Medizin InsulinschockSeite 2/2

Dass die Sorge des Institutsleiters dennoch nicht von der Hand zu weisen ist, ergibt sich aus zwei der anderen drei Diabetologia-Studien und vielen Laboruntersuchungen. Bei den künstlichen, leicht veränderten Designerinsulinen ist im Vergleich mit dem Humaninsulin die Abfolge der Bausteine an bestimmten Stellen verändert. Diese Modifikationen können die sonst segensreiche Wirkung des Hormons radikal verändern. Schon das normale Insulin ähnelt in seiner Struktur dem körpereigenen Wachstumsfaktor IGF-1, der unter anderem Krebszellen beschleunigt wachsen lässt. Das Designerinsulin Glargin zeigte im Deutschen Krebsforschungszentrum im Zellkulturversuch seine Potenz als Brandbeschleuniger unter Krebszellen. Und schon im Jahr 1992 ließen Forscher mit einem experimentellen Designerinsulin (namens B10Asp) bei Ratten Brustkrebszellen wuchern – die Affinität von Glargin zum IGF1 ist nur wenig geringer.

Das passt zu den Befunden in der gerade veröffentlichten Studie von der Sahlgrenska Academy im schwedischen Göteborg. Dort waren doppelt so häufig Brustkrebsfälle unter den Glargin-Nutzern aufgetreten. Auch die schottische Studie fand mehr Brustkrebsfälle. In der deutschen Auswertung der AOK-Zahlen war nicht nach dem Auftreten unterschiedlicher Krebsarten differenziert worden – das gaben die Krankenkassendaten nicht her. Die vierte Diabetologia - Studie, jene aus England, deutet hingegen auf keine Verbindung zwischen Glargin und besonders vielen Krebsfällen hin. Vorläufig und mit allen Einschränkungen steht es also drei zu eins gegen das Designerinsulin.

Trotz langjähriger Verdachtsmomente ist die Substanz mit dem Handelsnamen Lantus ein pharmazeutischer Renner und das zweitwichtigste Produkt von Sanofi-Aventis. 2,45 Milliarden Euro Umsatz erzielte der Konzern 2008 weltweit damit. Das Produkt ist 35 bis 60 Prozent teurer als vergleichbare Humaninsuline. Allein in Deutschland injizieren sich 400000 Menschen täglich Glargin unter die Haut. Nur einmal – das ist der Vorteil des Langzeitinsulins. Patienten, die Humaninsulin benutzen, müssen zweimal täglich die hauchdünne Kanüle ansetzen, sozusagen als Grundmedikation. Denn in beiden Gruppen kommt zu jeder Mahlzeit eine weitere Spritze dazu. Täglich also vier anstelle von fünf Piksern, dieser Unterschied mag marginal erscheinen, aber Diabetiker sind dankbar für 365 Einstiche im Jahr weniger. Besonders Kinderärzte betonen, dass bei Jugendlichen schon ein Stich weniger darüber entscheiden kann, ob sie die Therapie einhalten oder nicht.

Darüber hinaus preist der Hersteller einen weiteren Vorteil seiner Glargin-Therapie an: Es komme seltener zu nächtlichen Unterzuckerungen. Peter Sawicki lässt das Argument nicht gelten, es beziehe sich auf eine Therapieform, die nur in angelsächsischen Ländern üblich sei. In Deutschland hingegen drohe keine nächtliche Unterzuckerung. Im Endeffekt steht für ihn das Vermeiden einer Injektion pro Tag einem unwägbaren Risiko gegenüber.

Normalerweise sollte die Beurteilung von Pharmaprodukten möglichst neutral erfolgen. Peter Sawicki ist jedoch nicht nur Leiter des Iqwig, sondern als Diabetologe und Autor der in Diabetologia veröffentlichten Studie parteiisch. Er agiert in eigener Sache mit Verve gegen die Diabetes-Industrie, die teure Ärztereisen finanziere. »Ich bin gerade zurückgeflogen aus den Staaten, das halbe Flugzeug war voller Diabetologen vom Kongress aus New Orleans.« Er erinnert sich an seine Zeit als Chefarzt: »Wir haben keine Analoga verwendet.« Trotzdem habe auch er wieder den Druck verspürt, den die Pharmaindustrie indirekt auf ihn ausgeübt habe. Der Hebel seien erhebliche Rabatte der Insulinanaloga-Hersteller an die Verwaltungsdirektoren von Krankenhäusern. »Dann geht der Patient damit zu seinem Hausarzt und sagt: Der Professor hat mir das gegeben, das will ich weiter haben.«

Sanofi-Aventis weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Man gewähre »branchenübliche Rabatte im Rahmen der gesetzlichen Regelungen«, und es läge eine 5-Jahres-Sicherheitsstudie vor, die zeige, dass die bösartigen Veränderungen von Zellgewebe unter Glargin sogar geringer gewesen seien als unter Humaninsulin.

Den Schiedsrichter müssen jetzt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und die europäische Arzneimittelzulassungsbehörde EMEA spielen. Ulrich Hagemann vom BfArM sagt: »Wir nehmen die Befunde sehr ernst.« Aber das Institut empfiehlt zurzeit keinen Wechsel des Medikaments. In Zukunft könnten die amtlichen Aufseher zum Beispiel entscheiden, dass Glargin nicht mehr an Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko gegeben werden dürfe. Die Herausgeber von Diabetologia appellieren einstweilen an alle Diabetiker: Nicht einfach die Medikamente absetzen! Immer vorher mit dem Arzt sprechen! Sie betonen jedoch auch, dass es für besorgte Diabetiker immer »eine Option« gebe, den Umstieg auf Humaninsulin.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie sieht es mit dem Krebsrisiko bei Levemir aus?

    • hanni5
    • 01.07.2009 um 14:25 Uhr

    Mhh? Sicherlich wichtige Ergebnisse, die geprüft werden müssen. Aber...

    Zitat "»Warum sollte ein Patient mit Glargin häufiger übergewichtig gewesen sein?«, fragt Peter Sawicki zurück – geprüft hat er die wichtige Frage nicht."
    ...glauben heißt nicht wissen! Jede andere Studie hätte Herr Sawicki zerissen ;-) Was ich aber noch interessanter finde- warum wird nicht erwähnt, das die erhöhte Anzahl von Krebsfällen nur auffällt, wenn dosisabhängig verglichen wird. Bei einem Gesamtvergleich gibt es für Glargin weniger Krebsfälle- weil Glargin wohl in geringerer Dosis verabreicht wird. Also sollte die Hauptaussage bis zu weiteren Ergebnissen wohl sein: möglichst geringe Dosen zu verabreichen!

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    So ein Quatsch. Dann kann man Glargin auch direkt ganz absetzen, denn wie sollen denn die hohen Blutzuckerwerte wieder ins Gleichgewicht kommen, wenn die Dosis verringert wurde? Der Patient müsste ständig seine Werte ausgleichen, was zum einen dazu führt, dass durch die Schwankungen der Hba1 Wert steigt, was Folgeschäden verursacht, und zum anderen müsste er wohl ziemlich häufig nach korrigieren.
    Also eine unverwertbare Aussage!

    So ein Quatsch. Dann kann man Glargin auch direkt ganz absetzen, denn wie sollen denn die hohen Blutzuckerwerte wieder ins Gleichgewicht kommen, wenn die Dosis verringert wurde? Der Patient müsste ständig seine Werte ausgleichen, was zum einen dazu führt, dass durch die Schwankungen der Hba1 Wert steigt, was Folgeschäden verursacht, und zum anderen müsste er wohl ziemlich häufig nach korrigieren.
    Also eine unverwertbare Aussage!

  2. Vielleicht können wir nun doch dankbar sein, dass die Firma Aventis-Hoechst sich heute nicht mehr in deutschen Händen befindet.

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    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:35 Uhr

    Bedenkt man, was in Deutschland alles erfunden wurde, wären wir vielleicht bereits viel weiter. Aber die Hauptsache gut sein und das böse Geschäft den anderen überlassen. Die Betroffenen interessieren da sowieso eher weniger.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:35 Uhr

    Bedenkt man, was in Deutschland alles erfunden wurde, wären wir vielleicht bereits viel weiter. Aber die Hauptsache gut sein und das böse Geschäft den anderen überlassen. Die Betroffenen interessieren da sowieso eher weniger.

  3. ... auch heute noch!
    Mir wurde vom Diabetologen ein Analog-Insulin aufgedrängt - leider gab es keinen Arzt in der Nähe, mit dem ich beim Humaninsulin hätte bleiben können. Dass ein Arzt seinem Patienten eine eigene Meinung und Verantwortung zugesteht ist offenbar selten! Und was soll ich bei einem Arzt, mit dem mich eine innige Meinungsverschiedenheit verbindet?! - Also gab ich nach und freue mich nun auf den Umzug in eine urbanere Gegend wo ich hoffentlich eine/n Diabetologin/en finde, die/der auch Humaninsulin akzeptiert.

    Eigentlich ist es doch unfassbar dass sich in einem Bereich, in dem Wettbewerb politisch gewollt und gefördert wird, das viel teurere Produkt durchsetzt. Da ist doch was faul! Natürlich ist der Nutzen für die Gesundheit ein sehr wichtiges Kriterium, aber in diesem Fall muss man sich fragen, von wem der definiert und gemessen wird...

    Und am Ende hat dann doch wieder niemand was gewusst.
    Das Risiko tragen allein die Patienten. Dann sollten die Patienten auch selbst entscheiden können. Für manche ist das Allerneueste immer das Allerbeste, für andere eben nicht!

    • Seckel
    • 01.07.2009 um 21:35 Uhr

    Immerhin zu bedenken gilt es, dass Typ 2-Diabetiker grundsätzlich anders erkrankt sind als diejenigen mit zerstörten Inselzellen, die keinerlei körpereigenes Insulin mehr produzieren. Als medizinischer Laie fragt man sich dann schon, weshalb Patienten Medikamente wie insbesondere extrem teure Analoginsuline konsumieren, ohne die jeweilige Erkrankung entwickelt zu haben und dadurch die Allgemeinheit vorsätzlich immens schädigen. Es nimmt daher nicht Wunder, wenn solcher Vorsatz auf die Konsumenten aufgrund stets wirksamer ökonomisch-gesellschaftlicher Mechanismen zurückschlägt und unter ihnen mindestens die Morbiditätsrate steil ansteigt. Umgangssprachlich gesagt: Gegen Dummheit war noch nie ein Kraut gewachsen.

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    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:32 Uhr

    Erklären Sie mir mal, wieso Sie sich als medizinischer Laie anmaßen, anderen vorsätzliche Schädigung der Allgemeinheit vorzuwerfen. Und dann das Wort konsumieren benutzen. Glauben Sie das Zeug ist so angenehm wie Gummibärchen? Und für Typ 2 gibt es auch Tabletten. Manche vertragen die wiederum nicht und eine Unterzuckerung kann plötzlich und auch viel später nach der Einnahme auftreten. Da kann eine Therapie mit Humaninsulin viel angenehmer sein.

    Wenn Sie sich trauen, verordnen Sie doch denjenigen eine andere Therapie im Sinne der Allgemeinheit. Sie müssen aber auch die Verantwortung des Fehlschlags übernehmen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:32 Uhr

    Erklären Sie mir mal, wieso Sie sich als medizinischer Laie anmaßen, anderen vorsätzliche Schädigung der Allgemeinheit vorzuwerfen. Und dann das Wort konsumieren benutzen. Glauben Sie das Zeug ist so angenehm wie Gummibärchen? Und für Typ 2 gibt es auch Tabletten. Manche vertragen die wiederum nicht und eine Unterzuckerung kann plötzlich und auch viel später nach der Einnahme auftreten. Da kann eine Therapie mit Humaninsulin viel angenehmer sein.

    Wenn Sie sich trauen, verordnen Sie doch denjenigen eine andere Therapie im Sinne der Allgemeinheit. Sie müssen aber auch die Verantwortung des Fehlschlags übernehmen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:19 Uhr

    Natürlich angeregt durch eine Auffassung die zu ihrer Begründung Feindbilder braucht. Ärzte, Industrie usw....

    Entscheidend ist die Wirkung des verwendeten Insulins. Humaninsulin wirkt langsamer. Es ist also vorteilhaft, wenn man geregelte Mittagszeiten hat und das Essen mit Sicherhait auf dem Tisch steht. Deswegen der fühere Spruch: Als Diabetiker ist man am besten Beamter.

    Hat man diese Bedingungen nicht, spritzt zu früh, droht die Unterzuckerung, spritzt man zu spät, wirkt es, wenn das Essen verdaut ist. Man muss also wieder essen.

    Die ganze Diskussion lief aber schon einmal, als die gesetzlichen Kassen das künstliche Insulin nicht meht bezahlen wollten. Maßstab war da der Mensch mit geregelten Arbeitszeiten und institutionellem Recht zur Pause. Bitte mehr Recherche, liebe Zeit. Jeder Diabetes kann anders verlaufen und es gibt sogar Mischformen zwischen TYP 1 und Typ2.

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    einiges ganz entscheident!

    Das im Artikel beschriebene Lantus - Insulin, deckt den körperlichen Grundumsatz ab, wird nur einmal alle 24 Stunden gespritzt und hat nichts mit den täglichen Mahlzeiten zu tun.

    Was Sie beschreiben ("Humaninsulin wirkt langsamer. Es ist also vorteilhaft, wenn man geregelte Mittagszeiten hat und das Essen mit Sicherhait auf dem Tisch steht") betrifft das schnellwirkende Alt-Insulin (z.B. Humalog), welches vor einer Mahlzeit entsprechend der vorhandenen Kohlehydraten gespritzt werden muss.
    Dies ist die sog. intensivierte Therapie, mit der Diabetiker mittlerweile völlig frei, fast wie ein Nichtdiabetiker, ihre Mahlzeiten unabhängig von der Tageszeit und (fast) unabhängig von der Kohlehydratmenge zu sich nehmen können.

    Eine Unterzuckerung droht ebenfalls (fast) nur durch zu viel Alt - Insulin, beim Lantus (= Basisinsulin) muss man schon erhebliche Mehrmengen spritzen, um öfters im niedrigen Blutzzucker - Bereich zu landen.

    einiges ganz entscheident!

    Das im Artikel beschriebene Lantus - Insulin, deckt den körperlichen Grundumsatz ab, wird nur einmal alle 24 Stunden gespritzt und hat nichts mit den täglichen Mahlzeiten zu tun.

    Was Sie beschreiben ("Humaninsulin wirkt langsamer. Es ist also vorteilhaft, wenn man geregelte Mittagszeiten hat und das Essen mit Sicherhait auf dem Tisch steht") betrifft das schnellwirkende Alt-Insulin (z.B. Humalog), welches vor einer Mahlzeit entsprechend der vorhandenen Kohlehydraten gespritzt werden muss.
    Dies ist die sog. intensivierte Therapie, mit der Diabetiker mittlerweile völlig frei, fast wie ein Nichtdiabetiker, ihre Mahlzeiten unabhängig von der Tageszeit und (fast) unabhängig von der Kohlehydratmenge zu sich nehmen können.

    Eine Unterzuckerung droht ebenfalls (fast) nur durch zu viel Alt - Insulin, beim Lantus (= Basisinsulin) muss man schon erhebliche Mehrmengen spritzen, um öfters im niedrigen Blutzzucker - Bereich zu landen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:32 Uhr

    Erklären Sie mir mal, wieso Sie sich als medizinischer Laie anmaßen, anderen vorsätzliche Schädigung der Allgemeinheit vorzuwerfen. Und dann das Wort konsumieren benutzen. Glauben Sie das Zeug ist so angenehm wie Gummibärchen? Und für Typ 2 gibt es auch Tabletten. Manche vertragen die wiederum nicht und eine Unterzuckerung kann plötzlich und auch viel später nach der Einnahme auftreten. Da kann eine Therapie mit Humaninsulin viel angenehmer sein.

    Wenn Sie sich trauen, verordnen Sie doch denjenigen eine andere Therapie im Sinne der Allgemeinheit. Sie müssen aber auch die Verantwortung des Fehlschlags übernehmen.

    • TDU
    • 02.07.2009 um 14:35 Uhr

    Bedenkt man, was in Deutschland alles erfunden wurde, wären wir vielleicht bereits viel weiter. Aber die Hauptsache gut sein und das böse Geschäft den anderen überlassen. Die Betroffenen interessieren da sowieso eher weniger.

    Antwort auf "Lantus-Hersteller"

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