Am besten wäre es natürlich, man wäre Péter Esterházy – wenigstens für die Lektüre dieses Buches. Dann verfügte man sozusagen von selbst über den Geist und die Geistesgegenwart, die es braucht, um in dieser Erzählung über die Runden zu kommen. Hochgradig schnell muss dieser Geist sein und zugleich gelassen und ausgeruht. Wer nicht auf drei, vier Spuren gleichzeitig denken und in voller Fahrt blitzartig auf drei andere wechseln kann, ist verloren. Und wer nicht von einem Gedanken rechtzeitig auf die Anspielungsebene und in den Funkenwurf der Assoziationen umstellen kann, wird landen, wo ihn die Raben fressen.

Esterházy entwirft ein Liebesduett zwischen sich und seiner Mutter

Vor allem aber braucht der Leser dieses Buches einen Geist, der sich auch ohne das Leitseil einer Handlung vergnügt vorwärts bewegen kann. Natürlich kann man so tun, als ließe sich das tollkühne Kurven von Esterházys Erzählrakete zu so etwas wie einem Plot umdenken: Es ginge in diesem Buch dann um den Erzähler Péter Esterházy und seine Mutter, um die Mutter und ihre (erfundene? reale?) Fußballleidenschaft, ums Leben und Sterben der Mutter, aber auch ums Leben, Gefoltertwerden und Sterben des Vaters. Es geht, hinreißend verkaspert, um die Freiheit des Spiels in all seinen fußballerischen, poetischen und sonstigen Formen. Und um die Unfreiheit und – immer und immer wieder – um die Angst, die unterm ungarischen Kommunismus in alle Lebensritzen einsickerte. Aber schon diese Aufzählung macht klar, dass Esterházys Erzählvorhaben keines ist, dem in chronologischen und psychologischen Verknüpfungen beizukommen wäre. Noch Imre Kertész’ Wort, bei Esterházy sei »die Bedeutung der Sprache größer als die der Handlung«, die »Sprache« sei »der Protagonist« und die »Wörter die Figuren«, scheint eine krasse Untertreibung angesichts des versatilen Drehens, Dribbelns, Kopfstoßens und Fallrückziehens dieses Erzählers.

Zu seiner Vielseitigkeit gehört natürlich auch, dass er uns immer wieder für zwei, drei Seiten fast gut realistisch zu Tisch bittet, nicht selten zu einem Mittagessen mit seiner Mutter. Ziemlich atemlos folgen wir der Sache, die Esterházy für sich und sie eingerichtet hat, am liebsten würde man sie Libretto nennen, umwerfend die Liebesarien auf sich, die er für die Stimme seiner Mutter komponiert hat, großartig die bisweilen recht sarkastischen Rezitative, der er sich zuschreibt, über alles aber stellen wir die Liebes-Duette der beiden! Doch während wir noch dem immergleichen Menü nachsinnen, das die Mutter aufgetischt hat, hat sich der halb realistische Spuk bereits aufgelöst, Esterházy, der eben noch erwachsen war, ist ein Kind, seine Mutter liegt im Sterben, oder die beiden brechen zu einem Stadtspaziergang auf, bei dem sie Budapest in ein imaginäres Fußballfeld umdenken, »die Seitenlinie ist die Linie des Buses, der Kaplan ist der Centerhalf«, die Platane der Außen, alles »ohne Zweifel ein Abseits, ein kapitales Abseits«. »Unendlich konnten wir die Welt auf diese Weise analysieren, wenn aber die Donau einen Schritt zurückgeht, angenommen, dass die nördliche Eisenbahnbrücke der Centerhalf ist und die Piroska Rosgonyi (die Straße) sich aufmacht in die so entstandene Lücke, dann ist das Schachmatt. Klar, Mutter.«

Hartgesottene Americanorealisten halten derlei Bienengesumms natürlich für eine Marotte. Aber solche Americanorealisten können auch noch nicht einmal träumen von den emotionalen Valeurs, die Esterházy mit seinem Erzählverfahren erreicht. Sein Buch ist über weiteste Strecken im Innersten der Intimität und der Scham angesiedelt, doch es wird dabei nie peinlich, nie voyeuristisch, nie gratis-schockant. Esterházy kann über die schönen Beine und die Scham seiner Mutter aufs Wunderbarste schreiben. Er zeichnet sie als eine elegante, kühne, provokante Dame, die höchstens »Saperlot aber auch, nickte«, doch »nicht bereit war, Scheiße zu sagen«. Und er zeichnet sie kurz darauf als eine Moribunde, die selber sagt, dass sie »die Scheiße« und den Urin nicht mehr halten kann. Ich kann mir keinen anderen Autor vorstellen, der über so delikate, scham- und angstbesetzte Themen so unbefangen, frei, human und liebevoll schreiben kann wie Esterházy. Und er kann das natürlich nur aufgrund seiner »Marotten«, will sagen, weil er nie in Eigentlichkeit, falsches Pathos oder Sentimentalität verfällt, sondern durch alles, ohne je zum Witzbold zu werden, die verspielt-ironische Luft seiner Abschweifungen bläst. Die Marotten sind nichts anderes als die zu seinen Inhalten passenden Formen. Im Übrigen tragen sie in dieses Vater- und Mutter-Buch in einem genauen Sinn auch den Geist seiner Eltern. Den seiner Mutter: »Meine Mutter verfügte über die seltene Gabe, die auch mit dem Alter kaum blasser wurde, mal unerwartet, Verhüllungen herunterreißend, mal ausdauernd und leise steigernd aufdeckend, ununterbrochen: den Reichtum der Dinge aufzuzeigen.« Den seines Vaters: »Er klebte alles mit Worten voll. Nach dem Muster der Sexbesessenheit wurde er von der Wut des Benennens erfasst, streute die auf ihre Benennung wartenden Dinge mit Synonymen voll, er redete und redete.«