern "nur" 6 aus 49. Das eröffnet dennoch einen Möglichkeitsraum von 13,9 Millionen. Und was ist überhaupt mir der Quantenmechanik? Unschärferelationen? Wieso sollten die bezüglich des Gehirns keine Rolle spielen?
Es gibt keine Trennung zwischen Geist und Materie.
Gestatten Sie mir die Frage: Was meinen Sie dann, wenn Sie von "Geist" sprechen?
Nur so viel: Ich bin mir nicht sicher, ob ein rigoroser Materialismus hilfreich ist, um den Menschen in seiner Menschlichkeit zu beschreiben. Denn - und das ist auch ein Aspekt der zeitgenössischen Naturwissenschaften! - selbst ein vollständig materialistisches Weltbild kommt doch gar nicht mehr darum herum, die irreduzible Komplexität, Temporalität, Relationalität und Dynamik der neuronalen Verschaltungen und Vernetzungen anzuerkennen, die sich nicht nur in Bezug auf das menschliche Gehirn registrieren lässt. Kausale Zusammenhänge, die einen Rückschluss von materiellen Prozessen auf Denkvorgänge, Willensbildung usw. erlauben, sind doch dieser Voraussetzung folgend gar nicht ohne weiteres zu leisten. Ja, natürlich ist das Denken nicht "frei", das ist bekanntlich nichts. Aber auch die Eingrenzung der Wahlmöglichkeiten bedeutet Unfreiheit. Im Lotto beispielsweise sind sie auch nicht frei, eine beliebige Zahlenfolge zu tippen, sondern "nur" 6 aus 49. Das eröffnet dennoch einen Möglichkeitsraum von 13,9 Millionen. Und was ist überhaupt mir der Quantenmechanik? Unschärferelationen? Wieso sollten die bezüglich des Gehirns keine Rolle spielen?
"Die Behauptung, deshalb gäbe es keinen "freien Willen" geht aber von genau dieser Trennung aus."
aus dem rest ihres beitrages folger ich mal, dass sie meinen "deshalb gäbe es _einen_ freien willen"
"Also von einer überkommenen philosophischen Sicht, die im 21. Jahrhundert ihrer Grundlagen beraubt ist."
das war sie im 18.jh, im 19. jh und im 20.
mittels schlichter dressur, elektrischer schläge oder hormonspritzen ist immer wieder versucht worde, die angebliche überholtheit der idee des freien willens zu belegen -- die opfer dieser versuche habe die behauptung jedesmal ad absurdum geführt.
bisher hat noch keiner der hirnforscher einen auch nur von weitem und mit zugekniffenen augen überzeugenden beleg geliefert -- der letzte schrei war die im artikel wieder erwähnte beobachtung, dass entscheidungen schon gefallen sind, bevor sie bewusst werden. so what?
wo die entscheidung herkommt und wie sie zustande kommt hat immer noch keiner der grosstönenden kopfgucker belegen können.
bis jetzt hat das konzept des freien willens noch jede toterklärung überlebt und all jene, die die totenscheine ausgestellt haben, mussten konstatieren, dass ihre grossartigen belege binnen weniger jahre als scharlatanerie darstanden (hormonspritzen und chirurgie sind als ausfluss des "wissenschaftlichen weltbildes des 20.jh" gross gefeiert worden -- und erwiesen sich binnen kurzem als genauso albern wie raketen gegen sonnenfinsternis: in unverstandene vorgänge mit kaum verstandenen massnahmen eingreifen und ergebnisse als erfolg reklamieren. wenn ich lange genug raketen gegen die sonnenfinsternis schiesse, wird's schon irgendwann wieder hell. wer sagt denn, dass das nicht an meinen raketen lag? )
Vermutlich hat sich die Verfasserin mit der Frage zum ersten Mal beschäftigt, ist mein Eindruck.
Die Biologisierung des Denkens empfinde ich als passend für eine Zeit von Bachelor- und FH-Gebildeten. Ich fürchte, bevor irgend ein "Hirnforscher" einen Gedanken oder gar einen Begriff von Humanismus wird formulieren können, ist geistige Tätigkeit nicht mehr identifizierbar, weil kein Life-Stream davon mehr gegeben werden kann. (??) ________________
Ja, sind sie und sie sind mächtiger als je zuvor. Ich kann man nicht erinnern das eine Person die unter Mordverdacht steht allein durch Ihre Absichtserklärung jemals freigenommen wäre. Justitia mag zwar blind sein aber diese Technologie befähigt sie durch die Augen der zu richtenden zu sehen.
Somit ist es sehr treffend formuliert das dieser Fall die Rechtssprechung nachhaltig verändern könnte.
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"Was Sie sehen jetzt ?!"
natürlich heißt es frei gekommen.. da war das Wochenende anscheinend ein Teil des Gedankens.
Die Fragestellung ist natürlich suggestiv...NOCH...waren denn Gedanken bisher frei?
Zur Sache: wie soll jemand, der unter einem beliebigen (Mord, oder was auch immer)
Verdacht steht, durch eine Absichtserklärung freikommen?
Iustitia ist ein Abstraktum - ihre Fähigkeit, zu sehen, wird nur durch eine Kaskade von Zuträgern ermöglicht...hoffen Sie mit mir, daß diese in Ihrem Denkmodell zuver-
lässig und FEHLERFREI funktionieren.....aktueller Fall: das Phantom mit dem gene-
tischen Fingerabdruck...wäre die Frau vor Aufdeckung der technischen Panne per
Zufall erwischt worden - ich hätte keinen Zweifel, daß sie wegen vielfachen Mordes
verurteilt worden wäre.....
natürlich heißt es frei gekommen.. da war das Wochenende anscheinend ein Teil des Gedankens.
Die Fragestellung ist natürlich suggestiv...NOCH...waren denn Gedanken bisher frei?
Zur Sache: wie soll jemand, der unter einem beliebigen (Mord, oder was auch immer)
Verdacht steht, durch eine Absichtserklärung freikommen?
Iustitia ist ein Abstraktum - ihre Fähigkeit, zu sehen, wird nur durch eine Kaskade von Zuträgern ermöglicht...hoffen Sie mit mir, daß diese in Ihrem Denkmodell zuver-
lässig und FEHLERFREI funktionieren.....aktueller Fall: das Phantom mit dem gene-
tischen Fingerabdruck...wäre die Frau vor Aufdeckung der technischen Panne per
Zufall erwischt worden - ich hätte keinen Zweifel, daß sie wegen vielfachen Mordes
verurteilt worden wäre.....
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