Literatur aus Lateinamerika Wunderbares Halbdunkel
Zur Neuauflage von Juan Carlos Onettis »Für diese Nacht«
Wer gern an das gute Ende von Geschichten oder gar der Geschichte glaubt, braucht starke Nerven, wenn er sich in den kalten erzählerischen Kosmos des Juan Carlos Onetti begibt. Dieser bedeutende Schriftsteller hat die geballte Streitmacht der großen Neinsager und poètes maudits im Rücken. Vor allem Louis-Ferdinand Céline, sein Roman Reise ans Ende der Nacht war für den 1909 in Montevideo geborenen, also 15 Jahre jüngeren Südamerikaner, wie für viele Schriftsteller seiner Generation, eine Offenbarung. In ihrem unbeirrbar düsteren Menschenbild stimmen beide völlig überein. Nur ist Onetti vielleicht sogar ein bisschen tückischer, weil lakonischer als Erzähler. Bei Céline gewöhnt sich der anfangs tief erschrockene Leser fast schon allmählich an die choques, den Gifthauch des gleichmäßig verströmten munteren Zynismus. Onettis Desillusionstechnik – bar jedes Zynismus – kommt mit der Wucht einer hinterrücks sich auftürmenden Welle daher, die den ahnungslos im Wasser Planschenden umhaut und in eisige Tiefen zieht. Keine rettende Planke in Sicht, weder für den Leser noch für den Protagonisten, den solcher Schlag trifft.
Zum Beispiel Risso in der Erzählung Das gefürchtete Inferno. Eines Nachts flattert dem Sportredakteur einer Zeitung ein Umschlag mit einer unflätigen Fotografie auf den Tisch, deren Anblick ihn schrecklich peinigt. Das Bild zeigt eine Frau in obszöner Stellung mit einem Mann. Nicht irgendeine, sondern seine Frau, eine Schauspielerin, der er noch vor Kurzem ewige Liebe geschworen hat und die nun verschwunden ist und ihm dieses und noch weitere peinliche Fotos an seine Bekannten schickt, um ihn zu quälen. Was ist passiert? Sie hatte ihm eines Tages nach einer Tournee in aller Unschuld einen kleinen Seitensprung gestanden, »mit dem Stolz und der Zärtlichkeit, einfach eine neue Liebkosung erfunden zu haben«. Doch für ihn war es das Ende. Er hat sie auf der Stelle verstoßen, weil er die Geschichte nicht ertrug, wie er jetzt den Anblick dieser Fotos nicht ertragen kann. Längst schon bereut er sein überstürztes Verhalten, möchte seine Frau zurückhaben. Mit seinem ganzen schweren Körper und schwerfälligen Geist erkennt er, zu spät, was er getan hat: nämlich die Unschuld dieser Frau, dieser Liebe zerstört, in Onettis Welt das schlimmste aller Vergehen. Nun hat ihn die Nemesis ereilt, und das Verhängnis kennt keine Schubumkehr.
Rache als ein sinnloser, pervertierter Ausdruck enttäuschter Liebe, als Kainszeichen des gemordeten Lebens ist eins der Hauptmotive in Onettis Geschichten. Der Icherzähler seiner frühen Kurzgeschichte Willkommen, Bob beweist dabei einen langen Atem. Er muss nichts tun als abwarten, bis dieser von ihm innig gehasste Bob, der ihn mit seiner frechen Jugend, seiner Arroganz, seinen hochtrabenden Zukunftsplänen verhöhnte, bis dieser Roberto allmählich sein Charisma einbüßt, verspießert, das »groteske Leben« eines langweiligen Büromenschen führt. Mit böser Genugtuung beobachtet der Erzähler diesen schmachvollen Niedergang. »Niemand liebte je eine Frau mit der Kraft, mit der ich sein Verkommensein liebe, die Endgültigkeit, mit der er in das schmutzige Leben der Menschen untergetaucht ist.« Eine typische Onetti-Figur in dem Maupassantschen Abscheu gegen die banalen Imperative der Bel ami- Welt, diese »schreckliche, stinkende Welt der Erwachsenen«. Typisch auch für den brennenden Hass und inneren Aufruhr seiner vom Unglück begünstigten Antihelden.
Diese und die anderen frühen Erzählungen aus den vierziger Jahren sind noch nicht so ambitioniert wie die späteren Romane mit ihren implementierten fiktiven Welten, doch sie zeigen schon die ganze an Faulkner und Joyce geschulte Finesse der Erzähltechnik Onettis in der subtilen Figurenzeichnung unter Einsatz des inneren Monologs und schnellen Perspektivwechsels und vor allem in der Verräumlichung der Zeit. Die Zeit ist ein Labyrinth, in dem die blinden Egos umherirren. Und während sie ihre Bosheiten begehen, sind deren Folgen bereits auf dem Weg zu ihnen zurück und können ihnen an der nächsten Biegung aus fremden feindseligen Augen entgegenfiebern. Niemand, nur der Autor und durch ihn der Leser, durchschaut diese Dialektik des bösen Eigensinns, und sie führt die Fäden des Erzählens.
Ein solches Meisterstück dialektischer Knüpftechnik ist auch Onettis dritter Roman Für diese Nacht (1943), den der Suhrkamp Verlag soeben als Sonderdruck anlässlich des 100. Geburtstags herausgegeben hat. Aus Mario Vargas Llosas sehr lesenswerter Onetti-Studie Die Welt des Juan Carlos Onetti erfahren wir, dass Onetti die Anregung zu diesem Roman dem Bericht zweier Anarchisten verdankt über die letzten Tage des Spanischen Bürgerkriegs in dem von Franco und seinen Truppen belagerten Valencia, »wo die zersplitterten Republikaner sich gegenseitig umbrachten, bevor sie von den Faschisten überwältigt wurden«.
Eine Bar namens First and Last mit Schwingtür und theatralischen Nutten. Konspiratives Getuschel in der erotischen Kampfzone. Waidwunde Kämpfer im Dschungel der Nacht. Ein Toter im Separee. Sirenen, Rennereien, Razzia. Eine flirrende, unheilschwangere Atmosphäre wie in Big Sleep. Der Polizeichef Morasán höchstpersönlich mit seinen Folterknechten kreuzt auf. Ossorio, einer der Gejagten, taucht ab, die Hand immer am Revolver, um sich den Weg notfalls frei zu schießen.
Großartige Eröffnungsszene, die Camouflage eines Thrillers. In diesem Dickicht aus Action versteckt Onetti sein Thema wie einen armseligen, eifersüchtig gehüteten Schatz. Wir sehen den finsteren Morasán bei seinem Folterhandwerk. Er hofft, über einen Berg von Leichen in dieser Nacht aufzusteigen. Die Leichen wird es geben, und seine wird auch darunter sein. Doch das ändert nichts. Die Sache ist längst entschieden. Der Polizeistaat wird siegen, wie der Autor es mehrmals erlebt hat. Das Gröbere, die niederen Kräfte siegen immer bei Onetti. Ihn interessiert das Elend der anderen, die sich auf der richtigen Seite glauben und doch immer schon Fälscher sind, immer schon Teil der verkommenen Welt aus Lüge, Gemeinheit, Verrat. Zu den Toten, die sie auf dem Gewissen haben, dürfen sie sich selbst zählen. Barcala, der von beiden Seiten gejagte desertierte Anführer, versucht das Ossorio, der sich zu dessen stinkendem Unterschlupf durchschlug, klarzumachen. »…ich habe entdeckt, dass der Feind nicht von Gott oder vom Teufel gemacht worden ist, sondern von uns selbst…« In dieser Nacht hat er erkannt, dass nicht allein die anderen »die Hunde« sind, und beschlossen, »in Einsamkeit zu verrecken«. Das Inferno, das Ende »haben wir uns verdient…, weil wir es selbst gemacht haben«.
- Datum 01.07.2009 - 12:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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Juan Carlos Onetti ist zweifellos eines der größten Genies in der spanischsprachigen Literatur.
Auf YouTube ist ein interessantes Interview für das spanische Fernsehen aus dem Jahr 1977 veröffentlicht:
http://www.youtube.com/wa...
Auch für diejenigen, die kein Spanisch verstehen, ist es interessant die Mimik, Gestik und Art des Sprechens Onettis zu erleben.
Er war ein wirklich skurriler Kauz.
Ein großer Künstler
Grüße
Juan
Alles nimmt ein schlechtes Ende, und was kein schlechtes Ende nimmt, nimmt auch ein schlechtes Ende.
Nennen Sie mir eine einzige Geschichte, die einen guten, einen halbwegs guten Ausgang nimmt. Ich kenne keine einzige. Dass keine einzige von Menschen erzählte Geschichte des Menschen, nicht eine einzige, einen guten, einen halbwegs guten Ausgang nimmt, ist in der menschlichen Urgeschichte von dem Fall des Menschen, wie sie Genesis 3 erzählt, angelegt. Der Mensch ist ein zutiefst Gefallener, wie sollte er in der Lage sein, eine gute, eine halbwegs gute Geschichte, das heißt, eine Geschichte, die einen guten, einen halbwegs guten Ausgang nimmt, erzählen können. Wie sollte ein menschlich Gefallener der menschliche Gegenstand von etwas Gutem werden oder sein können? Wie? Wie sollte von einem Wesen, dessen unablässiges Trachten Tag und Nacht und Nacht und Tag auf Übles und Böses, auf Böses und Übles, aus ist, auch nur das winzigste Bisschen von Gutem kommen? Wie? Oder glauben Sie etwa die haarsträubenden Lügen einer so genannten Aufklärung? Einer so genannten Renaissance? Eines so genannten Humanismus? Diese eigenmächtigen Ideologien stellen den Menschen in die Mitte, von der er abgefallen ist. Damit stellen sie ihn an den Rand, in ein Abseits. Von diesem Abseits, in dem der Mensch als ein Gefallener steht, berichten und erzählen alle guten und lesenswerten Geschichten, auch diejenigen Onettis. Der kalte erzählerische Kosmos, welcher in Onettis Werk aufgespannt wird und der Ihnen nur eine leise Erwähnung wert ist, ist Ausdruck einer literarischen Fähigkeit, die Welt als eine solche beschreiben zu können, die den Charakter ihrer Gefallenheit an keinem einzigen Elemente ihrer ereignishaften Äußerungen verleugnen kann. Onettis Werke muss nicht durch einen literarischen Analphabetismus attestiert werden, dass es eine geballte Streitmacht großer Neinsager in seinem Rücken habe. Was soll der Ausdruck, eine geballte Streitmacht großer Neinsager in seinem Rücken zu haben, in diesem literarischen Zusammenhange überhaupt besagen? Was hilft eine geballteste Streitmacht, deren Kraft nur in einem Nein-Sagen besteht? Und zu wem soll diese aufgerufene geballte Streitmacht großer Nein-Sager denn Nein sagen? Zu sich selber? Zu der Welt? Zu den Übeln und zu dem Bösen in dieser Welt? Zu dem Guten, das in ihr vergebens gesucht wird? Baudelaire, Rimbaud, Flaubert, Céline, alle Literaten, insofern sie Literaten sind, müssen zu einer Welt, in der der Mensch nicht leben kann, Nein sagen. Ihr Nein-Sagen macht sie aber nicht zu einer geballten Streitmacht wider das Böse in dieser Welt, vielmehr ist ihr Nein-Sagen zu dieser Welt Ausdruck ihres Mitleidens an dieser Welt, zu der nur ein apodiktisches Nein gesagt werden kann, will man sich nicht mitschuldig an den Geschehnissen in ihr machen.
Das Motiv des schlechten Endes ist immer relativ.
Es gibt kaum ein stärkeres Bild der menschlichen Würde, als dass des endlichen Untergangs der Existenz.
Erst im Staub der Apokalypse wird der Sinn des Lebens und des Bewusstseins deutlich.
Die Kunst ist nichts anderes als das Deuten auf den Unterschied zwischen Sein und Nichtseisn.
Jose
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