Das Sterben gehört zum Tanzen wie der Liebestod der Schwäne zum Schwanensee. Im Ballett der Ballette verlieben sich ein verzaubertes Mädchen und ein empfindsamer Prinz, aber wie es im Kunstmärchen geht: Sie können zueinander nicht kommen, das Wasser ist viel zu tief. Eine einzige Umarmung bleibt dem unglücklichen Paar vergönnt, ehe es im sturmgepeitschten See versinkt. Denn das Sterben nach klassischer Schwanenmanier des 19. Jahrhunderts ist Sterben in Schönheit, mit großer Gebärde und zu dramatisch aufwogender Musik. Pina Bausch ist anders gestorben. Die Klassikerin des 20. Jahrhunderts verließ die Bühne, wie sie zeitlebens gearbeitet hatte: bescheiden, dezent, in aller Stille, beinahe heimlich. Der weltberühmten Tanztheaterdirektorin aus Wuppertal lag das Pompöse früherer Epochen ebenso fern wie der heutige Medienrummel.

Möglichst unbehelligt von den Skandalen des Tages vertiefte sie sich in ihre Choreografien, von denen sie im Lauf einer steten Karriere Dutzende schuf. Möglichst lakonisch kündigte sie ihre Premieren an, die seit Langem schon ohne Titel auskamen und alljährlich im Frühsommer erblühten. Vor kaum zwei Wochen fand die letzte statt. Das Neue Stück handelte wieder einmal von der Liebe, der unstillbaren Sehnsucht, der unvermeidlichen Trauer als den Konstanten unserer Existenz. Es lebte wieder von einer modernen Märchenhaftigkeit, wie nur Pina Bausch sie so leicht hintuschen konnte. »Diese Menschen tanzen auf dünnem Eis«, schrieb eine Kritikerin. Wenige Tage danach wurde bei der Choreografin Krebs diagnostiziert, am Dienstag kam die überraschende Nachricht von ihrem Tod. Warum so schnell? Warum so spät die Diagnose? Wir wissen es nicht, aber ahnen: weil Pina Bausch sich bis zum Schluss auf das Wesentliche konzentrierte. Als Choreografin, die zuständig war für die Verteidigung der Anmut nach dem Abschied des Theaters vom Anmutszwang, durfte sie an das dünne Eis unter ihren Füßen nicht denken. Als berufsmäßige Beherrscherin ihres Körpers ignorierte sie Schmerzen wahrscheinlich, solange es ging. Tanzen hieß in ihren ballettkritischen Stücken zwar nicht mehr Selbstverleugnung, aber immer noch Selbstüberwindung.

Das Sterben ist ein altes Ballettthema, das Altern allerdings war im Ballett ein Tabu, bis Pina Bausch es brach. 1978 schuf sie das legendäre Anti-Jugendkult-Stück Kontakthof, dafür hatte sie auch Tänzer im Rentenalter gecastet. Es sollte kein Verfallsdrama werden und kein Memento mori in Sprüngen, sondern der Versuch, Menschen jenseits der Fitnessstudio-Phase einen Körper zuzubilligen, ihre Liebessehnsüchte zu zeigen. Das hatte natürlich nichts zu tun mit der fidelen Schlagerlebendigkeit eines Udo Jürgens: »Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an …« Die Idee für Kontakthof entsprang der Neugier einer 38-Jährigen, die Sinn für die verschiedenen Möglichkeiten des Menschseins hatte. Damals wusste sie noch nicht, dass sie weitere dreißig Jahre unermüdlich choreografieren würde, dass sie mit Preisen überhäuft und keine Zeit für kreative Pausen haben würde.

Für Pina Bausch war die Welt übervoll mit Themen. Bei ihr traten Marilyn Monroe und Herzog Blaubart auf, Hitler und die sieben Todsünden, Orpheus und Eurydike und die Frau von nebenan. Die begrüßte das Publikum beispielsweise mit den Worten: »Guten Abend, kommen Sie ruhig rein, mein Mann ist im Krieg.« Aus solchen Sätzen entstanden politische Stücke mit historischem Tiefgang und überzeitlicher Metaphorik. Pina Bausch interessierte sich für die Dynamik von Glaube, Liebe, Hoffnung, für die Energien, die aus dem Innersten kommen. Sie wollte, hat sie einmal gesagt, nicht zeigen, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.

Auf der Suche nach neuen Körperbildern hat sie den Globus mehrfach umrundet. Bevor das Wort Globalisierung erfunden wurde und einen hässlichen Klang bekam, wollte sie die kulturelle Vielfalt der Welt ausschöpfen. Paris, New York, Hongkong, Istanbul, Rio – das waren Inspirationsorte, aber immer kam sie zurück nach Wuppertal. Es konnte dann geschehen, dass plötzlich ein Elefant auf der Bühne lag, inmitten dieser schwebenden Damen in fließenden Kleidern. Pina Bausch, die Erfinderin des German Tanztheater, war keine brachiale Formzertrümmerin, sie rettete das Poetische über den Tod des romantischen Handlungsballetts hinweg. Ihre Popularität erlangte sie anders als andere Tanzrevolutionäre nicht durch Provokation oder Dekonstruktion, sondern durch ihr Beharren auf Schönheit.

Dafür wird sie heute überall geliebt. Wenn man irgendwo auf der Welt in eine Tanzaufführung geht und sich als Deutscher zu erkennen gibt, kann man sicher sein, dass ein Tanzfan entzückt ausruft: Oh, Sie kommen aus der Heimat von Pina! Fragt man die Avantgardisten der nächsten Generation, fragt man etwa Sasha Waltz, welche Geste von Pina Bausch in Erinnerung bleiben wird, bekommt man als Antwort: Ihre weit ausgreifende Armbewegung! Die große Geste, mit der sie die Welt umfasste, das Neue in sich aufnahm, um es zu transformieren. Am eindrucksvollsten, sagt Sasha Waltz, war die Selbstverständlichkeit, mit der Pina Bausch die unterschiedlichen Elemente Tanz, Text, Gesang und Schauspiel miteinander verband.

Man darf sich die Stücke der Pina Bausch jedoch nicht zu gefällig vorstellen. Das Melancholische, das Tragische, das Abgründige ist immer präsent. In ihrem letzten namenlosen Stück tut sich allmählich der weiße Bühnenboden auf. Erst sieht man nur Risse, dann werden es dunkel aufklaffende Spalten. Die Tänzer tanzen leicht darüber hinweg. Aber die Choreografin hat gewusst, dass der Mensch jederzeit ins Dunkle stürzen kann. Pina Bausch ließ sich erst eine Diagnose stellen, nachdem ihr neues, ihr letztes Werk vollendet war.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio