Michael Jackson Das Königsdrama
Nach den frühen Erfolgen versuchte der King of Pop, für immer der Größte zu sein – bis zum letzten Atemzug

© Dave Hogan/Getty Images
König Pop in seinem Reich, auf HIStory-Tour 1997 in Bremen
Zuletzt, als sein Stern schon gesunken war, wollte er es noch einmal wissen. Als Michael Jackson im März ankündigte, gleich 50 Konzerte in einer Londoner Riesenarena zu geben, schien das Unmögliche für einen Moment denkbar: die Auferstehung eines Totgesagten. Dass es das Comeback aller Comebacks werden sollte, dass die Pressekonferenz zum Ereignis einer Audienz glich, für die der Kinderkönig grüßend hinter einem purpurnen Vorhang hervortrat, dass das Vorhaben insgesamt etwas ungesund Gigantomanisches hatte – inzwischen wissen wir, weshalb all das kein Vorzeichen des Triumphs war, sondern bloß der letzte Akt eines triumphalen Scheiterns. Don’t stop till you get enough: Die Tragödie des Michael Jackson bestand darin, dass er ohne die Gunst seiner Fans nicht existieren konnte. So schillernd seine Bühnenpersona wirkte, im Leben kannte er nur eine Rolle: die des King of Pop.
Die Formel mag abgenutzt klingen, doch einen anderen Begriff für den Grad an Prominenz, den er sich in viereinhalb Jahrzehnten erspielt hat, gibt es nicht. Jackson war der erfolgreichste und wohl auch der letzte wirklich universelle Popstar, eine Figur, mit der jeder etwas verband, dessen Lieder jeder kannte, dessen Gesten global kopiert und verinnerlicht wurden. Die Nacht vom vergangenen Donnerstag auf Freitag bewies es noch einmal eindrücklich: Als Leiche kam er tatsächlich noch einmal zurück, mit all den Bildern, die sich ins kollektive Gedächtnis gegraben haben, um im nächsten Moment schon ins Pantheon der Großidole erhoben zu werden, gleich neben Elvis, Marilyn und John Lennon. Anders aber als in den Erbdynastien des vormedialen Zeitalters müssen die modernen Könige sich an ihren Taten messen lassen. Das setzte den Menschen Michael Jackson unter einen Zugzwang, der zuletzt manische Züge annahm.
In seinem Bewusstsein war er ein Entertainer reinen Herzens, der nichts anderes im Sinn hatte, als seine Anhänger glücklich zu machen – dies freilich mit einer an Getriebenheit grenzenden Energie. Wo andere einfach Platten veröffentlichten, organisierte Michael Jackson Plebiszite: An den Kassen sollte entschieden werden, wer der Berühmteste im ganzen Land ist, mit immer neuen, verzweifelteren Mitteln warb er um sein Publikum, das ihm zwar nicht davonlief, aber auch nicht in dem Maße treu blieb, wie er selbst es gebraucht hätte. Dass sich das Band erst im Tod noch einmal knüpfte, wirft ein Schlaglicht auf die schwierige Beziehung zwischen Fan und Star: Sie hat bei aller Bewunderung etwas Destruktives. Erst mit dem Ende stehen die Zeichen wieder auf Anfang. Der König ist tot, es lebe der König.
Sein Talent traf auf die Möglichkeiten des Multi-Medienzeitalters
Warum es so kommen musste, wie es schließlich kam, darüber ist schon zu seinen Lebzeiten heftig spekuliert worden. Der populärste Zweig der Jackson-Exegese sieht ihn als Opfer eines despotischen Vaters, der seine eigene Erfolglosigkeit mit der Zurichtung Michaels und seiner Brüder zu Showbiz-Attraktionen kompensierte. Diese Lesart entspricht den biografischen Daten, den Anfängen als Kinderstar mit den Jackson Five und den Aufstiegsmöglichkeiten, die Afroamerikanern in den Sechzigern offenstanden. Jackson selbst hat diese Geschichte nahegelegt, in Songs wie Childhood, in denen er sein Leben unter der väterlichen Zuchtrute beklagte. Richtig ist: In Jacksons Biografie steckt das Drama eines begabten Kindes. In sämtlichen Perioden seines Schaffens blieb er von der Zustimmung und dem Urteil anderer abhängig, ein Umstand, der mitverantwortlich war für die zahlreichen Blutsauger und Scharlatane, die sich in seinem Hofstaat tummelten. Nur individualpsychologisch allerdings lässt sich sein Aufstieg wie auch sein tiefer Fall nicht erklären.
In Michael Jackson traf Talent auf die Möglichkeiten eines rasant expandierenden Medienzeitalters. Er war der Erste, der die Dutzende von Spuren moderner Hightechstudios für seine Produktionen zu nutzen wusste, er war konsequent wie kein Zweiter im neuen Metier des kulturellen Cross-over. Vor allem aber war er der erste Superstar von MTVs Gnaden. Thriller hieß, sprechend genug, das Album von 1982, das mit dem zugehörigen Video von John Landis weit über den Bereich des Musikalischen hinaus wirkte. Alles, was zur Jackson-Imago gehört, das Fluide, Androgyne und zugleich Gehemmte, trat in diesem epochalen Akt der Selbsterfindung zutage. Mit seiner Nutzung sämtlicher Kanäle hat Jackson nicht einfach die Traditionen schwarzer Musik in den Mainstream getragen, er hat neu definiert, was Mainstream heißt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere schien er für einen kurzen, hysterischen Moment alle Versprechen des Multimedialen in sich zu vereinen, er war Mann und Frau, Kind und Erwachsener, Tänzer und Statue, hypersexualisiertes Monster und singende Junggesellenmaschine zugleich.
Geringere hätten sich mit der Verwaltung des Ruhms zufriedengegeben, doch Jackson wollte die Wiederholung, die Überbietung, er wollte das, was im Pop am wenigsten vorgesehen ist: Dauer. Mit Bad gelang ihm noch einmal ein Blockbuster, die Neunziger zeigten ihn in einer Vorwärtsbewegung, die bereits stark an ein Rückzugsgefecht erinnert. Der spektakuläre Kauf des Beatles-Katalogs, die Heirat mit Lisa Marie Presley – seine Aktionen offenbarten den tiefen Wunsch, zum Geschlecht der Unsterblichen zu gehören. 1995, auf dem Höhepunkt der Missbrauchsvorwürfe, brachte er mit dem Doppelalbum HIStory immerhin noch den interessanten Versuch zustande, eine eigene Geschichtsschreibung zu begründen, doch der Abstieg war unaufhaltsam.
- Datum 07.07.2009 - 15:46 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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