Klimaforschung Die Klima-Lotsen

Ein neues Servicezentrum in Hamburg verspricht bessere Orientierung im Dschungel oft widersprüchlicher Klimadaten und -prognosen

Das Wetter ändert sich, drum schätzt jeder den Wetterdienst, trotz seiner begrenzt präzisen Prognosen. Das Klima ändert sich, drum wüsste jeder gern, mit welchen Folgen das für ihn einhergeht. Begrenzt präzise Klimaprognosen gibt es zwar reichlich, aber bisher keinen Klimadienst, der Politik, Verwaltung, Wirtschaft oder Öffentlichkeit neutral informierte und vor wichtigen Vorhaben beriete: Was muss man klimatisch wissen, was noch erforschen?

Das soll sich nun ändern. An diesem Donnerstag wird in Hamburg das Climate Service Center (CSC) aus der Taufe gehoben. Forschungsministerin Annette Schavan spendiert im Rahmen der »Hightech-Strategie zum Klimaschutz« der Bundesregierung rund 20 Millionen Euro. Damit sichert sie der 20-köpfigen CSC-Besatzung den Start für fünf Jahre. Ihre Büros findet diese im neuen Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg, einem der größten und modernsten der Welt. Administrativ gehört das CSC zum GKSS-Forschungszentrum Geesthacht in der Helmholtz-Gemeinschaft.

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Den Aufbau des neuen Klimadienstes verantwortete bisher Joachim Krohn, Mitglied der wissenschaftlichen GKSS-Geschäftsführung. Er erklärt das Aufgabenspektrum so: »Das Klimawissen ist in Deutschland über viele Institutionen weit gestreut. Diese Kompetenzen wollen wir in einem Netzwerk zusammenführen.« Tatsächlich ist die Fülle kaum überschaubar: Das Spektrum reicht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung über regionale Klimabüros, Dutzende Universitätsinstitute bis hin zu Geo-, Umwelt-, Polar-, Meeres- und Atmosphärenwissenschaft betreibenden Forschungszentren. Dazu kommen noch Bundes- und Länderanstalten, die sich im Rahmen der Gewässerkunde, Forst-, Land- und Fischereiwissenschaft mit Klimafragen befassen. Solche Forschung ist en vogue, wird aus vielen Quellen gespeist – und produziert Ergebnisse, die sich teils erheblich widersprechen. »In diesem Dschungel soll das CSC anfragenden Kunden als Lotse dienen«, verspricht Krohn.

Das ist verflixt schwierig und wird nicht immer zum Ziel führen. Oft zeigen Klimaszenarien eine große Bandbreite auf, die im unteren Bereich keinen und im oberen Bereich dringenden Handlungsbedarf nahelegt, etwa bei wachsendem Meeresspiegel oder Flusspegel. Konkret könnte etwa eine Stadt anfragen, die wegen Sommerdürren um ihre Wasserversorgung bangt, oder ein Touristikunternehmen, das auf eine positive Entwicklung des Badeklimas an der Ostsee setzt. Reicht das vorhandene Wissen für eine Antwort nicht aus, kann das CSC weitere Forschung beauftragen. »Dafür ist ein großer Teil der Mittel vorgesehen«, sagt Krohn. Außerdem würden vorhandene Daten bewertet, um »mit gebotener Vorsicht die Spreu vom Weizen trennen zu helfen«.

Diesen heiklen Job soll der frisch berufene Leiter des CSC übernehmen, der Belgier Guy Brasseur. Er forschte zuletzt am National Center for Atmospheric Research in Boulder im US-Bundesstaat Colorado, kennt aber auch die europäische Forschungsszene – denn er war Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und Chef des Deutschen Klimarechenzentrums. Die Spannungen zwischen Alarmisten und Abwieglern auf nationaler und internationaler Ebene sind ihm vertraut, zum letzten Bericht des Weltklimarats IPCC hat er maßgeblich beigetragen.

Sein Konzept, mit konfliktträchtigen Themen umzugehen, lautet: »Wir werden uns strikt neutral verhalten und uns größtmögliche Objektivität auferlegen. Wo es mehrere berechtigte Meinungen gibt, werden wir diese zusammenfassen und eben fehlende Klarheit konstatieren.« Doch wo bleibt da der Fortschritt, wenn Kunden und Öffentlichkeit verwirrt zurückbleiben? »In wichtigen Streitfragen werden wir nach dem Vorbild der U.S. Academy of Sciences eine international anerkannte Expertengruppe einladen und sie bitten, zum Thema einen Bericht zu erstellen.« Das Ziel sei, der Wahrheit möglichst nahezukommen, aber gelegentlich seien Probleme eben noch nicht lösbar und frühestens in zehn Jahren zu knacken. Dazu gehören notorische Streitfragen wie etwa um die berüchtigten tipping points, jene »Umkipp-Punkte«, bei denen das Klima irreversibel zu kippen droht. Als mögliche Folge einer raschen Schmelze des Arktiseises, des Verschwindens des Amazonas-Regenwaldes oder des Permafrostes könnte sich so die Atmosphäre noch rascher aufheizen – könnte, falls es eintritt.

Brasseur gibt zu, dass seine Aufgabe »neu und schwierig« ist – aber die Vorreiterrolle reizt ihn. Schließlich planen auch die Vereinigten Staaten einen National Climate Service. In Kanada gibt es ähnliche Bestrebungen. Die Google-Stiftung und andere fördern das Climate Central in Princeton, das hauptsächlich Öffentlichkeitsarbeit leistet. Das Hamburger CSC hat zwar vorwiegend nationale Aufgaben, will aber gezielt auch internationale Kooperationen pflegen. »Wenn wir hier lokale Niederschlags- und Temperaturextreme berechnen wollen«, begründet Brasseur, »dann sind dafür ja auch globale Modelle notwendig.«

 
Leser-Kommentare
  1. wie ein kropf. leute, die anderen sagen, was sie in der kristallkugel zu sehen haben.
    wissenschaft als propagandainstrument.

  2. Organisierte Kapitalvernichtung!

    Praxis der institutionalisierten Wissenschaft die zum willfährigen Büttel der Politik verkommt. Geldsegen machts möglich.

    Karl Müller

  3. Nachdem der Skandal um die Klimadaten jetzt offen vorliegt können die den Laden gleich wieder zumachen.

    http://www.hartgeld.com/f...

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