Diese Geräusche gehören hier mittlerweile dazu. Wie eine Lästerei hören sie sich an, ein leises, aber unentwegtes Spottlied auf das, was einmal von hier ausgehen sollte. Diese Geräusche sind übrig geblieben von all dem, was man einst, im goldenen Westen der bundesdeutschen Nachkriegszeit – in fernster Vergangenheit also –, für unbedingt modern und zukunftsträchtig zu halten schien. Diese Geräusche, Geisterstadt-Geräusche, bilden heute den alltäglichen Soundtrack der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Es sind die Geräusche, die all jene zahllosen, längst lockeren Betonplatten in der Bepflasterung des Forumsplatzes machen, wenn man auf sie tritt. Sie schwingen dann lange nach und erzeugen dabei diese dumpfen Klänge, die in ihrer symphonischen Fülle den Ortsfremden irritieren und faszinieren. Man hört sie unweigerlich, wenn man das ganz erstaunliche, ganz wunderbare Kunstmuseum der RUB aufsuchen will, das seit seiner Öffnung im Januar 1975 am zentralen Forumsplatz der Campusuniversität untergebracht ist, im dafür niemals vorgesehenen und bis heute völlig untauglichen Gebäude der Universitätsbibliothek. Sie bieten die Ouvertüre zu einem grandiosen Erlebnis, das gleichsam auch eine Wanderung durch die Ruinenlandschaft unserer Antike ist.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Denn alles fügt sich hier, am Forum der Ruhr-Universität, vorzüglich zusammen, zu einer Zeitreise in eine Ära des Aufbruchs und der hoffnungsvollen Utopien, über die wir Postmodernen heute nur staunen können, ungläubig fast, schaudernd, vielleicht aber auch sehnsüchtig. Hier betritt man, sozusagen, eine Krondomäne der alten BRD, mit der verblüffend gewichtigen Sammlung Moderne des universitären Kunstmuseums in ihrem geistigen Zentrum. Diese sentimental journey führt mitten hinein in das Goldene Zeitalter der sechziger Jahre, als die Universität mit der Anmutung einer Trabantenstadt gegründet wurde, errichtet aus dem Formenrepertoire serieller Architektur, die man damals für besonders demokratisch hielt und in der man einen besonders geeigneten Nährboden für den Menschen von morgen sah, der hier ja schließlich gedeihen sollte.

Diesem Menschen wurde hier ein Kunstmuseum in die Wiege gelegt, wie es an keiner anderen Universität Deutschlands in solcher Form und Güte, in solchem Umfang zu finden ist. Als eine universitäre Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst zwischen Alberto Giacometti und Norbert Kricke, Giorgio de Chirico, Cy Twombly und Josef Albers steht die Sammlung Moderne der RUB wirklich einzigartig da. Sogar mit einem Bild von Robert Indiana, mit Seven, kann die Sammlung aufwarten, von dem sonst nur ganz wenige Häuser in Europa Werke besitzen. Das Museum bietet sich dar als eine Oase in der betonfarbenen Bilderwüste der Massenuniversität, auch wenn natürlich die Karawanen der Studierenden meist achtlos an dieser Sensation vorüberziehen; aber welch gebürtiger Pariser steigt schon auf den Eiffelturm? Und diese Sammlung ist zugleich, ganz anders als die ruinösen und sanierungsbedürftigen Bauwerke in ihrer Umgebung, das sinnfälligste, das lebendigste, das eindringlichste Zeugnis jenes utopischen, euphorischen Geists, welcher die Gründung der Ruhr-Universität in Bochum begleitete.

Auch Albert Schulze Vellinghausen, Kunstsammler, Feuilletonist, betont eleganter Homme de Lettres aus den Gründerjahren der BRD, der sich darauf verstand, wie es einmal der soeben verstorbene Günter Busch bemerkte, jederzeit »federnd« aufzutreten, wurde von dieser Euphorie angesteckt. Er hinterließ 1967 der damals erst entstehenden Universität seine höchst zeitgenössische und heterogene Sammlung vorwiegend ungegenständlicher, konkreter und konstruktiver, aber auch informeller Kunst, mit einem Schwerpunkt auf der westlichen Nachkriegsmoderne zwischen New York, Paris und Düsseldorf, zwischen Action Painting und ZERO. Als exquisite Schau- und Lehrsammlung für das Kunsthistorische Institut, das damals von dem nicht minder von der Moderne euphorisierten, für die Moderne euphorisierenden Ordinarius Max Imdahl geleitet wurde. Und als unerlässliche Wegzehrung für den Menschen von morgen, den auch er hier gedeihen zu sehen hoffte: als Einführung, Einübung in die Bildsprache und Formenwelt der internationalen Moderne.

Als eine Verpflichtung auch an die Universität, für eine dauerhafte und angemessene Präsentation wie für die kontinuierliche Erweiterung der Sammlung und ihrer Fortführung ins Heute zu sorgen, durch einen jährlichen Ankaufsetat. Bis weit in die achtziger Jahre hinein wurde die Sammlung dann von Max Imdahl geleitet und im verwandten Geist ausgebaut. Mittlerweile ist sie auf rund 900 Werke angewachsen, von denen in den köstlich improvisierten Räumen natürlich nur ein kleiner Bruchteil gezeigt werden kann. Aber versteht man denn nicht auch die Idee des Theaters gerade dort am besten, wo es nicht im großen schicken Haus, sondern vielleicht in einer Bretterbude, ohne den üblichen Firlefanz, aufgeführt wird, solange nur die Schauspieler richtig gut sind und mitzureißen verstehen?

Den Geist der sechziger Jahre mit seinen Höhen und Tiefen wird man jedenfalls an nicht sehr vielen Orten so gut verstehen und nacherleben können wie hier, im Campusmuseum der RUB, wo die überwiegend von Imdahl und Schulze Vellinghausen zusammengetragene Kunst aus jener Epoche wie eine Hoffnung erscheint, die sich zwar niemals erfüllt hat, aber viel zu schön ist, um zu den Akten gelegt zu werden: die Hoffnung auf eine bessere Welt, die sich erlöst hat in einer bedingungslos angenommenen Moderne. In der Ruhr-Universität Bochum und ihrer erlesenen Sammlung, die einmal zum Ausgangspunkt dieser Erneuerung werden sollte, lässt sich dieser große Augenblick heute besichtigen. Auf einem denkwürdigen Ausflug in unsere Antike.