Jeder kennt sie. Die kleine Rothaarige, die noch röter wird, wenn der Lehrer sie aufruft. Die Lümmler in den hinteren Reihen, ihr ewiges Stören. Da ist der Schweiger. Der Klassenclown. Die Typen, die sich zurücklehnen und die Stiefel auf den Tisch packen, das Luder, das mitten im Unterricht die Cola zischen lässt, aber keinen geraden Satz herausbringt. Kennt jeder auch ihre Angst? Die Panik, wenn der eigene Name erklingt, die herzklopfende Erinnerung daran, die sich in die Träume krallt, noch ein halbes Leben später? Das kennen nicht wenige, denn die wenigsten kommen durch die Schule, ohne diese Angst gefühlt zu haben, und sei es nur in Mathe. Selbst wenn sie später so berühmt, so brillant, so anerkannt sein sollten wie der französische Autor Daniel Pennac, der mit seinem Buch über Schulkummer ein böses Tabu anpackt, an einen tiefen Schmerz rührt.

Pennac beginnt sein Buch über Schulkummer mit einer hübschen Episode. Madame Penacchioni, seine fast hundertjährige Mutter, sieht zusammen mit seinem Bruder einen Film über den Autor Daniel Pennac, der ja der Sohn und Bruder ist, der Film zeigt ihn auf der Woge seines Erfolges, vor Bücherwänden, mit anderen Erfolgreichen, der Film über Daniel Pennac ist zu Ende, und maman beugt sich zum Bruder und sagt besorgt: »Glaubst du, dass er es eines Tages schafft?«

Ein großes Lachen, so befreiend beginnt diese Lektüre über das Schulversagen, schon dafür muss man Pennac danken. Er ist ein guter Autor für ein Buch über Schulkummer, auch weil er so ganz unverdächtig daherkommt. Keiner aus den miesen Vorstädten, in denen man in Frankreich wie Deutschland die Kinder in epidemischem Ausmaß an der Schule scheitern lässt, fast jeder zweite Türkenjunge in Deutschland ohne Schulabschluss, in Frankreich müssen sich die Bedrängten von ihrem Präsidenten als »Gesindel« beschimpfen lassen. Pennac ist Sohn eines französischen Militärs. In Marokko 1944 geboren, in Europa, Asien, in Afrika aufgewachsen. Es ist eine weltläufige Familie, eine seit Generationen nach oben steigende Familie, den vier Kindern zugewandt, sie werden groß in einer Atmosphäre, die Pennac als liebevoll und kulturell anregend beschreibt. Aber Daniel – Schulversager. Ein cancre, wie es auf Französisch heißt, sein Schulleben ist ein elendes Herumkrebsen, mehr rückwärts und seitwärts geht es als je nach vorne.

Der Buchstabe A braucht ein Jahr, bis er im Kopf verankert ist. Trigonometrie – wird der Haushund schneller lernen als das Kind. Im Kopf ist nichts als Watte, in der Schule ist Daniel ein Nichts. Die Resultate seines Versagens beschreibt Pennac als quälende innere Demütigungsstimme: »Ich bin eine Null, ich packe es nicht, es lohnt sich nicht…« Das Kind ist gefangen in einem höllischen ewigwährenden Jetzt, gestrandet als Fremder im Anderswo. »Liebe Mama, auch ich habe meine Noten gesehen«, schreibt Daniel mit 14 aus dem Internat, »…meine fünf in fleis liegt sicher and der Widerholung für die geoprüfung in der Mathestunde…« (sic). Der Sohn bittet demütig um Verbannung in die Kolonien.

Pennac schont seine Leser nicht, wenn er das Ausmaß der Verheerungen beschreibt, die Schulversagen in der Seele eines Schülers anrichten. Die Einsamkeit. Die Furcht vor den abschätzigen Blicken. Das Gefühl, Abschaum zu sein. Die Scham. Die Hoffnungslosigkeit dessen, der sich als Abfall im Mülleimer der Kultur sieht, ohne Hoffnung auf irgendetwas. Er habe, schreibt Pennac, der später viele Jahre in Nizza als Lehrer arbeiten wird, in seinem Unterricht vor allem dies eine Ziel gehabt – die Kinder von der Angst zu befreien.

Das ist eine neue Tonart in der Schuldiskussion. In Endlosschleifen hat sie die Reizworte Pisa oder Elite umkreist, wortreich die Strukturreformdebatte mit dem Effizienzgedanken verbunden, die Kostendiskussion nicht gescheut, eifernd auf die Bedeutung der Bildung in Zeiten demografischer Notlagen verwiesen und beschworen, wie sehr doch alle, alle zukünftig von den Kindern von heute abhängig sind… Hier geht es um die Kinder selber. Es gehe um nicht weniger als um Leben und Tod, schreibt Pennac, der sich als »ein Davongekommener« bezeichnet. Er, der Verfasser von Bestsellerromanen, von Kinderliteratur und scharfsinnigen Essays zur Lage von Kultur, er schreibt hier mit einer Leidenschaft, als wolle er sich und uns beweisen, wie er mit dem Thema Schulversagen fertig werden kann, heute.

Wie tief das Bedürfnis nach einer anderen Schule, einer förderlichen Pädagogik ist, wie allgegenwärtig die Sehnsucht nach einer Kindheit ohne die Verletzungen, das zeigen die Besucherströme, die sich in Kinos ergießen, wenn dort Filme laufen, die beweisen wollen, dass es doch ein richtiges Schülerdasein im Falschen gibt. Etwa Sein und Haben, das anrührende Porträt einer Dorfschule im Jahre 2002, oder Rhythm is it im Jahre 2004, in dem Ghetto-Kinder von Berlin unter der Leitung von Simon Rattle Strawinskys Sacre du Printemps wiederauferstehen ließen. Der Triumph von Entre les murs, Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes für Laurent Cantet, der das Schulleben in den Vorstädten dokumentiert. Man ahnt, wie viele Kinder an der Institution Schule gelitten haben, die für Kinder geschaffen wurde.

Die Instrumente, mit denen sich Pennac daranmacht, den großen Brocken Schulelend auseinanderzunehmen, wirken schlicht. Sie heißen: gesunder Menschenverstand (Hallo, ihr Eltern! Die elendeste Schulgegenwart hält nicht ein Leben). Optimismus (ein Lehrer genügt – ein einziger! –, um uns vor uns selbst zu erretten!). Zukunftsvertrauen (man muss einfach die lebensvollsten Freunde ermutigen, Lehrer zu werden). Das Wichtigste: Professionalität (Es reicht, Kollege, den Fachunterricht gut zu machen, präsent zu sein, ausgeschlafen). In der Summe geht es – um liebevolle Anerkennung von Kindern. Oje. Man kann sich vorstellen, welches Höhnen das in den Lehrerzimmern hervorrufen wird. Liebe! Aber Pennac meint keine Kuschelpädagogik. Es geht darum, dem einzelnen Schülern mit Interesse gegenüberzutreten. Schüler zu beseelen mit diesem Enthusiasmus, der doch den Lehrer einst bewogen hat, sein Fach zu wählen! Pennac, der Lehrer, verkennt nicht, wie unmöglich das erscheinen mag, er findet warme Worte für die ausgebrannten Kollegen, er erinnert sich, wie furchtbar ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zu einer Beziehung von wechselseitiger Verachtung erstarren kann. Und Pennac, als Lehrer und Autor, nimmt Partei, er stellt sich auf die Seite der Schüler, mit Argumenten, streitbar, wenn es sein muss, mit Polemik.

Ein Blick, schreibt Pennac, reiche doch oft schon, um einem jungen Menschen das Gefühl zu geben, angenommen zu sein – sei das zu viel verlangt? Jeden Schüler also morgens aufrufen, anschauen, seinen Namen nennen. »Ein winziger Moment, in dem der Schüler spüren muss, dass er in meinen Augen existiert…« Um diesen Moment kämpft Pennac. Es gehe ja ums Ganze, nur in der Gegenwart könne sich das Ich des Schülers formen, schreibt Pennac, und nicht in der Flucht vor ihr.

Das Buch mischt theoretische Betrachtungen mit den Reminiszenzen an die eigene Schulzeit. Es berichtet von Schulstunden, die erlitten wurden, und solchen, die jenes Glücksgefühl hervorriefen, im Lehrer, bei den Schülern, das ein Leben lang nicht vergessen wird. Man muss befürchten, dass solche Beschreibungen als blauäugig abgetan werden. Auch Pennac hat das befürchtet. Leicht sind die Stichworte auszumachen, aus denen die Litaneien üblicherweise zusammengestoppelt sind, mit denen sich Lehrer wie Schüler wie Eltern selbstmitleidig entschuldigen. Das wird nie was, ich bin eben zu blöd. Die Klassen sind zu groß, in der Schulbehörde sitzen nur Idioten. Auf mich hört er doch nicht und auf seinen Vater auch nicht. Wiederholung ist auch ein Baustein der Komik, das nutzt der Rhetoriker Pennac mit Geschick, weshalb dieses Buch auch eine sehr erheiternde Lektüre ist.

Mit leichter Geste erzählt er, wie man ihm selber das Leben rettete. Daniel kann nicht Diktat? Soll er einen Roman schreiben, ein Kapitel für jede Stunde! Also das hat geklappt. Für die Kollegen Lehrer liefert Pennac ein Handbuch für die Grammatikstunde. Etwa so: Ich pack’s nicht, mault ein Schüler. Okay: Wofür steht das s? Für ein es? Wofür steht dieses Es? Das Es wird »wie ein Abszess« geöffnet, raus muss, was sich dahinter an Unrat verbirgt.

In täglichen Diktaten lassen sich also doch Texte von Proust und Valéry in die Schülerköpfe träufeln. Dann auswendig lernen! Die Worte einverleiben, bis die Sprache der Literatur ganz inwendig ist, im Kopf verankert, was schön ist und wahr: »Das Recht des Kindes ist es, Mensch zu sein. Was den Menschen ausmacht, ist die Einsicht; was die Einsicht ausmacht, ist die Bildung. Ein Kind hat also ein Recht auf Bildung.« Victor Hugo!

Pennac hat ein hochpolitisches Buch geschrieben. Der Bürger Pennac kämpft für die Bürgerrechte von Kindern. Die Jugend wird hier nicht verherrlicht, auch nicht die Lehrerschaft. Alle kommen vor, die Schläger wie der Lehrer mit Burn-out. Die depressiven Kinder, die Kinderhasser, das Mädchen mit Magersucht, der Spielkonsolen- addict, die Marken-Junkies, auch unsere städtebaulichen Wüsten, erprobte Kulissen für Gewaltexzesse. Die mediale Dröhnung. Man merkt, der Autor möchte am liebsten einmal rundum aufräumen. Man spürt, was es ihn kostet, sich zu beschränken auf jene kleinen Fluchten, die aus dem Gefängnis des magischen Denkens führen könnten, welches darauf beharrt, dass Schulkummer, das Scheitern, todsicher das ganze Leben verschlucken wird.

Das Buch endet übrigens mit einem wütenden Zwiegespräch zwischen dem cancre, der sich in Daniel festgekrallt hat, und dem Optimisten Pennac, der diesen Zangengriff abzuwehren versucht. Das sieht fast wie ein Unentschieden aus, gäbe es da nicht jene Prise Selbstironie, von der Daniel Pennac eine Menge mitbekommen hat. Was ja jedem zu wünschen ist, während und nach der Schulzeit.