Italien Zu schön für G 8

Beinahe wäre die Insel La Maddalena vor der Küste Sardiniens weltberühmt geworden. Doch dann verlegte Silvio Berlusconi das Gipfeltreffen in die Abruzzen. Was seine Gäste verpassen

Man könnte Barack Obama und den anderen wenigstens eine Kiste Ichnusa-Bier in die Abruzzen schicken. Als Trostpflaster von der Insel La Maddalena, Bier statt Meer. Das Problem mit Ichnusa ist nur, dass es außerhalb von Sardinien fürchterlich schmeckt, wie spremuta di orzo, frisch ausgepresste Gerste oder Schlimmeres, jedenfalls nicht wie Bier. Vielleicht schmeckt es auch schon merkwürdig, wenn man nicht mehr auf einem der Rattansessel im Café degli Artisti von La Maddalena sitzt, mit Blick auf den Bootshafen und die errötende Abendsonne dahinter. Hier allerdings tut man auch besser daran, es zu mögen. Denn fragt man nach einem anderen italienischen Bier, legt der Kellner die Stirn in Falten, um ernst zu verbessern: »Ichnusa ist nicht italienisch. Ichnusa ist ein sardisches Bier.«

Daher ja auch der Name. »Hyknusa« haben die alten Griechen Sardinien genannt. Die große Insel vor Italiens Westküste war schon damals weithin bekannt. La Maddalena vor der Küste Sardiniens in Richtung Korsika dagegen kennt bis heute kaum jemand. Fast hätte sich das mit einem Schlag geändert. Das Archipel aus sieben großen und 62 kleinen, ja winzigen Inseln war ausersehen, Ort des G-8-Gipfeltreffens vom 8. bis 10. Juli zu sein. Der US-Präsident, Angela Merkel und die anderen Regierungschefs sollten in aller Abgeschiedenheit Wege aus der Wirtschaftskrise suchen und am Abend vielleicht gemeinsam Ichnusa trinken.

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Das werden sie nun aber nicht tun dürfen. So hat es ihr Gastgeber Silvio Berlusconi Mitte April quasi über Nacht beschlossen, nach Jahren des Planens und Bauens, nach Investitionen von 300 Millionen Euro. Dem versierten Fernsehmann war aufgefallen, dass die Kulisse nicht mehr passte. »La Maddalena ist einer der schönsten Flecken der Erde«, sagte Berlusconi. Und gerade deshalb als Austragungsort »nicht mehr angemessen«. Man stelle sich die Bilder vor: die Welt in der Krise und die Mächtigen in einem Ambiente, das verdächtig nach Luxusurlaub aussieht. Sie hätten im eigens für sie gebauten Fünfsternehotel gewohnt, in Suiten, die der Kenzo-Chefdesigner Antonio Marras für sie eingerichtet hätte, mit Blick auf das kristallklare Wasser des Tyrrhenischen Meeres und die verstreuten Inselfelsen. Stattdessen müssen sie nun nach L’Aquila in den Abruzzen. Die Stadt wurde am 6. April von einem Erdbeben zerstört. Die Bewohner leben seitdem in Zeltstädten außerhalb. Die Regierungschefs werden in einer Kaserne untergebracht. Rundherum eine Trümmerlandschaft. Sparta statt Eden, das verstehen im Moment alle, das liefert die richtigen Bilder. So hat La Maddalena zum Trost immerhin einen einzigartigen Status: Es wurde offiziell für zu schön erklärt. Grund genug, sich einmal anzuschauen, was genau hier denn so schön ist.

Der Hauptort von La Maddalena liegt auf der Insel La Maddalena und heißt La Maddalena. Er ist mit seinen 13000 Einwohnern nicht viel mehr als ein großes Dorf, das nach zwei Tagen jeden Fremden grüßt. Ein heiteres Dorf mit einer Kirche, einem Denkmal, dem Hafen und einer Markthalle, in der sonnenpralle Aprikosen verkauft werden. Mit vielen Treppen, bunten Häusern und Wäscheleinen zwischen den schmiedeeisernen Balkonen. Die alten Frauen hängen Papiertüten an ihre Haustüren für Briefe und Brot. Durch die Gassen streifen Polizisten in stets frisch gebügelter Uniform, im Sommer mit Kurzarmhemd. Dass sie mit Schlagstock und Schild auf Globalisierungsgegner eindreschen könnten – undenkbar.

Es gibt einen kanariengelben Schulbus, auf dem in Schreibschrift »Scuolabus« steht. Er holt La Maddalenas Kinder frühmorgens ab und bringt sie mittags pünktlich nach Hause. Dann riecht es überall nach gegrilltem Fisch und nach dem Knoblauch der Tomatensauce. Die beiden streunenden Hunde im Dorf erwachen jetzt, strecken sich und trotten mit gesenktem Kopf im Schatten der Häuser entlang, immer der Nase nach.

Der größte Laden von La Maddalena heißt Magazzini Bancarotta. Was ja auch nicht schlecht gepasst hätte in diese Zeiten. Die Bancarottas sind indes kein bisschen bankrott, sondern eingesessene Insulaner. In den wunderbar altmodischen Holzregalen ihres labyrinthischen Handelshauses lagern Hemden und Blusen, Polos und Shorts, außerdem Knöpfe, Strümpfe, Hüte. Um die Ecke betreibt die Familie noch eine Filiale, die verspricht: »Alles für das Fest«. Also Lampions, Girlanden, Pappteller mit Spiderman-Druck.

Zum G-8-Gipfel haben sich die Bancarottas wie alle hier reißenden Umsatz versprochen. Aber das größte Fest wurde ja verlegt, und La Maddalena fühlt sich sedotta e abbandonata, verführt und verlassen. Wie bestellt und nicht abgeholt. Trotzdem sind die Leute nicht wütend. Eher resigniert. Sie hadern so wortkarg, wie in Italien nur die Sarden wortkarg sein können. »Mit uns kann man es ja machen.« Als die Gipfelverlegung bekannt wurde, haben sie sogar ein bisschen demonstriert. 2000 Menschen versammelten sich gemächlich auf dem Hafenplatz. Das sei gut für das Gemeinschaftsgefühl gewesen, sagen sie heute. Von der Aktion zeugt noch ein Stofffetzen an einem Laternenpfahl, auf dem steht: »Der G8 ist weg. Jetzt haltet eure Versprechen!«

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