Knapp 27.900 Mitarbeiter. Büros auf allen Kontinenten. Eine Marktkapitalisierung von 74 Milliarden Dollar. Goldman Sachs ist eine der ganz großen Banken an der Wall Street, doch für Mike Morgan steckt noch mehr dahinter. Der private Anlageberater aus Florida ist so überzeugt von der gefährlichen Übermacht Goldmans, dass er im April eine Internetseite namens goldmansachs666.com gestartet hat, um ans Licht zu bringen, "wie destruktiv dieses Unternehmen für unser Leben ist". 666, die Zahl des Teufels. Schon lange sind im Internet über Goldman fast so viele Gerüchte im Umlauf wie über Ufos.

Doch seit die Weltfinanzkrise ihren Lauf genommen hat und seit Goldman Sachs diesen Sturm erstaunlich gut überlebt hat und sogar Rekorde bei den Handelsumsätzen schreibt, macht man sich nicht mehr nur in obskuren Ecken des Internets seine Gedanken: Geht das alles mit rechten Dingen zu? Ist das wirklich bloß eine ganz normale Bank? Goldman steuert Washington, titelte das Magazin Rolling Stone in seiner jüngsten Ausgabe. Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds Simon Johnson sprach von einem "stillen Putsch" des Kapitals und meinte damit die Wall-Street-Häuser wie Goldman Sachs. Kurz darauf wurde er dazu zur besten Sendezeit im Fernsehen vernommen.

Was in einem Büroturm an der 85 Broad Street im Süden Manhattans sicher nicht gern gesehen wurde. Man mag dort kein Rampenlicht. Man mag überhaupt keine Öffentlichkeit. Man hat nicht einmal ein Firmenlogo an die eigene Fassade geklebt.

Das Hauptquartier von Goldman Sachs ist in einem bräunlich beigen Betonblock aus den achtziger Jahren untergebracht, so unauffällig, dass Touristen auf dem Weg zur New Yorker Börse unbeeindruckt vorbeilaufen. Die Leute, auf die es ankommt, wissen Bescheid. Für Wall-Street-Banker wie für ihre Gegner war 85 Broad Street bis zur Krise der Ort schlechthin, an dem man per Knopfdruck Milliardenströme auf der ganzen Welt kontrollierte und sich dabei über Nacht Vermögen aneignete.

Goldmine Sachs sagen sie an der Wall Street. 2007 erhielt der Goldman-Chef Lloyd Blankfein knapp 68 Millionen Dollar an Aktien, Optionen und Cash, mehr als je ein Boss an der Wall Street zuvor. Insgesamt wurden mehr als 20 Milliarden Dollar nach einem unbekannten Schlüssel an 30.500 Mitarbeiter verteilt, wobei manche Topleute ebenfalls zweistellige Millionenbeträge einstrichen. 2007 war das Jahr, in dem die Konkurrenten Merrill Lynch und Citigroup bereits Milliardenverluste eingestehen mussten und ihre Topmanager feuerten.

"Was ist der Unterschied zwischen Goldman Sachs und Tansania?", fragte das linksliberale britische Blatt The Guardian einmal . "Das eine ist ein afrikanisches Land, in dem sich 25 Millionen Menschen 2,2 Milliarden Dollar teilen, das andere ist eine Investmentbank, in der sich 161 Menschen 2,6 Milliarden Dollar teilen."

Die Handelsumsätze brechen Rekorde, rasant der Wiederaufstieg der Aktie

Im Katastrophenjahr 2008 sah es erst auch nach einem Absturz der Goldmänner aus: Die Goldman-Aktie verlor 80 Prozent ihres Wertes, und das Institut musste sich von einer Investmentbank in eine "normale" Geschäftsbank umzuwandeln – eine Bank also, bei der man theoretisch ein Sparbuch eröffnen kann.

Doch jede Schadenfreude war verfrüht. Die Finanzkrise ist noch nicht vorüber, da glänzt Goldman Sachs mit einem spektakulären Geschäftsergebnis. Goldman meldete für die ersten drei Monate dieses Jahres einen Gewinn von 1,81 Milliarden Dollar. Die Handelsumsätze brachen Rekorde. Rasant auch der Wiederaufstieg der Aktie: Inzwischen notiert das Papier an der New Yorker Börse wieder bei mehr als 140 Dollar. Immer noch weniger als beim Allzeithoch aus dem Herbst 2007 (250 Dollar), aber Welten besser als etwa Citigroup-Aktien (3 Dollar).