Jacksons Tanz Schönheit ist Männersache

Ein Triumph über alle Gewalt: Michael Jackson hat den Tanz als Entfesselungskunst zelebriert

Bevor der Nachlass verteilt wird, kommen die Grabredner und machen den Toten gesellschaftsfähig. Im Fall von Michael Jackson betrauern sie jetzt das misshandelte Kind, vergessen aber, dass er als Sexsymbol auch über seinen Peiniger triumphierte. Das prüde Totengedenken geht so: Leugnung des Lustprinzips, Wendung ins Asexuelle, Andeutung gewisser Perversionen. Alles läuft darauf hinaus, dass Michael Jackson kein richtiger Kerl war. Beerdigt wird ein Geschlechtsloser, ein Mann ohne Eigenschaften.

Doch der Tote, den man uns hier als weibisches Zwitterwesen verkauft, war zu Lebzeiten einer der aggressivsten Tänzer der Welt. Er bewegte sich nicht nur schneller, sondern auch kraftvoller als all die geföhnten Schönlinge der achtziger Jahre. Er verkörperte den neoromantischen Machismo des Pop mit unnachahmlicher Coolness und machte den Bühnentanz endgültig zur Männersache.

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Das Atemberaubende an dem Horrorclip Thriller, der jetzt dauernd erwähnt wird, war ja nicht die Verwandlung des jungen Helden in einen Werwolf. Es war die herausfordernde und zugleich sublime Erotik, mit der Michael Jackson sich auf sein Publikum zubewegte. An der Spitze eines Heeres lüsterner Zombies provozierte er uns mit einem Tanzstil, der das Süßliche der Broadwayshows und das Künstliche der Liebesfilmgesten hinter sich ließ, ohne den Spielcharakter des Sexuellen zu leugnen. Hart knallen die Füße der Männer auf die Straße, scharf schneiden die Arme durch die Luft, kantig rucken die Schultern – doch die rhythmische Beckenarbeit hat nichts Pornografisches, eher etwas Ironisches. Darin besteht Michael Jacksons Kunst: dass er Sex als Zitat benutzt und zugleich zelebriert, dass er den Körper vorführt und feiert.

Der Jazzdance des jungen Jackson war eigentlich Streetjazz. Die contractions waren stark beschleunigt, die isolations ins Extrem getrieben. Man kann sagen: Auf der Bühne hat er den Stil der Straße erfunden. Zwar benutzte er noch Musical-Posen und Stepptanzschritte, aber er kombinierte sie mit schrillen Breakdance-Tricks.

»How can we know the dancer from the dance«, fragt der irische Romantiker William Butler Yeats in seinem Gedicht Amongst Schoolchildren . Wir können am Tanzstil Michael Jacksons einen mutigen Menschen erkennen. Seine physische Kühnheit überstrahlt alle Kostüme und Masken. Sie ist nichts durch Prügel Erzwungenes, sondern gegen die Prügel Behauptetes. Mag jetzt der Moonwalk wieder in Mode kommen, nie wird ihn jemand so selbstvergessen tanzen wie Jacko. Er ist der Mann, der seinen gestählten Körper aufs Spiel setzte, der sich über die Demütigungen der Kindheit erhob, für einen triumphalen Moment. Seine Ästhetik wird die Küchenpsychologen überdauern, die behaupten, dass er beim Griff in den Schritt einen Handschuh trug, weil er Berührungsängste hatte. Könnte es sein, dass der Glitzerhandschuh die obszöne Geste einfach nur sichtbar machte? Er war Zubehör eines Entertainers, der die Entfesselung der Triebe lachend zelebrierte. Er war Zeichen einer Selbstbefreiung, eines Lustrauschs, in den der Jahrhunderttänzer sich und die Welt versetzte.

 
Leser-Kommentare
    • Slink
    • 02.07.2009 um 16:46 Uhr

    Teuerste Evelin,

    das ist vielleicht ebenfalls eine sehr einseitige Sichtweise, dass Herr Jackson posthum zum Zwitterwesen geredet würde... vielleicht eine weibliche.. schließlich hat er selbst alles dazu getan, sich von maskuliner Erscheinung zu entfernen: sein Gesicht glich - vor dem offensichtlichen Zerfall - eher dem einer jungen Frau als dem eines Jünglings. In den Zeiten seines größten Erfolges hat er wohl mehr den "androgynen - metrosexuellen" Typ verkörpert und salonfähig gemacht, als den Macho / Testosteron-Typ gegeben. Natürlich hat er gnadenlos gut getanzt, doch das können Männlein und Weiblein beiderlei Geschlechts mehr oder weniger gut, dazu braucht man sich nur einmal profesionelle Tänzer ansehen. Und wenn Sie da genauer hinsehen, werden Sie feststellen, dass eine deutliche Unterscheidung des Chromosomensatzes von aussen auch nicht immer leicht sein wird. But: no big deal!

  1. Leben und Ende spiegeln alles andere als einen Triumph wider.

    Die "Schönheitsfrage" ist schlicht banal...

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    Der Triumph war auf den Tanz bezogen, nicht auf sein Leben.

    Der Triumph war auf den Tanz bezogen, nicht auf sein Leben.

  2. Der Triumph war auf den Tanz bezogen, nicht auf sein Leben.

    Antwort auf "kein Triumph"
  3. Was lassen sich Interpreten alles einfallen. Jacksons Tanz: Triumph über alle Gewalt. Tut mir leid. Das konnte ich nicht erkennen.
    Und seinen Griff ins Gemächte fand ich eher peinlich anstatt atemberaubend.

    • ztc77
    • 02.07.2009 um 18:32 Uhr

    Stimmig! Und als Kehrseite der Münze "Für immer Kind" ein gutes Beispiel für verschiedene, fast gegensätzliche Facetten der Spezies Mensch.

  4. Liebe Evelyn Finger, ich weiß ja nicht was Sie rauchen, aber ich hätt gern mal ´n Zug davon... Jackson war super und endet tragisch. Nun mal Butter bei die Fische: wann reichen Sie Jackos Bewerbung im Vatikan ein? Don´t get me wrong, I love Michael , but please stop acting so corny...
    Wenigstens haben Sie mir ein Lächeln entlockt ;-)

  5. ist Tanzen eine Abendveranstaltung, die klassischen Tänze bestehen aus festgelegten Schrittabfolgen, nur Zuschauen ist langweiliger. Die Afroamerikaner hingegen haben die Tanz- wie die Gesangsperformance geprägt und vor allem aufgelockert. Sie haben damit immer gegen die Konvention verstoßen: Für eure Großeltern war Jazz anstößig, dann Elvis, den es ohne Afroamerikaner gar nicht gegeben hätte, Woodstock, Punk, Dancefloor... Tanzen ist eine Form des körperlichen Ausdrucks, eine Form von Sprache, eine Kunstform.

  6. ...verwundert mich doch ein bisschen. In den ersten Artikeln nach M.J. Tod, habt ihr ihn selbst noch als "Hybridwesen" und "Zwitter" beschimpft, jetzt macht ihr das genaue Gegenteil und vergöttert ihn. Immer schön die Fähnchen in den Wind halten...hahahahaha

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    Ich finde die vielen satirischen Artikel, die "Die Zeit" momentan zum Tode von Michael Jackson bringt, wirklich lesenswert und amüsiere mich köstlich. Zum Glück lesen bestimmt nicht viele Fans von Jackson diese Zeitung - da würde wahrscheinlich ein Sturm der Entrüstung losbrechen. Oder - meinen die Autoren etwa ernst, was sie da schreiben?

    Ich finde die vielen satirischen Artikel, die "Die Zeit" momentan zum Tode von Michael Jackson bringt, wirklich lesenswert und amüsiere mich köstlich. Zum Glück lesen bestimmt nicht viele Fans von Jackson diese Zeitung - da würde wahrscheinlich ein Sturm der Entrüstung losbrechen. Oder - meinen die Autoren etwa ernst, was sie da schreiben?

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  • Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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  • Schlagworte Michael Jackson | Schönheit | Musik | Erotik
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