Medizin Insulinschock

Das millionenfach gespritzte Analoginsulin Lantus steht im Verdacht, das Wachstum von Krebszellen anzuregen

»Die Patienten tun mir leid, die werden sich mit Recht Sorgen machen«, sagte Peter Sawicki, nachdem Ende vergangener Woche Gerüchte über das künstliche Insulin Glargin (Handelsname Lantus) den Börsenkurs des Herstellers Sanofi-Aventis hatten einbrechen lassen. Das Fachblatt Diabetologia hatte vier Studien aus England, Schottland, Schweden und Deutschland vorzeitig veröffentlicht. Drei davon nähren den Verdacht, Glargin steigere die Zahl der Krebserkrankungen unter Diabetikern.

Glargin und Krebs, diese Kombination beobachten Experten schon seit neun Jahren argwöhnisch. Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig), sah seine ärgsten Befürchtungen bestätigt: »Das ist nicht gut für die Patienten.«

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Weil keine aussagekräftigen Großstudien zum Thema existierten, war das Iqwig erstmals selbst in die Rolle des Forschungsinstitutes geschlüpft. »Solche Untersuchungen sind ja eigentlich nicht die Aufgabe des Institutes«, begründet Sawicki die Ausnahme, »nur diese Fragestellung, die ja schon lange im Raum stand, ist natürlich für unsere Aufträge von Bedeutung.« Also nahm das Institut seinen Generalauftrag wahr, den Nutzen von Medikamenten zu eruieren, setzte sich selbst auf die Fährte und wertete einen wahren Datenschatz aus: Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) rückten für das Iqwig Behandlungsdetails von 127031 Typ-II-Diabetikern heraus, die jeweils eine von vier verschiedenen Insulin-Varianten benutzt hatten.

Die Ergebnisse führen in eine komplizierte und unübersichtliche Gemengelage, die dauerhaften Streit heraufbeschwört. Schon gleich nach den ersten Medienberichten protestierte der Glargin-Hersteller Sanofi-Aventis gegen die Berichterstattung in den ARD -Tagesthemen und monierte, dass das Iqwig Patienten in »unvertretbarer Weise« verunsichere.

Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse eindeutig. Verglichen mit Patienten, die Humaninsulin erhalten hatten, fielen unter Patienten, denen im Durchschnitt 10 Glargin-Einheiten verordnet worden waren, in eineinhalb Jahren etwa 4 Krebserkrankungen mehr pro 1000 Patienten auf (bei 50 Einheiten waren es 13 Krebsfälle pro 1000 Patienten). Der genauere Blick offenbart grundsätzliche Einschränkungen: Es handelt sich um eine Zunahme von Krebsdiagnosen, nicht um eine Zunahme von Todesfällen.

Zudem beweist die retrospektiv erhobene Zunahme von Krebsdiagnosen nicht, dass das Medikament die Krebsfälle tatsächlich gefördert hat. Solche Aussagen lassen sich schwer treffen, weil viele Störfaktoren zu berücksichtigen sind. So ist zum Beispiel bekannt, dass bei Diabetikern und Insulin-Nutzern allgemein häufiger Brust- und Dickdarmkrebs auftreten und dass Übergewicht (ein hoher Body-Mass-Index) und Brustkrebs miteinander korrelieren. Hatten vielleicht übergewichtige Menschen häufiger Glargin verschrieben bekommen?

»Warum sollte ein Patient mit Glargin häufiger übergewichtig gewesen sein?«, fragt Peter Sawicki zurück – geprüft hat er die wichtige Frage nicht. Der besorgte Leiter des Iqwig gesteht viele Unwägbarkeiten ein. »Ja, wir hätten lieber den Body-Mass-Index der Patienten gehabt«, sagt er, »wir müssen uns die Sterblichkeit noch einmal genau anschauen.« So liest sich die offizielle Verlautbarung des Iqwig etwas zurückhaltender als die spontanen Kommentare seines Leiters: »Es könnte also sein, dass nicht Glargin, sondern andere, noch unbekannte Faktoren die Ursache des höheren Risikos sind.«

Leser-Kommentare
  1. Wie sieht es mit dem Krebsrisiko bei Levemir aus?

    • hanni5
    • 01.07.2009 um 14:25 Uhr

    Mhh? Sicherlich wichtige Ergebnisse, die geprüft werden müssen. Aber...

    Zitat "»Warum sollte ein Patient mit Glargin häufiger übergewichtig gewesen sein?«, fragt Peter Sawicki zurück – geprüft hat er die wichtige Frage nicht."
    ...glauben heißt nicht wissen! Jede andere Studie hätte Herr Sawicki zerissen ;-) Was ich aber noch interessanter finde- warum wird nicht erwähnt, das die erhöhte Anzahl von Krebsfällen nur auffällt, wenn dosisabhängig verglichen wird. Bei einem Gesamtvergleich gibt es für Glargin weniger Krebsfälle- weil Glargin wohl in geringerer Dosis verabreicht wird. Also sollte die Hauptaussage bis zu weiteren Ergebnissen wohl sein: möglichst geringe Dosen zu verabreichen!

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    So ein Quatsch. Dann kann man Glargin auch direkt ganz absetzen, denn wie sollen denn die hohen Blutzuckerwerte wieder ins Gleichgewicht kommen, wenn die Dosis verringert wurde? Der Patient müsste ständig seine Werte ausgleichen, was zum einen dazu führt, dass durch die Schwankungen der Hba1 Wert steigt, was Folgeschäden verursacht, und zum anderen müsste er wohl ziemlich häufig nach korrigieren.
    Also eine unverwertbare Aussage!

    So ein Quatsch. Dann kann man Glargin auch direkt ganz absetzen, denn wie sollen denn die hohen Blutzuckerwerte wieder ins Gleichgewicht kommen, wenn die Dosis verringert wurde? Der Patient müsste ständig seine Werte ausgleichen, was zum einen dazu führt, dass durch die Schwankungen der Hba1 Wert steigt, was Folgeschäden verursacht, und zum anderen müsste er wohl ziemlich häufig nach korrigieren.
    Also eine unverwertbare Aussage!

  2. Vielleicht können wir nun doch dankbar sein, dass die Firma Aventis-Hoechst sich heute nicht mehr in deutschen Händen befindet.

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    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:35 Uhr

    Bedenkt man, was in Deutschland alles erfunden wurde, wären wir vielleicht bereits viel weiter. Aber die Hauptsache gut sein und das böse Geschäft den anderen überlassen. Die Betroffenen interessieren da sowieso eher weniger.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:35 Uhr

    Bedenkt man, was in Deutschland alles erfunden wurde, wären wir vielleicht bereits viel weiter. Aber die Hauptsache gut sein und das böse Geschäft den anderen überlassen. Die Betroffenen interessieren da sowieso eher weniger.

  3. ... auch heute noch!
    Mir wurde vom Diabetologen ein Analog-Insulin aufgedrängt - leider gab es keinen Arzt in der Nähe, mit dem ich beim Humaninsulin hätte bleiben können. Dass ein Arzt seinem Patienten eine eigene Meinung und Verantwortung zugesteht ist offenbar selten! Und was soll ich bei einem Arzt, mit dem mich eine innige Meinungsverschiedenheit verbindet?! - Also gab ich nach und freue mich nun auf den Umzug in eine urbanere Gegend wo ich hoffentlich eine/n Diabetologin/en finde, die/der auch Humaninsulin akzeptiert.

    Eigentlich ist es doch unfassbar dass sich in einem Bereich, in dem Wettbewerb politisch gewollt und gefördert wird, das viel teurere Produkt durchsetzt. Da ist doch was faul! Natürlich ist der Nutzen für die Gesundheit ein sehr wichtiges Kriterium, aber in diesem Fall muss man sich fragen, von wem der definiert und gemessen wird...

    Und am Ende hat dann doch wieder niemand was gewusst.
    Das Risiko tragen allein die Patienten. Dann sollten die Patienten auch selbst entscheiden können. Für manche ist das Allerneueste immer das Allerbeste, für andere eben nicht!

    • Seckel
    • 01.07.2009 um 21:35 Uhr

    Immerhin zu bedenken gilt es, dass Typ 2-Diabetiker grundsätzlich anders erkrankt sind als diejenigen mit zerstörten Inselzellen, die keinerlei körpereigenes Insulin mehr produzieren. Als medizinischer Laie fragt man sich dann schon, weshalb Patienten Medikamente wie insbesondere extrem teure Analoginsuline konsumieren, ohne die jeweilige Erkrankung entwickelt zu haben und dadurch die Allgemeinheit vorsätzlich immens schädigen. Es nimmt daher nicht Wunder, wenn solcher Vorsatz auf die Konsumenten aufgrund stets wirksamer ökonomisch-gesellschaftlicher Mechanismen zurückschlägt und unter ihnen mindestens die Morbiditätsrate steil ansteigt. Umgangssprachlich gesagt: Gegen Dummheit war noch nie ein Kraut gewachsen.

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    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:32 Uhr

    Erklären Sie mir mal, wieso Sie sich als medizinischer Laie anmaßen, anderen vorsätzliche Schädigung der Allgemeinheit vorzuwerfen. Und dann das Wort konsumieren benutzen. Glauben Sie das Zeug ist so angenehm wie Gummibärchen? Und für Typ 2 gibt es auch Tabletten. Manche vertragen die wiederum nicht und eine Unterzuckerung kann plötzlich und auch viel später nach der Einnahme auftreten. Da kann eine Therapie mit Humaninsulin viel angenehmer sein.

    Wenn Sie sich trauen, verordnen Sie doch denjenigen eine andere Therapie im Sinne der Allgemeinheit. Sie müssen aber auch die Verantwortung des Fehlschlags übernehmen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:32 Uhr

    Erklären Sie mir mal, wieso Sie sich als medizinischer Laie anmaßen, anderen vorsätzliche Schädigung der Allgemeinheit vorzuwerfen. Und dann das Wort konsumieren benutzen. Glauben Sie das Zeug ist so angenehm wie Gummibärchen? Und für Typ 2 gibt es auch Tabletten. Manche vertragen die wiederum nicht und eine Unterzuckerung kann plötzlich und auch viel später nach der Einnahme auftreten. Da kann eine Therapie mit Humaninsulin viel angenehmer sein.

    Wenn Sie sich trauen, verordnen Sie doch denjenigen eine andere Therapie im Sinne der Allgemeinheit. Sie müssen aber auch die Verantwortung des Fehlschlags übernehmen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:19 Uhr

    Natürlich angeregt durch eine Auffassung die zu ihrer Begründung Feindbilder braucht. Ärzte, Industrie usw....

    Entscheidend ist die Wirkung des verwendeten Insulins. Humaninsulin wirkt langsamer. Es ist also vorteilhaft, wenn man geregelte Mittagszeiten hat und das Essen mit Sicherhait auf dem Tisch steht. Deswegen der fühere Spruch: Als Diabetiker ist man am besten Beamter.

    Hat man diese Bedingungen nicht, spritzt zu früh, droht die Unterzuckerung, spritzt man zu spät, wirkt es, wenn das Essen verdaut ist. Man muss also wieder essen.

    Die ganze Diskussion lief aber schon einmal, als die gesetzlichen Kassen das künstliche Insulin nicht meht bezahlen wollten. Maßstab war da der Mensch mit geregelten Arbeitszeiten und institutionellem Recht zur Pause. Bitte mehr Recherche, liebe Zeit. Jeder Diabetes kann anders verlaufen und es gibt sogar Mischformen zwischen TYP 1 und Typ2.

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    einiges ganz entscheident!

    Das im Artikel beschriebene Lantus - Insulin, deckt den körperlichen Grundumsatz ab, wird nur einmal alle 24 Stunden gespritzt und hat nichts mit den täglichen Mahlzeiten zu tun.

    Was Sie beschreiben ("Humaninsulin wirkt langsamer. Es ist also vorteilhaft, wenn man geregelte Mittagszeiten hat und das Essen mit Sicherhait auf dem Tisch steht") betrifft das schnellwirkende Alt-Insulin (z.B. Humalog), welches vor einer Mahlzeit entsprechend der vorhandenen Kohlehydraten gespritzt werden muss.
    Dies ist die sog. intensivierte Therapie, mit der Diabetiker mittlerweile völlig frei, fast wie ein Nichtdiabetiker, ihre Mahlzeiten unabhängig von der Tageszeit und (fast) unabhängig von der Kohlehydratmenge zu sich nehmen können.

    Eine Unterzuckerung droht ebenfalls (fast) nur durch zu viel Alt - Insulin, beim Lantus (= Basisinsulin) muss man schon erhebliche Mehrmengen spritzen, um öfters im niedrigen Blutzzucker - Bereich zu landen.

    einiges ganz entscheident!

    Das im Artikel beschriebene Lantus - Insulin, deckt den körperlichen Grundumsatz ab, wird nur einmal alle 24 Stunden gespritzt und hat nichts mit den täglichen Mahlzeiten zu tun.

    Was Sie beschreiben ("Humaninsulin wirkt langsamer. Es ist also vorteilhaft, wenn man geregelte Mittagszeiten hat und das Essen mit Sicherhait auf dem Tisch steht") betrifft das schnellwirkende Alt-Insulin (z.B. Humalog), welches vor einer Mahlzeit entsprechend der vorhandenen Kohlehydraten gespritzt werden muss.
    Dies ist die sog. intensivierte Therapie, mit der Diabetiker mittlerweile völlig frei, fast wie ein Nichtdiabetiker, ihre Mahlzeiten unabhängig von der Tageszeit und (fast) unabhängig von der Kohlehydratmenge zu sich nehmen können.

    Eine Unterzuckerung droht ebenfalls (fast) nur durch zu viel Alt - Insulin, beim Lantus (= Basisinsulin) muss man schon erhebliche Mehrmengen spritzen, um öfters im niedrigen Blutzzucker - Bereich zu landen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:32 Uhr

    Erklären Sie mir mal, wieso Sie sich als medizinischer Laie anmaßen, anderen vorsätzliche Schädigung der Allgemeinheit vorzuwerfen. Und dann das Wort konsumieren benutzen. Glauben Sie das Zeug ist so angenehm wie Gummibärchen? Und für Typ 2 gibt es auch Tabletten. Manche vertragen die wiederum nicht und eine Unterzuckerung kann plötzlich und auch viel später nach der Einnahme auftreten. Da kann eine Therapie mit Humaninsulin viel angenehmer sein.

    Wenn Sie sich trauen, verordnen Sie doch denjenigen eine andere Therapie im Sinne der Allgemeinheit. Sie müssen aber auch die Verantwortung des Fehlschlags übernehmen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:35 Uhr

    Bedenkt man, was in Deutschland alles erfunden wurde, wären wir vielleicht bereits viel weiter. Aber die Hauptsache gut sein und das böse Geschäft den anderen überlassen. Die Betroffenen interessieren da sowieso eher weniger.

    Antwort auf "Lantus-Hersteller"

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