Ich war nie ein Michael-Jackson-Fan. Ich hatte aber auch nie etwas gegen ihn. Tatsächlich war die erste Musikkonserve, die ich je gekauft habe, eine Kassettenaufnahme seiner Single Black or White. Das war kurz nach meinem 11. Geburtstag. Damals begann und endete meine Laufbahn als Käufer von Michael Jacksons Musik.

Hier folgen also die Beobachtungen eines 28-jährigen Amerikaners, der objektiv auf Jacksons Laufbahn zurückblicken kann. Ich werde ihn nicht als Artilleristen des musikalischen Mainstreams verdammen, der seine momentane Allgegenwart in den Medien nicht verdient hat – so sehen es einige meiner zynischen Hipster-Freunde. Aber ich will ihn auch nicht heiligsprechen.

Für mich ist Jacksons Tod etwas Großes, sogar das Ende einer Epoche. Trotzdem wünschte ich, wir würden ihn nüchtern bewerten. Dieselben Medien, die ihn jetzt anhimmeln, behandelten ihn noch vor einer Woche als schlechten Scherz. Ich stelle mir vor, wie er sich in diesem Moment im Jenseits die Frage stellt: »Wo wart ihr die letzten fünfzehn Jahre bloß alle?«

Meine Indifferenz gegenüber Jackson verdanke ich meiner großen Schwester CeCe, deren Geschmack mich geprägt hat. Am vergangenen Wochenende sagte CeCe zu mir: »In der fünften Klasse war ich das einzige Mädchen, das ihn nicht mochte.« Sie meinte, das sei eines der ersten Anzeichen gewesen, dass sie eine Außenseiterin bleiben würde.

Es stimmt: Für einen amerikanischen Teenager der achtziger Jahre war es geradezu bizarr, dem King of Pop keine Reverenz zu erweisen, obwohl MJs eigene Bizarrerie letztlich dafür sorgte, dass die treuen Mädchenschafe sich von ihm abwandten, um Bon Jovi oder später Nirvana zu folgen. Nirvanas Nevermind- Album kickte 1991 Jacksons Dangerous von der Spitze der Charts und versetzte den Achtzigern den Todesstoß – wie die Rockjournalisten gern sagen.

Unfähig, seine Popularität in den Neunzigern und Zweitausendern aufrechtzuerhalten – denn ihm fehlte das Talent für billige Sexualität, die seinem weiblichen Pendant Madonna das Überleben sicherte –, wird Jackson immer für die Achtziger stehen. Mein erster Gedanke, als ich von seinem Tod erfuhr: Jetzt sind die Achtziger wirklich tot.

Ich gab gerade einen Englisch-Abendkurs, als die Yahoo-Homepage die Nachricht brachte, AP habe Jacksons Tod bestätigt. Zu Beginn des Kurses, als ich auf der relativ unzuverlässigen Website TMZ.com von dem Gerücht erfuhr, hatte ich an die Tafel geschrieben: »Michael Jackson R.I.P.?« Ich hatte es immer gehasst, wenn Lehrer und Dozenten so taten, als gäbe es keine Welt außerhalb des Unterrichtsraums oder als stünden sie über der Popkultur. Während des Kurses behielt ich den Computer im Auge, und ich gestehe zu meiner Schande, wie aufgeregt ich war, derjenige zu sein, der es bekannt gab: »Er ist tot.«

Von zwanzig Studenten hörte ich zwei aufstöhnen. Die übrigen, ihrer fehlenden Reaktion und dem irritierten Grinsen nach zu urteilen, empfanden Michael Jacksons Tod so wie ich: Was geht uns das an? Vor Kurzem noch hatten die Amerikaner Umfragen zufolge Michael Jackson mehr gehasst als Saddam Hussein. Seine angebliche Pädophilie und die Balkon-Mätzchen mit seinem Baby waren nicht dazu geeignet, eine allgemeine Tränenflut zu entfesseln.

Nachdem ich aber das Fragezeichen von der Tafel gewischt hatte, packte mich die Traurigkeit doch. Es wurde mir nämlich klar, dass wieder ein Stück meiner Kindheit verschwunden war. Für viele meiner Altersgruppe ist bereits der Gedanke an die Achtziger tröstlich, weil wir damals Kinder waren. Wir wurden von den Schlümpfen geweckt, gingen mit Johnny Carsons Talkshow zu Bett, und irgendwann im Lauf des Tages hatte unweigerlich Michael Jackson einen Auftritt. Ein Beleg dafür, wie sehr meine Generation dieses Jahrzehnt verehrt: Zwei der teuersten Kinofilme dieses Sommers basieren auf weiter nichts als den Spielzeugen, mit denen wir uns damals beschäftigten, Transformers und G.I. Joe.

Und so sagte ich zu meinen Studenten: »Jetzt sind die achtziger Jahre offiziell tot.« Dann verwies ich auf eine Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins Time, deren Autor Kurt Anderson die These vertrat, die Achtziger hätten erst 2008 geendet, mit der Wirtschaftskrise. Anderson schrieb, die typische Achtziger-Jahre-Geisteshaltung der Habgier und Exzesse sei in den Neunzigern und nach der Jahrtausendwende immer präsent gewesen und habe zu unseren aktuellen Problemen geführt. Falls das stimmt, bedeutet Michael Jacksons Tod mit 50 den letzten Erdbrocken, der die Achtziger ein für alle Mal unter sich begräbt. Dieses Bild fand ich am folgenden Tag bestätigt, als ich einen Filmausschnitt sah, in dem Reagan zu Michael sagt: »Ihr Erfolg ist der wahr gewordene Amerikanische Traum.« Doch MJs Erfolg war nicht der wahr gewordene Amerikanische Traum. Es war der wild gewordene Amerikanische Traum. Der mutierte Traum.

Apropos Exzesse der Achtziger – mir fällt kein anderer Fall ein, wo sich der Amerikanische Traum so spektakulär und grotesk entlud. Diesem Amerikanischen Traum setzte nur die Fantasie des Träumers Grenzen, und o Mann, MJ hatte eine ausgeprägte Fantasie.

Mögen Sie Vergnügungsparks?

Michael Jackson wohnte in einem.

Mögen Sie Affen?

Michael Jacksons bester Freund war einer.

Würden Sie sich gern die Knochen des Elefantenmenschen beschaffen, als Spielzeug, zu Ihrem Amüsement?

Tja, Jacko, da können wir dir nicht folgen.

Jacksons Leben, MTVs Antwort auf den Großen Gatsby, wirkte wie ein warnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man sich alle Wünsche erfüllen kann. Seine unbegrenzten Mittel erlaubten ihm, Kinder (und ihre geldgierigen Eltern) nach Neverland zu locken, was seinen Untergang besiegelte. Und wahrscheinlich schürte der beispiellose weltweite Ruhm in ihm die Wahnvorstellung, er könne der einzige Mensch in der Geschichte sein, der nie erwachsen werden muss. All das bedeutet, dass Jacksons Leben eine literarische Qualität besaß, auf die ein Schriftsteller einfach hinweisen muss. In ihm haben wir den archetypischen Helden: eine ganz besondere Seele einfacher Herkunft, dazu bestimmt, König zu werden. Und wir haben einen Schurken – seinen Vater, Joe Jackson.

Man muss kein Schriftsteller sein, um die Symbolik von MJs äußerlichen Verwandlungen zu entschlüsseln. Wenn er sich im Spiegel sah, erkannte er unweigerlich Züge des Schurken. Es war Joes besessene Jagd nach dem Amerikanischen Traum, die Michael zwang, mit acht Jahren auf Tournee zu gehen. Zuchtmeister Joe missbrauchte seine Kinder, denen er sein Einkommen verdankte, er malträtierte sie mit Gürtelhieben und Worten. Für den kleinen Michael hatte er eine besondere Beleidigung parat: »big nose«, Großnase.

Später im Leben sorgte Michael dafür, dass seine Nase nicht mehr groß war. Doch auch die begabtesten Chirurgen von L.A. konnten die Deformationen nicht beheben, die durch Missbrauch entstanden waren. Wenn man von Jacksons angeblichen Sünden spricht, sollte man fairerweise auch den größeren Kreislauf erwähnen, dessen kleiner, trauriger Teil er nur war. Michaels Geschichte war schon vorbei, ehe sie begonnen hatte, sie war vorgezeichnet von seinen Eltern.

Mein Mitgefühl erlaubt mir, die abseitige Welt von Neverland zu übersehen und das Talent dieses Mannes anzuerkennen.

Ich bin wie alle anderen der Meinung, dass Michael Jackson den Status einer Ikone verdient hat. Ich gestehe aber, so leid es mir tut, dass ich Sinatra, Elvis und den Beatles einen höheren Rang zubillige. Vielleicht müssen noch Jahrzehnte vergehen, um Jacksons musikalische Bedeutung besser einschätzen zu können, doch seine Musik scheint mir nicht zeitlos zu sein; sie ist unverkennbar Pop der Achtziger (man denke beispielsweise an Eddie Van Halens grässliches Gitarrensolo in Beat It, an die kitschig stolzierende Basslinie von Bad, an Jacksons abgeschmackte Videos).

Wenn wir uns jedoch die aktuellen Kandidaten für den Popikonenstatus ansehen, so überragt Michael Jackson sie alle um Längen. Als vor drei Wochen auf einem Videosender Billie Jean lief, sagte ich zu meiner Schwester: »Ich weiß, du magst ihn nicht, aber verglichen mit dem, was heute als Musik durchgeht, klingen Michael Jacksons Songs wie die Werke eines klassischen Komponisten.«

Ein typisches Beispiel: Als Jackson starb, war Boom Boom Pow von den Black Eyed Peas in Amerika die Nummer eins der Charts. Der Song ist selbst nach heutigen Maßstäben ein schlimmer Missgriff, der futuristisch klingen will und Sätze wie »I’m so 3008. You’re so 2000 and late« enthält.

Vergleichen Sie das mit dem Song Billie Jean, den MJ wie die meisten seiner Hits selbst geschrieben hat. Achten Sie besonders auf die Zeile »The kid is not my son«. Zunächst ist da die eindringliche, fast sinfonisch klingende Melodie. Ich stelle mir vor, dass diese Melodie so beschwingt die Tonleiter rauf und runter tanzt, wie es der Mann auf der Bühne tat. Und nun betrachten Sie einmal Justin Timberlake, den sogenannten Prince of Pop, und Sexyback, den Song, der als sein Markenzeichen gilt. Da ihr jegliche Melodie (von Qualität ganz zu schweigen) fehlt, macht Justins Tonleiter einfach schlapp. Ich fand Timberlakes dreistes Angebot, Jacksons in London geplante Konzerte zu übernehmen, regelrecht beleidigend.

Nun zu den Texten: »She’s just a girl who says that I am the one, but the kid is not my son.« Hier greift Jackson ein Erwachsenenthema auf, formuliert es aber so subtil, dass ich mit sechs Jahren keine Ahnung hatte, was er da meinte. Vergleichen Sie das mit der aktuellen Nummer sechs der US-Charts, dem ekelerregenden Song LoveGame von Lady Gaga, in dem wiederholt verkündet wird: »I wanna take a ride on your disco stick.« Zudem war die sexuelle Thematik von Billie Jean für Jackson eine Ausnahme. Etliche seiner Songs – Man in the Mirror, Heal the World, sogar Beat It – befassen sich mit der Verbesserung der Gesellschaft. Die Texte dieses Mannes deuten an, dass er sein Publikum verändern – und nicht mit ihm schlafen will.

Die Justins und Gagas dieses Jahrzehnts, fixiert auf steinzeitliche Sexualität, gezeichnet von einem eklatanten Mangel an Fantasie, haben in ihren ganzen oversexed bodies weniger Talent als Jackson in jeder behandschuhten Fingerspitze. Doch seitdem Jackson tot ist, behaupten alle Popstars, von ihm beeinflusst zu sein. Sollte das stimmen, so sind sie offenbar von Jacksons schlechtesten Elementen geprägt worden. Seine überflüssigen Griffe in den Schritt wurden von Rappern wie Lil Wayne übernommen, dessen Hand nur ganz selten nicht den eigenen Penis betatscht. Jacksons zirkusmäßiges Privatleben findet ein andauerndes Echo in der freak show um Britney Spears. Seine unglaublichen Tanzkünste erschienen beinahe überirdisch. Viele Künstler der letzten beiden Jahrzehnte wurden durch sie allerdings in dem Glauben bestärkt, wenn man ein paar provokante Tanzschritte beherrsche, seien eine gute Stimme, musikalisches Können und die Kunst des Songwriting überflüssig – man denke nur an die Pussycat Dolls oder Usher.

Wenn ich mir also ansehe, wie sehr die Popmusik in den letzten zwanzig Jahren auf den Hund gekommen ist, betrauere selbst ich, der ich kein Michael-Jackson-Fan bin, seinen Tod.

Ich habe schon davon gesprochen, wie ich mir Jackson im Jenseits vorstelle. Falls die Verstorbenen nach dem Tod jede gewünschte Form annehmen dürfen, so ist Michael jetzt hoffentlich und für alle Zeit ein Achtjähriger, der sich nicht krank schuften muss, sondern nach Herzenslust auf die Bäume klettern darf.

Dann wäre er endlich glücklich in seiner Haut.

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog