Es war 14.27 Uhr Pacific time, als Ashton Kutcher seine erste Kurznachricht versendete. Auf dem Twitter-Profil des Schauspielers erschien die Frage: »Michael Jackson hatte einen Herzinfarkt?« 2,4 Millionen Menschen auf der ganzen Welt erfuhren in diesem Moment davon, so sie online waren. 2,4 Millionen, so viele Leser hat Kutcher auf Twitter, einer Website, die im Prinzip für nichts anderes gut ist, als massenweise SMS-Botschaften übers Internet zu verschicken. Was zum Zeitpunkt von Kutchers Wortmeldung niemand wusste: Genau eine Minute zuvor hatten die Ärzte den Kampf um Jacksons Leben aufgegeben. Es dauerte noch eine Stunde, bis die Nachrichtenmedien den Tod des Sängers bestätigten. Es war paradoxerweise zugleich die längste und die schnellste Stunde in der kurzen Geschichte des Internetzeitalters.

Nicht der Sturm, der übers Netz hereinbrach, war das eigentlich Bemerkenswerte. Sondern, um im Bild zu bleiben, das schiere Tempo, mit dem die dunklen Wolken emporschossen, und wie rasend sich die Wolken dann leer regneten, der Sturm in sich zusammenfiel.

Millionen Mediennutzer wurden zu Medienrechercheuren, Ashton Kutcher, dessen Profil das meistverfolgte auf Twitter ist, meldete um 15.09 Uhr: » TMZ berichtet, dass Michael Jackson gestorben ist.« 15.27 Uhr: »Die L.A. Times hat es gerade bestätigt.« 15.28 Uhr: »Auch CBS hat es nun bestätigt.« Die Dramaturgie, die so weltweit angefacht wurde, war atemberaubend. Sie kompensierte die Bilderlosigkeit des Ereignisses und nährte die Illusion, hier werde ein Sterben gleichsam simultan reportiert und kommentiert, nein: geradewegs gegen es angeschrieben.

Im Sozialnetzwerk Facebook verwandelte sich das virtuelle Hoffen und Bangen in einen gemeinschaftlichen Trauerprozess, der wie im Zeitraffer ablief: Zweifel und Verleugnung, Entsetzen und Schock, Trauer und Wut lösten einander ab. Was im wirklichen Leben Wochen, Monate, Jahre dauert, vollzog sich hier im Minutentakt. Die symptomatischste, immer wieder neu formulierte Äußerung war vielleicht die von der Verwunderung der Menschen über sich selbst: Warum fühlen wir so enorme Betroffenheit?

Die plausibelste Antwort darauf findet man nicht in Werk und Schaffen von Michael Jackson. Man findet die Antwort in der schieren Weltbekanntheit Jacksons – und in der Massenpsychologie einer neuen weltweiten Parallelöffentlichkeit. Ihr hatte bis dahin der eine, unmittelbar als historisch empfundene Anlass gefehlt, um sich geballt zu manifestieren als das, was sie auch ist: eine neue globale Popkultur, die in Sekundenschnelle die ansonsten völlig zersplitterten Öffentlichkeiten über alle Grenzen hinweg zusammenschalten kann. Ihren Testfall hatte sie gehabt bei der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten, auch da war ein Sturm hereingebrochen über Twitter und Facebook; auch da war die Gefühlsamplitude ähnlich extrem, die das Ereignis begleitete. Der große Unterschied besteht nun gar nicht darin, dass die ausgelösten Emotionen genau entgegengesetzte waren, statt Begeisterung nun Bestürzung herrschte. Er liegt in der Verwertbarkeit.

Erst an diesem Punkt vollendet sich Popkultur: wenn der Warenkreislauf anspringt. Das sentimentale Bedürfnis nach der Musik von gerade gestorbenen Künstlern gab es zwar schon immer, aber noch nie wurde es so unmittelbar gestillt. Die Trauer auf Facebook war nur einen Klick weit entfernt vom Kaufimpuls für Thriller auf iTunes. Die Frage ist bloß, wie lange die Nachfrage anhalten wird. Und was der Anlass sein kann für eine nächste Manifestation dieser neuen Popkultur, deren Flüchtigkeit auch darin besteht, dass sie zwar die Logistik für ein globales Geschäftsmodell jederzeit bereithält, ihr aber das Personal fehlt. Es gibt außer Madonna niemanden, der bekannt genug wäre.

Die Gemeinschaftstrauerarbeit im Internet jedenfalls war schnell geleistet, die Instant-Katharsis so vollkommen, dass auf Facebook schon Stunden später die ersten Kommentare erschienen, nun sei es aber mal gut mit Jackson. Ashton Kutcher verstummte einfach für den Rest des Tages. Erst am nächsten Morgen meldete er sich zurück bei seinen 2,4 Millionen Twitter-Lesern, genau um 8.31 Uhr Pacific time: »Kann mir jemand helfen, einen Witz zu schreiben für meinen neuen Film Killers?«