Bachmann-Preis Wer ist Jens Petersen?
Arzt und Autor: ein Porträt des diesjährigen Bachmann-Preisträgers
Als Neunter war er dran. Freitag, gegen halb zwei, vielleicht später, falls die Jury länger Pause machte. Dann würde sich Jens Petersen auf den einsamsten Platz im Studio setzen und lesen. Ein schmaler Mann, zwei Meter groß, das Hemd aufgekrempelt, das blonde Haar gescheitelt. Vor ihm 16 Seiten Text, mit denen er den Bachmann-Preis gewinnt.
Bis dass der Tod war der bedrückende Auszug eines Romans, der 2010 erscheinen soll. Er erzählt von einem Liebesmord, von Alex und seiner moribunden Freundin Nana. Wie er ihr Morphium spritzt, sie mit Schokolade füttert, ihr in den Hinterkopf schießt und dann scheitert, ihr in den Tod zu folgen. Petersen stellte die Frage, wann Trauer und entgrenzte Liebe über die Moral triumphieren.
Die Beschreibungen der kranken Nana verweisen auf Petersens berufliches Doppelleben – eines, von dem William Somerset Maugham schrieb, es schule einen Schriftsteller wie kein Zweites: Jens Petersen ist Arzt. Wie es Schnitzler war, Céline oder Benn oder wie zwei der wohl bekanntesten Teilnehmer in Klagenfurt es sind: Rainald Goetz und Uwe Tellkamp. Petersen hatte nicht geahnt, dort jemals zu lesen. Als die Einladung kam, beantragte er Urlaub von den täglich neun Stunden, die er in der Notaufnahme der Züricher Uniklinik zubringt.
Medizin studierte er in München, um »weit weg zu sein von zu Hause«. Zu Hause hieß: Rellingen. Jahrgang 1976, Kindheit im Landkreis Pinneberg, Schleswig-Holstein, flache Provinz, fast Hamburg. Von München aus trieb es ihn weiter in die Ferne, nach Lima, nach New York – 2006 kam er nach Zürich. Und blieb. Es war Liebe, sagt er. Dort lässt er sich zum Neurologen ausbilden.
Geschrieben habe er schon immer. »Das ist eine Notwendigkeit«, sagt Petersen. Wie essen. Und wenn ihn die erschöpfenden Tage im Spital vom Schreibtisch fernhalten, werde er unausgeglichen. Sein Debüt erschien 2005: Die Haushälterin, ein Entwicklungsroman über Vater und Sohn, die sich in dieselbe Frau, die polnische Haushälterin Ada, verlieben. Ein unsentimentales, präzises Buch, für das er den Aspekte-Literaturpreis bekam.
»Literatur«, sagt Petersen, »ist ein stetiges Experimentieren.« Sie stehe im Gegensatz zur Medizin, die ehernen Konventionen gehorche. Doch beide erforderten Demut, da sie Vergänglichkeit vor Augen führten. »Das Maß an Grenzerfahrungen ist höher, wenn man Arzt ist«, sagt er. »Über einen chinesischen Reisbauern könnte ich nichts erzählen.«
- Datum 01.07.2009 - 11:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 02.07.2009 Nr. 28
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