Die Hirnforschung ist John Blumes letzte Hoffnung. Mit ihrer Hilfe will der amerikanische Anwalt »ein für alle Mal« beweisen, dass sein Mandant Ben Gower (Name geändert) irrtümlich im Gefängnis sitzt. Ein Geschworenengericht in South Carolina hatte Gower 2002 schuldig befunden, 41 Jahre zuvor einen Taxifahrer in den Kopf geschossen zu haben. Das Urteil: lebenslänglich. »Lächerlich«, erregt sich Blume noch heute. »Ein einziger Ballistiker hat behauptet, die tödliche Kugel stamme aus der Waffe meines Mandanten. Dass zuvor ein halbes Dutzend andere Gutachter Zweifel daran hegten, interessierte die Geschworenen überhaupt nicht.«

Jetzt will Blume »mit einem Beweis, den man nicht ignorieren kann«, in Berufung gehen: mit dem Protokoll eines neuartigen Lügendetektortests. Hirnforscher der Firma Cephos aus Boston (Slogan: »Unser Geschäft ist die Wahrheit«) haben Gower in einem Kernspintomografen zu dem Mord befragt und aus den Hirnscans geschlossen, dass seine Unschuldsbeteuerungen stimmen. »Als ich las, dass die Forscher anhand der Aufnahmen mit mehr als 90-prozentiger Sicherheit zwischen wahr und falsch unterscheiden können, dachte ich: Das ist unsere Chance!«, sagt Blume. Schließlich akzeptierten Richter auch wesentlich ungenauere Methoden wie Handschriftenvergleiche oder ballistische Gutachten. »Warum sollte sie nicht auch ein Blick ins Gehirn des Angeklagten überzeugen?«

Der Fall Gower gegen den US-Bundesstaat South Carolina könnte Rechtsgeschichte schreiben. Sollte das Gericht das Testprotokoll tatsächlich als Beweis zulassen, ginge es nicht nur um Schuld und Schicksal eines Einzelnen. Dann stellten sich ganz grundsätzliche Fragen: Können Neurowissenschaftler unsere Gedanken wirklich entschlüsseln? Dürfen wir mutmaßlichen Straftätern in den Kopf schauen, müssen wir es vielleicht sogar, um andere zu schützen? Sind unsere Gedanken überhaupt noch frei? Können sie einst gar gezielt manipuliert werden?

Wenige Disziplinen wecken zugleich so utopische Hoffnungen und so tief sitzende Ängste wie die Neurowissenschaft. Die einen träumen von »Gedankenlesemaschinen« oder neuen, hirnbasierten Marketingmethoden, andere fürchten eine Gedankenpolizei, wie sie die Romanautoren Philip Dick (Minority Report) oder George Orwell ( 1984) vor Jahrzehnten vorhergesagt haben. Tatsächlich wird in den USA inzwischen laut darüber nachgedacht, ob man Terrorverdächtige nicht einfach anhand ihrer Hirnaktivität überführen könne – noch bevor sie straffällig werden. In Deutschland dagegen bestimmte in den vergangenen Jahren der Streit zwischen Philosophen und Hirnforschern die Debatte. Auf abstraktem Niveau diskutierten sie vor allem, ob der Mensch einen freien Willen habe, konkrete Anwendungen waren kaum ein Thema. Nun zeigen Beispiele wie jenes aus South Carolina, wie schnell die Erkenntnisse der Neurowissenschaft in den Alltag vordringen.

Zumal Cephos (von griech. képhalon: Kopf, Schädel) nicht das einzige Unternehmen ist, das mit diesen Erkenntnissen Geld verdienen will. Die Konkurrenzfirma No Lie MRI (MRI steht für Magnetresonanz- oder Kernspintomografie) aus San Diego will ihren Neuro-Lügendetektor demnächst sogar in Europa vermarkten. Auch die Werbeindustrie hofft auf die Hirnforschung. Statt schlichten Marketings propagiert sie nun das raffiniert klingende »Neuromarketing«. Das Schlagwort verheißt, man könne Konsumenten direkt ins Hirn blicken und ihre geheimsten Wünsche erahnen.

Gewaltige Hoffnungen weckt die Neuro-Technik ebenfalls in der Medizin. Rund um die Welt arbeiten Labore an Hirn-Computer-Schnittstellen, die es gelähmten Patienten ermöglichen sollen, mit der Kraft ihrer Gedanken Rollstühle, Armprothesen oder Schreibprogramme zu steuern.

Beflügelt wird die Begeisterung für all diese Visionen durch immer neue Erfolgsmeldungen:

Dem Hirnforscher John-Dylan Haynes in Berlin gelang es, die Absichten von Probanden zu erkennen. Sie mussten in einem Kernspintomografen entscheiden, ob sie zwei Zahlen addieren oder subtrahieren wollten. Aus ihrer Hirnaktivität konnte Haynes dann die Entscheidung für plus oder minus vorhersagen – sogar noch bevor diese den Versuchspersonen selbst bewusst wurde. Er erreichte dabei eine Trefferquote von bis zu 75 Prozent.

Ähnlich viel Aufsehen erregte ein Experiment von Yoichi Miyawaki von den ATR Computational Neuroscience Laboratories in Kyoto . Er zeigte seinen Testpersonen zunächst 400 Bilder, um die damit verbundenen Muster im Hirn zu kalibrieren. Als die Probanden danach verschiedene Buchstaben betrachteten, war Miyawaki in der Lage, allein aus dem neuronalen Muster zu rekonstruieren, welche Buchstaben sie gesehen hatten. Zwar standen nur die sechs Buchstaben des Wortes »Neuron« zur Auswahl. Doch eines Tages, spekulierte der Japaner, könne es auf diese Weise vielleicht gelingen, komplexere Wahrnehmungsprozesse, ja sogar Träume wie auf einer Filmleinwand sichtbar zu machen.

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Forscher der TU Berlin führten kürzlich vor, wie man allein mit Gedankenkraft Flipper spielen kann: Zunächst setzten sie dem Spieler eine Elektrodenhaube auf den Kopf; dann analysierten sie das EEG auf jene Hirnsignale, die der Gedanke an eine Bewegung der rechten oder linken Hand im motorischen Kortex auslöst; nun mussten sie diese Signale nur noch via Computer in einen entsprechenden Steuerimpuls umwandeln – und voilà, schon bewegten sich die beiden Flipperhebel wie von Geisterhand.

Und an der Universität Tübingen zeigte der Psychologe Ahmed Karim, wie man Probanden neuronal manipuliert. Dazu bat er sie, zu zweit in einen Raum zu gehen, in dem 20 Euro versteckt waren. Jeweils einer der Teilnehmer sollte das Geld stehlen. Dann wurden sie einem »Verhör« unterzogen, bei dem die Forscher zugleich mithilfe winziger Stromimpulse die Aktivität in einem Hirnareal im präfrontalen Kortex unterdrückten. Überraschendes Ergebnis: Wurden die Stromimpulse eingeschaltet, fiel es den Dieben leichter, ihre Tat zu bestreiten. Nicht nur reagierten sie schneller auf die Fragen, sie schwitzten auch weniger und hatten geringere Schuldgefühle.

Wie verändern solche Experimente unser Selbstverständnis? Sind wir bald nirgendwo mehr sicher vor dem Zugriff der »Schädelbohrer und zudringlichen Neurologen«, wie sie der Dichter Durs Grünbein einst nannte? Und muss das schöne Lied von der Gedankenfreiheit, das die Studenten des 19. Jahrhunderts zu ihrer Freiheitshymne erkoren – » Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen« –, umgeschrieben werden? Zwar nicht » mit Pulver und Blei«, aber mit EEG und MRI lassen sich die Gedanken offenbar durchaus fassen.

Bevor allerdings der Ruf nach einem »Hirndatenschutzbeauftragten« laut wird, empfiehlt sich ein Blick ins Kleingedruckte der Studien. Denn beeindruckende Ergebnisse im Labor zu erzielen ist das eine, sie in die raue Praxis zu übertragen etwas ganz anderes. In dem Berliner Flipperversuch reagiert etwa die Gedankensteuerung alles andere als zuverlässig, mal kommt sie zu spät, mal bewegt sie den falschen Hebel; einem Piloten, der auf diese Weise ein Flugzeug steuerte, würde man sich jedenfalls nicht anvertrauen. Auch das Tübinger Beeinflussungsexperiment glückt nur unter ganz speziellen Laborbedingungen. Zur Beeinflussung von Menschenmassen eignet es sich nicht. Um die Kluft zwischen Hype und Realität zu erfassen, muss man sich näher mit der Technik des neurobiologischen »Gedankenlesens« befassen. Und man muss verstehen, was das eigentlich ist: ein Gedanke.

Einer derjenigen, die darüber am besten Auskunft geben können, ist John-Dylan Haynes. Der deutschbritische Hirnforscher sitzt in Berlin in einer frisch renovierten Baracke, die sich etwas hochtrabend Bernstein Center for Computational Neuroscience nennt, und ist derzeit einer der erfolgreichsten »Gedankenleser«. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, klingt es, als berichte er aus der kriminologischen Fahndung. »Unseren Erfolg verdanken wir vor allem der neuronalen Mustererkennung«, sagt der 38-Jährige und erklärt, dass er – ähnlich wie beim Vergleich von Fingerabdrücken – mithilfe mathematischer Algorithmen nach charakteristischen Merkmalen im Kopf suche.

Die verbreitete Vorstellung, es gäbe für jeden Gedanken, für jede Emotion ein spezifisches Hirnareal – etwa eines für Angst, eines für Lust und eines für die Vorfreude aufs Wochenende –, ist viel zu schlicht. Denken ist Arbeitsteilung: Beim Zeitunglesen etwa verarbeiten manche Hirnareale nur Schwarz-Weiß-Kontraste, andere setzen daraus Buchstaben zusammen, wieder andere bilden daraus Wörter, entschlüsseln deren Sinn und vergleichen sie mit abgespeicherten Erfahrungen. So erzeugt jede Denktätigkeit ein neuronales Feuerwerk, das sich über das ganze Gehirn verteilt und im Kernspintomografen sichtbar gemacht werden kann.

»Entscheidend ist, dass einzelne Gedanken ein Muster erzeugen, das so charakteristisch ist wie ein Fingerabdruck; das nennen wir ein neuronales Korrelat«, erklärt Haynes. Ähnlich wie eine Silvesterrakete typische Leuchtspuren an den Himmel zeichnet, hinterlässt ein Gedanke eine charakteristische Spur im neuronalen Feuerwerk. Und das kann man also entschlüsseln? »Im Prinzip ja«, sagt Haynes. »Allerdings gelingt es bislang nur in sehr einfachen Fällen – etwa bei einer Entscheidung zwischen plus und minus.«

Das »neuronale Korrelat«, das die Hirnforscher beobachten, ist eben etwas anderes als das, was wir landläufig »Gedanken« nennen. Diese sind komplexe Gebilde, die viel Vorwissen und Bewertungen enthalten (»Liebt sie mich?«), das neuronale Korrelat dagegen ist das geronnene biologische Abbild einer Wahl zwischen zwei (meist sehr schlichten) Alternativen. Dass sich die Neurowissenschaftler mit so simplen Gedankenfetzen zufriedengeben müssen, liegt zum einen an der Begrenzung der Technik, zum anderen an der hyperkomplexen Struktur des Gehirns. Jede einzelne Nervenzelle ist dort mit etwa zehntausend anderen Neuronen vernetzt, jeder Impuls führt zu komplexen Kettenreaktionen und Wechselwirkungen im Hirn, die auf den Bildern aus dem Kernspintomografen vielleicht schön anzusehen sind, welche die Neurowissenschaft aber längst nicht verstanden hat.

Auch deshalb dämpft Haynes allzu große Euphorie. »Die heutigen Ansätze beruhen darauf, dass man zunächst das Muster der Hirnaktivität kennen muss, das zu einem bestimmten Gedanken gehört.« Und dieses Muster unterscheide sich nun einmal von Mensch zu Mensch. Zwar seien grundlegende Hirnaktivitäten bei allen Menschen ähnlich (etwa wenn sie Gesichter oder Buchstaben wahrnehmen); doch sobald es um komplexere Denkprozesse gehe, bekomme man es mit einer ungeheuren individuellen Variabilität zu tun. »Wie man beliebige Gedanken einer beliebigen Person auslesen könnte, ist heute nicht geklärt«, stellt Haynes fest. Auch sei es noch niemandem gelungen, mehrere gleichzeitige Gedanken zu entschlüsseln. Das wäre, als hörte jemand aus dem großen Finale eines Silvesterfeuerwerks die einzelnen Knallkörper heraus.

Einzelne Affekte, Emotionen oder Neigungen hingegen glauben manche Forscher durchaus im Hirnscanner zu erkennen. Sexualmediziner der Universität Kiel zeigten zum Beispiel hetero- und homosexuellen Versuchspersonen Fotos von erregten weiblichen und männlichen Genitalien. Bilder des jeweils bevorzugten Geschlechts aktivierten zwei Hirnareale besonders, eines davon lag mitten im prämotorischen Kortex, der Hand- und Mundbewegungen steuert. Für die Forscher ein klarer Hinweis auf die sexuelle Neigung.

Auf zwei ganz ähnliche Studien berufen sich Firmen wie No Lie MRI oder Cephos. Daniel Langleben von der University of Pennsylvania und Andrew Kozel von der Medical University of South Carolina baten Probanden im Kernspintomografen, zu lügen – in einem Fall sollten sie den Diebstahl eines Rings oder einer Uhr leugnen, im anderen bestreiten, dass sie eine bestimmte Spielkarte besitzen. Beim Lügen fanden die Forscher charakteristische Muster auf ihren Hirnscans, die Flunkereien im Labor konnten sie mit 90-prozentiger Sicherheit und mehr voraussagen. Dass es nicht 100 Prozent waren, wird auf der Website von No Lie MRI geflissentlich verschwiegen. Dort ist ein Gehirn mit blauen und roten Aktivitätsflecken zu sehen. Daneben steht schlicht: »Blau = Wahrheit, Rot = Lüge«.

»Warum die Gehirne so reagieren, weiß niemand«, sagt Cephos-Gründer Steven Laken, »im Prinzip ist das auch egal, Hauptsache, es funktioniert.« Damit meint er wohl auch sein Geschäftsmodell. Zu seinem schillernden Kundenkreis gehören: ein Trinker, der seinen Führerschein verloren hat; ein Vater, der sich gegen den Vorwurf wehrt, er habe sich an seiner Tochter vergangen; und eben der wegen Mordes verurteilte Ben Gower. Sie alle wollen mithilfe der Hirnscans ihre Unschuld beweisen.

Wer Steven Lakens Dienste in Anspruch nimmt, muss zunächst einige Tausend Dollar überweisen und sich dann in einem flachen Betonbau an einer Landstraße bei Boston einer mehrstündigen Untersuchung unterziehen. Erst testet Laken den Urin seiner Klienten auf Drogen, dann legt er sie in den Hirnscanner und spult Hunderte Fragen ab. Der Mühe Lohn: ein dicker Report voller Abbildungen, mit dem sie nun versuchen können, Richter, Chefs oder Ehefrauen zu überzeugen. »Der Markt ist riesig«, schwärmt Laken. »In unserem Rechtssystem werden so viele unschuldig verurteilt, wir geben ihnen die Chance, sich zu rehabilitieren.«

Die meisten von Lakens Kollegen zweifeln allerdings an der Seriosität seines Angebots. Unbehagen kommt bereits auf, wenn man nur die beiden Studien von Kozel und Langleben vergleicht: Denn sie haben ganz unterschiedliche Lügenmuster im Gehirn identifiziert. Liegt das daran, dass es einmal um Ringe, das andere Mal um Spielkarten ging? Jedenfalls zeigt sich schon hier, dass es »die Lüge« pauschal nicht gibt; erst recht kein Lügenzentrum im Hirn.

Noch schwieriger ist es, die Laborergebnisse auf die Praxis zu übertragen. Was, wenn ein Verdächtiger als Kind durch einen Hundeangriff traumatisiert wurde und später im Verhör auf eine Situation angesprochen wird, in der ein Hund eine Rolle spielt? »Gut möglich, dass dann die Erregung in seinem Gehirn vom Muster einer Lüge nur schwer zu unterscheiden ist«, sagt Andreas Bauer, Neurowissenschaftler am Forschungszentrum Jülich. Und was, wenn ein Schuldiger von seiner Unschuld selbst überzeugt ist? Dann kann es gut sein, dass sein Hirn auch falsche Aussagen als wahr verarbeitet. »Das menschliche Gedächtnis verformt sich innerhalb weniger Tage«, erläutert Bauer, »wie will man da eventuell Jahre später vor Gericht feststellen, was wirklich wahr oder falsch ist?« Die Versprechungen der Lügendetektorfirmen seien daher weit überzogen. »Sie jagen einem Phantom nach.«

Dennoch entfalten die bunten Bilder aus dem Kernspintomografen bereits eine Wirkung, die kaum zu unterschätzen ist. Vor allem amerikanische Geschworene lassen sich leicht davon beeindrucken, wie clevere Anwälte seit den neunziger Jahren wissen. Damals wurde der Fall eines 65-Jährigen aus Manhattan verhandelt, der seine Frau erdrosselt und ihre Leiche aus dem zwölften Stock eines Wohnhauses geworfen hatte. Der Verteidiger argumentierte mithilfe eines Hirnscans, sein Mandant sei nicht schuldfähig, da eine Zyste in seinem Hirn wuchere. Und obwohl ein Gutachter bestätigte, dass noch nicht erforscht sei, wie zuverlässig bildgebende Verfahren sind, ging die Taktik auf: Weil die Ankläger fürchteten, die Jury könne sich von den Bildern beeinflussen lassen, boten sie dem Angeklagten einen Deal an – sie verzichteten darauf, die Todesstrafe zu fordern, wenn er sich schuldig bekenne.

In Deutschland hat der Bundesgerichtshof 1998 die bis dahin geltende Rechtslage zu Lügendetektortests revidiert und geurteilt: Diese verstoßen nicht gegen die Grundrechte eines Beschuldigten, sofern dieser selbst einwilligt. Zugleich stellten die Richter fest, dass herkömmliche »Polygrafen« zur Messung von Hautleitfähigkeit, Puls und Atemfrequenz als Beweismittel zu unzuverlässig seien. Damit wäre aber prinzipiell der Einsatz neuer, besserer Lügendetektoren erlaubt.

Ohnehin betrifft das Urteil nur Strafprozesse, nicht aber das Sozial- oder Arbeitsrecht. Schneller, als es uns lieb ist, könnte der erste Konzern auf die Idee kommen, seine Bewerber im Hirnscanner zu untersuchen, um festzustellen, wie loyal sie sind, welche Einstellungen oder auch welche sexuelle Neigung sie haben.

Kann man von Arbeitgebern erwarten, dass sie darüber nachdenken, wie valide solche Ergebnisse sind? Wohl kaum. Es zählt der Glaube an die Aussagekraft der bunten Bilder. Wie groß die psychologische Wirkung von Hirnscans ist, hat die Psychologin Deena Skolnick Weisberg eindrucksvoll belegt. An der Yale University präsentierte sie drei Gruppen von Probanden – Hirnforschern, Neurologiestudenten und Laien – wissenschaftliche Erklärungen für psychologische Phänomene, von denen manche richtig, andere falsch waren. Dabei zeigte sich: Wenn Weisberg den jeweiligen Erklärungen den Halbsatz »Hirnscans zeigen, dass…« voranstellte, akzeptierten die Studenten und die Laien selbst offenkundigen Unsinn.

Auch das »Neuromarketing« lebt mehr vom Glauben an die Hirnforschung denn von ihrer Leistungsfähigkeit. Zu besichtigen war dies kürzlich bei einem Kongress über »Erfolgsstrategien aus Sicht des Gehirns« in München . Mehrere Hundert Werbefachleute lauschten in der BMW-Welt im Olympiapark zwischen edlen Autos, bei Häppchen und gedämpfter Musik pseudowissenschaftlichen Vorträgen über »Brain Brands« und »Emotional Boosting«. »Die Werte«, so dozierte etwa der Tagungsorganisator Hans-Georg Häusel, »sitzen im orbitopräfrontalen Kortex.« Daran lasse sich ablesen, zu welchem »Brain Type« ein Kunde gehöre und wie man ihn zum Kauf verführe. Auch Manipulationsversuche wie jener der Tübinger Forscher stoßen im Publikum auf offene Ohren. Hauptsache, das Geschäft brummt.

Am Ende liefen die Ratschläge der Neuromarketing-Experten allerdings auf altbekannte verkaufspsychologische Weisheiten hinaus – garniert mit Respekt heischenden Bildern aus dem Kernspintomografen: etwa dass man bei der Präsentation eines Produktes starke Emotionen erzeugen müsse (denn Emotionen prägen das Hirn stärker als rationale Argumente); oder dass man möglichst viele Sinne gleichzeitig ansprechen müsse (damit werde das Gehirn besonders aktiviert). Als wissenschaftliches Feigenblatt hatte man Christian Elger geladen, immerhin Direktor der Klinik für Epileptologie am Uni-Klinikum Bonn. Doch statt, wie angekündigt, über »Einblicke ins Kundenhirn« zu referieren, las er den Neuro-Werbern die Leviten. Die Forschung liefere bislang »keinen Beleg für die Gültigkeit der Marketingkonzepte«. Elger zählte lauter Gründe auf, warum die Kernspinbilder heillos überschätzt würden, und wetterte: »Auf diesem Niveau würde keine einzige Medikamentenstudie akzeptiert werden.«

So ganz wollte er allerdings die Tür doch nicht zuschlagen. Schließlich ist Elger auch Geschäftsführer einer Life & Brain GmbH und bringt selbst Bücher über Neuroleadership und Neurofinance unters Volk. So vollführte er am Ende eine irritierende Kehrtwende und prophezeite der Disziplin doch noch eine »große Zukunft« – auch wenn sie jetzt noch »ganz am Anfang« stehe.

Es stimmt ja auch, die Untersuchungsmethoden werden feiner, die Geräte leistungsfähiger. Im Frühjahr wurde am Forschungszentrum Jülich einer der stärksten Kernspintomografen der Welt in Betrieb genommen, der 9komma4, der das Gehirn noch genauer abbildet. Mit solchen Apparaten wird auch die Mustererkennung Fortschritte machen – und damit die Entschlüsselung von Denkprozessen.

Fürchten muss man sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings weniger vor dem Gedankenlesen oder einer gezielten Beeinflussung; gefährlich sind eher die falschen Erwartungen, welche die Hirnforschung weckt. Wenn Geschworenengerichte oder Arbeitgeber sich von bunten Bildern beeindrucken lassen, entstehen handfeste Gefahren für die Untersuchten – ganz ungeachtet der wissenschaftlichen Belastbarkeit. Zugleich wächst der normative Druck auf Angeklagte oder Bewerber, sich einem Hirnscan nicht zu widersetzen.

Deshalb forderte der Bonner Jurist Tade Matthias Spranger Ende Mai bei einer Sitzung des Deutschen Ethikrats dringend eine interdisziplinäre Debatte. So muss man fragen: Wie kann man Arbeitnehmer und Angeklagte vor einer missbräuchlichen Verwendung ihrer Hirnscans schützen, etwa für Eignungs- oder Gesinnungstests? Wer erklärt Patienten und Probanden, was die bunten Bilder für ihr Leben bedeuten? Wie steht es mit dem Zugriff etwa von Versicherungen auf Untersuchungsdaten aus den Neurolaboren? Vor wenigen Wochen hat der Deutsche Bundestag das sogenannte Gendiagnostikgesetz beschlossen, das im Falle von genetischen Daten solchem Missbrauch einen Riegel vorschieben soll. Es wird Zeit, sich auch über ein entsprechendes »Hirndiagnostikgesetz« Gedanken zu machen.

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